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Religiöses Leben kennt sexuelle Enthaltsamkeit. Das war in allen Kulturen und zu allen Zeiten so, und es gilt auch heute. Wenn sich der Mensch auf die Begegnung mit dem Heiligen vorbereitet, in Kontakt kommen will mit der Kraft, die Ewigkeit verheißt, bereitet er sich auf diese Erfahrung vor. „Die erste Definition des Heiligen ist, daß es den Gegensatz zum Profanen bildet", schreibt der rumänische Religionshistoriker Mircea Eliade. Deshalb durchbricht der religiöse Mensch die Gesetze und Gewohnheiten des Alltäglichen. Mit Fasten und Gebet, mit Schweigen und Abgeschiedenheit, mit Meditation und eben auch mit sexueller Enthaltsamkeit.
Hier liegen religionsgeschichtlich die tiefsten Wurzeln des Zölibats (von lateinisch: caelebs = alleinlebend und caelibatus = Ehelosigkeit). In den Evangelien ist diese mächtige religiöse Erfahrung und Motivation unter den Jüngern und den ersten Christen durchaus bezeugt. Der belgische Theologe Edward Schillebeeckx schreibt (in dem Buch „Der Amtszölibat"), daß die Jünger, nachdem sie Jesus als den „Heiligen Gottes" erfahren haben, „existentiell nicht anders können, als alles zu verlassen und ihm nachzufolgen". Beim religiösen Zölibat geht es aus christlicher Sicht also nicht um eine prinzipielle Geringschätzung des Körperlich-Sexuellen aus moralischen Gründen, nicht um kultische Reinheit beim Dienst am Altar, nicht um Angst vor der Sexualität als einer dämonisch erfahrenen Kraft, auch nicht um ein Machtinstrument der Hierarchie, um die totale Verfügbarkeit der Priester im Rahmen der Organisation zu sichern - sondern allein um eine existentielle und existentialistische Erfahrung des Menschen vor Gott.
Man muß jedoch gleichermaßen eingestehen, daß im Lauf der Religionsgeschichte die genannten verschiedenen Motive als Begründungen für den Zölibat eingeflossen sind und die Ur-Erfahrung überdeckt, überlagert, oft sogar verdrängt haben. Aus dem Charisma ist spätestens seit dem Zweiten Laterankonzil (1139) eine Rechtsvorschrift geworden. Sie wurde sowohl von „oben" als auch von „unten", also von den Gläubigen, gewünscht, gefordert, schließlich auch durchgesetzt und über Jahrhunderte selbstverständlich tradiert. Heute muß man angesichts des mittlerweile verheerenden Priestermangels jedoch fragen, ob die geforderte lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit für Geistliche und Priesteramtskandidaten im römischen Teil der katholischen Weltkirche nicht überbewertet wird, ob der Zölibat nicht zu einem „Selektionskriterium" geworden ist, dem alle anderen Charismen und Begabungen nachgeordnet werden. Derzeit hat man den Eindruck, das Gesetz des Zölibats sei wichtiger als die Tatsache, daß in vielen Gemeinden sonntags keine Eucharistie mehr gefeiert wird.
Auf der anderen Seite zeigt sich, daß gerade in Gesellschaften, in denen freizügig und andauernd über alle Arten von Sexualität gesprochen wird, in denen die Werbung unverhohlen mit dem Reiz des Sexuellen spielt, ein neues Interesse besteht an einem alternativen, asketischen Lebensstil. Dieser kann - zumindest zeitweise - sexuelle Enthaltsamkeit einschließen. Der Film „Vierzig Tage, vierzig Nächte" zum Beispiel ist nur eine belanglose Komödie. Aber er stellt dem jugendlichen Massenpublikum, auf dessen Sehgewohnheiten er zugeschnitten ist, einen Helden vor, der versucht, in der Fastenzeit abstinent zu leben, um sein ausschweifendes Sexualleben wieder in den Griff zu bekommen - freilich ohne existentielle oder religiöse Fragen zu stellen.
Sperriges Hoffnungszeichen
Ernster zu nehmen sind da schon die vielen jungen Menschen, die sich vor hohen Festtagen oder für Exerzitien in ein Kloster zurückziehen. Sie wollen in eine radikal andere Gegenwelt eintauchen und suchen dort geistigen Austausch und spirituelle Bereicherung. Während dieser Zeit wird auch die sexuelle Enthaltsamkeit bejaht und bewußt eingeübt - ohne sie sich als Lebensform zu wünschen. Das Bewußtsein scheint zu wachsen, daß jede Gesellschaft darauf angewiesen ist, solche Quellen zu besitzen, in denen sich die andere Seite des Lebens spiegelt. Angesichts einer vergänglichen Welt und des unvermeidlichen Todes ist asketische Weltüberwindung um eines größeren Gutes willen ein Zeichen, das zutiefst berührt, auch wenn es nicht rational verstanden werden kann. Das Erschütternde dabei ist nicht die moralische oder asketische Leistung. Es geht überhaupt nicht darum, welche Lebensform höher oder niedriger einzuschätzen ist, sondern um die bewußte Konfrontation des Menschen mit seiner Vergänglichkeit und der bangen religiös-existentiellen Frage, ob es darüber hinaus etwas zu hoffen und zu glauben gibt. Ein freiwillig und solidarisch gelebter Zölibat, eingebettet in die beiden anderen ebenfalls sperrigen und in gewisser Weise negativen Zeichen - Gehorsam und Armut - ist immer als religiöser Ausdruck einer radikalen Hoffnung verstanden worden, selbst von nicht-religiösen Menschen. Es ist ja auffallend, daß der klösterliche Zölibat nie derart hinterfragt und kritisiert wurde, wie es dem Zölibat der Weltpriester im römischen Teil der katholischen Weltkirche widerfuhr.
Die Zeit ist reif für neue Modelle
Vor diesem Hintergrund ist Ausschau zu halten nach neuen Modellen, die das Charisma des Zölibats wieder zum Leuchten bringen können. Muß zum Beispiel die starre Ordnung Weltpriester - Ordenspriester so beibehalten werden, oder sind nicht auch klösterliche Formen denkbar, in denen ein Mönchtum auf Zeit gelebt wird? So etwas gibt es ja in asiatischen Kulturen. Während der zölibatär lebende Priester stärker an ein Kloster oder eine geistliche Gemeinschaft gebunden bleibt, wäre das Kloster für den „Weltpriester", der auch verheiratet sein kann, mehr ein spiritueller Bezugspunkt. Das Charisma der Klöster als Kontrastgesellschaft und als authentischer Ort des gelebten Zölibats besteht ja nicht darin, daß sie sich absolut von der Welt abschotten. Schon vor Jahren hat Johann Baptist Metz ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neue „Zeit der Orden" gehalten. Dazu ist es aber nötig, daß diese auch neue Formen entwickeln und ausprobieren.
Wenn das Kloster der erste Ort des Zölibats ist, so ist zu fragen, ob die lebenslange Enthaltsamkeit auch dem Weltpriestertum angemessen ist. Einigkeit besteht weitgehend darüber, daß der Zölibat für den Weltpriester nicht notwendig ist, auch wenn es durchaus eine innere Angemessenheit zwischen der Lebensform und dem geistlichen Amt gibt.
Daß der Vatikan sich so schwertut, die Zölibatsverpflichtung für die Weltpriester aufzuheben, obwohl die katholische Kirche in Geschichte und Gegenwart auch verheiratete Priester kennt, etwa in den unierten Ostkirchen oder in der Übernahme anglikanischer oder evangelischer Geistlicher, liegt an dem weiterhin stark verbreiteten Motiv der kultischen Reinheit „heiliger" Männer und Frauen. Ebenso wie die ersten Christen bei ihrer Mission griechische Denkmodelle benutzten, um das unerhört Neue der Christusbotschaft verständlich zu machen, so übernahmen sie auch eine Reihe jüdischer, griechischer und römischer Reinheitsvorstellungen, obwohl sie in die antike Gesellschaft eine neue Ethik und eine grundsätzlich neue Anthropologie einbrachten. Später verband sich der Reinheitsgedanke relativ rasch mit der Sakramentenlehre und mit magischen Vorstellungen der Volksfrömmigkeit. Die Wirksamkeit des Sakramentes, verstanden als Heilmittel, hing stark mit der Würdigkeit - genauer: mit der sexuellen Reinheit - des Priesters zusammen. „Zwar ist seit Augustinus eine theologische Klärung erreicht, derzufolge die Gültigkeit eines Sakraments unabhängig ist von der sittlichen Disposition und Lebensführung des Spenders, wenn es nur formgerecht vollzogen worden ist. Doch in der frühmittelalterlichen Welt stehen andere Kategorien an oberster Stelle", schreibt die Münsteraner Theologin Annette Höing in ihrer Doktorarbeit „Gott, der ganz Reine, will keine Unreinheit" (Oros-Verlag, 1999). Selbst Hildegard von Bingen (1098-1179), die naturwissenschaftlich und theologisch ihrer Zeit teilweise voraus war, greift beim Priestertum auf kultische Begründungen zurück. Im Stil einer Vision schreibt sie: „Daher will ich, daß meine Priester unberührt von irdischer Verunreinigung vor meinem Angesicht erscheinen. Denn wenn schon im Alten Testament den Priestern geboten wurde, sich der Berührung von Frauen zu enthalten, wenn sie an meinen Altar treten, so wurde das im Neuen Testament von meinen Priestern in ganz vollkommener Weise eingehalten. Wovor sich nämlich die alttestamentlichen in einer Stunde der Keuschheit hüteten, das sollen diese neutestamentlichen von früher Jugend an bis ins Greisenalter erfüllen. Und wenn ich von den alttestamentlichen kein vom Umgang mit Frauen beflecktes Opfer annehmen wollte, so wünsche ich in noch größerem Maße, daß die neutestamentlichen, die mit meinem Sohn umgehen, zur Keuschheit verpflichtet sind."
Ein Pfarrer ist kein Mönch
Gewiß: diese kultischen Begründungsmodelle werden heute nicht mehr vertreten und können vor der aufgeklärten Vernunft nicht bestehen. Doch ihr Erbe reicht leider über das Zweite Vatikanische Konzil hinaus. „Daß die Kategorie der ,Befleckung' noch in die Vorschriften des neuen Weltkatechismus eingegangen ist, zeigt sich daran, daß ,die Überlieferung der Kirche das sechste Gebot (Du sollst nicht die Ehe brechen) als auf die gesamte menschliche Geschlechtlichkeit bezogen verstanden hat'. Die entsprechenden Vorschriften sowie deren Einhaltung werden in einen auch kultisch verstandenen Horizont gestellt: ,Jesus ist gekommen, um die Schöpfung in der ursprünglichen Reinheit wieder herzustellen'", urteilt der Historiker und Theologe Hubertus Lutterbach. Wo immer sich magisches, kultisches oder moralisierendes Denken in die Begründung des Zölibats hineinmischt, ist dieser als christlich-religiöses Zeugnis bedroht.
In letzter Zeit ist häufig beklagt worden, daß die Pfarrgemeinden den Zölibat ihrer Pfarrer nicht mehr unterstützen. Das kann aber auch daran liegen, daß sie den Eindruck gewonnen haben, ihr Pfarrer habe seine Lebensform nicht frei gewählt. Gerade heute, wo Priester (wie übrigens auch Lehrer und Politiker) nicht so sehr als Autoritätspersonen wahrgenommen, sondern als Person geschätzt, aber ebenso auch hinterfragt werden, ist dies nicht gering zu achten. Die Gläubigen haben ein sehr feines Gespür. Niemand, der die Freistellung des Zölibats für Weltpriester fordert, wünscht sich ein spießbürgerliches und verbeamtetes Priestertum. Aber der Zölibat allein garantiert keine geistig bewegten und mitreißenden Geistlichen, zumal wenn er isoliert von den anderen beiden geistlichen Räten - der Armut und dem Gehorsam - aufrechterhalten wird. Und Pfarreien sind auch keine Gegenwelten wie etwa Klöster. Sie können und wollen dies auch nicht sein. Vielmehr sind sie Orte, an denen Christen aus dem Alltag heraus ihr Christsein leben und Gottesdienst feiern wollen. So braucht ein Pfarrer andere Charismen als ein Mönch. Dazu zählt nicht unbedingt die immerwährende Enthaltsamkeit.
Michael Schrom ist Redakteur von CHRIST IN DER GEGENWART
CIG 23/2002
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