68. JAHRGANG 2016      WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DE          Freiburg, 28. August 2016

Lasst den Dörfern ihre Kirche
Von Gerhard Henkel und Johannes Meier
In vielen Bistümern werden aufgrund des Priestermangels Pfarreien aufgelöst. Die Kirche wiederholt damit die Fehler der kommunalen Gebietsreformen und zerstört damit das in Jahrhunderten gewachsene Denken, Fühlen und Handeln der Dorfbewohner für ihre Kirche. Davon sind der Humangeograf mit Schwerpunkt Land- und Dorfentwicklung Gerhard Henkel und der Kirchengeschichtler Johannes Meier überzeugt. Ihre Argumente und Thesen zu den Folgen der Zusammenlegung von Gemeinden sowie zu konkreten Alternativen stellen wir zur Diskussion.

Immer mehr Menschen entfernen sich von der Kirche. Dieser Prozess wird durch demografischen Wandel, Priestermangel und offenkundige Missstände in der „Amtskirche“ verstärkt. Die Kirche reagiert mit Strukturreformen. In sehr vielen deutschen Bistümern sieht man das Heil darin, den bestehenden Kirchengemeinden Pfarrei- beziehungsweise Gemeindezusammenlegungen aufzudrängen oder gar aufzuzwingen. Einwände und Proteste gegen die Auflösung von Kirchengemeinden werden ignoriert oder kalt abgewiesen.

Die Beseitigung der dörflichen Kirchengemeinden wird das Vertrauen der Menschen in die Amtskirche weiter erschüttern und die Flucht der noch Kirchentreuen aus der Kirche - insbesondere auch auf dem Land - beschleunigen. Durch die von den Bistümern von oben organisierten und durchgesetzten Gemeindefusionen besteht die große Gefahr der Entlokalisierung und letztlich Auflösung der - noch in Resten vorhandenen - katholischen Volkskirche in der Fläche. Kurz: Amtskirche beseitigt Volkskirche.

Problemfall Bürokratie

1. Gemeindefusionen dienen in keiner Weise der Seelsorge vor Ort oder gar einem aktiveren Gemeindeleben. Vielmehr beseitigt die Amtskirche so die Ortsgemeinden und damit die lokale Grundlage der Kirche. Sie eliminiert die lebendige Einheit von Kirche und Dorf, die vielerorts seit dem frühen Mittelalter, also seit bis zu 1200 Jahren besteht. Sie stößt mit ihrer zentralistischen Reform die Gläubigen in den Dörfern vor den Kopf, die im Selbstverantworten und Mitmachen große Erfahrung und Kompetenz besitzen. Man bekommt keine Antwort auf die Frage: Was soll sich für die Gläubigen in den Dörfern verbessern, wenn sie „ihre Kirche“ verlieren, wenn sie keine lokalen und demokratischen Gremien des Mitgestaltens und Mitverantwortens mehr haben? Auch unter Landpfarrern sind Unverständnis und Resignation angesichts der Beseitigung der Ortskirche weit verbreitet. Auf Einwände wird gar nicht oder von oben herab reagiert mit der Botschaft: „Das versteht Ihr Landpfarrer nicht.“ Vor Ort vernimmt man nicht selten resignative Sätze wie: Auf uns hört man nicht, oder auch: Kirche schaufelt ihr eigenes Grab und schafft sich ab auf dem Land.

2. Die Kirchengebäude, vor Jahrhunderten von Dorfbewohnern errichtet und - auch in Zeiten der Armut - gepflegt und modernisiert, Mittelpunkte und Symbole des Glaubens und Gemeindelebens, sollen dem Dorf weggenommen und einer anonymen Großgemeinde übereignet werden. Derartige Zentralisierungen zerstören das in Jahrhunderten gewachsene lokale Denken, Handeln und Fühlen der Dorfgemeinde für ihre Kirche - was ja die Lebendigkeit und Kraft der „Volkskirche“ ausmacht. Sehen die Verantwortlichen in den bischöflichen Zentralbehörden diese programmierten Verluste nicht? Zynische Beobachter - auch unter den Pfarrern - sagen, dass diese Verluste in den Bistumsleitungen kaum jemand interessieren. Ein Pfarrer aus dem Westfälischen formuliert: Die Kirche demontiert sich selbst. Unser Problem sind nicht die Gläubigen und auch nicht die Antichristen, sondern die kirchlichen Bürokraten. Für einen bekannten Bundespolitiker ist die Kirche klerikalistisch und nicht auf die Gläubigen ausgerichtet.

Das größte Eigentor

3. Die kirchlichen Gemeindefusionen wiederholen die gravierenden Fehler der kommunalen Gebietsreformen der zurückliegenden Jahrzehnte in einigen Bundesländern. Dabei wurden etwa 400000 ehrenamtlich tätige Bürger aus den Gemeindeparlamenten „wegrationalisiert“. Signalwirkung: Wir brauchen eure Mitarbeit nicht mehr. Ergebnis: Desinteresse für Kommunalpolitik und lokalpolitische Ohnmacht. Die gleichen Folgen werden nun auch der Kirche bevorstehen. Hunderttausende gewählte und ehrenamtlich tätige Christen würden durch das Wegfallen der lokalen Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände nicht mehr gebraucht. Sie gingen der Kirche - wie schon zuvor in der Kommunalpolitik - unwiderruflich verloren. Sind die Ortsgemeinden erst ausgelöscht, sinkt die Bereitschaft mitzumachen in den Dörfern auf null. Ein Landpfarrer aus dem Erzbistum Paderborn drückte es so aus: Wir würden als Kirche damit das größte und dümmste Eigentor schießen, das denkbar ist.

4. Der Amtskirche fehlt das Vertrauen in die Gläubigen der Ortskirchen, auf deren Gefühle, Kompetenzen und Kräfte, und in lokale demokratische Gremien. Das einseitige Diktieren von Fusionen in verschiedenen Bistümern zeigt, wie wenig man den Christen vor Ort und der Selbstregulierungskraft der dörflichen Gemeinden zutraut. Man zentralisiert ohne Rücksicht auf doch erkennbare Verluste. Warnungen von Landpfarrern und Gläubigen werden arrogant und kalt abgewimmelt. Warum überlässt man den Ortskirchen nicht die echte Wahlfreiheit der Entscheidung zwischen Einheitsgemeinden - hier werden die Ortsgemeinden aufgelöst - und Verbandsgemeinden - hier bleiben die Ortsgemeinden bestehen - ohne finanzielle und personelle Druck- und Lockmittel? Die Kirche will und muss zukünftig mehr Gläubige ohne Priesterweihe in die Seelsorge einbinden. Wie stellt man sich das vor? Man kann die Laien - auch auf dem Land - nicht mehr für die neuen kirchlichen Aufgaben halten und gewinnen, wenn man ihnen zuvor die lokale Kirchengemeinde mit ihren gewachsenen Gremien weggenommen hat.

5. Die Kirche verliert heute immer mehr Gläubige, vor allem im mittleren und jugendlichen Alter. Dazu tragen zurückliegende und aktuelle Missstände in der Amtskirche bei, besonders aber deren Verschleierung und Vertuschung. Dieses Prinzip der Vernebelung zeigt sich auch in einigen amtlichen Strukturpapieren. Ein Musterbeispiel hierfür ist das Dokument „Pastorale Entwicklung Kirche am Ort“ des Bistums Rottenburg-Stuttgart. Auf den ersten zwanzig Seiten wird mit Engelszungen von Subsidiarität, Ortskirche und Freiwilligkeit geredet, um dann in einem Satz, den dann schon viele wohlgestimmte Leser gar nicht mehr lesen, die Katze aus dem Sack zu lassen: den Zusammenschluss zu einer Kirchengemeinde mit Teilorten. Das einzige Argument hierfür lautet: Der bisherige Kooperationsverbund der selbstständigen Gemeinden bietet keinen Rechtsstatus. Salopper geht’s nicht! Es fehlt jeder Hinweis auf Alternativen. Immerhin befinden sich zehntausende deutsche Dörfer seit Jahrzehnten als selbstständige Ortsgemeinden in einem äußerst stabilen Rechtsstatus innerhalb einer Verbandsgemeinde. Verschwiegen wird, dass man zugunsten der Einheitsgemeinde die bisherigen Ortsgemeinden auflöst. Über mögliche negative Folgen dieser Auflösung wird keine Silbe verloren. In einem Radio-Interview mit dem „Westdeutschen Rundfunk“ erklärte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Alois Glück: Die Kirche braucht einen anderen Geist, um Menschen zu gewinnen und auf Menschen zuzugehen: den der Transparenz und nicht der Vernebelung und des Täuschens. Dies gilt gerade für eine Existenzfrage der Kirche, die alle Gläubigen angeht.

Alternative: Verbandsgemeinde

6. Es ist durchaus sinnvoll, die bestehenden Kirchengemeinden organisatorisch miteinander zu vernetzen und von Verwaltungsarbeit zu entlasten. Dieses kann und sollte man zentralisieren. Aber man braucht dazu keine Fusionen. Als optimale Alternative zur Einheitsgemeinde bietet sich die Verbandsgemeinde an. Diese schafft eine starke zentrale Organisation und Verwaltung und belässt den zugehörigen Ortsgemeinden ihre Selbstständigkeit, ihr lokales Verantworten und Handeln. Die Verbandsgemeinde hat sich im kommunalen Bereich - auch als Verwaltungsgemeinde, Amtsgemeinde oder Samtgemeinde bezeichnet - beispielsweise in den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern - bestens bewährt und kommt den dortigen Dörfern sehr zugute. Gott sei Dank gibt es eine Reihe von Bischöfen und Bistümern, etwa Osnabrück und Mainz, die sich an diesen Vorbildern orientieren und die dörflichen Pfarreien mit ihren demokratischen Gremien in Pfarrverbänden organisatorisch und verwaltungsmäßig zusammenfügen.

7. Man kann vorhersehen und teilweise schon beobachten, was nach Fusionen passiert: In den anonymen Großgemeinden können nicht alle Kirchen, Pfarrheime und Pfarrhäuser „gehalten“ werden. In mehreren „Wellen“ werden von den zentralisierten Gremien Kirchen geschlossen, entweiht und verramscht, ohne dass die „unbequemen“ Christen vor Ort noch gefragt werden oder Einfluss nehmen können. Die Dörfer werden entkirchlicht. Strebt die Amtskirche dies etwa an mit ihrem kalten Durchsteuern von oben nach unten? Es wäre der einzige „Sinn“ von Gemeindefusionen, den man - zynischerweise - einsehen könnte. Die Menschen vor Ort würden niemals auf den Gedanken kommen, „ihre“ Kirche aufzugeben oder gar zu verkaufen.

Unerhörter Weckruf

8. Die zentralen Raumordner im Umfeld der Bischöfe argumentieren gerne mit den Kosten. Manchmal heißt es auch, man wolle die Kirche „demografiefest“ machen. Hehre und hohle Schlagwörter, die Wesentliches außer Acht lassen. Einheitsgemeinden sind keineswegs kostengünstiger als Verbandsgemeinden. Nach der kommunalen Gebietsreform sind die Kosten in Fusionsgemeinden durch die fehlenden lokalen Gremien und das wegfallende Engagement der Bürger gestiegen. Die Kosten würden auch in kirchlichen Fusionsgemeinden - im materiellen und immateriellen Bereich - steigen, weil sich weniger Gläubige engagieren. Aber selbst wenn man die Zusammenlegung kostenneutral „berechnen“ würde - wie wäre die tatsächliche „Wertebilanz“ für die Kirche, wenn man damit das kirchliche Gemeindeleben in den Dörfern auf null fährt? In der Volkswirtschaft, die bisweilen auch die sozialen und kulturellen Kosten mit einbezieht, würde man hier von herben Verlusten oder auch einem Desaster sprechen.

9. Strukturreformen sollten vor allem die Seelsorge und das Mitmachen vor Ort wieder stärken, was in Zeiten zunehmender Kirchenferne - auch auf dem Lande - schwer genug ist. In diese Richtung gehen auch die Appelle von Papst Franziskus, die sich gegen eine selbstbezogene, bürokratisch verkrustete Amtskirche richten und von den Christen - auch von den Evangelischen - mit großer Hoffnung auf einen „Klimawandel“ angesehen werden. Der Papst will das für die Kirche existenziell wichtige Subsidiaritätsprinzip verstärkt auch im Inneren der Kirche angewendet wissen: mehr Vielfalt, mehr Zutrauen und Vertrauen in die unteren Entscheidungsebenen. Weniger Bevormundung, weniger zentrale Lösungen und Vereinheitlichungen auf Biegen und Brechen. Konkret soll so viel wie möglich auf der Ebene der Gemeinde verantwortet und getan werden - eine Aufforderung zu einer „Hingeh-Pastoral“ statt zu einer „Weggeh- oder Rückzugspastoral“. Nehmen die deutschen Bischöfe diese Appelle des neuen Papstes nicht wahr? Selbst unter katholischen Pfarrern und Theologen vernimmt man immer häufiger, dass die Bischöfe die Weckrufe des Papstes an ihre eigene Adresse nur ungern hören und auf stur schalten.

10. Kommt es zu den Fusionen von Kirchengemeinden, werden die bestehenden Defizite der Landpastoral nur vergrößert. Von den (mobilen) Christen wird demnächst verlangt, aus bis zu einem Dutzend oder mehr Dörfern einmal pro Woche in eine „Zentralkirche“ zum Gottesdienst des dort residierenden „Zentralpfarrers“ zu fahren. Ansonsten bleiben sie - ihre alte Kirchengemeinde ist aufgelöst, ihre alte Dorfkirche entweiht und verkauft - sich selbst überlassen. Ist das gewünscht? Stärkt dies die Präsenz des Evangeliums in unserer Gesellschaft?

Leitbild Bürger

11. In unserer Gesellschaft gibt es - nicht nur in der Jugend - ein wachsendes Unbehagen an der Praxis der Demokratie. Durchsteuern von oben nach unten ist nicht zeitgemäß. Positive Werte wie soziales Miteinander, Transparenz, Fairness und Vertrauen sind den Menschen heute wichtig. Das könnte der Kirche zugutekommen, wenn sie denn will. Das Gemeindeleben in Kommunen und Kirchen wird in Zukunft mehr denn je auf das Mitgestalten und Mitmachen der Bürger vor Ort angewiesen sein. Als Leitbilder gelten Bürgerkommune und Bürgerkirche. Hat die Kirche kein Vertrauen in die lokale Basis, in die Möglichkeiten der Bürgergesellschaft? Will sie stattdessen alles zentralistisch regeln?

12. Die Verantwortlichen in den deutschen Bistümern müssen sich fragen lassen, welche Lehre der Kirche ihr Denken bestimmt. Fast immer ist ihre Planung abhängig von einer Hochrechnung der in den kommenden zwei Jahrzehnten verfügbaren Diözesanpriester. Dies ist eine kleruszentrierte Ekklesiologie. Das Zweite Vatikanische Konzil hat im Gegensatz dazu in seiner dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ sehr bewusst ein Kapitel über das Volk Gottes dem Kapitel über die hierarchische Verfassung der Kirche vorangestellt und damit der Ortskirche den höchsten Stellenwert zuerkannt.

Was Papst Franziskus möchte

13. In diesem Sinne äußert sich auch Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ (Freude des Evangeliums). In mehreren Abschnitten sagt er zur missionarischen Umgestaltung der Kirche: „In der Treue zum Vorbild des Meisters ist es lebenswichtig, dass die Kirche heute hinausgeht, um an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden. Die Freude aus dem Evangelium ist für das ganze Volk, sie darf niemanden ausschließen“ (23). „Es gibt kirchliche Strukturen, die eine Dynamik der Evangelisierung beeinträchtigen können; gleicherweise können die guten Strukturen nützlich sein, wenn ein Leben da ist, das sie beseelt, sie unterstützt und sie beurteilt. Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium beseelten Geist, ohne ‚Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung‘ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben“ (26). „Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur. Sie wird … weiterhin die Kirche sein, die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt. Durch all ihre Aktivitäten ermutigt und formt die Pfarrei die Mitglieder, damit sie aktiv Handelnde in der Evangelisierung sind“ (28). „Der Bischof muss immer das missionarische Ideal in seiner Diözese fördern … Darum wird er sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrechtzuerhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und - vor allem - weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden. In seiner Aufgabe, ein dynamisches, offenes und missionarisches Miteinander zu fördern, wird er die Reifung der vom Kodex des Kanonischen Rechts vorgesehenen Mitspracheregelungen sowie anderer Formen des Dialogs anregen und suchen, in dem Wunsch, alle anzuhören und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen“ (31).

14. Die Gesellschaft braucht die Kirche, der ländliche Raum braucht die Kirche. Aber die Kirche nimmt dies und ihren Auftrag zu wenig wahr. Sie muss auf die Menschen zugehen und sie mitnehmen, sie muss sich öffnen und Transparenz zeigen. Durch Diktate und zentralistische „Reformen“ gewinnt die Kirche nichts, aber zerstört fast alles. Sie schwächt damit vor allem die breite ehrenamtliche und demokratische Basis einer zukünftigen Mitmachkirche. Kennen die zentralen Planer in den Bischofssitzen das Dorf und seine Menschen wirklich? Von einem deutschen Bischof soll die Aussage stammen, dass Dörfer doch sowieso nur noch Schlafdörfer seien. Wenn das die Meinung der Kirche ist, hat sie keine Ahnung vom Dorf und seinen Menschen, von der Mitmach- und Anpackkultur, von der Kompetenz, gemeinschaftlich Verantwortung zu tragen, vom hohen Bildungsstand und nicht zuletzt auch seiner Kirchentreue.

Positives Kirchturmdenken

15. Mit der Auflösung der Ortspfarreien schadet die Kirche nicht nur sich selbst, sondern auch dem Land und seinen Menschen. Das Dorf würde damit einen tiefen, existenziellen Verlust erfahren: Es verliert seine älteste und über Jahrhunderte intensiv mit Leben gefüllte, selbst organisierte und getragene gemeindliche Institution. Es verliert seine geistliche, kulturelle und soziale Mitte und damit den Kern seiner lokalen Identifikation. Es verliert vielerorts die letzte Bastion der lokalen Selbstverantwortung und macht damit das sprichwörtliche Kirchturmdenken in positivem Sinne überflüssig, was Dörfer bisher ausgezeichnet hat. Es verliert das Innigste, was ihm die Zentralen bisher noch nicht weggenommen haben - nach Schule, Post und Bürgermeister. Es verliert sein Herz. Kann dies der Kirche gleichgültig sein?

Gerhard Henkel, Dr. rer. nat., Professor für Geografie an der Universität Essen, lebt in Fürstenberg/Westfalen; zuletzt erschienen: „Das Dorf. Landleben in Deutschland - gestern und heute“ (Stuttgart 2012).
Johannes Meier, Dr. theol., Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und Religiöse Volkskunde, Mainz.


CIG 46/2014

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