62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 5. September 2010


Ein neues Priestertum
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Der Platz Jesu
Von Thomas Söding
Es herrscht Priestermangel. Zwar gibt es Analysten, die das Gegenteil behaupten. Aber an allen Ecken und Enden fehlen vitale, überzeugte, engagierte Priester. Sie werden als Seelsorger und Gemeindeleiter gebraucht. Sie sollen die Messe zelebrieren und die Sakramente spenden. Sie sind auch hoch willkommen, wenn sie ihren Dienst gut verrichten, ohne Allüren und Marotten, konzentriert auf das Evangelium, auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Alle Reformdebatten - Kann ein Bischof nicht verheiratete Männer, kann die Kirche nicht doch auch Frauen weihen? - werden in der katholischen Kirche nur deshalb so leidenschaftlich geführt, weil man sich Christentum ohne Priestertum nicht vorstellen mag.

Woher kommt diese Sehnsucht nach dem Priesterlichen, die inmitten aller Amtskritik zu spüren ist? Ist sie nur eine Sentimentalität? Ein Rest Traditionalismus, der auf Dauer doch keinen Bestand haben wird? Oder meldet sich eine Ahnung, dass man im Verhältnis zu Gott eines Mittlers bedarf? Gott ist groß, der Mensch ist klein:Wer knüpft die Fäden?

Der religionsgeschichtliche Befund ist eindeutig: Der Priester ist eine archaische Figur. Ob männlichen oder weiblichen Geschlechts: Jeder Priester bringt für die Menschen Opfer dar und spendet Segen. Riten sind nötig, damit die Religiosität zivilisiert wird, sagen die Soziologen. Aber religiöse Menschen denken weiter: In ihrer Verehrung Gottes wollen sie nicht nur ihren Verstand sprechen lassen, sondern auch ihr Herz, und sie wollen nicht selbst einer Gottesidee Leben einhauchen, sondern vom Atem des Heiligen belebt werden. Dafür steht das Priestertum.

Doch die Religionsgeschichte wirft auch einen tiefen Schatten. Was ist mit der Freiheit der Menschen? Werden sie nicht durch Priester in Abhängigkeit gehalten? Ist das Priesterliche nicht untrennbar mit Magie verbunden, mit dem Versuch, durch religiöse Praktiken Einfluss auf Gott zu nehmen?

Die Bibel sieht diese Gefahr. Sie treibt Religionskritik. In beiden Teilen der Heiligen Schrift brandmarkt sie den Ritualismus und die Heuchelei. Doch im Alten wie im Neuen Testaments führt die Religionskritik, die im Namen des einen Gottes geübt wird, nicht zu einer Abschaffung, sondern zu einer Revolution des Priestertums: im Alten Testament durch die Konzentration auf den einen Gott, im Neuen Testament durch eine neue Definition der Priesterrolle.

Im Hebräerbrief

Der Hebräerbrief hat diese Priesterrolle am stärksten betont. Nimmt man ihn ernst, gibt es in der Kirche keinen Priestermangel, allenfalls einen Mangel an Christusglauben. Denn ein einziger ist es, der den Namen des Priesters verdient: Jesus Christus selbst.U nd der hat seinen priesterlichen Dienst verrichtet, ein für allemal. Er ist aber - das macht den Unterschied zum Alten Testament - nicht Priester nach der levitischen Ordnung, die an den Tempel von Jerusalem gebunden ist, sondern „nach der Ordnung Melchisedeks". Das heißt: Er ist Priester unmittelbar von Gott. Deshalb kann er ein zutiefst menschlicher Priester sein. Als Mensch bringt er Gott zu den Menschen, um die Menschen zu Gott zu bringen. Er hat seinen priesterlichen Dienst aber nicht im Allerheiligsten verrichtet, sondern im Profanen. Er ist ja selbst der Allerheiligste. Durch sein Gebet und seine Gemeinschaft mit den Menschen, durch seine Kontakte mit Kranken, mit Sündern, mit Schwachen hat er Gottes Heil den Menschen vermittelt und ihnen den Weg zu Gott gebahnt. Dadurch ist das Priestertum von Grund auf erneuert.

Wer in der Kirche von Priestern spricht, kann nur solche Menschen vor Augen haben, die sich in ihrem Leben von der Menschlichkeit Jesu prägen lassen und von seiner Art der Liebe zu Gott. Solche Priester machen nicht abhängig, sondern frei. Sie wollen nicht Einfluss auf Gott ausüben, sondern Gott Einfluss auf die Menschen ausüben lassen. Sie treten nicht an die Stelle Jesu, sondern halten ihm den Platz frei. Um solche Priester kann man nur beten.

Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr- Universität Bochum und Mitglied der internationalen Theologenkomission des Vatikan.

CIG 43/2009

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