69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Kommentar: Im Urlaubsparadies
Von der CIG-Redaktion
Die Ferien, sie sind da! Deutschland hat Urlaub. Das ruft regelmäßig Freizeitratgeber auf den Plan. Es sei jetzt Zeit, „runterzukommen“, man solle die Seele „baumeln“ lassen, es gelte, Zeit zu „verschwenden“, den Alltag solle man „hinter sich lassen“ oder gleich ganz „vergessen“. Die „Akkus“ müssten wieder aufgeladen werden - wobei das schon wieder an die Logik des Leistungsdenkens gemahnt, dem man gerade entflohen ist. Der Deutsche soll sich also entspannen. Die einzig berechtigte Sorge im All-inclusive-Schlaraffenland heißt: Wie sichere ich mir des Morgens den besten Platz am Pool - bewährt hat sich das Handtuch -, bevor die anderen Freizeitjünger einfallen?

Der Urlaub ist ein Heilsversprechen. Was das Jahr über schiefläuft, hier soll es klappen. Was das Jahr über zu kurz gekommen ist, hier hat man Muße dafür. Genuss statt Anstrengung, Großzügigkeit statt Sparsamkeit. Man gönnt sich ja sonst nichts. Auch optisch ist alles anders: Der Blaumann bleibt im Spind, statt Schlips und Anzug Freizeit-Look. Der urlaubende Mensch scheint wie verwandelt. Als ob er die alte Hülle, den alten Menschen, den alten Adam hinter sich ließe. Es ist die Rückkehr in den Garten Eden.

Wenn der Alltag wiederkehrt, so stellt der Urlauber ein ums andere Mal fest: Die Segnungen des Paradieses verpuffen allzu schnell. Der gewöhnliche Trott stellt sich ein. Der in die Wirklichkeit zurückgefallene Ausreißer versucht sein Glück im Kleinen, baut zu Hause an der heilen Welt. Er richtet sich ein in seinem Auenland - ein Begriff des Psychologen Stephan Grünewald -, in dem er sich wohl­fühlt. Aus der Sommerreise erwächst ein Wintergarten. Bis zur Lethargie immunisiert er sich gegen die Welt da draußen, das Grauenland. NSA-Abhörskandal, Panama-Papers, Diesel-Skandal, die Ursachen für das Flüchtlingsdrama - war da was?! Was außerhalb der Blase tobt, wird bestenfalls herein­gelassen, um die Reste des sedierten Empörungspotenzials, wohldosiert und folgenlos, zu befriedigen.

Christlich ist die Flucht in die fromme Illusion einer heilen Welt nicht. Abschottung wird dem Leben nicht gerecht und löst kein Problem. Zwar haben sich auch in den Kirchen Blasen gebildet: Christen bis in die höchsten Ämter hängen weiter einem mythologischen Weltbild alter Zeiten an. Viele sprechen eine Binnensprache, die Außenstehende nicht verstehen. Viele pflegen nur ihre Innerlichkeit oder schweben geistbeseelt über allen Dingen. Doch der zeitgemäße Christ glaubt, dass Gott in die Welt gekommen ist, so wie sie ist, und dass er ohne Schonung alle Niederungen durchlief bis in einen schändlichen Tod. Das Reich Gottes ist für Christen keine Wolke im Himmel, auf die es tatenlos zu warten gälte. Wenn Jesus sagt, es sei angebrochen, so meint er: mitten im Grauenland. Dort und daran baut der Christ, nicht nur zur Urlaubszeit, nicht auf einer Insel der Seligen.

CIG 32/2017


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