69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. Juli 2017


Die Zukunft hat schon begonnen
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Adam - wer wirst du?
Von Amelie Tautor
Sein Forscherdrang hat den Menschen schon immer dazu getrieben, Neues auszuprobieren oder sich andere Welten vorzustellen. In der Science-Fiction sucht er Antworten auf die großen Fragen der Menschheit.

Was wäre wenn? Diese Frage hat die Menschen zu allen Zeiten beschäftigt. Was wäre, wenn unsere Welt anders wäre, als wir sie kennen? Wenn wir im Universum nicht alleine wären? Wenn wir durch die Zeit reisen könnten? Wenn es menschenähnliche Roboter gäbe? Mit viel Phantasie haben Schriftsteller und Drehbuchautoren Antworten auf diese Fragen gesucht, und jeder hat sich die mögliche Welt ein wenig anders ausgemalt. So ist mit Science-Fiction ein ungeheuer vielfältiges Genre entstanden. Hatten die frühen Werke noch den Ruf, nur von einem sehr speziellen Menschenschlag gelesen zu werden, so sind die Filme, Bücher, Comics und Groschenheftchen inzwischen massentauglich und fester Bestandteil des Hollywood-Repertoires. Als der mit Abstand erfolgreichste Film überhaupt - wenn man nach dem Umsatz geht - gilt „Avatar - Aufbruch nach Pandora“, ein Science-Fiction-Film des kanadischen Regisseurs James Cameron. Die Welt, in der „Star Trek“ von Gene Roddenberry spielt, hat mittlerweile sechs Serien, dreizehn Filme, unzählige Bücher und Computerspiele hervorgebracht. Und die „Star Wars“-Saga von George Lucas, deren jüngster Ableger „Rogue One: A Star Wars Story“ kürzlich in die Kinos kam, hat nebenbei ein ganzes Universum von Werbeartikeln geschaffen.

Doch Hollywood hat seine eigenen Gesetze, und die Konzentration auf spektakuläre Aufnahmen, Schlachten und Explosionen bildet nicht das ganze Spektrum ab. Zu Science-Fiction zählen - neben vielen anderen - auch „20?000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne, Fritz Langs Zukunftsversion „Metropolis“ aus dem Jahr 1927 und „2001 - Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick. Science-Fiction ist dem Wortsinn nach eine „erfundene Geschichte über Naturwissenschaft“. Darüber, wieviel Logik die Geschichten enthalten und wie nachvollziehbar die Technologien sein müssen, streiten sich Experten und Fans. In Science-Fiction verbinden sich Wissenschaft und Kunst, schreibt der britische Literaturwissenschaftler Adam Roberts in seinem Buch „The History of Science Fiction“ (Palgrave 2006). Die futuristischen Erzählungen spiegeln die Neugier des Menschen auf unbekannte Welten, aber auch die Angst vor dem Fremden. Sie werden getragen von düsteren Zukunftsvisionen oder optimistischem Fortschrittsglauben. Die neuen Technologien sind häufig nur Mittel zum Zweck, um elementare gesellschaftliche Fragen zu verhandeln. Was macht der technische Fortschritt mit uns Menschen und unserer Erde? Welche politischen Formen müssen wir finden, wenn die Globalisierung plötzlich auch andere Planeten umfasst? Wie gehen wir mit Robotern um, die uns immer ähnlicher werden?

Der Forschergeist hat die Menschen beständig dazu angespornt, Bekanntes zu verlassen und Neues zu wagen. Sonst wäre Christoph Kolumbus nicht aufgebrochen, um einen Seeweg nach Indien zu finden, und Heinrich Schliemann hätte nie Troja ausgegraben. Ebenso verhalten sich die Helden der Science-Fiction-Abenteuer. Professor Otto Lidenbrock, die Hauptfigur in Jules Vernes Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, steigt durch einen Vulkankrater bis ins Erdinnere. Die Wissenschaftler in Christopher Nolans Film „Interstellar“ erforschen den Weltraum, um neue Ressourcen für die vom Hungertod bedrohte Menschheit zu finden. „Die Motive, die zu den Weltraumexpeditionen im Film führen, haben oft reale Hintergründe. Neben dem allgemeinen Forschergeist, der sich in der Einleitung zu ‚Star Trek‘ noch als Suche nach ‚neuen Welten, neuem Leben und unbekannten Zivilisationen‘ bekannte, sind es später vorrangig wirtschaftliche oder politische Interessen, die eine Mission leiten“, schreibt Kristina Jaspers im Katalog zur aktuellen Ausstellung „Things to come“ der „Deutschen Kinemathek“ in Berlin. Unweigerlich treffen die Menschen auf ihrer Reise durch das All auf fremde Zivilisationen. Die Begegnung mit dem Fremden spielt in der Science-Fiction eine große Rolle. Entsprechend viel Platz räumt ihr die Ausstellung, die noch bis 23. April zu sehen ist, daher ein.

Die Begegnung mit außerirdischen Spezies hat auch weitreichende Folgen für die Identität des Menschen. Ist er im Universum nicht mehr allein, muss er sich seinen Platz in der Weltordnung neu suchen. „Die mögliche Existenz außerirdischen Lebens fordert den Menschen in sozialer, philosophischer und theologischer Hinsicht heraus, stellt sie doch seinen Platz als Krone der Schöpfung infrage“, überschreibt der Ausstellungskatalog das Kapitel über die Fremden.

Was bedeutet die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, wenn er nicht mehr das einzige vernunftbegabte Wesen ist? Hat Gott seinen Sohn nur auf unserer Welt Mensch werden lassen? Oder hat jede Welt ihren eigenen Erlöser und auch ihren eigenen Gott? Sind die anderen Welten von der Sündhaftigkeit nicht betroffen, sind sie gar das Paradies? Selbstverständlich könnten auch Außerirdische Gottes Ebenbild sein und eine Seele haben. Gottes Liebe reicht über die Erde hinaus, erklärte der Jesuit Guy Consolmagno, Astronom an der vatikanischen Sternwarte. Dass Außerirdische nicht von Adam abstammen, schließt sie nicht von der Gnade Gottes aus.

Trotz des „Glaubens“ an moderne Technologien ist Science-Fiction kein religionsfreier Raum. Zwar kommen etliche Filme ohne einen klaren Bezug zu Gott aus. In vielen anderen Werken gibt es dazu aber durchaus Überlegungen. Wo - wenn nicht in den Weiten des Weltalls - ist Raum für transzendente Erfahrungen? Einige Hauptfiguren - ob Menschen oder Außerirdische - glauben an einen Gott (oder eine Göttin oder mehrere Götter), andere sind strenge Atheisten. Manche der Wesen haben gottgleiche Kräfte. Sie können mit einem Fingerschnippen durch Raum und Zeit reisen oder Menschen vom Tod zurückholen.

Auch der Mensch wird in den Erzählungen zum Schöpfer. So erfand die Autorin Mary Shelly mit ihrer Erzählung „Frankenstein“ eine der einflussreichsten Science-Fiction-Geschichten dieser Stilrichtung. Ein junger Wissenschaftler erschafft ein menschliches Wesen und erweckt es zum Leben. „Eine neue Art von Menschenwesen würde mich als ihren Schöpfer preisen“, sagt der Wissenschaftler im Roman. An der Verantwortung, die er für seine Schöpfung hat, scheitert er aber zuletzt.

„Den Menschen hat es nie an Phantasie gemangelt, sich das Schreckliche auszumalen, das Andere, das Unbekannte aus der Fremde. Die alten Visionen tauchen in Ansätzen und Varianten immer wieder auf, gerade im Science-Fiction-Film, und bedienen sich dabei vielfach im Tierreich“, schreibt der Filmwissenschaftler Rolf ­Giessen im Katalog. So gibt es Lebewesen, die sich kaum vom Menschen unterscheiden, aber auch Arten, die eindeutig nicht von der Erde stammen. Es finden sich insektenähnliche Kreaturen, haarlose Wesen mit großen Augen, Bakterienstämme, Energiewolken, Schleimmonster und nicht zuletzt Mensch-Maschinen-Hybriden.

Die fremden Wesen bieten „eine Projektionsfläche für unbewusste (und bewusste) Ängste. Ein Reflex zum Schutz des Eigenen? Oder die Abwehr gegen das Fremde in uns selbst?“ Das Aufeinandertreffen mit den außerirdischen Lebensformen geschieht unter ganz verschiedenen Vorzeichen. „Ist eine Verständigung, eine Annäherung überhaupt möglich? Zuweilen dominiert die Neugier, eine fremde Lebensform studieren zu können, auf beiden Seiten, doch meist bestimmen kämpferische Auseinandersetzungen den Beginn - und damit oft auch das Ende - der Beziehungen“, beobachtet die Kuratorin der Berliner Ausstellung, Kristina Jaspers.

Houston, wir haben ein Problem

Die Neuankömmlinge sind nur selten so harmlos wie etwa der heimwehkranke E.?T. oder Alf, dessen größter Konflikt mit seiner Gastfamilie darin besteht, ob Katzen gegessen werden dürfen oder nicht. In vielen Filmen wie „Krieg der Welten“ oder „Independence Day“ drohen überlegene Außerirdische, die ahnungslose Menschheit zu vernichten. Die Erdenbewohner setzen sich verzweifelt gegen die Angreifer aus dem All zur Wehr. Zumeist gipfelt der ungleiche Kampf in einer alles entscheidenden Schlacht Gut gegen Böse, wir gegen die.

Im Science-Fiction-Horrorfilm „Alien“ infiziert sich die Besatzung eines Raumschiffs mit einer fremden Art. Die Kreaturen benutzen die Menschen als Wirt und befreien sich dann blutig aus ihnen. Plötzlich ist die Gefahr nicht mehr „da draußen“. Ob die Menschen befallen sind, sieht man ihnen nicht an, die feindlichen Außerirdischen können in jedem lauern. Die Grenze zwischen „Wir“ und „Die“ verschwimmt. „Jede Gesellschaft baut sich ihr eigenes ‚Alien‘, jedes Individuum konstruiert für sich eine andere Form des ‚Fremden‘. Ein Phänomen, das die Philosophie seit Aristoteles und die Psychoanalyse seit Freud beschäftigt. Es scheint schlichtweg ehrlich, zuzugeben, dass in jedem dieser Entwürfe des Anderen auch immer ein gutes Stück des Urhebers selbst zu finden ist. Das Fremde ist ein Teil von uns - und vice versa“, so der Filmwissenschaftler Tim Lindemann.

Es geht jedoch auch anders: „Die gemischt-rassischen Crews in der ‚Star-Wars‘-Saga und in ‚Star Trek‘ haben es bereits vorgemacht. Die interspezifische Verständigung im extraterrestrischen Raum ist möglich“, erklärt Kristina Jaspers. In beiden Universen gibt es Allianzen und Feindschaften zwischen Völkern, Rassismus und humanitäre Hilfe sowie Gesetze und Organisationen, die das Zusammenleben regeln. In „Star Trek“ übernimmt die Vereinte Föderation der Planeten als eine Art interplanetare Uno diese Aufgabe. Die Oberste Direktive der Föderation schreibt vor, dass sich Raumschiffe der Föderation nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Völker einmischen dürfen, vor allem dann nicht, wenn es um technologisch rückständigere Zivilisationen geht. Auf der Brücke des Föderationsraumschiffs „Enterprise“ arbeiteten Schwarze, Weiße, Asiaten, Russen (und Vulkanier) zusammen, lange bevor so etwas in der Realität möglich war. Im „Star Trek“-Universum ist die Idee des Kosmopolitischen verwirklicht.

In „Star Wars“ schien es zunächst ähnlich zu sein. Der Galaktische Senat herrschte parlamentarisch über das Universum, bis der Kanzler die Macht ergreift und die Republik in ein Imperium umwandelt, mit ihm als Imperator. Die neue Ordnung zielt auf die menschliche Hochkultur ab. Unterdrückung, Ausbeutung und Völkermorde an nichtmenschlichen Lebewesen vervollständigen das Bild vom Fall einer Demokratie.

Nach Hause telefonieren

In vielen Filmen herrscht jedoch die Angst der Menschen vor dem Fremden vor und führt zu einer voreiligen Abwehrreaktion. Sowohl Alf als auch E.T. - beide Wesen werden als harmlos und letztlich liebenswert beschrieben - müssen sich verstecken. Zu groß ist die Sorge, die Regierung könnte die Außerirdischen jagen, einsperren und mit ihnen Experimente durchführen. Der Film „District 9“ des südafrikanischen Regisseurs Neill Blomkamp geht noch weiter. Als ein Raumschiff über der Erde erscheint, brechen die Menschen es auf und internieren die insektenähnlichen Außerirdischen in Lagern. „District 9“, so der Name der Anlage, entwickelt sich schon bald zu einem Slum, in dem eine private Sicherheitsfirma die fremden Wesen in Experimenten missbraucht, um die außerirdische Waffentechnik zu verstehen. In „Avatar“ sind es schließlich die Menschen, die ein friedliebendes außerirdisches Volk überfallen, um an die Rohstoffe zu gelangen, die jene hüten.

Sehr zwiespältig ist in der Regel auch das Zusammenleben mit Robotern. Sie werden den Menschen immer ähnlicher und werfen daher Fragen nach der Grenze zwischen Mensch und Maschine auf. Das Motiv der künstlichen Menschen tauchte schon relativ früh auf. 1816 schrieb der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann in seiner Erzählung „Der Sandmann“ von einem jungen Mann, der sich in Olimpia, eine automatisierte Holzpuppe, verliebt. Als er erkennt, dass er getäuscht wurde, wird er wahnsinnig. Einfache Automaten gab es im frühen 19. Jahrhundert schon. Als die Welt immer komplexer wurde, wurden es auch die Maschinen. Die Computer beherrschen heute immer größere Teile der Welt - in der Science-Fiction-Literatur ist das nicht anders. Sind die beiden bekannten „Star Wars“-Roboter C3PO und R2D2 noch eindeutig als Maschinen erkennbar und für eine bestimmte Aufgabe entworfen worden, so ist das bei Data, dem Androiden aus „Star Trek“, schon nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar. Er „weiß“ zwar, dass er kein echter Mensch ist, lotet die Grenzen seines „Maschine-Seins“ aber immer weiter aus. Sein größter Wunsch ist es zu verstehen, was Humor ist. Viele Roboter haben menschliche Züge, wie etwa HAL, der psychisch kranke Computer aus „2001 - Odyssee im Weltraum“, der Amok läuft und kurz vor seiner Deaktivierung bekennt: „Ich habe Angst.“ Der Film „A.?I. - Künstliche Intelligenz“ von Stephen Spielberg handelt von David, einem Roboter, der gebaut wurde, um Menschen zu lieben. Er soll einem Ehepaar den Sohn ersetzen, der todkrank im Koma liegt. Der leibliche Sohn wird aber wieder gesund, und David ist überflüssig. Er wird im Wald ausgesetzt und sucht wie Pinocchio verzweifelt eine gute Fee, die ihn in einen richtigen Jungen verwandelt. So will er die Liebe seiner Mutter zurückgewinnen.

Der Neurobotik-Forscher Manfred Hild sagt voraus: „Der Roboter ist vielleicht die nächste große Sklavengeneration … Roboter sind unsere Knechte. Sie sind so konzipiert, sie sollen das tun, was wir wollen, intelligent, aber nicht so intelligent, dass sie ihren eigenen Willen durchsetzen. Das ist eine moderne Form der Versklavung … Wir müssen uns immer fragen: Wer baut die Roboter und warum?“

Du sollst nicht töten

Um die Roboter in Schach zu halten, entwarf der Schriftsteller Isaac Asimov in seiner Kurzgeschichte „Astounding“ drei Regeln. Die Maschinen dürfen keinen Menschen verletzen. Sie müssen den Menschen gehorchen, es sei denn, sie würden dann die erste Regel verletzen. Sie müssen sich selbst beschützen, es sei denn, sie würden dazu einen Menschen verletzen oder einen Befehl missachten. Diese drei Robotergesetze sind reine Fiktion, werden aber von einem Science-Fiction-Werk zum nächsten weiterzitiert. In „I, Robot“ werden Roboter in vielen Bereichen des Alltags eingesetzt. Die drei Regeln sind jedem eingegeben. Nachdem ein Mann tot aufgefunden wird, verdächtigt der Polizist Del Spooner den Roboter Sonny. Weil der Roboter einen Menschen aber gar nicht töten könnte, glaubt niemand Spooner. Es stellt sich heraus, das Sonny als einziger seiner Baureihe entscheiden kann, ob er sich an die Richtlinien hält. Der Zentralcomputer plant dagegen, die gesamte - kriegführende und umweltzerstörende - Menschheit zu entmündigen. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass nur so die Menschen sich vor sich selbst beschützen lassen und dass nur so die erste Regel vollständig eingehalten wird.

Auch in „Matrix“ übernehmen die Maschinen die Herrschaft über die Menschen und die Erde. In einem Krieg gegen die Maschinen haben die Menschen die Sonne verdunkelt, um den Robotern die Energiequelle zu nehmen. Diese beginnen daraufhin, die Menschen zur Stromgewinnung zu nutzen und in riesigen Fabriken auszubeuten. Die Matrix, ein gigantisches Computerprogramm, wird den Menschen als Realität vorgespielt, um sie ruhig zu halten. Der ursprüngliche Plan der Maschinen sah vor, den Menschen eine paradiesische Welt ohne Schmerzen und Tod zu simulieren, es stellte sich aber heraus, dass der Mensch mit dieser Utopie nicht klarkommt. So entsteht die Version, die unserer Realität gleicht. Nur einige wenige Menschen befinden sich außerhalb der Matrix in der wirklichen post­apokalyptischen Welt und kämpfen gegen die Maschinen.

Auch die Gestaltung der Gesellschaft der Zukunft wird häufig in Science-Fiction behandelt. In den meisten Fällen zeichnen die Autoren das Bild einer Dystopie, einer Gesellschaft, in der sich für die Menschen vieles zum Schlechteren gewandelt hat. Einen der Klassiker hat der britische Schriftsteller Aldous Huxley 1932 entworfen. In seiner „Schönen neuen Welt“ werden die Menschen künstlich gezüchtet und schon vor der Geburt in Kasten eingeteilt. Die Gesellschaft funktioniert perfekt. Der Weltstaat ist zwar totalitär, aber kaum gewalttätig. Mittels Konditionierung und der Droge Soma wird sichergestellt, dass die Menschen nichts hinterfragen. Der freie Wille existiert nicht mehr. Wer mag, findet hier eine Blaupause für die europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Der südafrikanische Regisseur Neill Blomkamp treibt in seinem Film „Elysium“ die Spaltung in Arme und Reiche auf die Spitze. In seiner fiktiven Welt sind die Reichen schon lange ausgewandert und leben auf der Raumstation Elysium, der „Insel der Seligen“, hoch über der Erde. Die Armen arbeiten für sie in den Fabriken auf der Erde, die sich in einen riesigen Slum verwandelt hat. Für die reichen Menschen sind Krankheit, Alter und Tod durch die medizinische Versorgung obsolet geworden. Die Arbeiter altern und sterben wie eh und je.

Die Wahrheit ist da draußen

Mit den Themen, die sie aufgreifen, spiegeln die Science-Fiction-Bücher und - Filme auch immer den Horizont ihrer Entstehungszeit. Fritz Lang schildert in den dreißiger Jahren mit „Metropolis“ eine Gesellschaft, die den Kapitalismus aus der Sicht des Marxismus zeigt. Die Menschheit ist in zwei Klassen gespalten, eine beutet die andere aus. Die Arbeiter erkennen keinen Sinn in ihrer Fließbandtätigkeit. Maria, eine Vermittlerin, soll die beiden Welten miteinander versöhnen. Ein falscher, mechanischer Messias führt die Welt dagegen in die Apokalypse. Dieses Szenario entspringt der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Weimarer Republik. Die Arbeiter könnten im Marxismus ihre Freiheit finden, verfallen aber einem falschen Führer.

In der Hoch-Zeit des Kalten Kriegs 1983 kam „WarGames“ in die Kinos. In diesem Film überträgt das amerikanische Militär die Kontrolle über die Atomwaffen einem lernfähigen Computer. Als dieser die Welt an den Rand eines nuklearen Kriegs zwischen Amerika und der Sowjetunion führt, gelingt es einem Teenager, dem Computer das Spiel „Tic Tac Toe“ beizubringen. Bei diesem Spiel kommt es immer dann zu einem Unentschieden, wenn beide Spieler optimal spielen. So lernt der Computer, dass es Spiele gibt, die keinen Sieger haben, und wendet dieses neue Wissen auf den Nuklearkrieg an. Er erkennt, dass auch dieses „Spiel“ keinen Sieger haben wird, und bricht den Angriff ab.

Wieder anders stellt sich die erdachte Realität in „Avatar“ dar. Der Film, der 2009 in die Kinos kam, zeigt eine Menschheit, die ihren ungeheuren Ressourcenverbrauch nur durch die rücksichtslose Ausbeutung anderer Völker stillen kann. Der Raubbau an der Erde ist sicherlich eine Tatsache der Gegenwart.

Science-Fiction handelt zwar von ausgedachten Geschichten, kann sich zugleich aber nicht völlig von der Realität lösen. Ungeachtet der weitreichenden menschlichen Phantasie, können die Autoren nur das erzählen, was sie sich vorstellen können. Die frühesten Science-Fiction-Autoren finden sich schon in der Antike. Lukian von Samosata schildert etwa im 2. Jahrhundert in seinen „Wahren Geschichten“ eine Schiffsreise, bei der das Schiff von einem Wirbelsturm erfasst und auf dem Mond abgesetzt wird. Nach der Begegnung mit dem König des Mondes, der Krieg gegen den König der Sonne um den Morgenstern führt, steuert der Held sein Schiff wieder zurück auf die Erde.

In dieser Zeit gingen die Menschen davon aus, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums stände. Zu ihrer Sphäre gehörten noch der Mond und die Sonne, alles andere, was weiter draußen ist, gehöre jedoch in die Sphäre des göttlichen Himmels. Die Menschen konnten sich zwar eine Reise zum Mond vorstellen, ein Besuch bei weiter entfernten Sternen wäre aber Gotteslästerung gewesen. Daher ist das Mittelalter, das ebenfalls von diesem Weltbild beherrscht wird, eher eine Zeit der phantastischen Geschichten und religiösen Erzählungen. Erst mit der Wiederentdeckung der Wissenschaft und ihrer zunehmenden Vielfalt in der Aufklärung kam Science-Fiction zurück.

Die Entdeckungen der Realität beeinflussen auch die erdachte Literatur und die Filme. „Solange noch keine Raumsonde Bilder von fernen Planeten geliefert hatte und kein Raumfahrer persönlich Bericht erstattete, konnten Filmemacher das Weltall als freien Imaginationsraum nutzen“, bestätigt Kristina Jaspers. Georges Méliès beschreibt den Mond in seinem Film „Die Reise zum Mond“ als mit sonnenschirmgroßen Pilzen bewachsen. „Doch 1969 verlor auch die Film-Raumfahrt mit der Mondlandung ihre naive Unschuld und ein wenig die freie Assoziation. Hinter die realen Aufnahmen konnte nun niemand mehr zurücktreten“, so Jaspers. Vieles von dem, was sich frühe Autoren ausgedacht haben, ist heute in greifbare Nähe gerückt oder sogar möglich. War für Jules Verne ein U-Boot wie die „Nautilus“ noch Zukunftsmusik, gibt es das heute schon, wenn auch mit einem anderen Antrieb. Ein Film über die Mondfahrt ist nicht mehr Science-Fiction, sondern nur noch Dokumentation. Die einst futuristisch wirkenden Leuchtfelder auf den Bildschirmen, mit denen sich in den sechziger Jahren das „Raumschiff Enterprise“ bedienen ließ, sind heute Standardtechnik in jedem Smartphone. Der nächste große Meilenstein wird wohl eine Reise zum Mars sein. Ist sie heute noch ein beliebtes Thema der Science-Fiction, könnte sie morgen schon Realität werden.

Zeitreisen, obwohl ein beliebtes Motiv entsprechender Autoren, sind dagegen immer noch nicht möglich. Wie die Menschen in die Vergangenheit gelangen, ist unterschiedlich. H.?G. Wells entwickelte dafür in seinem Film eine „Zeitmaschine“, die es ermöglicht, mit Hilfe von Kristallen durch die vierte Dimension zu reisen. Auch in „Zurück in die Zukunft“ braucht es dafür einen speziellen Apparat. Der Held Marty reist mit einem Sportwagen, weil nur dieser die erforderliche Sprunggeschwindigkeit von 140 Kilometern pro Stunde schafft. Bei dieser Geschwindigkeit kann der eingebaute „Fluxkompensator“ den Zeitsprung einleiten. Wie die Maschinen genau funktionieren, wird nicht recht deutlich.

Energie!

Anders beim „Raumschiff Enterprise“. Dort haben die Zeitsprünge mit Teilchen namens „Tachyonen“ zu tun, schreibt Metin Tolan, der Dortmunder Professor für Experimentelle Physik in seinem Buch „Die Star Trek Physik“ (Piper 2016). Als Tachyonen werden Teilchen bezeichnet, die sich schneller als das Licht bewegen. Wenn man die Formel der Relativitätstheorie anwendet, „können Teilchen, die sich mit Überlichtgeschwindigkeit bewegen, nicht existieren … Das war das kosmische Tempolimit. Wenn man aber einmal andersherum die Existenz von Teilchen annimmt, die schneller als das Licht sind, und dies in die Formeln der Speziellen Relativitätstheorie einsetzt, ergeben sich recht merkwürdige Eigenschaften solcher Tachyonen.“ Sie hätten zum einen eine imaginäre Masse, zum anderen würde ihre Energie bei ansteigender Geschwindigkeit abnehmen, was bei „normalen“ Teilchen ge­nau andersherum sein müsste. Die wich­tigste Eigenschaft wäre aber, dass sie sich rückwärts in der Zeit bewegen. „Das hätte allerdings enorme Konsequenzen, denn damit würde die Kausalität von Ereignissen verletzt werden. Mit anderen Worten, die Wirkung, die man an einem Ort spürt, ereignet sich vor der Ursache, die an einem anderen Ort für diese Wirkung verantwortlich war. So etwas kann man sich nur sehr schwer vorstellen, und hieraus ergeben sich jede Menge logischer Paradoxa … Wir können aber festhalten, dass Tachyonen in der Tat hervorragend dazu geeignet wären, Zeitparadoxa auszulösen … Nun ist es aber so, dass Tachyonen in der Physik noch nie beobachtet wurden.“ Eine Zeitreise in die Zukunft wäre laut Tolan aber relativ einfach möglich. Um in der Zeit eine nennenswerte Distanz zu überbrücken, müsste man sich nur mit Lichtgeschwindigkeit von der Erde weg bewegen und dann wieder zurückkommen. Physikalisch wäre das machbar, nur technisch fehlt noch ein entsprechender Antrieb.

Das zeigt, dass sich auch die Wissenschaft von Science-Fiction durchaus beeinflussen lässt. Der amerikanische Philosoph Paul Feyerabend ging etwa davon aus, dass die beste Art der Forschung anarchisch ist. Durch das freie Nachdenken über Theorien - seien sie auch noch so ab­strus - werde sich am Ende die beste Theorie herausbilden. Denken in gleichgerichteten Bahnen werde dagegen keine großen Gedanken hervorbringen. An manchen Stellen werden Ideen aus Science-Fiction zu Selbstläufern, die schließlich in der Realität ankommen. Dies zeigt sich etwa bei den schon erwähnten Robotergesetzen von Isaac Asimov. In der Debatte um autonomes Fahren taucht die Frage auf, ob ein Auto in einer Konfliktsituation besser in eine Mauer rasen und den Fahrer töten soll, als in eine Gruppe Fußgänger zu treffen. Darf ein Fahrzeug überhaupt „entscheiden“, wen es tötet?

Auch die Filmtechnik hat sich mit dem wachsenden Interesse an Science-Fiction weiterentwickelt. Seit den sechziger Jahren sehen mehr Menschen Science-Fiction, als dass sie solche Werke lesen, erklärt Adam Roberts in seinem Buch „The History of Science Fiction“. Diese Gattung wird visueller, bildgewaltiger. „Das Science-Fiction-Genre im Film ist fast immer gezwungen, mit Tricks zu arbeiten, um dem Publikum den Anblick ungewohnter Verhältnisse zu verschaffen, das noch nie Erlebte in einer ‚demonstratio ad oculos‘ vor Augen zu führen. Das Publikum erhebt offensichtlich Anspruch darauf, von der Gegenständlichkeit der fernen und fremden Welt überzeugt zu werden, als müsse deren Realität unter Beweis gestellt werden - als gäbe es sie wirklich. Also braucht es Schminke und Maskenbildnerei, Einzelbildaufnahmen mit beweglichen Puppen, gemalte Hintergründe. Auf- und Rückprojektionen, Simulationseffekte aller Arten, die uns Abbilder von Dingen verschaffen, die so, wie wir sie sehen, gar nicht vorhanden sind: Modelle von kleinem Umfang erscheinen plötzlich als Riesenbauten … Was in den 1950er Jahren oft noch mit Hilfe simpler Tricktechniken zustande kam, wird heute durch raffinierte Digitalbearbeitung der Bilder erreicht“. So beschreibt Thomas Koebner in seinem Überblickswerk „Filmgenres: Science Fiction“ (Reclam 2003) die Ausweitung der Möglichkeiten. Wurde in der Anfangszeit von „Star Trek“ noch ein Modellraumschiff durch die Kulissen geschoben, sind große Teile des Films „Avatar“ im Computer erschaffen. Viele Filmcrews lassen sich von Experten wie Professoren oder Mitarbeitern der NASA beraten, um möglichst nah an der Realität zu sein - zumindest scheinbar.

Lebe lang und in Frieden

Statt einzelner Filme oder Bücher erschaffen viele Autoren heute „Mega-Texte“, ganze Universen, die nicht mehr nur das Fernsehen bedienen, sondern sich über verschiedene Medien erstrecken. Es gibt zu einer Geschichte eine Vielzahl von weiteren Erzählungen, Kinofilmen, Fernsehserien, Büchern, Comics, Computerspielen und Kunstwerken. Das Genre hat auch eine riesige Fan-Gemeinde hervorgebracht, die wohl die „größte und aktivste Literaturgemeinschaft der Welt“ ist, vermutet Roberts. Die Fans tauschen sich auf Konferenzen aus, prüfen die Logik der Filme auf Herz und Nieren und katalogisieren ihr Wissen im Internet.

Science-Fiction entspringt zwar der Phantasie der Menschen, kann aber die Realität beeinflussen. Wir können testen, wie unsere Zukunft aussehen soll. Auf fremde Wesen lassen sich unsere Ängste und Hoffnungen besonders leicht projizieren. Adam - wer bist du? Adam - wer wirst du? Gedankenexperimente bringen uns dem Kern des Menschseins näher. Es ist mit allem zu rechnen - auch damit, dass sie eines Tages Wirklichkeit werden.

CIG 1/2017


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