69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Geduld mit Gott
Von Nikolaus Schwerdtfeger
In der Erfahrung von Leid und Leere zweifeln viele an Gott. Doch gerade darin kann ein Hinweis sein, dass es ihn gibt.

Was dürfen wir hoffen? Am Kantplatz in Hannover steht diese Frage an der Bushaltestelle. Wer dort ein- und aussteigt, sieht und übersieht sie vermutlich dennoch. Eine Antwort ist ja auch nicht leicht. Oft begnügt sie sich mit dem Wunsch, dass etwas gut ausgeht. Doch vieles geht nicht gut aus. Immer wieder wird dann nach einer sachlichen Erklärung gesucht. Nach jedem Anschlag oder Absturz informieren die Medien über vieles. Bei der wichtigsten Frage aber werden die Betroffenen alleingelassen: Welche Hoffnung dürfen sie haben?

Nach dem Attentat auf die Zwillingstürme in New York (2001) hat Jürgen Habermas von der „verlorenen Hoffnung auf Resurrektion“ in unserer Gesellschaft gesprochen: Sie hinterlasse eine „spürbare Leere“; denn es gebe in bestimmten Situationen noch immer das unsentimentale Verlangen, Leid ungeschehen zu machen. In einer christlich geprägten Gesellschaft war die Hoffnung auf Auferstehung auch die Hoffnung auf eine transzendente Heilung und Verwandlung von menschlichem Leid und Unrecht. An ihre Stelle ist heute weithin ein Vakuum getreten.

Ausgerechnet die Erfahrung der Leere lässt indes sehr ursprünglich nach Gott fragen. „Selten weist etwas auf Gott so stark hin und ruft so dringend nach Gott wie gerade das Erleben seiner Abwesenheit“, hat der Prager Theologe Tomáš Halík bemerkt. Das schmerzliche Vermissen lässt die Frage nach Gott zu einer wirklich religiösen Frage werden. Es führt damit auch zum Osterevangelium nach Johannes - und zu Maria von Magdala, die selbst nach dem Tod Jesu ganz leer geworden ist (20,1-18). Wie es viele Angehörige von Opfern tun, will auch sie wenigstens noch den Ort aufsuchen, wo sie die verlorene Hoffnung ihres Lebens wähnt. Sie findet nur das leere Grab. Daraufhin entwickelt sich eine fieberhafte Aktivität. Maria, Petrus, der andere Jünger: Alle sind am Laufen. Doch die religiöse Frage nach der Hoffnung lässt sich nicht mit einer schnellen Antwort beruhigen. Vielleicht ist es zunächst nur möglich, einfach innezuhalten, wie es die beiden Jünger tun, bevor sie nach Hause zurückkehren.

Maria von Magdala selbst bleibt am Grab und weint. Sogar himmlische Boten können ihr die Tränen nicht nehmen. Die Hoffnung kommt von woanders her. Sie bahnt sich mit einer erneuten Frage an: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Maria will wieder Fakten klären. „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast.“ Faktenwissen kann ihre Tränen jedoch nicht stillen. Es ist ein Gespräch mit nur einem Wort: „Maria!“ - und einer einzigen Antwort: „Rabbuni!“ Damit ist allerdings nicht alles wieder wie früher; die österliche Begegnung bleibt unverfügbar: „Halte mich nicht fest“, mahnt der Auferstandene, den sie gesucht und der sie gefunden hat.

Den „Hauptunterschied zwischen dem Glauben und dem Atheismus sehe ich in der Geduld“, sagt Tomáš Halík. Der Unglaube sieht die Leere und schließt voreilig daraus, dass Gott nicht da ist. Der Glaubende aber hat „Geduld mit Gott“. Er harrt an der Schwelle zum Unverfügbaren aus und vertraut: „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen“, heißt es im Römerbrief (5,3f.).

Diese Hoffnung muss weitergehen: „Geh zu meinen Brüdern“, wird Maria von Magdala beauftragt, „und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“ (Joh 20,17). Im Johannesevangelium ist das die Osterbotschaft: Durch die Auferstehung wird der Gott und Vater des Gekreuzigten auch zu unserem Vater und zu unserem Gott, und wir untereinander werden zu Schwestern und Brüdern. In solcher Verankerung und solcher Gemeinsamkeit liegen gerade in Zeiten eines Rückzugs auf sich selbst Hoffnung und Auftrag.

CIG 16/2017


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