62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 12. September 2010


Ein neues Priestertum
Diesen Artikel weiterempfehlen
Das Priestertum im Leser-Echo
Von Johannes Röser
In engagierten Teilen des Kirchenvolks herrscht heftige Unruhe, im allergrößten Teil leider jedoch viel mehr religiöse Apathie und Lethargie. Während sich der Vatikan bemüht, den wenigen Lefebvre-Leuten großzügig entgegenzukommen, sind die vom Zweiten Vatikanischen Konzil inspirierten Reformen und Aufbrüche, in die so viele Glaubende immense Hoffnungen gesetzt hatten, in sich zusammengefallen. Wir haben es unter den Getauften selber mit einer Glaubenskrise zu tun, die sich in Enttäuschung, Distanzierung, innerer Emigration und Passivität zeigt. Das spiegelt sich auch in Zahlen wider: Allein unter den Katholiken nehmen um die neunzig Prozent weltweit kaum noch an der sonntäglichen eucharistischen Feier von Leben, Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi teil. Der Kern, das Geheimnis unseres Glaubens, scheint nur noch die wenigsten zu erwärmen.

Die pure Masse der Christen, etwa ein Drittel der Erdbevölkerung, kann daher nur noch wenig beeindrucken. Der Islam-Experte Wolfgang Günter Lerch sagte es in einem FAZ-Beitrag (27. Oktober) deutlich: „Die (zahlenmäßige) Größe des Christentums von etwa 2,3 Milliarden wird durch die Tatsache relativiert, dass viele offiziell als Christen Gezählte dies nur noch dem Namen nach sind, während der Islam bei den meisten seiner Anhänger noch Herzen und Gedanken bewegt… Zählmuslime gibt es zwar auch; aber es sind vergleichsweise wenige."

Das große Problem des Christentums, das in den durch die neuzeitliche Aufklärung am stärksten erfassten Kulturzonen seit 2000 Jahren beheimatet war, besteht darin, dass das Gottes-, Sakramenten-, Glaubens- und Kirchenverständnis immer weniger mit der von der Vernunft angeregten Welterkenntnis und deren Entmythologisierung Schritt halten kann. Es ist zum Beispiel befremdlich, aber bezeichnend, wenn sich eine angesehene internationale Theologenkommission neulich erst noch damit beschäftigen musste, ob und wie ungetaufte Kinder doch in den Himmel kommen, oder dass sie sich der Verteidigung eines traditionellen Naturrechts widmen sollte, anstatt sich den gewaltigen Umbrüchen in den Verstehensmodellen, die durch die Naturwissenschaften ausgelöst wurden, zu stellen. Die eigentliche religiöse Not zeigt sich dort, wo viele mit den altehrwürdigen Gottesbildern und Glaubenssichtweisen nicht mehr zurechtkommen. Die Paradigmenwechsel der Welterfahrung verlangen nach Paradigmenwechseln der Glaubenserfahrung. Wie aber soll das gehen? Was macht Christsein im Kern, in der Heilszusage und Erlösungserwartung auf ein ewiges Leben bei Gott zukunftsfähig?

Nicht selten: geistlicher Zorn

Eine wesentliche Facette ist das Priestertum. Der Priester soll als Mann Gottes in apostolischer Nachfolge das Christusgeschehen auslegen, deuten, vergegenwärtigen. Er soll auf der Höhe der Zeit die Suchenden zum Glauben führen und im Glauben bewegen. Christsein von heute für morgen. Deshalb ist es keineswegs zweitrangig, ob es hinreichend Priester gibt und welche es gibt. Je größer der Gläubigenmangel, umso gravierender gesteigert wirkt sich der Priestermangel aus. In den personalen Netzwerken der Menschen von heute reicht es nicht mehr, wenn der Priester als Sakramentenverwalter und Verkünder des Gotteswortes seinen üblichen Dienst tut. Der Priester hat sich als Mann Gottes intensiv einzulassen auf die anspruchsvollen modernen Kommunikationswelten. Das heißt in Zeiten religiösen Abbruchs: Wir brauchen vom Geist Gottes wie vom Geist der Zeit inspirierte gute Priester, die den verlorenen Schafen nachgehen. Wo viele getauft sind, ohne Christ zu sein, ohne Christ sein zu wollen, stellen sich die entscheidenden Herausforderungen ans Priestersein.

Unser Artikel „Der Priester von heute" (CIG Nr. 39) hat eine außergewöhnlich starke Resonanz ausgelöst. Das Echo aus der Mitte des Gottesvolkes bestätigt, dass es bei der Priesterfrage nicht um ein Nebenthema geht. Besonders bewegt sind wir davon, wie viele Priester geschrieben haben, mit unerwartet hoher, entschiedener Zustimmung. Dass sich inzwischen viele Seelsorger durch die anhaltende bleierne Stagnation provoziert fühlen, ist ein Signal. Und ein anderes, dass die meisten Laien inzwischen resignativ schweigen. Sie haben anscheinend den Eindruck, dass alles gesagt ist, aber dass sich doch nichts bewegt - außer frommer Rhetorik. Wir wollen nicht verschweigen, dass in etlichen Mails und Briefen besonders von - älteren - Priestern ein gehöriges Maß an Zorn über weltkirchliche, bischöfliche wie oberste vatikanische, Handlungsverweigerung mitschwingt, wie man es sich kaum vorzustellen wagt. Es sind nicht selten äußerst scharfe, böse Worte über den Mangel an kirchlicher Leitungsverantwortung, mit einer Wucht, die wir hier nicht wiedergeben möchten. Folgender Aufschrei eines langgedienten Seelsorgers möge genügen, wobei wir ebenfalls manchen Ausdruck nicht zitieren können: „Nach fünfzigjährigem priesterlichem Dienst unterschreibe ich jeden Ihrer Sätze, stehe hinter jeder Ihrer Fragen, leide mit Ihnen unter dem Niedergang der Seelsorge, unter dem Schwinden der Gottesbeziehungen, vermisse die angemahnte Profilierung meines Berufes. Sind unsere Bischöfe blind? Ist unser Kirchensystem auf einer Ideologie aufgebaut, die nur noch Angst erzeugt und blinden Gehorsam verlangt? Zerreißt die Glaubensnot der Christen einem Nachfolger des Petrus das Herz? Zigtausenden in meinem Bistum bleibt die tägliche, auch die sonntägliche Eucharistiefeier vorenthalten."

Ein Priester aus Bayern antwortet nach über drei Jahrzehnten Dienst: Mit Ihrem Artikel „haben Sie voll ins Schwarze getroffen… Immer tiefer wird mir bewusst, wie recht Bischof Kamphaus hatte, als er einmal sagte: Mach's wie Gott: werde Mensch. Wenn wir den menschlichen Gott nicht mit all unserer konkreten Existenz als Mensch, Mann (später hoffentlich auch Frau) und Priester leben und dann auch verkünden in Wort, Sakrament und Caritas, können wir noch so tolle Feste feiern, Enzykliken herausgeben, Katholikentage aufmotzen. Das ist alles für die Katz. Wenn nicht Gottes Menschlichkeit in allem, wirklich in allem, zum Vorschein kommt, ist alles andere eine Lüge?… Die Herzlichkeit Gottes in Jesus Christus zu leben, das ist für mich der innerste und tiefste Sinn meines Berufes als priesterlicher Hirte."

Ein Katholik aus dem Rheinland erinnert an den bischöflichen Wahlspruch von Kardinal Joseph Frings: „Pro hominibus constitutus" - für die Menschen bestellt. „Im Gegensatz dazu ist ein Priester unnahbar für die Menschen, für die er da sein sollte, auf dem auch für ihn unerträglich hohen Sockel, auf den ihn Benedikt XVI. mit dem Zitat des Pfarrers von Ars stellt. Die in den letzten Jahren aus Zwangszusammenschlüssen hervorgegangenen Mammutpfarreien haben zusätzliche Distanz zu ihren geweihten Managern geschaffen. Paulus hätte das anders gemacht… Er hätte fähige Männer oder Frauen aus den Gemeinden zu deren Leitern eingesetzt."

Ein Geistlicher des Weihejahrgangs 1973 aus dem Rheinischen erklärt: „Die Re-Mystifizierung unseres Berufsstandes fällt zurück auf eine theologisch schmalbrüstige, post-tridentinische Amtstheologie, die die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Priestertum der ‚Laien' vergessen machen will. Spannend wäre es in diesem Zusammenhang auch, die Machtfrage zu thematisieren beziehungsweise die Aussagen über das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft, welche unterschwellig mit diesem Priesterbild mittransportiert werden."

Jenseits des Opferkults

Ein Seelsorger, der früher in der Gemeinschaft von Taizé war, lange in der Dritten Welt wirkte und nun als Mitglied einer Priestergemeinschaft im Geist des Charles de Foucauld engagiert ist, schrieb: „Eben habe ich Ihren Beitrag gelesen, sehr beeindruckend, profund und mutig. Er hat mich froh gemacht. Ich ging zum Main und habe Lieder gesungen. Sie schreiben wahrhaftig, ohne kirchendiplomatische Tabus, weitsichtig… Es ist einfach wahr, was Sie aufzeigen. Und nur diese Wahrheit wird uns helfen, von unseren katholischen Selbstzentriertheiten und Selbstüberschätzungen wegzukommen." Eine Katholikin aus dem Ruhrgebiet, die harte Einschnitte in der Pfarreistruktur erlebt hat, verlangt, nicht länger nur an Symptomen herumzudoktern, sondern die Krisenursachen in den Blick zu nehmen. „Die junge Generation bricht völlig weg… Kirche geschieht immer mehr in großen, unüberschaubaren und unpersönlichen Bezügen, und wir als Laien - als Frauen sowieso - müssen unser Engagement immer wieder absegnen lassen."

Grundsätzliche theologische Anfragen werden ans Priesterbild gerichtet. So heißt es in einem Brief aus der Schweiz, dass Jesus doch nicht als ein „Opferpriester" auf die Welt gekommen sei, sondern „als Erfüller des Willens Gottes bis zur Hingabe des Lebens". Paulus rede nie vom Sakramentenspenden, sondern von einer besonderen Art von Opfer- und Priesterdienst: Dieser solle „den Glaubensgehorsam bei den Heiden wecken" und diese als Gabe auf den Altar legen. Im fünfzehnten Kapitel des Römerbriefs heißt es jedenfalls, dass Paulus in diesem Sinne als Diener Jesu Christi für die Heiden wirkt und das Evangelium Gottes wie ein Priester verwaltet. Dies geschieht aber in der Weise, dass die Heiden „eine Opfergabe werden, die Gott gefällt, geheiligt im Heiligen Geist". Hier zeichnet sich bereits in der Nachfolge Jesu eine neue Art des Priestertums ab, völlig anders als die des Kultpriestertums. Warum also - so die Frage des Lesers - reden wir unbefangen vom „Priester", wo wir doch den Vorsteher der Gemeinde meinen und „wo doch das Neue Testament nur von Jesus als dem eigentlichen Priester redet und in zweiter Linie vom Volk Gottes, von jedem einzelnen Gläubigen, da er durch die Taufe Christus, dem König und Hohepriester, einverleibt wird"? Das heidnische wie jüdische Priesterbild sei früher sicher einmal berechtigt gewesen. „Aber heute nicht mehr."

Ein Mathematikprofessor verlangt eine entsprechende Erneuerung des Glaubensbewusstseins, insbesondere bei der Liturgie. Das Christentum setze sich deutlich vom heidnischen Opferkult ab, „bei dem bestimmten Personen durch bestimmte Rituale bestimmte Vollmachten verliehen werden. Gerade unser Sakramentenverständnis muss noch von gewissen magischen Relikten befreit werden. Und in der Tat frage ich mich, ob wir das Weihepriestertum auf die Dauer noch brauchen."

Ein Pfarrer im Ruhestand aus der Eifel verlangt eine andere Art der Präsenz der Person des Priesters. „Es geht darum, die Gottesfrage dem Denkhorizont des Menschen zu vergegenwärtigen… Gott ist vielen Menschen fremd geworden. Das liegt an der Zeit, es liegt aber auch daran, wie Kirche und Priester sich den Menschen präsentieren. Mit hechelnder Zunge dem Zeitgeist hinterherlaufen - das ist lächerlich. Aber gefordert ist das klare Bewusstsein, dass wir die Kirche von heute sein müssen und nicht die Kirche des vorvorigen Jahrhunderts. Wir müssen Antwort geben auf die Fragen von heute, nicht auf die der Kaiserzeit. Das absolute Fundament bleibt Jesus Christus."

Die meisten wünschen eine theologische Vertiefung und Korrektur des priesterlichen Selbstverständnisses, des geistlichen Amtsverständnisses insgesamt - mit Folgen für das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. So heißt es in einer Mail: „Ganz sicher weisen Rahners Gedanken in eine Richtung, in die sich das priesterliche Berufsethos entfalten müsste, aber das gilt doch nicht nur für den Priester, sondern für alle Christen… ‚Mystagoge einer personalen Frömmigkeit' - dazu müsste man geradezu Eltern befähigen, denn sie legen den Grundstein, auf dem möglicherweise das ‚Haus der Kirche' wieder gebaut werden kann."

Es kamen nur sehr wenige Rückmeldungen, die den CIG-Beitrag kritisierten. Sie bezogen sich vorwiegend darauf, dass zwischen dem dreißigtägigen Fürbitt-Gebetsmarathon für geistliche Berufe und dem flehenden Gebet der Baalspriester am Karmel sowie dem Gebetsverständnis Jesu, der auffordert, nicht viele Worte zu machen, eine Assoziation hergestellt wurde. So schrieb ein Leser aus Schwaben: Solch eine Gedankenverbindung sei eine „massive Beleidigung" all jener, „die sich bei diesem Gebet engagieren". Ein Pfarrer aus Baden dagegen: „Sie haben recht: Die Baalspriester lassen grüßen!"

Ein emeritierter Pfarrer bemängelt: „Wir müssen weg vom ständigen Lamentieren, wie schlecht alles sei, hin zum Bewusstsein, dass ehrliche, herzliche Begeisterung einer der wirksamsten Erfolgsfaktoren ist."

Der Pastoraltheologe Richard Hartmann aus Fulda weist den Verdacht zurück, dass die Bischöfe in der Priesterfrage „das Beten als Ausflucht" nehmen. Das werde ihren Sorgen und Überlegungen nicht gerecht. Die Erweiterung der Zulassungsbedingungen zum Priesterberuf könne die Probleme nicht lösen. „Die Priester stehen seit fünfzig Jahren immer neu in der Diskussion um ihr Selbstverständnis (Manager und Leiter oder Begleiter der Gemeinden und der Einzelnen), ihre Lebensform (Leben im großen Pfarrhaus, inmitten der Gemeinschaft, als Einzelne) und ihre pastorale Praxis (für alles zuständig, für die Sakramentenfeier zuständig, für die Sorge um Einzelne in ihren Krisen zuständig). Ihr berufliches Profil hat sich in der… Professionalisierung und der Ausdifferenzierung kirchlicher Berufe wesentlich verändert. Die Erwartungen der Gemeinden an sie sind ungleich unterschiedlicher geworden - neben der überfordernden Erwartung nicht weniger im Kreis der kleinen Gottesdienstgemeinde, er müsse immer dabei sein, bis zur Erfahrung, dass fast ausschließlich die Persönlichkeit des Priesters ihm zumindest in bestimmten Milieus Anerkennung und Achtung verschaffen könnte." Der Priester sei tatsächlich ein „Mit-Lernender und Zuhörer, mit allen auf der Suche nach der Gegenwart Gottes. Die Profile des Trösters (Seelentröster) und der Hebammentätigkeit sind darin keine Karikaturen, sondern echte Ausprägungen möglichen priesterlichen Handelns." Neue Diskussionen könnten helfen, manches zu klären und „Menschen zu ermutigen, ihr Leben in dieser Berufung zu gestalten".

Vielleicht doch: ein neues Konzil

In einigen - allerdings nicht übermäßig vielen - Rückmeldungen wird die Zölibatsfrage ausdrücklich angeschnitten. Das bestätigt frühere Einschätzungen, dass es für unsere Leserschaft, die gemäß einer repräsentativen Allensbach-Erhebung kirchlich hoch engagiert und in der Mitte des Gottesvolkes beheimatet ist, selbstverständlich wäre, da auch den lateinischen Teil der katholischen Kirche für jene Regelungen zu öffnen, die in den mit Rom verbundenen Kirchen des Ostens üblich sind.

Andererseits schreibt uns aus Südafrika Bischof Fritz Lobinger: „Man sollte … nicht immer die verheirateten Geistlichen der Ostkirchen als Modell hinstellen, denn wir wollen bestimmt nicht ihre viel zu kultischen und klerikalen Seelsorgspriester nachahmen. Wir sollten lieber bedenken, dass es gar nicht stimmt, dass die Abschaffung des Zölibats die einzige Lösung ist. Es gibt noch einen ganzen Zweig von anderen Lösungen, so etwa die Weihe von nebenberuflichen, verheirateten Priestern… Die große Herausforderung, wie ein zutiefst geistliches Amt in unsere zutiefst säkulare Welt passen kann, würde etwas erleichtert, wenn es nicht nur eine einzige Art von Priestern gäbe, sondern zwei sehr verschiedene, die sich gegenseitig ergänzen. Die eine wäre wie bisher ganz in geistlichen Dingen verwurzelt, die andere zutiefst in den Dingen der heutigen Welt. Auf diese Weise würde ein abrupter Bruch mit der Vergangenheit vermieden und zugleich eine Brücke ins Morgen geöffnet" (vgl. auch den Beitrag von Paul M. Zulehner und Fritz Lobinger auf www.christ-in-der-gegenwart.de > Archiv, Besondere Themen > Priestertum, oder CIG Nr. 42/2002).

Wir wollen unseren Ausschnitt aus dem Leser-Echo mit einer Mail von Bischof Aloys Jousten von Lüttich beschließen: „Auch in Ihrem Beitrag ‚Der Priester von heute' stellen Sie unter Beweis, dass Sie Sorge um die Kirche haben und dass Sie fundierte und gut überlegte Artikel schreiben… Sie sind der Meinung, dass die Kirchenführung im Widerspruch steckt, wenn sie einerseits die Bedeutung der Eucharistie betont und andererseits keine Reform der Zugangswege zum Priestertum wagt. In den Veröffentlichungen zu dieser Frage liegen die deutschsprachigen Autoren nicht ganz auf der gleichen Wellenlänge wie die französischsprachigen, so scheint mir. Wenn ich den Stand der Dinge in Belgien und auch in Frankreich betrachte, ist der Rückgang der Gottesdienstteilnehmer und der kirchlichen Bindung insgesamt so groß, dass wir wünschen, dass die Gläubigen sich zu größeren und damit bezeichnenden Feiern (‚célébrations significatives') zusammenfinden. Es gibt in unserem Bistum 530 Pfarrgemeinden. Darunter sind nicht wenige Landpfarreien (aber auch Stadtpfarreien), wo sonntags zehn bis zwanzig Leute an der Messe teilnehmen, und es sind nur ältere Christen. Ich glaube nicht, dass wir unter solchen Umständen an der Sonntagsmesse in jeder Pfarrei festhalten müssen. Die Umstrukturierung der ‚Pfarrei-Landkarte' hat also als ersten Grund diesen Mangel an Gläubigen, an Christen, die bewusst zu Glaube und Kirche stehen. Der Priestermangel, das heißt die Tatsache, dass wir nicht mehr jede Pfarrei mit einem Pfarrer ‚besetzen' können, ist also nicht die eigentliche Ursache der Pfarr-Zusammenlegungen. Ich spreche daher auch lieber von der Notwendigkeit, die Christen zusammenzuführen…

Ich bin auch der Meinung, dass ein Gebetsmarathon nicht unbedingt die Antwort auf den Priestermangel ist. Wenn ich das Wort Jesu von den Arbeitern für die Ernte richtig verstehe, sind solche Arbeiter immer ein Geschenk des Himmels. Das Gebet gehört seit jeher dazu. Aber wir müssen gleichzeitig nachdenken und unser Möglichstes tun.

Ihre Analyse und Ihre Thesen sind hart. Stecken wir tatsächlich in einer Glaubwürdigkeitsfalle? Es stimmt schon, dass, wie Sie schreiben, das Priestertum ein Katalysator der eigentlichen Probleme ist.

Ich finde Ihre Überlegungen zum ‚Kultpriester' sehr anregend. Vor einiger Zeit sagte mir ein Vierzehnjähriger: Und wenn der Priester überflüssig wäre…? Ja, welches Bild vom Priester haben junge und weniger junge Leute? Ja, warum wird man heute Priester, sollte man heute Priester werden? Das ist eine gute Frage. Ich finde, dass Sie einiges zurechtrücken, wenn Sie davor warnen, der Priester dürfe nicht nur der Mit-Glaubende usw. sein beziehungsweise bleiben. Sie sprechen von Nivellierung.

Ich teile Ihre (und Rahners) Meinung, der Priester sollte an erster Stelle Mann Gottes sein, sein wollen. In der Tat ist die Versuchung da, (nur) Dinge zu tun, in Aktivismus aufzugehen. Ich glaube, dass der Priester Verkünder des Evangeliums und Zelebrant der Sakramente, die beide Gabe Gottes sind, sein soll. Der Pfarrer sollte dazu eine Leitungsaufgabe mit Sachverstand und Charisma wahrnehmen. Auf jeden Fall soll der Priester ein Hörender sein.

Sie haben recht: Das Priestertum wirft überall auf der Welt so viele Fragen auf, dass ein Konzil sich seiner annehmen sollte…"

CIG 45/2009

Eine Gratisausgabe der Wochenzeitschrift "CHRIST IN DER GEGENWART"
schickt Ihnen gern zu:


Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de,
www.christ-in-der-gegenwart.de

Impressum