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Mystik und Apokalyptik
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Klaus Bergers postmoderner Jesus
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Von Thomas Söding |
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„Das erste postmoderne Jesusbuch" soll es sein. So wird vom Verlag das Werk von Klaus Berger angekündigt. „Furore" werde es machen, populär und spannend sei es geschrieben, auf die letzten Fragen der Existenz werde es antworten. Da ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Wie kann man dem Buch gerecht werden?
Klaus Berger macht es seinen Kritikern leicht. Er argumentiert nicht, er präsentiert. Im Stil des Meisterexegeten läßt er die Leser an seinen Einsichten und Ansichten teilhaben. Aber es spricht kein abgeklärter Weisheitslehrer, sondern ein Feuerkopf: Diskussionen werden nicht geführt, Gegner karikiert, Alternativen lächerlich gemacht. Vor steilen Aktualisierungen schreckt er nicht zurück. Was Jesus zum Pazifismus und zum Islamismus, zu Abtreibungen, zur Ökumene und zum interreligiösen Dialog sagen würde, weiß er genau. Er weiß auch viel mehr als seine Kollegen von dem, was Jesus getan, gedacht und gesagt, wie er gelebt, geliebt, gebetet hat.
Während die meisten Jesusbücher allenfalls einen Schwarzweiß-Streifen für die Oberhausener Kurzfilmtage hergäben, ist Bergers „Jesus" großes Kino. Er weiß, daß heute Hollywood die alten und die neuen Mythen nicht mehr nur noch nacherzählt, sondern sie verrätselt, verfremdet, verstört. Unter Bergers Regie wird von Jesus viel gezeigt, einiges immer wieder variiert, anderes bleibt außen vor. Darf man ein Jesusbuch schreiben, das viel vom Leiden Christi handelt, aber die Passionsgeschichte nicht nacherzählt? Muß man sich, wenn es ums Letzte Abendmahl geht, auf eine Polemik gegen eucharistische Gastfreundschaft konzentrieren? Kann man bei der Frage, warum Juden Jesus abgelehnt haben, alles mögliche vermuten, nur das nicht nennen, was das Neue Testament sagt: ihren „Eifer für Gott" (Röm 10,2), ihr Bekenntnis des Einen, das Jesus mit seinem messianischen Wirken und Anspruch verletzte? (Und war nicht noch schwieriger als die offene Ablehnung das beiläufige Desinteresse?)
Engel und Dämonen
Aber man soll es sich mit Bergers Jesus nicht zu einfach machen. Manche würden sein Buch gerne in die Ecke der Esoterik stellen. Von Engeln ist die Rede, von Dämonen, von Himmel und Hölle. Die Versuchung und Verklärung Jesu kommen in Bergers Jesusgeschichte ebenso vor wie die Jungfrauengeburt und das leere Grab. Viel ist von Mystik die Rede. Der Autor outet sich als Sympathisant der Zisterzienser. Er bekennt, den Kruzifixen seiner Heimatstadt Goslar mehr zu verdanken als seinem Studium und im Gregorianischen Choral Jesus näher zu sein als in den Debatten der Bibelwissenschaft.
Aber wenn Berger auf das hohe Alter der Kindheitsgeschichten aufmerksam macht und die Partei der Osterfrauen ergreift, wenn er Jesus mit der Offenbarung des Johannes ins Gespräch bringt und ein Wort für die Apokalyptik einlegt - ist er dann nicht näher bei den neutestamentlichen Texten, näher auch bei den Sorgen und Freuden, Ängsten und Hoffnungen der Menschen heute als die alte Leben-Jesu-Forschung, die keine höheren Dogmen kennt als Kritik, Analogie und Korrelation? Alles muß kritisiert werden - nur die Kritik nicht. Alles muß irgendwie gleich und ähnlich sein - für das Göttliche ist in dieser Welt kein Platz. Alles muß mit allem irgendwie zusammenhängen und eins aus dem anderen erklärt werden - Unvorhergesehenes, Einmaliges, Unableitbares gibt es nicht. Heute würde kein Historiker mehr unbesehen so argumentieren. In der Jesusforschung aber hat man sich schwer getan, dieses Spiel zu durchschauen.
Das Buch behandelt die Geburt und die Gottessohnschaft Jesu, seine Rede von Gott, seine Wunder, seine Auferstehung und Wiederkunft, immer wieder seine Tempelaktion. Wer flapsige Formulierungen mag („Josef im exegetischen Vaterschaftstest" - „Die Ferientherapie Jesu"), wird Berger umso lieber folgen, wenn er, immer wieder die „Fremdheit" seines Jesus betonend, den Weg eines radikalen „Aggiornamento" geht. „Jesus und das menschliche Glück" - „Jesus und das menschliche Leid" - „Das politische Konzept Jesu" - „Jesus und das Geld": Aufs Stichwort tritt Berger mit einem bunten Strauß von Jesusworten auf, von denen die meisten in vielen Jesusbüchern bis heute als sekundär aussortiert werden, von denen aber viele ungewohnt überzeugende, entschieden jesuanische Stimmen zu Gehör bringen. Wie man bei Jesus beten, wie man mit ihm leben und sterben lernt - das sind die zentralen Fragen des Buches. Und sie finden Antworten, die es in sich haben.
Der heilige Jesus
Bergers Stärke war immer, die vergessenen und verdrängten Seiten des Neuen Testaments aufzuschlagen und für das Unmoderne, das Apokryphe, das Verdächtige einzutreten. Man braucht ihm nicht alles zu glauben: seine Hochschätzung des Thomas-Evangeliums etwa und vor allem seine Vordatierung des Johannes. Aber mehr noch als früher zeigt sich in seinem Jesusbuch eine reflektierte Unbefangenheit, zu den wesentlichen Fragen zu kommen, welche die Menschen heute interessieren, und eine einfache Sprache zu sprechen, die Simplifizierungen weniger scheut als Komplikationen.
Nicht selten gelingen farbige Miniaturen des geistlichen Lebens und der geistigen Freiheit Jesu. Manchmal schafft es Berger, auf die große Geste zu verzichten, aufs Kampfgeschrei und Klagelied. Manchmal spricht er ganz leise - und dann wird sein Jesus ganz stark: Ein Heiliger ist er, ein großer Beter, ein Jude durch und durch, ein Freund des Täufers Johannes, einer, der mit Frauen umgehen konnte, weil er ein Mann war, der um des Himmelreiches willen ohne Ehe lebte, und der keine Scheu vor Sündern hatte, weil er ohne Sünde war und nicht nur die Schuld vergeben, sondern auch den Weg der Umkehr zeigen konnte; ein Mann von ansteckender Reinheit und nüchterner Weisheit, ein „Fresser und Säufer", voll Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, ein Vollmächtiger im Leiden, der König am Kreuz. Vor allem ist er einer, der seine beste Zeit noch vor sich hat. „Christus, herrlicher König, komm und bring uns den Frieden" - mit diesem Gebet, das Klaus Berger auf Glockeninschriften gefunden hat, endet das Buch.
Krisensymptome
Also doch der große Befreiungsschlag in der gegenwärtigen Krise der Jesusforschung? Klaus Berger hat heftig widersprochen, als ich in dieser Zeitschrift behauptet habe, er löse die historische Jesusforschung auf. 700 Seiten scheinen ihm recht zu geben. Aber es ist eines, die Widersprüche der liberalen Jesusforschung zu geißeln, und ein anderes, eine Alternative zu entwerfen, die den Unterschied zwischen Historik und Mystik wahrt. Es ist richtig, daß die meisten Jesusbücher, ob wissenschaftlich oder populär, hermeneutisch (also vom Verstehensansatz her) tief im 19. Jahrhundert wurzeln: Johannes wird ausgegrenzt, die synoptische Christologie, das Christusverständnis von Markus, Matthäus, Lukas, ausgefiltert, alles, was mit Kirche zu tun hat, aussortiert. Wunder hat es nie gegeben. Die Reden, die Streitgespräche, die Gleichnisse - sie werden zurechtgestutzt auf einige wenige „ureigene Worte" und Ideen, die ins Bild passen: wie es den Interpreten plausibel erscheint. Das Ergebnis hat Albert Schweitzer für seine Zeit nüchtern konstatiert: Dem Subjektivismus werden Tür und Tor geöffnet. Der „historische Jesus" ist eine Leiche, die mühsam wiederbelebt werden muß, indem man ihr eine idealistische Ethik andichtet, die Jesus nie gelehrt hat, eine spirituelle Energie einhaucht, die Jesus nie gespürt hat, und eine kulturelle Kraft zuspricht, die Jesus nie interessiert hat.
Berger bricht mit dieser Art der Jesusforschung. Aber wo man sich in der Exegese kritisch mit der Bibelkritik und ihrem Geschichtsverständnis auseinandersetzt, wo man ein neues Bild der vielsträngigen Überlieferungsgeschichte gewinnt, wo man der Wahrheitsfrage nicht ausweicht, dort - ich nenne nur die „Theologien" von Peter Stuhlmacher und Ulrich Wilckens, auch von Ferdinand Hahn - ist man hermeneutisch, verstehenswissenschaftlich, weiter als bis zu jenen Positionen gelangt, die Berger angreift. Schon vor zwanzig Jahren hat er die nahtlose Übereinstimmung der Leben-Jesu-Forschung mit der Philosophie des deutschen Idealismus nachgewiesen. Aber wir schreiben das Jahr 2004. Es ist richtig, neben der synoptischen auch die johanneische Jesustradition ins Kalkül zu ziehen. Aber synoptische und johanneische Jesusworte unterschiedslos nebeneinanderzustellen, ist nicht schon die Lösung. Es ist richtig, den Rationalismus der historisch-kritischen Jesusforschung zu kritisieren. Aber sich im Widerspruch mit der These zu begnügen, bis zum Erweis des Gegenteils sei von der historischen Wahrheit der Texte auszugehen, heißt, die Augen vor den Problemen zu verschließen. Wenn die Liberale Theologie so in Grund und Boden verdammt wird, möchte man um Gnade flehen.
Nebenwege zum Zentrum
Bergers Zauberwort heißt „Mystik". Er spricht nicht nur von mystischen Erfahrungen, sondern auch von mystischen Fakten. So erklärt er die Verklärung und den Seewandel: Es verstoße nicht gegen den Glauben an Jesu wahres Menschsein, wenn „daneben" auch die „ansteckende Schöpferkraft Gottes in seinem Leib bezeugt" werde. Daneben? Bei Berger ist die Präposition zentral. Im Haus der Wirklichkeit, schreibt er, gebe es verschiedene Zimmer, nur eines sei der „exakten Wissenschaft" vorbehalten, andere aber der „Weisheit", der „Kunst" und eben der „Mystik". „Diesen Fortschritt in der Erkenntnis hat uns die Postmoderne gebracht." Wirklich?
Das christologische Dogma sagt: Wahrer Gott und wahrer Mensch, ungetrennt, ungemischt und ungeteilt. Nicht „neben", sondern „in" ist die entscheidende Präposition der Christologie, wie man bei Paulus und Johannes lesen kann. Bergers „Haus der Wirklichkeit" ist in Wahrheit das Haus der Wissenschaft, wie es sich der Konstruktivismus errichtet. Was ist gewonnen, wenn man sagt, neben der Physik gebe es noch die Mystik? Viel, wenn man diejenigen vor Augen hat, die behaupten, die Religion dürfe sich nur in den Grenzen vernünftiger Aufklärung bewegen. Aber der ganze Gewinn wird verspielt, sobald er in postmoderne Münze eingetauscht wird. Wenn „Postmoderne" ernstgenommen wird, dann muß auch ihre radikale Absage an die Suche nach einem letzten Grund der Wirklichkeit und einem letzten Ziel des Kosmos, nach einem letzten Sinn des Lebens, nach der Erfahrung unbedingter Liebe ernstgenommen werden. Aber dafür tritt Berger doch - mit seinem Jesus - gerade ein! Es mag verlockend sein, Freiraum für Spiritualität und Mystik zu gewinnen, wenn man sagt, wie voraussetzungsreich und „konstruktiv" auch die Naturwissenschaften sind. Aber für die Wahrheitsfrage, die der Glaube stellt und beantwortet, ist damit wenig gewonnen. Es ist im Gegenteil alles verloren, wenn man dem Konstruktivismus nicht auf die Schliche kommt. Berger weiß das, aber im Jesusbuch sagt er es nicht. So bleibt eine entscheidende Frage offen.
Ein neuer Jesusroman
Das Buch ist ein Anti-Augstein. Ist es auch ein Anti-Bultmann? Angeblich ist Berger nach einem halben Semester mit Bultmann fertig gewesen. Dann habe er durchschaut, daß Geschichte nicht auf Geschichtlichkeit reduziert werden könne. Aber die Frage nach der „Bedeutung" Jesu, die Frage Bultmanns, treibt ihn um. Bergers Antwort ist nicht die der Entmythologisierung, die den Bildern einer untergegangenen Welt einen „existentiellen Sinn" abgewinnen will. Berger setzt auf die biblische „Mystik" und die spirituelle Sinnwelt, die sie öffnet. Bultmann meinte, es liege alles nur am „Daß" des Gekommenseins Jesu. Berger behauptet auch das noch als historisch, was er „mystisch" nennt. Bultmann wollte zeigen, wie modern das Christentum im Grunde sei. Berger will zeigen, daß Jesus noch moderner als modern ist: eben „postmodern" (was immer das sein mag).
Der „Jesus" von Klaus Berger ist kein wissenschaftliches Buch. Es ist nicht für Universität und Schule geschrieben. Es ist ein Bekenntnis- und Meditationsbuch. Man kann es (ein Kompliment) wie einen neuen Jesusroman lesen, der, Umberto Eco hat es vorgemacht, weniger die Story seines Helden erzählt als die Impressionen seines Autors und die Geschichten seiner Leser. Die Teile sind mehr als das Ganze. Die Prozesse, die das Buch auslöst, sind wichtiger als die Aussagen, die es trifft. Die Provokation ist Teil der Inszenierung. Und auch, daß dies durchschaut wird, ist einkalkuliert.
„Ich möchte Menschen antworten, die fragen, ob Jesus heute noch irgendeine Bedeutung hat." Das ganze Buch mit seinem raffinierten Arrangement dient diesem schlichten Ziel. Wie stark auch immer sich viele über die vollkommen einseitige Kritik der Ökumene ärgern werden und wie wenig man dem Lamento über die katastrophale Lage des Glaubens und der exegetischen Wissenschaft zustimmen mag - am Ende ist doch nur eines wichtig: daß viele ihre Antwort finden, indem sie einen der vielen Impulse des Buches aufgreifen und anderes einfach beiseite lassen.
(Klaus Berger: „Jesus", Pattloch-Verlag, München 2004, 704 S., 28,- E).
Thomas Söding, Dr. theol., geb. 1956, Professor für Biblische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikan und der Akademie der Wissenschaften in Nordrhein-Westfalen.
CiG 42/2004
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