69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017


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Jesus Gottessohn
Von Ludger Schenke
In CIG Nr. 37 ging es um die Frage, ob Christen Mohammed auch „Prophet“ nennen könnten. Der Verfasser des Johannesevangeliums ringt um das Bekenntnis seiner Gemeinde, wonach der irdische Jesus von Nazaret „Sohn Gottes“ ist, der einzige authentische Offenbarer Gottes. Über ihn hinaus oder neben ihm kann es keine „Propheten“ geben.

Zu welchem Zweck wurde das Johannesevangelium geschrieben? Auf welche Frage seiner Leser antwortet es? Welches Lernziel will es erreichen? Diese Fragen könnte man leicht so beantworten: Das Johannesevangelium will seinen Lesern vom Leben und Wirken Jesu erzählen. Aber so einfach ist es nicht, jedenfalls nicht in dem landläufigen und banalen Sinn einer Lebensbeschreibung.

Warum auch sollte dieser Text vom Leben Jesu erzählen, da es bei seiner Abfassung doch schon drei Lebensbeschreibungen Jesu gab, von denen der Evangelist wusste und sie wahrscheinlich sogar kannte? Das ist zwar nach wie vor umstritten und wird sich nie wirklich klären lassen. Meines Erachtens aber gibt es im Johannesevangelium Hinweise auf die synoptischen Evangelien und sogar Zitierungen daraus. Warum dann aber eine vierte Darstellung des Lebens Jesu, die dazu noch vollkommen verschieden von den schon vorhandenen ist?

Das Leben Jesu aufzuzeichnen, kann auch deswegen nicht die Absicht des Autors gewesen sein, weil er ausdrücklich darauf verzichtet, vollständig zu sein. Er bietet seinen Lesern nur eine Auswahl dessen, was Jesus getan hat: „Es gibt aber auch noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn es der Reihe nach aufgeschrieben würde, so könnte, glaube ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die dann zu schreiben wären“ (21,25). Der Verfasser muss mit der Auswahl einen anderen Zweck verfolgen. Der geht wohl aus seiner anderen Bemerkung hervor: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht in diesem Buch aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt: Jesus ist der Christus, der Sohn Gottes, und damit ihr als Glaubende Leben habt in seinem Namen“ (20,30f).

Wer waren die Leser?

Hier wird ein Lernziel formuliert. Die Leser sollen glauben, dass Jesus der Christus und eben der „Sohn Gottes“ ist. Wenn aber die Leser, was überaus wahrscheinlich ist, bereits Christen sind? Glauben sie denn dann noch nicht an „Christus, den Sohn Gottes“? Oder ist das Lernziel, dass die Leser durch die Schrift des Johannesevangeliums in einer ganz bestimmten Weise glauben, dass „Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist“? Liegt hier die Frage, auf die dieses Evangelium eine Antwort gibt?

Um weiter zu kommen, fragen wir, ob uns das Johannesevangelium etwas über die Situation seiner ersten Leser verrät. Jesus sagt ihnen in seiner Abschiedsrede ihre Gegenwart und ihre Zukunft voraus und deutet sie. Zwar werden die Jünger angesprochen, aber die Leser sind gemeint: Sie werden wie Jesus selbst von ihrer Umwelt gehasst und verfolgt werden. „Wenn die Welt euch hasst, so wisst: Mich hat sie vor euch gehasst… Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen, wenn sie mein Wort bewahrt haben, werden sie auch das eure bewahren… Aber das alles werden sie euch antun um meines Namens willen, weil sie den nicht kennen, der mich gesandt hat“ (15,18.21 vgl. 17,14; 16,20.22.33).

Weil Hass und Verfolgung die Leser um Jesu willen treffen, ist klar, dass sie Christen sind, sich zu Jesus bekennen. Aber sie sind auch Juden. Und ihre Umwelt sind jüdische Mitbürger und Religionsbehörden, die die Christusbekenner um ihres Glaubens willen aus der Synagoge ausschließen und sogar töten. „Sie werden euch aus der Synagoge ausschließen. Es kommt sogar die Stunde, dass jeder, der euch tötet, meint, einen Gottesdienst zu vollziehen“ (16,2).

Unbestreitbar ein Mensch

Auch die Jesuserzählung des Johannesevangeliums selbst stellt immer wieder diese Situation dar und kommentiert sie. Sie ist anachronistisch deshalb, weil die Maßnahme des Synagogenausschlusses nachweislich erst in den siebziger Jahren nach dem Jüdischen Krieg gegen „häretische“ Mitjuden angewendet worden ist und die Pharisäer als maßgebende Orthodoxie erst dann rechtliche Vollmachten besaßen. Tatsächlich werden also im Johannesevangelium Verhältnisse und Vorkommnisse geschildert, die so erst zur Zeit der Leser anzutreffen sind und wohl ihre Situation beschreiben.

Die Eltern des Blindgeborenen etwa geben den Pharisäern ausweichende Antworten, weil sie fürchten, aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden: „Das sagten seine Eltern, weil sie die Juden fürchteten. Denn schon hatten die Juden vereinbart: Wer ihn als den Christus bekennt, wird aus der Synagoge ausgeschlossen“ (9,22). Und die Szene mit dem Blindgeborenen endet so: „Jesus hörte davon, dass sie ihn hinausgeworfen hatten. Und er fand ihn und sagte: ‚Glaubst du an den Menschensohn?‘ Der Blinde antwortete: ‚Wer ist es, Herr, damit ich an ihn glauben kann?‘ Jesus sagte ihm: ‚Du hast ihn gesehen. Der mit dir redet, der ist es.‘ Der Blinde sagte: ‚Ich glaube, Herr!‘“ (9,35f).

Sogar zahlreiche hochgestellte Judenchristen scheinen aus Angst vor der Maßnahme des Synagogenausschlusses ihr Jesusbekenntnis verheimlicht, abgeschwächt oder sogar aufgegeben zu haben: „Gleichwohl glaubten doch viele von den Oberen an ihn, aber wegen der Pharisäer bekannten sie sich nicht dazu, um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden. Denn sie liebten das Ansehen bei den Menschen mehr als das Ansehen bei Gott“ (12,42f). Könnte es sein, dass auch in der christlichen Gemeinde das Jesusbekenntnis umstritten war und eine Spaltung ausgelöst hatte? Die Johannesbriefe könnten das nahelegen.

Die gegnerischen Juden werfen Jesus auf der Ebene der Handlung Gotteslästerung vor und wollen ihn deshalb töten. „Deshalb nun suchten die Juden umso mehr, ihn zu töten, nicht nur weil er den Sabbat auflöste, sondern auch weil er Gott seinen Vater nannte, und so sich selbst Gott gleich machte“ (5,18). „Nicht wegen eines guten Werkes wollen wir dich steinigen, sondern wegen Blasphemie. Obwohl du ein Mensch bist, machst du dich selbst zu Gott“ (10,33). Von Pilatus fordern sie seine Tötung: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, weil er sich zu Gottes Sohn gemacht hat“ (19,7; vgl. 8,53). Das entspricht freilich überhaupt nicht der historischen Situation. Nach unseren plausiblen historischen Erkenntnissen hat der historische Jesus nicht wie im Johannesevangelium von sich als „Sohn Gottes“ gesprochen. Insofern trifft der Vorwurf der Juden eher den Autor und seine Gemeinde, die so von Jesus sprechen.

Die Juden des Johannesevangeliums wissen sehr gut, dass Jesus aus Fleisch und Blut ist, dass er aus Nazaret stammt, also ein Galiläer ist (vgl. 7,27.41f.52): „Ist der nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kommt er dazu, zu sagen: Ich bin aus dem Himmel herabgestiegen?“ (6,42). Seine Mutter und seine Brüder treten als Handelnde auf. Und auch Pilatus stellt am Ende im Prozess gegen Jesus fest: „Seht da, der Mensch!“ (19,5). Weder Jesus noch der Autor des Johannesevangeliums bestreiten dieses Faktum, ja sie bestätigen es geradezu: „Wohl kennt ihr mich und wisst, woher ich bin“ (7,28). Ständig spricht Jesus von sich als dem „Menschensohn“ und bezeichnet damit seine irdisch-leibliche Erscheinung aus Fleisch und Blut (vgl. 1,51; 3,14; 6,27.53; 9,35; 12,32ff). Jesus ist also unbestreitbar ein Mensch.

Geist oder Fleisch?

Aber neben seiner irdisch-menschlichen Identität gibt es eine andere geistliche Identität Jesu, die auch Pilatus erahnt: „Woher bist du?“ (19,5). Denn es gilt: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (3,6). Und: „Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt gar nichts“ (6,63). Das gilt nicht nur für Jesus, sondern auch für jeden Glaubenden: „Ihr müsst von oben geboren werden! Der Wind weht, wo er will. Man hört seine Stimme, aber man weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist (3,7f). Im Prolog wird von denen, die zu den Seinen gehören, gesagt: „Denen jedoch, die Ihn aufnahmen, gab Er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die also nicht aus Blut und nicht aus Fleischeswillen und nicht aus Manneswillen gezeugt sind, sondern aus Gott“ (1,12f). Die Glaubenden sind also aus Gott „gezeugt“, obwohl sie eine Herkunft aus Fleisch und Blut haben. Gilt das von jedem Glaubenden, so erst recht von Jesus. Er ist der Geistträger schlechthin und somit „von oben“, „aus dem Himmel“ (vgl. 3,31; 8,23). Das bezeugt vor allen anderen schon Johannes der Täufer: „Ich habe gesehen: Der Geist kam wie eine Taube aus dem Himmel herab und blieb auf ihm. Auch ich kannte ihn nicht, aber der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, der sagte mir: Auf den du den Geist niedersteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit Heiligem Geist tauft. Und ich habe gesehen und kann bezeugen: Dieser ist der Sohn Gottes“ (1,32-34). Es reicht also nicht schon aus, Jesus als Lehrer, als Propheten, als Messias anzuerkennen, weil dieses Bekenntnis der irdisch-fleischlichen Sphäre verbunden bleibt. Das wahre Bekenntnis über Jesus muss weiter ausgreifen, will es seiner geistlichen Sphäre gerecht werden.

Es geht im Johannesevangelium also um die Frage, wie die geschichtliche Person und das Lebenswirken des Jesus von Nazaret beurteilt werden müssen, ob „dem Fleische nach“ (8,15) - das aber nützt nichts! - oder nach dem Geist, der die Wahrheit ist. Es geht also darum, die Erfahrung mit der geschichtlichen Gestalt des Jesus von Nazaret und seines Wirkens, wie sie dem Autor als dem wahren Zeugen (21,24) noch erinnernd vor Augen steht, in angemessener Sprache zu bezeugen und zu bekennen.

Jesu Wort ist Gottes Wort

Dem Autor gilt Jesus als der authentische Offenbarer Gottes, und zwar nicht nur als der letzte in einer langen Reihe von Boten und Propheten, sondern als der Einzige. Er allein kennt Gott und kann von ihm reden: „Denn: Keiner hat den Vater gesehen, außer dem einen, der vom Vater ist; er hat den Vater gesehen. Ihn kennt ihr nicht“ (6,46). „Ich kenne ihn, denn von ihm bin ich, und er hat mich gesandt“ (7,29). „Aber ihr habt ihn nicht erkannt, ich aber kenne ihn. Wenn ich sagte, ich kenne ihn nicht, wäre ich ein Lügner wie ihr“ (8,55).

Wenn er den Vater gesehen hat und kennt, dann muss er also „von oben“ sein, „aus dem Himmel“ stammen: „Der von oben kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, ist irdisch und redet Irdisches. Wer aus dem Himmel kommt, ist über allen. Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er, aber sein Zeugnis nimmt keiner an“ (3,31f). Jesu Zeugnis und Lehre stammen nicht aus ihm selbst, sondern er hat sie vom Vater empfangen. Seine Worte sind Gottes Worte, und nirgendwo anders kann man sie finden und hören, außer bei Jesus. „Denn der, den Gott gesandt hat, spricht die Worte Gottes; denn ohne Maß gibt er den Geist“ (3,34). „Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, er hat mir geboten, was ich sagen und reden soll“ (8,49). „Meine Lehre ist nicht die meine, sondern die Lehre dessen, der mich gesandt hat. Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er bezüglich der Lehre erkennen, ob sie aus Gott ist, oder ob ich aus mir selbst rede“ (7,16f). „Ich kann von mir aus nichts tun. So wie ich höre, urteile ich, und mein Urteil ist gerecht“ (5,30).

Mit dem letzten Zitat sind wir bei Jesu Wirken angelangt: Wort und Tat Jesu sind eins. „Wenn ihr den Menschensohn werdet erhöht haben, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und von mir selbst aus nichts tue, sondern was mich der Vater gelehrt hat, das rede ich“ (8,28.38). So wie Jesu Worte mit den Worten Gottes identisch sind, so auch seine Werke mit dem Tun Gottes. Wohlgemerkt: Es geht dem Autor immer um Botschaft und Tun des irdischen Jesus. In diesem wirkt Gott selbst. „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, außer dem, was er den Vater tun sieht. Was jener nämlich tut, das tut genauso auch der Sohn… Denn wie der Vater die Toten aufweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn, wen er will, lebendig (5,19.21).

Die Werke Jesu - das sind seine großen Zeichen, aber auch seine Lebenshingabe - sind ihm vom Vater aufgetragen, und er soll sie vollenden. „Aber ich habe ein Zeugnis, größer als das des Johannes: die Werke nämlich, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende. Eben diese Werke, die ich tue, zeugen über mich, dass der Vater mich gesandt hat“ (5,36). So wie man in Jesu Worten die Worte Gottes hören konnte, so konnten die Zeugen auch in Jesu Werken das Tun Gottes sehen. Jesus ist nicht nur das Werkzeug des Vaters, vielmehr gilt: „Die Worte, die ich euch sage, rede ich nicht aus mir. Vielmehr: Der Vater, der in mir ist, tut seine Werke“ (14,10f). In Jesus wirkt der Vater. Deshalb kann Jesus immer wieder darauf hinweisen, dass der Vater in ihm ist und er im Vater und dass er und der Vater eins sind: „Glaubt mir: Ich im Vater und der Vater in mir! Wenn aber nicht, so glaubt doch wegen der Werke“ (14,11). „Ich und der Vater sind eines“ (10,30).

Der Autor des Johannesevangeliums will zum Ausdruck bringen, dass Jesus über alles verfügt, was Gottes ist: „Alles Meine ist dein und das Deine mein“ (17,10). In dieser Ausdrucksweise liegt der Grund für den Einspruch der Juden gegen Jesus und das Bekenntnis des Autors und seiner Gemeinde. Und hierin liegt dann auch die Ursache für den Vorwurf Jesu gegen die nicht glaubenden Pharisäer: „Wäre ich nicht gekommen und hätte zu ihnen geredet, so hätten sie keine Sünde. Jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. Hätte ich nicht die Werke unter ihnen getan, die kein anderer je getan hat, dann hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie gesehen und haben gleichwohl gehasst, wie mich so auch meinen Vater“ (16,22-24). „Ihr kennt weder mich noch meinen Vater! Würdet ihr mich kennen, dann würdet ihr auch meinen Vater kennen“ (8,19). Wer offen ist für Jesu Wort und Werk, der muss erkennen, dass beides von Gott kommt (9,33).

All diese Überlegungen sind für den Autor wichtig, um das entscheidende Werk Jesu als heilswirkendes Tun Gottes zu deuten: sein Sterben. Schon Johannes der Täufer hatte darauf hingewiesen: „Da, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegträgt“ (1,29). Jesus selbst interpretiert seinen Lebensweg als Tat der Liebe Gottes zur Rettung der Welt: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einziggeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (3,16f). In seinem Sterben gibt er sein Fleisch hin für das Leben der Welt: „Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (6,51). Sein Sterben ist ein freiwilliger Tod: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es dann wieder zurückzunehmen. Niemand raubt es mir, sondern ich selbst gebe es freiwillig hin“ (10,17f).

Im Tod bringt Jesus Frucht in denen, die an ihn glauben: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (12,24). So ist sein Sterben sein größtes Werk, weil es Ausdruck der größten Liebe Gottes und Jesu ist: „Es gibt keine größere Liebe als die, dass einer sein Leben hingibt für seine Freunde“ (15,13). Er ist die Vollendung seines Wirkens auf Erden zur Verherrlichung Gottes und für das Leben der Glaubenden: „Vater, die Stunde ist gekommen! Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht, so wie du ihm Vollmacht gegeben hast über alle Menschen, damit er all denen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt“ (17,1f).

Wenn also das Wirken des Jesus von Nazaret in Wort und Tat Gott zum Ursprung hat, von Gott stammt, ja Gottes eigenes Heilswirken zur Rettung der Welt ist, dann darf der Mensch Jesus nicht „nach dem Fleische“ - in historischer Betrachtung - beurteilt werden. Dann ist er mehr als nur ein Mensch, der Irdisches redet und tut. Sondern von ihm muss im glaubenden Bekenntnis - in religiös-mythologischer Sprache - gesprochen werden: In ihm ist Gott selbst erschienen und hat gehandelt. Er ist die Erscheinung Gottes auf Erden, das einzige Bild Gottes, durch den der Vater gesehen wird. „Der Weg, die Wahrheit, das Leben bin ich. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich. Sobald ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und jetzt schon kennt ihr ihn und habt ihn vor Augen… Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen… Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir ist?“ (14,6ff). Anders als im Spiegel Jesu lässt Gott sich nicht schauen - noch nicht (vgl. 14,23; 16,27)! „Wer an mich glaubt, nicht an mich glaubt er, sondern an den, der mich gesandt hat, und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat“ (12,45f; vgl. 1,18).

Glauben wie Johannes und Marta

Diese Folgerung aus dem Wirken Jesu, wenn es mit dem Auge des Glaubens betrachtet wird, ist im Sinne Jesu und des Autors unausweichlich. Darum kann den nichtglaubenden Juden entgegengehalten werden: „Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: ‚Ich habe gesagt, ihr seid Götter‘? Wenn es jene Götter nannte, denen das Wort Gottes zuteilwurde, und wenn die Schrift nicht aufgelöst werden kann, wie könnt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: ‚Du lästerst Gott‘, weil ich gesagt habe: ‚Ich bin Gottes Sohn‘. Wenn ich die Werke meines Vaters nicht tue, dann glaubt mir nicht! Da ich sie aber tue, so glaubt, wenn schon nicht mir, doch den Werken, damit ihr erkennt und wisst: in mir der Vater und ich im Vater!“ (10,34-38).

Aber Jesus ist nicht selbst der Vater: „Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich“ (14,29). Der Vater ist „in ihm“. Und Gott ist nicht Jesus, aber Jesus muss als „Gottes Sohn“ bekannt werden. Nur so wird er nicht „nach dem Fleisch“ beurteilt, sondern „nach dem Geist“. Und aus diesem Geist muss die gesamte Christologie des Johannesevangeliums begriffen werden. Sie gilt dem Autor als die einzig angemessene Weise, die Gestalt und das Wirken des Menschen Jesus von Nazaret zu deuten. Diese Deutung geht auf das Zeugnis des „geliebten Jüngers“, des wahren Zeugen zurück, der beim Abschiedsmahl im Schoß Jesu lag (vgl. 21,24). Er hat seiner Gemeinde dieses Bekenntnis zu Jesus hinterlassen, das die jüdische Umwelt als Lästerung empfindet. Johannes der Täufer hat es den Glaubenden vorgesprochen (vgl. 1,29-34; 3,31-35). Marta hat es ausgesprochen: „Ja, Herr, ich bin zum Glauben gekommen: Du bist der Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist“ (11,27). Und beim Abschiedsgespräch haben es auch die Jünger begriffen: „Daran glauben wir: Du bist von Gott ausgegangen“ (16,30). Und schließlich, nach erstem Zweifel, bekennt auch Thomas: „Mein Herr und mein Gott“ (20,28).

Werden auch die Leser des Johannesevangeliums diese deutende religiös-mythologische Sprache erlernen und an diesem Bekenntnis in ihrer angefochtenen Situation festhalten? Um dieses Ziel zu erreichen, wurde das Johannesevangelium wohl geschrieben.

Ludger Schenke, Dr. theol., Professor für Neues Testament an der Universität Mainz; zum Johannesevangelium hat er u. a. einen Kommentar verfasst, der auch im Internet zu lesen ist (www.nt.kath.theologie.uni-mainz.de/279.php).


CIG 38/2014


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