69. JAHRGANG 2017      WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DE          Freiburg, 28. Mai 2017


Ein’ feste Burg war im Luther-Land
Von Christian Heidrich
Wittenberg, Eisleben, Mansfeld - diese Orte haben das kollektive kulturelle Gedächtnis hierzulande stark geprägt. Eine Reise im Jahr des Reformationsjubiläums.

In der Gästezeitung des Hotels „Graf von Mansfeld“ in Eisleben wird am Osterdienstag als „Spruch des Tages“ Wilhelm Busch geboten: „Manche Wahrheiten sollen nicht gesagt werden, manche brauchen nicht, manche müssen es.“ Das ist so banal wie alltagstauglich und durchaus im Sinne von Martin Luther: „Die Zeit des Schweigens ist vergangen, und die Zeit zu reden ist gekommen“, sagte der Reformator im Scharnierjahr 1520 in Anspielung auf das biblische Kohelet-Buch mit dem berühmten Leitvers „Alles hat seine Zeit“.

Wir sind in Sachsen-Anhalt, im Luther-Land, wo vor 500 Jahren ein gewaltiger Umbruch der abendländischen Geschichte anhob. Dabei gilt der Satz des Theologen Friedrich Wilhelm Graf: „Am Anfang war Martin Luther.“ So ist es kein Wunder, dass sich der Besucher zumindest in den ersten Stunden in Eisleben von jeder Erwähnung des Reformators ansprechen und herausfordern lässt: „Luther Apotheke“ oder „Luther’s Mode-Stübchen“ - geschenkt. Auf der Höhe der Zeit aber ist das Luther-Schaufenster der örtlichen Buchhandlung.

Neben dem üblichen Schnickschnack und einem Luther-Buch des im Osten Deutschlands unvermeidlichen Kabarettisten Uwe Steimle stellt es auch die gewichtigen Studien von Lyndal Roper oder Thomas Kaufmann aus. Gut so! Und die Plakate des „Kulturwerks Mansfeld-Südharz“ machen neugierig, wenn sie auf Theaterproduktionen wie „#Thesen 9.5“, „Gottes Narr und Teufels Weib“ oder „In Gottes eigenem Land“ verweisen. Dass am Ende des Monats die „Große Bühne“ für die „Jugendweihe 2017“ reserviert ist, darüber will man nicht mehr staunen. Es ist eine sattsam bekannte Tatsache, dass gerade im Stammland der Reformation nach zwei Diktaturen und den darauffolgenden Wandlungen eine einzigartige religiöse Abbruchgeschichte stattfand, eine Verwüstung herrscht. Mehr als achtzig Prozent der Bewohner gehören keiner christlichen Gemeinschaft an. So werden eben „humanistische“ Initiationsrituale kultiviert und ausgelebt. Auf Luthers Thesen betreffs „500 Jahre später!“ wäre man gespannt.

Erstaunlicherweise hat auch das „Graf von Mansfeld“-Hotel ein hartes Luther-Faktum zu bieten. Denn hier, irgendwo in dem weitläufigen Haus - und nicht in dem etwas weiter gelegenen „Luthers Sterbehaus“ - ist der gewichtige Mann gestorben, genau am 18. Februar 1546. Beide, das Hotel wie das Museum, lohnen einen Besuch.

Das Hotelgebäude hat eine lange und bewegte Geschichte. Ursprünglich war es ein Stadtschloss der Mansfelder Grafen, auch ein Stadtschreiberhaus, in dem Luther mehrmals übernachtete. In der DDR-Zeit beherbergte es die Chefetage des Mansfelder Bergbau- und Hütten-Kombinates, seit 2001 punktet es mit feinen Zimmern, mit historisierenden Gemälden und angenehm knarrenden Räumlichkeiten. Der Bau gilt zudem als die gute Stube der Stadt. Das Museum „Luthers Sterbehaus“ hingegen erzählt von der Ars moriendi, von der Kunst des guten Sterbens. Gerade für die frühe Reformationsgeschichte sollte diese Kunst höchst bedeutsam werden. Luthers Freunde wie Feinde waren begierig zu erfahren, wie dieser „Wagenlenker Israels“ - so der Freund und Humanist Philipp Melanchthon (1497-1560) - oder der „lausige, ausgelaufene Mönch“ - der Erzfeind und Theologe Johannes Cochläus (1479-1552) - seine irdischen Tage beendet hat. Ist er friedlich gestorben wie ein Heiliger oder qualvoll und „abscheulich“ wie ein Ketzer?

Nach den Berichten der Anwesenden war es tatsächlich ein guter Tod. Nachdem sich Luther zu Christus als seinem Heiland bekannt hatte, starb er im Kreis der beiden jüngeren Söhne, im Beisein seines Mitarbeiters Justus Jonas, der Mansfelder Grafen und anderer Freunde. Für die Anhänger der Reformation war dies eine letzte Besiegelung des neuen Wegs. 2005 hat dann der Schauspieler und Entertainer Harald Schmidt auf ironische Weise die Wahl des deutschen Papstes Benedikt XVI. als den endgültigen Beweis dafür angesehen, dass uns „der Herr“ Martin Luther „verziehen“ habe. Einer der wenigen guten Witze diesseits und jenseits der „Reformationsdekade“.

Dass der Wittenberger Reformator ausgerechnet in seiner Geburtsstadt starb, war einer diplomatischen Mission geschuldet. Ende Januar 1546 traf er hier ein, um bei der Schlichtung von Erbstreitigkeiten der Mansfelder Grafen zu helfen. Die Mission war Pflichterfüllung, keine Freude, auch deshalb, weil eine Winterreise nach Eisleben für den unter mancherlei Beschwerden leidenden Luther vor allem klirrende Kälte und furchtbare Straßen bedeutete. „Wenn ich meine lieben Landesherren versöhnt habe, dann will ich heimziehen und mich in den Sarg schlafen legen und den Würmern einen guten feisten Doktor zu verzehren geben“, äußerte er sich gewohnt derb kurz vor seinem Tod. Es sollte anders kommen. Dafür wurde die Überführung des Sarges nach Wittenberg zu einer Demonstration reformatorischer Vitalität.

Doch nicht nur von Luthers letztem Weg oder von seiner Trauer anlässlich des Tods seines Töchterchens Elisabeth ist im „Sterbehaus“ die Rede. Wer möchte, kann auch die eigene Endlichkeit bedenken, kann sich beispielsweise von den klugen Sätzen einer Hospiz-Mitarbeiterin ansprechen lassen. Sie veranschaulichen eine ganz eigene, fragile Kunst, die immer an der Zeit ist.

Als Geburtsort des späteren Reformators ist Eisleben bekannt und - für Luther selbst - bedeutsam als Ort seiner Taufe. Dass auch diese Fakten einer gewissen Zufälligkeit nicht entbehren, weil die Familie erst kurz zuvor aus dem thüringischen Möhra nach Eisleben übergesiedelt war und bereits wenige Monate später nach Mansfeld weiterzog, ändert nichts daran: Der berühmte Mann kommt „von daher“! Hier ist auch das 1689 abgebrannte und mehrfach umgestaltete zweigeschossige Gebäude, das „Geburtshaus“, zu besichtigen, in dem der Alltag der Familie - die eigentlich Luder hieß - inszeniert wird. Und nur ein paar Schritte weiter befindet sich die Sankt-Petri-Pauli-Kirche, die heute auch ein „Zentrum Taufe“ bildet.

Bereits einen Tag nach seiner Geburt, am Martinstag 1483, wurde der Sohn von Hans und Margarethe Luder in einem Vorgängerbau getauft. Würde sich Martin, der im Thesen-Jahr 1517 die gewiss feinere Namensform Luther annahm (dieser Tatsache sind gelehrte Studien gewidmet), im jetzigen Gotteshaus aufgehoben fühlen? Das ist anzunehmen, denn die dreischiffige Hallenkirche ist betont schlicht gehalten. Der Taufbrunnen im Fußboden des Mittelschiffs zentriert die Aufmerksamkeit auf das christliche Wurzelsakrament. „Baptizatus sum!“ - „Ich bin getauft!“, so Luthers Kampfruf in Zeiten der Anfechtung. Eine durchaus zeitlose Ermutigung, mögen wir auch den Glauben an die spirituelle Gegenwart des Teufels, ganz anders als Luther selbst, zur Seite gelegt haben.

Am Nachmittag des Ostermontags ist die Kirche fast leer. So hat der Besucher alle Ruhe, um dem Wasser im Brunnen und den konzentrischen Kreisen des Pflasterbodens zuzuschauen. Ruhe auch, um das in den Bänken ausgelegte Gedicht von Hilde Domin (1909-2006) zu studieren. Die Dichterin buchstabiert taugliche und untaugliche Bitten: „Es taugt die Bitte, / dass bei Sonnenaufgang die Taube / den Zweig zum Ölbaum bringe. / Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei, / dass noch die Blätter der Rose am Boden / eine leuchtende Krone bilden.“

Ohne Zweifel tauglich und fruchtbar erscheint der Hinweis auf einen ökumenischen Festgottesdienst anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Taufzentrums. Der katholische Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, predigt. Eine der mittlerweile selbstverständlichen Formen der Zusammenarbeit, die gleichwohl erfreulich bleiben. Taugt die Abendmahlsgemeinschaft als Bitte? Unbedingt, denkt der Besucher, dem plötzlich ein berühmter Staatsratsvorsitzender einfällt. Die Mauer, so sagte er im Januar 1989, „wird in fünfzig und auch in hundert Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden.“ Eine hintergründige Dia­lektik, immerhin.

Und sonst noch in der Lutherstadt Eisleben? Auf dem Marktplatz dieser behäbigen Kleinstadt mit viel alter Bausubstanz steht ein großes Denkmal des Reformators, das wie so viele andere im 19. Jahrhundert errichtet wurde. In Blickweite die Sankt Andreaskirche, eine durchaus mächtige spätgotische Gottesburg, an der ein Banner selbstbewusst und etwas holprig kündet: „Reformation geht weiter“. Luther schätzte diese Kirche auch wegen der bequemen Kanzel. Hier hielt er in der Zeit zwischen dem 31. Januar und dem 15. Februar 1546 seine vier letzten Predigten. Kraftvoll sollen sie gewesen sein. Über seinen Geburtsort ist der sprachmächtige Doktor weit hinausgewachsen, sein Lebensweg fand gleichwohl am Ursprung ein Ende.

Mansfeldisch Kind

Mitte April schneit es im Mansfelder Land. Dicke Flocken fallen vom Himmel. In der Frühe ist es kalt. Der Nebel steht über den Feldern. Das wird sich - Aprilwetter! - bald wieder ändern, doch gerade für das Städtchen Mansfeld mit seinen im Kern gut 3000 Einwohnern würde man sich ein paar Sonnenstrahlen extra wünschen. Denn diese „Lutherstadt“, über der die Überbleibsel dreier Schlösser samt gut erhaltener Schlosskirche schweben, hat es auch so schon schwer genug. Ob man, wie der „Welt“-Journalist Tilman Krause, gleich von einer „öden Wüstenei“ sprechen muss, von Bewohnern, die „überlaut“ und „in merkwürdiger Kindersprache“ miteinander kommunizieren, sei dahingestellt. Doch tatsächlich ist der Eindruck von der Kleinstadt, in der Luther die ersten dreizehn Jahre seines Lebens verbrachte, grau und wenig inspirierend.

Auf dem Marktplatz ist kaum jemand zu sehen. Nicht wenige Geschäfte erklären per Zettel auf dem Schaufenster, warum eine lange Tradition nicht fortgeführt werden kann. Die Stadtkirche Sankt Georg ist eine Baustelle, und in dem kleinen Einkaufscenter an der Durchgangsstraße herrscht eine deprimierende Stimmung, die sich auszeichnet durch nur wenige Besucher und glanzlose Routine.

Wer die Schlagzeilen der „Mitteldeutschen Zeitung“ liest, erfährt von einem Schloss, das nach Jahren des Leerstands „versteigert“ werden soll, von Projekten wie der Wiedereröffnung eines Schaustollens, die kaum eine Chance auf Verwirklichung haben, da man Geld nur für „unaufschiebbare Dinge“ ausgeben dürfe.

Martins Vater

Und wie steht es um das Museum „Luthers Elternhaus“, die touristische Perle der Stadt? Merkwürdigerweise ist es nicht in dem stattlichen Haus selbst untergebracht, sondern gegenüber in einem zeitgeistigen Betonkubus, der Sachsen-Anhalt rund 3,5 Millionen Euro wert war. Sphärische Klänge empfangen den Besucher, der aber in der Ausstellung „Ich bin ein Mansfeldisch Kind“ viel Bodenständiges erfährt.

Das darf wörtlich genommen werden. Martins Vater verdankte seinen beträchtlichen Wohlstand dem Abbau und der Verhüttung von Kupfer- und Silbererzen aus der Region. Die Bemerkung Luthers in den Tischreden, sein Vater sei ein „armer Berghauer“ gewesen, muss als eine Selbststilisierung durchgehen. Hart war die Existenz von Hans und Margarethe Luder gleichwohl. Man betrachte nur ihre abgearbeiteten Gesichter auf dem Doppelporträt von Lucas Cranach dem Älteren von 1527! Und wer auf den angedeuteten Förderstollen mit seinem halben Meter „Höhe“ blickt, der mag sich gar nicht vorstellen, wie die Arbeit in den Förderstätten ausgesehen hat. Der Wohlstand der Familie Luder kam tatsächlich zutage, als im Jahre 2002 im Hof ein Treppenschacht freigelegt wurde, den man offenbar mit Haushaltsmüll „verfüllte“. Darin fanden Archäologen rund 7000 kleinteilige Objekte. Sie sprechen von einem abwechslungsreichen, ja adligen Speisezettel mit Gänsebraten, Ferkelfleisch und Singvögeln, von zierlichen Haushaltsgegenständen, von einer Hausapotheke und farbigen Fensterscheiben, vom Spielzeug der Geschwister, so von Murmeln oder einer Spielzeugarmbrust. Gar 300 Silbermünzen, auch solche, die um 1500 in Gebrauch waren, fanden sich in der Grube. Eine mögliche Erklärung wäre die damals übliche Praxis, im Falle einer Pest-Epidemie das gesamte Hab und Gut der Opfer einzuäschern.

Wittenberger Netzwerk

Im Museum lassen sich viele dieser Zeugnisse mit Gewinn betrachten. Hier kann man auch der Zuneigung Martin Luthers zu seiner Vaterstadt nachgehen, an der er nicht nur das gute Essen und das starke Bier schätzte - in Wittenberg soll dieses dünn gewesen sein -, sondern auch die Verehrung des unerschrockenen heiligen Georg, des Drachentöters. Es war kein Zufall, dass sich der „geächtete“ Luther auf der Wartburg „Junker Jörg“ nannte. In Mansfeld startete er auch seine Schulkarriere. Mag Martin auch stark unter der brutalen Prügelstock-Pädagogik seiner Zeit gelitten haben, er lernte hier die Anfangsgründe des Lateinischen, erwarb die Eintrittskarte in die akademische Welt.

Von Mansfeld nach Wittenberg sind es gut hundert Kilometer. Für den Besucher - sofern er nicht auf dem „Lutherweg“ wandern mag - ergibt das eine kurze Spazierfahrt gen Nordosten. Der Schüler aus Mansfeld, der später Student, Mönch, Priester und schließlich auch Doktor der Theologie wurde, benötigte rund fünfzehn Jahre, um in Wittenberg dauerhaft anzukommen. Seine Stationen waren Magdeburg, Eisenach und Erfurt. Eine halbjährige Reise zu Fuß nach Rom in Angelegenheiten seines Ordens, der Augustiner-Eremiten, kam hinzu. Doch mit der Erhebung zum Doktor der Theologie vom Oktober 1512 war Luther in Wittenberg als Professor fest installiert. Fortan verließ er diese Stadt, die für ihn „an der Grenze der Zivilisation“ lag und ihm gleichwohl ein optimales Arbeitsumfeld bot, nur noch zu dringenden Anlässen.

Heute ist Wittenberg ein Luther-Kristallisationspunkt - mit guten Gründen. Wie Perlen an einer Schnur sind die bedeutendsten Erinnerungsstätten auf einer Länge von etwa einer Meile gereiht, vier von ihnen gehören zum Unesco-Welterbe. Ob man dabei östlich startet, dort, wo Luthers Kloster stand, das später erstaunlicherweise sein Haus wurde, oder im Westen gleich mit der „Thesentür“ der Schlosskirche beginnt, spielt keine Rolle. Jeder Besucher bekommt so viel Luther, wie er braucht. Dass sich die meisten mit Luther-Sightseeing begnügen, wird exakt um 18 Uhr sichtbar, wenn die Kirchen und Museen schließen und das Leben im Zentrum Wittenbergs erstarrt. Das ist schade, denn die Collegien- oder die Mittelstraße verbinden nicht nur die Häuser des Reformators und seiner Mitstreiter, führen die Besucher nicht nur zu den Kirchen, zur ehemaligen Universität Leucorea oder zu den Cranach-Höfen, sondern sie haben auch eine große Zahl an wunderschönen Gebäuden, an originellen Läden und guten Gasthäusern zu bieten.

In einer Buchhandlung mit dem stilvollen Namen „Verbo solo“ („Durch das Wort allein“) lassen sich die Klassiker der Luther-Literatur, etwa die Biografie des Historikers Heinz Schilling, erstehen. Im „Kronhaus“ wiederum kann man schöne Dinge entdecken oder aber hausgebackenen Kuchen genießen. Im Restaurant „In Vino Veritas“ fällt es leicht, so manche These mit dem wahren Leben abzugleichen. „In hundert Jahren wird es auf der Welt keine Bibel mehr geben. Die letzte Ausgabe wird dann in irgendeinem Trödlerladen herumliegen“, lautete die Vorhersage des Aufklärers und selbsternannten Kirchenfeinds Voltaire (1694-1778), die unweit der Schlosskirche auf einer roten Kachel zu lesen ist. Gleich daneben der indische Freiheitskämpfer und Hindu Mahatma Gandhi (1869-1948): „Ihr Christen habt in eurer Obhut ein Dokument mit genug Dynamit in sich, die gesamte Zivilisation in Stücke zu blasen, die Welt auf den Kopf zu stellen, dieser kriegszerrissenen Welt Frieden zu bringen. Aber ihr geht damit so um, als ob es bloß ein Stück guter Literatur ist - sonst weiter nichts.“ Ob es wirklich ausgemacht ist, dass Voltaire völlig danebenlag, gerade hier, in Sachsen-Anhalt? Und wieviel Salz und Friedenskraft „schmecken“ wir noch in den alten Bibeltexten?

Die revidierte Lutherbibel „2017“, so kürzlich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, verkaufe sich „glänzend“. Eine gute Nachricht, ohne Zweifel, und doch bleibt die Bibel ein schwieriges Buch, das einen klugen Leser erfordert. „Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muss bereit sein, sie wirklich zu fragen.“ Auch das ein Satz von den roten Kacheln, ein Satz von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der um die Autonomie der „Welt“ wie um die Kraft des senfkorngroßen Himmelreiches wusste.

Vor der bronzenen Thesentür der Schlosskirche - ein Produkt des 19. Jahrhunderts - wird nicht nur ununterbrochen fotografiert, es wird tatsächlich auch die ewiggrüne Frage nach der Echtheit des „Thesenanschlags“ vom 31. Oktober 1517 in nahen und fernen Sprachen gestellt. Das ist so sympathisch wie nutzlos. Aber vielleicht liegt der Reiz dieser Frage genau in diesem ergebnis­offenen Hin-und-Herrühren. Der Mythos jedenfalls lebt! Gewiss ist, dass Luther seine Thesen im Oktober und November 1517 an hohe Geistliche und Gelehrte verschickte, dass ihm an einem öffentlichen Disput gelegen war. Und dieser Disput, der eine epochale Krise auslöste, stellt den Beginn der Wittenberger Reformation dar.

Gegen Ablass-Geschäfte

Für den Besucher, der die heute neugotisch eingerichtete Schlosskirche, den „Tempel der Reformation“, besichtigt, der nicht zuletzt an den überraschend kleinen Grabplatten von Melanchthon und Luther verharrt, gibt es Gelegenheit, die ausgestellten Thesen zu bedenken. Einmal mehr wird deutlich, dass Luther nicht den Ablass als solchen verwarf, vielmehr die üble Geschäftemacherei, die mit ihm verbunden war. Die 71. These lautet: „Wer gegen die Wahrheit der apostolischen Ablässe redet, der soll gebannt und verflucht sein.“ Und in der darauffolgenden heißt es: „Wer aber seine Aufmerksamkeit auf die Willkür und Frechheit in den Worten eines Ablasspredigers richtet, der soll gesegnet sein.“

Die Wittenberger Reformation war, wie jeder revolutionäre Umbruch, eine komplexe Abfolge von Fortschritt und Reaktion, von dem, was an der Zeit ist, und einer einzigartigen historischen Lage. Insbesondere der letzte Punkt, man möchte ihn das Wittenberger Netzwerk nennen, war für den Erfolg der Reformation wie auch für das Überleben Luthers entscheidend. Zuvorderst der sächsische Kurfürst Friedrich III. (1463-1525), „der Weise“, der dem Vernehmen nach Luther niemals persönlich traf. Er hielt dem Reformator den Rücken frei und widerstand allem kaiserlichen und päpstlichen Druck, „das unverschämte Mönchlein“ fallen zu lassen. Dann der so geniale wie geschäftstüchtige Maler Lucas Cranach der Ältere, der über vierzig Jahre seines Lebens in der kleinen Residenzstadt an der Elbe verbrachte und mit den Mitarbeitern seiner Werkstatt unzählige Porträts Luthers und der übrigen Wittenberger Szene herstellte. Cranach wurde so zum höchst effektiven Propagandisten der Reformation, zum „Facebook“-Vorläufer, wenn man so will.

Ganz vorne auch der Humanist ­Philipp Melanchthon, Luthers engster Freund und Mitstreiter, der den Reformator nicht nur philologisch beriet, der auch manche Schärfe und manchen Grobianismus Luthers zurechtrückte (dafür, so heißt es, „besorgte“ Luther ihm eine Ehefrau). Dann Johannes Bugenhagen, aus Pommern stammend, der von 1523 bis zu seinem Tod 1558 Stadtpfarrer der - nun „evangelischen“ - Wittenberger Gemeinde war und seiner Kirchenordnungen wegen als „dritter Reformator“ gilt. Die Spuren dieser Männer und ihrer Ehefrauen lassen sich in Wittenberg bestens abschreiten. Wer sich dafür mehr als nur einen Tag Zeit nimmt, der wird fortan die Reformation nicht mehr als ein Solo­stück verstehen, sondern als ein energiegeladenes, geradezu vielstimmiges Werk.

Auch die Stadtkirche Sankt Marien, das älteste Gebäude Wittenbergs und Predigtkirche Luthers, ist mehr als nur einen Pflichtbesuch wert. Gut 2000 Mal bestieg Martin Luther deren Kanzel. Hier dürfte sein Trutzlied „Ein’ feste Burg ist unser Gott“, das Heinrich Heine die „Marseillaise des 16. Jahrhunderts“ genannt hat, stets einen besonderen Nachhall gefunden haben. Natürlich steht der Besucher ergriffen vor dem „Reformationsaltar“, den Lucas Cranach 1547 vollendete. Er verbindet das christliche Urgeschehen, das Letzte Abendmahl, die Taufe, das Kreuz mit dem Wirken der Reformatoren, spricht aufklärerisch von dem, was wieder zurechtgerückt wurde: Christsein bedeutet Gemeinschaft mit Christus. Alles andere ist Zugabe, man bilde sich darauf bloß nichts ein. Und für den Christen, der an diesem Ideal scheitert, hält der rechte Flügel des Altars ein Angebot bereit. Gemäß dem Matthäusevangelium (16,19) lädt Stadtpfarrer Bugenhagen, der auch Luthers Beichtvater war, zum Sakrament der Versöhnung ein. Hier blieben die frühen Reformatoren „katholisch“. Hier teilen sich die beiden großen Konfessionen einen gewaltigen Verlust.

95 Lutherorte

Wittenberg, Eisleben, Mansfeld, sicherlich auch die Wartburg. Diese Orte prägen unser kollektives „Luther“-Gedächtnis. Dafür gibt es gute Gründe. Wer aber noch mehr wissen möchte, wird Luther auch im sächsischen Torgau und im rheinhessischen Worms, im thüringischen Eisenach oder im bayerischen Coburg antreffen. Mehr als 35 Jahre lang war der Reformator ein Wittenberger, und doch kam er viel herum. Ein kluges Büchlein von Werner Schwanfelder spricht von „95 Lutherorten“, die man gesehen haben „muss“. Eine solche Zahl mag verblüffen oder motivieren. Auf alle Fälle spricht sie davon, dass Deutschland ein Luther-Land ist; dass sich auch jenseits der „großen Vier“ zahlreiche Spuren der frühen Reformationsjahre entdecken lassen.

Im ruhigen Städtchen Torgau zum Beispiel, das Luther mehr als vierzig Mal besuchte, fand auch seine Ehefrau Katharina von Bora nach einer abenteuerlichen Flucht vor der Pest und nach einem Unfall ihre letzte Ruhestätte. Sehnsuchtsvoll, so scheint es, blickt der Gatte, der die starke Frau „mein Herr Käthe“ nennen konnte, von der Kanzel und von einem Fenster der Sankt Marienkirche aus in Richtung ihrer farbenprächtigen Grabplatte. Oder im thüringischen Bad Frankenhausen, das im engeren Sinne gar keine Luther-Stätte ist und doch, durch Werner Tübkes monumentales Bauernkriegs-Panorama, von den Hoffnungen wie Tragödien des 16. Jahrhunderts erzählt. Es war ein Luther-Jahrhundert. Heute, 500 Jahre später, bedenken wir das Werk des großen Mannes, seiner Mitstreiter auch, und fragen uns ratlos, welche Thesen nun an der Zeit sind.

Christian Heidrich, Dr. theol., Publizist, lebt in der Nähe von Heidelberg.
CIG 22/2017

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