69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017

Eltern zuerst
Von Johannes Röser
Die Experten sollen es richten: Erzieherinnen, Lehrer, Priester - immer die anderen. Das überfordert Schule wie Seelsorge.

Lehrer sollen Alles-Manager sein. Sie sollen den Kindern Disziplin beibringen, sie ganztags rundum betreuen, zum Lernen bespaßen, musische Fähigkeiten wecken, für gesunde Ernährung sorgen, bei Liebeskummer oder elterlicher Scheidung trösten, Streit schlichten, eine verständnisvolle Wohlfühl-Atmosphäre im Klassenzimmer schaffen, psychische Probleme therapieren, Desinteresse in Neugier verwandeln, Fremdsprachige sprachlich inkulturieren, jeder und jedem ein guter Freund, eine gute Freundin sein, Verhaltensauffälligkeiten sozialpädagogisch besänftigen und Behinderte inklusiv fördern.

Neuerdings haben Lehrer sogar als medizinische oder pharmakologische Sachverständige mit Rat und Tat in Aktion zu treten. Wegen des gemeinsamen Regelunterrichts für Kinder mit und ohne Behinderung sind neben den pädagogischen auch gesundheitliche Kenntnisse der Lehrer erforderlich, um zum Beispiel auf die richtige medikamentöse Versorgung der ihnen Anvertrauten zu achten. Das wurde beim jüngsten Kongress der deutschen Schulleiter als weitere Überforderung angesprochen. Denn „da geht es nicht um Schnupfen, sondern um Epilepsie oder schwerwiegende Allergien sowie chronische Erkrankungen“, erklärte Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung. Irgendwo müsse eine Grenze sein. Die Assistenz bei der Medikamentengabe gehöre nicht zum Bildungs- und Erziehungsauftrag eines Lehrers. Dazu gehört auch nicht, hungrige Kinder rasch mal „zwischendurch“ zum Schnellimbiss zu entlassen, nur weil die Eltern nicht in der Lage sind, ihren Sprösslingen ein Vesperbrot für die Pause oder den Schulausflug zu schmieren.

Da kommt schon der nächste Auftrag hinzu. Die Schule soll nicht nur sexuell aufklären, wobei die Kinder „dank“ Smartphone auf diesem Gebiet meistens schon sehr viel mehr „wissen“ und gesehen haben als die Lehrer. Jetzt soll die Schule in einer hypersexualisierten Erwachsenenwelt auch noch Konzepte gegen sexuelle Gewalt mobilisieren und die Abwehr „zum gelebten Schulalltag machen“, wie der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, vorschlug. Wieder müssen Lehrer geradestehen für etwas, worin Politik, Gesellschaft und Elternhaus versagen.

Der Sündenbock: Lehrer

Das schulische „Kerngeschäft“ scheint inzwischen an den Rand gedrängt zu sein. Ganz nebenbei sollen die Lehrer nämlich auch noch unterrichten, Wissensstoff vermitteln, Leistung kontrollieren und beurteilen. Wenn etwas nicht stimmt, die Note schlecht ausfällt, ist selbstverständlich wieder der Lehrer schuld. Er verstehe es nicht, neueste Methoden anzuwenden, um die Inhalte lebendig und unterhaltsam darzustellen. Der Sündenbock ist gesellschaftlich längst ausgemacht, inzwischen von einer „antiautoritären“ Achtundsechziger-Elterngeneration, die schon immer wusste, dass Lehrer autoritäre Missetäter sind und dass Schule nichts anderes sei als eine einzige Gängelei. So wurde es jedenfalls - angeblich - von etlichen einst erlebt. Und das übertragen so manche Eltern subtil auf ihren Nachwuchs.

Die Politik nimmt daher nicht die Lehrer, sondern die Eltern in Schutz, denn schließlich will man ja gewählt werden. „Publikumsbeschimpfung“ kommt nicht gut an. Also rührt niemand am großen Tabu: Erziehungsvernachlässigung, Erziehungsunfähigkeit, ja Erziehungsverweigerung in Teilen der Elternschaft, die dem gesellschaftlichen Trend der Infantilisierung folgen. Das Kind will eigentlich erwachsen werden. Aber wie, wenn sich Erwachsene kindisch verhalten - von der überbordenden Konsumkultur bis zur Instabilität der intimen Beziehungen?

Wenn es zum schulischen Konflikt kommt, wissen die betreffenden Eltern genau, wer der Versager ist und seinen Beruf nicht richtig gelernt hat. „Bei mir zuhause ist das Kind immer brav!“ Oder: „Wenn ich schon nichts ausrichte, sollten Sie es doch hinkriegen, weil Sie es ja gelernt haben!“ Wenn alles nichts nützt, steht ein Rechtsanwalt bereit, der fast immer nachweisen kann, dass der Lehrer nicht nachweisen kann, warum er eine - schlechte - mündliche Note erteilt hat. Schriftlich bitte alles dokumentieren, möglichst mit Uhrzeit genau protokolliert, von Dritten überprüfbar! Eigentlich wäre es im modernen technischen Zeitalter ja recht einfach, schlechte Leistungen und Disziplinlosigkeit nachzuweisen: Man müsste nur in allen Klassenräumen Kameras anbringen und das Geschehen aufzeichnen. Doch wehe! Der Aufschrei des Volkes - „Überwachung!“ - wäre gewaltig.

Lehrer aber schreien nicht, sie gleiten ab, mit zunehmendem Alter mehr in Burn-out, Erschöpfung, Depressionen. Auch darüber spricht man lieber nicht zu sehr. Viele Schulen klagen über zuwenig Lehrpersonal. Das liegt aber nicht daran, dass es nicht genügend Lehrer gäbe, sondern dass zu viele wegen psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen häufig von heute auf morgen ausfallen.

Hin und wieder wagen sich mutige Lehrer dennoch an die Öffentlichkeit, um kollektive Missstände zu schildern, woraufhin von der Schulaufsicht oder von schulobrigkeitlich bestellten Sachverständigen alles gleich beschwichtigt, verharmlost wird, um abgelegt zu werden. Die Experten-Gutachter geben den Schwarzen Peter gleich wieder an die Lehrer weiter: Diese müssten sich sozialpädagogisch eben besser rüsten, um in einer „Dialogkultur“ die Probleme mit ungehörigen Schülern zu lösen. Von den körperlichen Attacken gegen Lehrer hört man inzwischen schon wieder nichts mehr. Die ungeheuerlichen verbalen Attacken von Schülern gegen Lehrer sind Legion. Aber niemand muss deshalb einen Schulverweis fürchten. Denn der Lehrer ist immer der Lügner. Er hat sich schlichtweg verhört, kann die Beschimpfung nicht belegen. Die Mitschüler, die Zeugen, bleiben stumm.

Die großen Beschwichtiger

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schwieg nicht. Sie machte darauf aufmerksam, wie „Machbarkeitswahn“ und grassierende Disziplinlosigkeit die Schulen ruinieren. „Wir sind verzweifelt, überfordert, am Limit - so beschreiben Lehrer immer häufiger ihre Situation. Erstaunlich konkret und unmissverständlich schicken sie diese Botschaften an ihre Vorgesetzten, an Bürgermeister und Minister. Es fällt auf, dass solche je nach Schärfe und Deutlichkeit als ‚Brandbriefe‘ oder konziliant als ‚Überlastungsanzeige‘ formulierten Hilferufe zunehmen, je öfter die Zeitungen darüber berichten - in Hessen, NRW, Baden-Württemberg, Niedersachsen und sogar Bayern -, und dass sie trotzdem routiniert in sauerstoffarmer Behördensprache abgeschmettert oder nichtssagend beantwortet werden. ‚Land unter‘ auf der einen Seite; manifeste Wahrnehmungsschwäche auf der anderen.“ Die Einschätzung der Kultusminister offenbare nur „eine allgegenwärtige Hilflosigkeit, auf die viele Behörden mit einer speziellen Kommunikationsstrategie reagieren: keine Öffentlichkeit.

Wer sich dieser informellen Disziplinierung widersetzt, kann sich Ärger einhandeln. Das haben Schulleiter erlebt, die ihren anstrengenden Posten plötzlich los waren. Das wissen Lehrer und reden darum lieber mit Journalisten, ohne ihren Namen und den ihrer Schule preiszugeben, ‚im vertraulichen Gespräch‘.“ Denn auf die Schule darf kein schlechtes Licht fallen. Daher werden die Lehrer zum Schweigen verpflichtet, gemaßregelt, unter Androhung von Abmahnungen. Während ein Lehrer heutzutage recht leicht von einer Schule entfernt werden kann, wenn er Interna „ausplaudert“ und die Wahrheit sagt, ist es bei Schülern trotz schwerster Disziplinlosigkeit kaum mehr möglich. Da stehen Rechtsanwälte und Gerichte davor, und diesen Ärger will sich mancher Schulleiter ersparen, weshalb er den betroffenen Lehrer bedrängt, in der unerträglichen Sache stillzuhalten, Rückzieher zu machen. Und das Kollegium schaut stumm zu. Keine Revolte, nirgendwo.

„Daddy haut mich da raus“

Eine große Schweigespirale legt sich zum Beispiel auch über die gar nicht klammheimlichen Sympathien so mancher muslimische Schüler für dschihadistische Aktivisten und deren Verbrechen. Dabei ist der interne Druck zur Radikalisierung auf Mitschüler oder - bei Mädchen - zum Kopftuchtragen keineswegs gering. Es gibt nicht nur in Gefängnissen Radikalisierungstendenzen etwa durch salafistische Umtriebigkeit. Manche islamisch motivierte Gewaltphantasie von Schülern gegen „Ungläubige“ mag man als übliches pubertierendes Macho-Gehabe abtun, das sich mit zunehmendem Alter auswächst. Aber es bleibt womöglich da und dort doch einiges davon hängen, was dieser Republik nicht gleichgültig sein kann. Die von den Geheimdiensten und dem Bundeskriminalamt berichtete Zunahme junger gewaltbereiter Muslime kommt nicht aus dem Nichts.

Die multikulturellen Schwärmereien sollten die Realität zumindest nicht ganz ausblenden. Die „Frankfurter Allgemeine“ schreibt: „Vielleicht sollte man damit beginnen, die Lage, in der die deutschen Schulen stecken, realistisch zu beschreiben. Mehr Wirklichkeitssinn wäre ein guter Anfang.“

Dazu gehört, jene in den Blick zu nehmen, die die eigentlichen und ersten Erziehungsberechtigten und zur Erziehung Verpflichteten sind: die Eltern. Christian Knauer, Lehrer an einem Gymnasium in Hamburg, sagte neulich in der „Zeit“: „Heute ist es selbstverständlich, dass Familien zu Hause am Küchentisch ständig meine Arbeit infrage stellen. Eltern wollen zwar, dass die Schule Regeln aufstellt und durchgreift. Aber wenn das eigene Kind gegen diese Regeln verstößt, werden sie auf einmal hinterfragt. Das führt bei Kindern zu so einer ‚Daddy haut mich da raus‘-Mentalität. Wenn bei meinen Eltern früher ein Lehrer angerufen hat, war klar, dass der recht hatte. Heute schreiben mir Mütter bitterböse Mails, weil ich ihren Sohn sanktioniert habe, nachdem der sich danebenbenommen hat.“

Schule unterm Patchworkstress

Ständig mehr Aufgaben werden der Schule übertragen, und sei es nur, dass der Nachwuchs lernen soll, wie man mit Aktien spekuliert. „Immer wenn in der Gesellschaft etwas schiefläuft, heißt es, die Lehrer sollen es richten“, so Knauer. Und oft werde von den Eltern ihre Eigenverantwortung abgewiesen. Diese beginnt aber nicht erst mit dem Schuleintritt des Kindes, sondern schon viel früher, spätestens mit der Geburt. Entscheidend wirkt sich die Stabilität der elterlichen Bindung an das Kind und von Vater und Mutter aneinander aus. Daher ist ein weiteres Tabu zu brechen und gegen jedwede politische Korrektheit kritisch zu fragen, inwiefern der in den letzten Jahrzehnten sich extrem ausbreitende Beziehungsstress im familiären Patchworksystem mit vielen elterlichen Trennungen nicht doch die psychische Problematik im gesamten Bildungs- und Ausbildungswesen verschärft hat. Erhebliche Belastungen durch die - zur Versorgung einer Familie heutzutage oft zwingend notwendige - Doppel-Berufstätigkeit von Vater und Mutter kommen hinzu. Geistige Erschöpfung plus Mangel an Zeit daheim für die Kinder produzieren ein für die Erziehung verhängnisvolles Gemisch.

Wer Kultur will, muss Kultur stiften

Die ersten Lehrer sind nicht die Lehrer, sondern stets die Eltern. Die „Süddeutsche Zeitung“ bestätigte: „Tatsächlich legen Eltern … die Grundlagen für die Entwicklung des Intellekts, lange bevor sie ihr Kind zur ersten Sport- oder Musikstunde anmelden. Vor allem zählt nämlich, welche Erfahrungen die Kleinen bereits als Babys machen.“ Erwähnt wird die amerikanische Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, die die Bedeutung von - wie sie es nennt - „Feinfühligkeit“ für den gesamten Lebensprozess nachgewiesen hat. Feinfühligkeit begünstigt Einfühlungsvermögen, Empathie. Das Fehlen von beidem belastet den Schulalltag erheblich. Die Direktorin des Münchener Staatsinstituts für Frühpädagogik, Fabienne Becker-Stoll, bestätigt, was die Hirnforschung ergründet hat: „Die feinfühlige Zuwendung durch die Eltern in den ersten Lebensjahren führt zu einer erhöhten Kompetenzentwicklung in allen Bereichen.“ Säuglinge haben das Bedürfnis, sich „an eine Bezugsperson zu binden, die ihnen emotionale Sicherheit bietet“, so die „Süddeutsche Zeitung“. Erst von dieser sicheren Basis aus „können sie sich der Welt zuwenden“. Alle rationale Entwicklung hängt ab von emotionaler Entwicklung. Auch dafür sind zuerst die Eltern da.

Das gilt nicht nur für das schulische Lernen. Rationale Bildung braucht Herzensbildung. Auch dafür haben Vater und Mutter die Erstverantwortung. Das betrifft ebenso das Feld der Religion. Da wird inzwischen gleichfalls vieles delegiert, abgeschoben auf kirchliche Funktionsträger, sofern die Eltern überhaupt noch minimales religiöses Interesse zeigen. Häufig bleibt es bei folkloristischen Wünschen. Wenn die Eltern sich jedoch distanzieren und somit in ihrer kulturellen, christlichen Erziehungsverantwortung versagen, kann selbst ein hervorragender Religionsunterricht, eine engagierte Erstkommunionkatechese nichts ausrichten.

Der Religionspädagoge Albert Biesinger hat beklagt, dass Eltern ihre Kinder vielfach um Gott betrügen. Dann lässt sich Gott eben auch nicht durch noch so ausgeklügelte Lern- und Verkündigungskonzepte plausibel machen, schon gar nicht antrainieren. Wer Kultur will, muss Kultur stiften: als Eltern! Sie sind Kirche. Das heißt nichts anderes als: Die Ahnen sind Kirche. Durch die Ahnen, über die religiöse (Neu-)Sensibilisierung der Erwachsenen angesichts ihrer Nachkommen, entwickelt sich Glauben von Generation zu Generation, auch christliches Glauben. Auf dieser Grundlage kann, soll und muss sich Tradition weiterentwickeln von einem kindlichen zu einem erwachsenen Glauben, stets neu gemäß den Bedingungen und Erkenntnissen der jeweils anderen Zeit. Glauben verändert sich. Zuerst aber braucht er Inspiration - die Inspiration durch die Eltern. Vater und Mutter sind der erste Priester und die erste Priesterin des Glaubens ihrer Kinder. Sie sind die Hebammen der Gottesgeburt im Menschen. Gebären muss jeder selber.

Sozial durch Erziehung

Es mag die Ausnahme der Konvertiten geben, die ohne elterliches Vorbild zur eigenen religiösen Nachdenklichkeit finden. Diese Ausnahmen sind jedoch nicht die Regel. Zudem wirken auch Eltern oft vergebens. Es ist für sie sehr schmerzhaft zu erleben, wie ihre Kinder und Kindeskinder das Religiöse preisgeben, statt es weiterzutragen, weiterzuentwickeln. Eine Gewähr für künftiges Christsein ist das religiöse Engagement von Eltern jedenfalls nicht. Aber ohne Eltern geht nichts - in der weltlichen Bildung wie in der Bildung der Religion. Eltern zuerst! Es wäre befreiend für Schulen wie auch für die Kirchen, wenn sich diese Erkenntnis ausbreiten würde - privat wie gesellschaftlich. Dazu braucht es mehr als Dialog, Appelle und Kritik. Es braucht die Gewissenserforschung, Einsicht.

Die hat nicht nur individuelle, sondern staatspolitische Relevanz. Eltern zuerst! Das ist ein Stützpfeiler für Demokratie, gegen die Versuchung des Populismus. Hans Hugo Klein, Professor für Öffentliches Recht, bemerkte in der „Frankfurter Allgemeinen“: „Gemeinverträglichkeit der Freiheitsausübung, wechselseitige Rücksichtnahme ist … nicht nur eine Frage des Rechts, sondern auch, ja sogar in erster Linie, eine seit Jahrzehnten vernachlässigte Aufgabe der Erziehung in Elternhaus und Schule?… Der Mensch als soziales Wesen braucht Halt. Noch immer sind es vor allem die Familie und der Staat - und nicht etwa eine diffuse ‚Volksgemeinschaft‘ -, in der er diesen Halt sucht.“

CIG 17/2017


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