69. JAHRGANG 2017      WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DE          Freiburg, 26. März 2017


Bodenlos
Von Gotthard Fuchs
Die Aussaat im Garten beginnt allmählich, das Graben und Pflanzen. Der unmittelbare Kontakt mit Mutter oder Schwester Erde ist eine elementare Erfahrung von Bodenständigkeit. Nicht zufällig gehört die Fruchtbarkeit der Erde seit der Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit zu den religiösen Urerfahrungen. An Saat und Ernte hing das Überleben. Lange Zeit wurde das lateinische Wort für Mensch (homo) von Erde abgeleitet (humus). Schon im He­brä­ischen hängt adam (Mensch) zusammen mit adama (Erde). So geerdet, so irdisch sind Mensch und Welt. „Wir selbst sind Erde“, schrieb Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“. Deshalb sei die fortschreitende Verödung des Bodens „so etwas wie eine Krankheit für jeden Einzelnen“ - und für die Weltgemeinschaft.

Die deutschen Bischöfe erschließen in ihrem Text „Der bedrohte Boden“ die Problemlage treffend. Guter Erdboden ist bekanntlich für die Ernährung immens wichtig, aber beispielsweise auch für die Grundwasserneubildung und die Regulierung des Klimas. Nicht vergessen sei der Lebensraum für Tiere und Pflanzen. „In einer Handvoll Erde befinden sich mehr Lebewesen, als Menschen auf der Erde leben“, heißt es. Von der Schönheit grüner Kulturlandschaften wäre zudem eigens zu reden. Aber für diese wunderbare, nicht erneuerbare Ressource Erdboden besteht höchste Gefahr: Versalzung, Versteppung, Schadstoffeinträge wie Nitrate und Pestizide, Versiegelung durch wild gewordenen Siedlungs- und Straßenbau tun ihr zerstörerisches Werk. Ein Viertel der globalen Bodenfläche hat schon einen extrem geschwächten Humusgehalt oder lässt sich gar nicht mehr als Ackerland nutzen. Von den vielen Ursachen für die fortschreitende Erdzerstörung ist unter anderem der Fleischkonsum zu nennen. Pro Bundesbürger verschlingt die Viehwirtschaft jedes Jahr über ein Hektar Fruchtland und wandelt es in Weidefläche und Anbaugebiet für Futtermittel, hierzulande meist ausgelagert in andere Länder. Investitionsspekulation und Besitzgier tun dazu das Übrige.

Ob Indianerweisheit, ob biblische Basisüberzeugung oder sonstige authentische Spiritualität: Der Mensch gerät wortwörtlich ins Bodenlose, wenn er derart selbstherrlich den Haushalt von Mutter Erde zerstört. Denn die Erde ist eine Leihgabe, „das Land ist unveräußerlich“ (Lev 25,23) - und die Weltelemente sind spirituelle Lehrmeister von Rang, wie die Benediktinerin Hildegard von Bingen einschärft. In den biblischen Sabbatordnungen ist nachdrücklich die regelmäßige Schonung und Entlastung nicht nur von Mensch und Tier, sondern auch von Böden göttlich geboten, damit sie „zu Atem kommen“ (Ex 23,12). Entsprechend ist nach kirchlicher Lehre das Recht auf Privateigentum „nie als absolut und unantastbar“ zu betrachten; das Gemeinwohl ist entscheidend, die Bestimmung der Güter für alle. Wer für sich gar „heiliges Land“ auf Kosten anderer beansprucht oder beschlagnahmt, tut schweres Unrecht. Denn „ein Leben in Ehrfurcht vor Gott bringt tatsächlich großen Gewinn, man kann sich - was irdischen Besitz betrifft - mit wenigem zufriedengeben“ (1 Tim 6,6). Immer noch könnten Alltag und Welt ein Paradies sein, wenn die Menschen nur solidarischer teilten und die Rahmenbedingungen des globalen Lebenshauses (oikos) beachteten: Oikumene und Ökologie gehören nicht nur sprachlich zusammen. Nie zu vergessen, dass und wie erdnah der Kleinbauer aus Nazaret vom gegenwärtigen Gott handelte: „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“, und genau darin Gottes Wirken, dem es durch Umdenken zu entsprechen gilt.

Gotthard Fuchs, Dr. phil., Priester und Publizist, Wiesbaden, Veröffentlichungen zu Theologie, Spiritualität und Religionspädagogik.
CIG 13/2017

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