69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Ein Weg und viele Wohnungen
Als sich die Christen von den Juden trennten / Christlicher Heilsanspruch und Dialog der Religionen (1)
Von Karl-Josef Kuschel
„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch Ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen" (Joh 14, 1-7).

Dieser Text aus dem Johannes-Evangelium ist heute anstößig und macht uns verlegen. Haben Christen nicht oft genug mit diesem biblischen Abschnitt den Absolutheitsanspruch ihrer Wahrheit auf Kosten aller anderen Wahrheiten behauptet? Haben sie nicht - unter Berufung auf den Satz „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich" - jede andere als die christliche Gotteserkenntnis abgewertet, ja verurteilt und verworfen? Haben Christen - mit diesem Satz im Bewußtsein - nicht in missionarischem Eifer die Welt eingeteilt in Gerettete und Verworfene, Erlöste und Unerlöste und so zur Spaltung der Menschheit beigetragen? Wobei man bewußt-unbewußt dieses Selbst-Bekenntnis des Christus mit dem eigenen Selbstbewußtsein verwechselte: Ich bin ja schon auf dem rechten Weg. Ich kenne ja schon die Wahrheit. Ich weiß, was „ewiges Leben" bedeutet. Ich kenne den „Vater", weil ich an Christus glaube. Selbstbewußtsein mündete so oft genug in Selbstgerechtigkeit, Heilsgeschenk in Heilsarroganz.

Nicht relativistisch, nicht triumphalistisch

Die Verlegenheit ist groß. Einerseits kann man diese Stelle als Kernstück der christlichen Ur-Kunde, als Teil des Neuen Testamentes, nicht einfach beiseiteschieben. Andererseits möchte man aber auch nicht länger einem naiven Triumphalismus Vorschub leisten. Viele entscheiden sich deshalb, diese Passage theologisch zu ignorieren. Wir leben doch im Zeitalter des Religionspluralismus, sagen viele. Alle Religionen sind doch nur Teilwahrheiten der einen, größeren Wahrheit. Alle Religionen sind jeweils verschiedene Heilswege. Auch alle Gründer-Gestalten der Religionsgeschichte von Konfuzius und Buddha bis Mose und Mohammed seien nur jeweils für die eigene Tradition gültig. Selbstzurücknahme jedes Wahrheits- und Heilsabsolutismus' - um eines friedlichen Miteinanders der Völker und Kulturen willen: das ist heute die Parole der Zeit. Zeitgemäß ist nur ein Dialogverständnis, das die Relativität aller Wahrheiten, aller Standpunkte und Überzeugungen mitbedenkt. Und muß nicht gerade der Text des Johannes-Evangeliums in hohem Maße kulturell und historisch relativiert werden?

In der Tat scheint dies die Lösung zu sein, um mit unserem „anstößigen Bibeltext" im Zeitalter des interreligiösen Dialogs fruchtbar und sinnvoll umzugehen. Denn schaut man genau hin, so ist diese Stelle ja Teil der sogenannten „Abschiedsreden" Jesu vor seiner Passion, die der Evangelist Johannes - anders als die drei übrigen Evangelisten - zu einer großen Komposition nutzt. Während des letzten Mahles ergreift der johanneische Christus nicht nur - was auch die anderen berichten - die Gelegenheit, den Jüngern die Füße zu waschen und den Judas-Verrat vorauszusagen, sondern er will in großen Redebögen auch ein letztes Vermächtnis seiner Sendung hinterlassen. Kernstück dieses Vermächtnisses ist im Evangelium des Johannes nun einmal dies: „Ich und der Vater sind eins" (10,30), oder: „In mir (ist) der Vater und ich (bin) im Vater" (10,38). Das Vermächtnis ist also die engstmögliche Verbindung von Christi Worten und Wirken und der Präsenz Gottes in ihm und durch ihn. Wie kein anderes Evangelium vollzieht Johannes diese Identifikation. Die Rede von Gott und die Rede von Christus gehören engstens zusammen. Gotteserkenntnis und Christuserkenntnis sind eine unlösbare Einheit, veranschaulicht noch dadurch, daß Johannes in einer Deutlichkeit wie keiner sonst direkte Aussagen über eine Präexistenz des Sohnes beim Vater macht: „Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war" (17,5).

Nun könnte man fragen, ob dieser Satz - „Niemand kommt zum Vater außer durch mich" - nicht ausschließlich jenen gesagt ist, die Jesus ohnehin nachfolgen wollen? Gilt er nicht ausdrücklich den Jüngern? Und ergäbe sich aus einer adressatenbezogenen Auslegung des Textes nicht logisch die Schlußfolgerung, daß hier gar nicht die nichtchristliche Welt gemeint ist, sondern nur die christliche? Für Christen mag gelten: Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Als Christ kommt niemand zum Vater außer durch Christus. Aber gilt dies auch für alle Nichtchristen?

Als man Tora und Christus verband

Diese Art von Relativierung - so gut sie gemeint sein mag - muß scheitern, am Text selbst. Der Satz hat gewiß auch die Jünger im Blick; sie sind ja in der Tat Zeugen und Adressaten der hier geschilderten Szene. Er behauptet aber darüber hinaus die jeden Menschen angehende Heilsbedeutung Jesu. Um diese Tatsache wird man nicht herumkommen. Die Anstößigkeit dieses Satzes liegt gerade hier. Auch die „vielen Wohnungen" im „Haus des Vaters" bekommen diesem Text zufolge nur die Christusgläubigen. Für diese geht der johanneische Christus voraus, um einen „Platz" in den Wohnungen des Vaters „vorzubereiten". Das Geltenlassen anderer Religionen ist hier nicht gemeint.

Was nun? Gibt es einen dritten Weg, diesen Satz stehen und gelten zu lassen, ohne dafür den Preis eines selbstgefälligen Absolutheitsanspruchs zahlen zu müssen? Zunächst ist nicht zu bestreiten, daß der ganze Text des Johannes-Evangeliums sich einer konkreten historischen Situation verdankt und die Christus-Aussagen dieses Evangelisten im Blick auf einen Konflikt formuliert sind. Worauf reagieren sie? In welche Situation sind sie hineingesprochen? Welche Fragen beantworten sie, welche lassen sie offen?

Die Gemeinde als Träger des Johannes-Evangeliums bestand ursprünglich vorwiegend aus Judenchristen. Diese waren der Überzeugung, daß sich der Glaube an die Tora als Ausdruck des Willens Gottes und der Glaube an Christus als Messias Gottes harmonisch miteinander verbinden ließen. An die Tora als Ausdruck des Willens Gottes kann man sich halten, in den Tempel als Ort der Präsenz Gottes kann man gehen - auch mit dem Glauben an Jesus als den Messias Israels. Einzigartige Mittlergrößen zwischen Gott und Mensch gab es bereits im zeitgenössischen Judentum: Weisheit, Tora, Tempel. Exklusivität ist keine christliche Erfindung. Aber diese Mittlergrößen ließen sich für viele damals mit dem Christusglauben konfliktfrei verbinden. Ein Gegenüber von Toraglaube und Christusglaube, gar ein Widerspruch zwischen ihnen, erschien ihnen undenkbar.

Der große Bruch, der zum Bekenntnis zwingt

In dem Moment freilich muß es zum Bruch mit der Synagoge gekommen sein, als Christen in der johanneischen Gemeinde begannen, Christus an diejenige Stelle zu rücken, in der im traditionellen Judentum die Tora beziehungsweise die Weisheit oder der Tempel stehen. Jesus Christus als Ausdruck des Willens Gottes, als „Ort" von Gottes Präsenz! Man muß das mit orthodox-jüdischen Ohren hören, um die Zumutung zu empfinden. Denn jetzt wird einem Menschen zugesprochen, was nach jüdischem Verständnis allein Gottes Anspruch ist. Die Tora ist ja seine Weisung zum Leben; der Tempel ist Ort seiner Gegenwart. Soll ein Mensch Gottes Weisung sein? Soll Gottes Gegenwart diesem einen gelten: Jesus von Nazareth? Das mußte einem orthodoxen Juden wie Blasphemie vorkommen. Der Bruch war wohl unvermeidlich.

Er vollzieht sich denn auch in aller Form. Denn im Zuge der innerjüdischen „Frontbegradigung" nach dem Untergang Jerusalems im Jahre 70 werden auch die johanneischen Judenchristen aus der Synagoge ausgeschlossen. Und Ausschluß aus der Synagoge ist nicht nur eine rein religiöse Maßnahme. Brandmarkung als Ketzer und Ausschluß aus der Glaubensgemeinschaft hat vor allem soziale und ökonomische Folgen, die das ganze Leben der Beteiligten veränderten. Im Evangelium selber ist der Ausschluß aus der Synagoge als ständige Bedrohung präsent, was die Atmosphäre der Angst erklärt, die um die johanneische Gemeinde geherrscht haben dürfte: Die Eltern des blindgeborenen Mannes können nicht zugeben, daß Jesus der wundertätige Heiler war, „weil sie sich vor den Juden fürchteten". Führende Männer Israels wagen nicht, ihren Glauben an Jesus offen zu bekennen, „um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden" (12,42). Nikodemus findet es besser, des nachts zu Jesus zu gehen, und auch Joseph von Arimathäa bleibt nur ein „heimlicher Jünger Jesu" - aus „Furcht vor den Juden" (19,38).

In dieser dramatischen Konflikt-Situation versteht man nun den Satz ganz anders: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich" - als Ausdruck der Selbstbehauptung eines Teils der johanneischen Gemeinde im Blick auf die zeitgenössische Synagoge. Nur so konnten Christen letztlich ihre Selbständigkeit behaupten. Tora-Glaube und Christus-Glaube schließen sich zwar nicht prinzipiell aus, aber es mußte klar sein, was Vorrang hat. Wir sind also, wenn wir Johannes 14 lesen, Zeugen einer überaus dramatischen theologischen Auseinandersetzung eines Teils der johanneischen Gemeinde mit der Synagoge über die herausragende Bedeutung des Christus-Zeugnisses.

Diese eine Grundentscheidung hat unser Text im Blick, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie lautet: Wo sich Alternativen anbieten, konkret: wo sich andere Mittler zwischen Gott und Mensch aufspielen oder aufdrängen, da gilt für Christen die Christus-Priorität wie für Juden die Tora-Priorität oder für Muslime die Koran-Priorität. Johannes 14,6 will das Eine klarmachen: In einer Entscheidungssituation gilt für Christen das Christus allein, das nur durch mich. Aber auch nur hier. So wie es nach 1933 der Fall war, als Angehörige der „Bekennenden Kirche" sich genötigt sahen, in der Theologischen Erklärung von Barmen am 31.Mai 1934 dieses Schriftwort schon im ersten Satz in Erinnerung zu rufen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich", ein Text, den Karl Barth, Initiator dieser Barmer Erklärung, im zweiten Band seiner „Kirchlichen Dogmatik" aus dem Jahr 1940 in einem bewegenden Abschnitt kommentiert hat. In Abgrenzung zu den Deutschen Christen ging es um eine solche Letztentscheidung:

„Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten, als Gottes Offenbarung anerkennen."

Das Johannes-Evangelium fordert also zu einer Letztentscheidung heraus - ob gegenüber politischen oder religiösen Ereignissen, Mächten, Gestalten und Wahrheiten. Das heißt konkret: Nach christlichem Verständnis gibt es keine andere, tiefere, umfassendere Gotteserkenntnis als das Wort und Werk des Jesus, der für Christen der Christus ist. Das ist die Norm, auch im Gespräch mit religiösen Alternativangeboten. Und diese Norm gilt universal. Kein interreligiöser Dialog von Christen kann von dieser Norm absehen. Dies sieht ein Jude, ein Muslim, ein Buddhist und ein Hindu - im Blick auf seine normativen Traditionen - keineswegs anders. Ein echter interreligiöser Dialog setzt die Selbstbindung an Wahrheitsüberzeugungen voraus, die man in der Begegnung gerade miteinander konfrontieren will. (Ein zweiter Teil folgt.)


Karl-Josef Kuschel, Dr. theol., Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs in Tübingen. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Gottesfrage in der Literatur; unter anderem: „Gottes grausamer Spaß? Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe" (Düsseldorf 2002) und „Walter Jens. Literat und Protestant" (Düsseldorf 2003).


CiG 26/2004


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