 |


|
 |
|
Die Priesterfrage
|
 |
 |
|
|
 |
 |
| Von Johannes Röser |
 |
 |
Papst Benedikt XVI. hat einen Rat zur Neuevangelisierung ins Leben gerufen. Er soll vor allem im einst christlichen, inzwischen weitgehend säkularisierten Abendland helfen, die Gottesfrage, den Christusglauben zu wecken. Dafür braucht man allerdings weniger kuriale Verwaltungsbeamte im höheren bischöflichen Dienst als Priester, die den anderen Leuten nahe sind, die deren Lebenssituation, Hoffnungen, Sehnsüchte, Zweifel verstehen. Zusammen mit diesen Menschen sollen sie das große erschütternde Rätsel von Sein und Zeit, Endlichkeit und Ewigkeit buchstabieren, kurzum: das Christsein im Horizont moderner Welterfahrung weiterentwickeln.
Deshalb ist es seltsam, wenn als Abwehrargument gegen berechtigte Forderungen nach Reformen fürs Priestertum von Bischöfen immer wieder - die eigene Führungsschwäche verschleiernd - ins Feld geführt wird: Wir hätten eigentlich doch gar keinen Priestermangel, vielmehr einen Gläubigenmangel. Die Quote zwischen Priestern und Gläubigen sei gar nicht schlecht. Solche Aussagen sind an Absurdität kaum zu überbieten. Dann hätte Jesus auch keine Jünger und keine Apostel gebraucht, denn damals gab es ja noch keine Christen, also war die Quote gar nicht so schlecht.
Modernisierungswillig?
Es heißt, Benedikt XVI. sei insbesondere durch die tschechische Situation erschüttert gewesen. Das einst tief christlich geprägte Land gilt inzwischen als eine der atheistischsten Nationen der Welt. So habe er seinen Plan für die neue päpstliche Behörde gefasst. Allerdings fordern nicht nur Atheismus und Säkularismus das Christentum heraus. Weitaus schwerwiegender ist, dass inzwischen die große Mehrheit der Getauften von der Kirche nichts mehr wissen will. Es handelt sich um Menschen, die durchaus bekennen, „irgendwie" an Gott zu glauben, die allerdings ihre angestammte religiöse Heimat als Institution von gestern betrachten. Um diese Nachdenklichen guten Willens wiederzugewinnen, braucht es besonders viele welterfahrene, modernisierungswillige und aufgeschlossene gute junge Priester. An diesen aber fehlt es.
Der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner hat in einer aktuellen Untersuchung unter österreichischen Pfarrern sogar festgestellt: Je jünger ein Pfarrer ist, desto größer sei seine Skepsis und Distanz zur modernen Kultur und zu Modernisierungsvorschlägen. Die sogenannten Spätberufenen, auf die manche ihre Hoffnung richten, erweisen sich in der Generation der „Jüngeren" sogar als die stärksten „Modernitätsskeptiker", so Zulehner. Die österreichische Nachrichtenagentur Kathpress schreibt: „Wer ... nach der Matura (Abitur, d. Red.) ins Priesterseminar oder in einen Orden eingetreten ist, ist deutlich weltoffener als jene, die als Spätberufene kommen. Es könnte sein, dass über das Kriterium des Pflichtzölibats derzeit eine Auslese stattfindet, wonach vermehrt modernitätsskeptische Männer Zugang zum Priesteramt finden." Das lässt allerdings dann auch manche Reformforderung nach sogenannten Viri probati, also nach Männern, die als Familienväter in höherem Lebensalter zu Priestern geweiht werden, nochmals in einem anderen Licht erscheinen. Diese sind zwar verheiratet, aber sind auch sie als „Spätberufene", Ältergewordene womöglich viel modernitätsskeptischer, als es dem Christentum unserer Zeit guttut?
Die vom Österreichischen Rundfunk organisierte, von Zulehner betreute Umfrage unter 500 Pfarrern enthält weitere aufsehenerregende Befunde. So steht fest, dass die Vorstellungen der Kirchenleitung und des Kirchenvolks „immer weiter auseinanderklaffen". Diese Kluft tut sich mittlerweile allerdings auch zwischen den Priestern und ihren Bischöfen auf. Die große Mehrheit der Pfarrer ist mit der bischöflichen Mutlosigkeit, Verteidigungshaltung und Verweigerung von Reformen immer weniger einverstanden. Es gibt, wie die Katholische Nachrichten-Agentur über Zulehners Erkenntnis berichtet, „beträchtliche Divergenzen zwischen Pfarrern und Kirchenleitung". Es bestehe - so der Pastoraltheologe - „extremer Handlungsbedarf". Der „reiche Erfahrungsschatz" der Pfarrer müsse für eine Reform der Kirche genutzt werden.
Seelsorger wollen Reformen
Wie sehr die Pfarrer von der amtlichen Meinung ihrer Dienstherren bereits abweichen, zeigt sich unter anderem daran, dass 80 Prozent sagen, es sei höchste Zeit, die nur im römisch-lateinischen Teil der katholischen Weltkirche geltende Zölibatspflicht für Gemeindeseelsorger abzuschaffen und Regelungen wie in den mit dem Papst verbundenen Ostkirchen oder in den orthodoxen Kirchen einzuführen. Auch für ein Priestertum der Frau spricht sich längst die Hälfte der befragten katholischen Pfarrer aus. Eine Mehrheit sagt von sich, dass sie in vielen wichtigen Fragen anders denkt als der Bischof. Allerdings stellt Zulehner da und dort auch eine gewisse Abschwächung der Konfliktfähigkeit, des Willens zur Auseinandersetzung fest. Es gebe die Tendenz, „dass die Priester nicht mehr offen gegen die Position der Kirchenleitung protestieren, sondern ihren eigenen Weg selbstverantwortet gehen ... und dass sie damit im Durchschnitt auch zufriedener seien als noch vor einigen Jahren".
Trotzdem zeigen die Antworten der österreichischen Pfarrer insgesamt in ermutigender, hoffnungsstiftender Weise, dass viele Seelsorger sehr genau die Zeichen der Zeit und die Not der Zeit - der Gläubigen wie der Fernstehenden - aufnehmen und richtig deuten. Offenbar ist unter den Priestern eine Sensibilität ausgebildet für das Notwendige, für Reformen. Und es gibt Reformwillen. Wenn die Gemeindepriester daher noch mehr als bisher zu Fürsprechern, ja Anwälten des Volkes Gottes werden, kann und wird die Kirchenführung - bis hin nach Rom - daran nicht auf Dauer vorbeisehen und vorbeigehen.
Die Priesterfrage ist momentan die Unruhefrage Nummer eins unter Katholiken - und das keineswegs nur, wie oft beschwichtigend getan wird, in den deutschsprachigen Ländern, sondern in vielen Weltgegenden, zum Beispiel in Lateinamerika ebenso wie in den USA. Und für Afrika sagen viele Kenner der Situation, dass man vielfach Fiktionen anhänge, was etwa die dortige Beachtung der sexuellen Enthaltsamkeit von Priestern angeht. In Bezug auf ihr persönliches eheloses Leben stimmten über zwei Drittel der in Österreich befragten Pfarrer folgender Aussage zu: „Ich habe einen eigenständigen Weg gefunden, den ich verantworten kann!" Zulehner kommentiert das vielsagend andeutend so: Es sei nicht Aufgabe der betreffenden Studie gewesen, näher zu erforschen, „was das im konkreten Lebensvollzug bedeutet" beziehungsweise welche Formen von Beziehungen damit gemeint sein könnten.
Die Priesterfrage und damit die Frage nach der Zukunft des Christseins bewegt seit langem auch die Leserinnen und Leser des CHRIST IN DER GEGENWART. Dazu gab es im Lauf der Jahre und verstärkt in letzter Zeit sehr viele E-Mails, Briefe, Debatten, wobei deutlich ist, dass die überwältigende Mehrheit dringendsten Reformbedarf sieht. Die allermeisten sind sich freilich bewusst, dass gewisse Reformen allein beim geistlichen Amt in sich noch keine Glaubenserneuerung bedeuten. Aber ein reformiertes Priestertum könnte zumindest atmosphärisch im „Vorhof" der neuen Frage nach Gott eine bessere Kommunikation und Achtsamkeit schaffen.
Glaubensberater, Lebensbegleiter
Um das „Stimmungsbild" einer breiteren Öffentlichkeit zu erkunden, hat der CIG seit Herbst verschiedene Werbeinitiativen unter Nichtbeziehern mit einer Umfrage verbunden zum Thema: „Ein neues Priestertum". Diese Initiative ist noch lange nicht abgeschlossen, aber bis zur Stunde haben uns bereits annähernd 5000 Personen geantwortet. In einem Querschnitt haben wir das ausgewertet. Die Daten sind natürlich nicht repräsentativ im Sinne wissenschaftlicher Meinungsforschungsinstitute und ersetzen keinesfalls deren Ergebnisse. Aber die erkennbaren grundlegenden Tendenzen und Perspektiven bestätigen deren Kernpunkte und dokumentieren dringenden Handlungsbedarf.
Wie in sonstigen Erhebungen will ebenfalls bei uns eine riesige Mehrheit der Befragten den Zölibat für Pfarrer auch in der Westkirche freigestellt sehen. Nur noch 15 Prozent verlangen, dass bloß unverheiratete Männer zum Priestertum zugelassen werden. Fast zwei Drittel sprechen sich für ein Priestertum der Frau aus.
Nach wie vor wird - trotz der sexuellen Missbrauchsskandale - der Priester sehr hoch geschätzt. Ganz oben steht für nahezu 70 Prozent der Befragten, die jeweils mehrere Antwortmöglichkeiten ankreuzen konnten, dass Priester für sie Glaubensberater und Lebensbegleiter sind. Knapp 60 Prozent sehen in Priestern in erster Linie Prediger der frohen Botschaft, und für jeden Zweiten sind sie vor allem Mittler zu Gott. Noch aufschlussreicher ist, was Priester für die allerwenigsten sind: Morallehrer. Das kreuzten nur 4 Prozent an. Da muss sich die Kirche Gedanken machen, wenn sie in der Öffentlichkeit der säkularen Medien zum Beispiel zu Hochfesten ständig bevorzugt als Moral- und Werteappellierer in Erscheinung tritt. Auffällig ist ebenfalls, dass Priester als Kultdiener ganz unten rangieren. Nur 6 Prozent bejahen diese Aussage, und auch als Manager des religiösen Lebens werden die Seelsorger allenfalls von einem Zehntel betrachtet, als Vertreter der Hierarchie sogar bloß von 7 Prozent. Man erwartet von Priestern, dass sie sich solidarisch auf die Seite der religiös Suchenden, Bewegten, Ergriffenen und Zweifelnden stellen.
Das spiegelt sich nochmals in der Frage danach, was die Leute an Priestern am meisten beeindruckt. Den Spitzenwert mit 70 Prozent erreicht: glaubwürdiges spirituelles Leben, gefolgt von Nähe zu den anderen Menschen und hohem Engagement für andere (jeweils um die 60 Prozent). Den niedrigsten Wert gibt es für starke Autorität (5 Prozent). Im Mittelfeld rangieren Einschätzungen, wonach vor allem intellektuelle Neugier und geistliche Unruhe von Priestern am meisten beeindrucken (25 Prozent). Jeder Zweite nennt: gute theologische Bildung. Künstlerisches Interesse der Priester wird dagegen anscheinend weniger erwartet, das kreuzten nur 6 Prozent an.
Auch fragten wir, was man bei Priestern als bedrückend empfindet. 73 Prozent antworten: wenn sie immer mehr Belastung wegen größerer Seelsorgegebiete erfahren. Offenkundig steuern diese mangels Reformgeist aus Verlegenheit geborenen Verwaltungsakte in die Sackgasse. Zwischen 50 und 60 Prozent der Befragten erklären, es bedrücke sie, wenn Priester sehr einsam leben, wenn sie zu konservativ-traditionell handeln, zu selbstherrlich auftreten und recht lebensfremd urteilen. Ganz unten rangiert - bei gut 11 Prozent - ein Unbehagen, dass Priester zu wenig die Tradition weitergeben. Nur 16 Prozent empfinden es als bedrückend, wenn Priester gesellschaftlich nicht hinreichend anerkannt sind. 45 Prozent wiederum haben die Sorge, dass Priester nicht die nötige menschliche Reife mitbringen.
Erwartungen an die Bischöfe
Was wünscht man für die Zukunft des Priestertums? Den Spitzenwert mit nahezu 80 Prozent erreicht die Aussage: mehr Offenheit und Mut zu Reformen. Auf der anderen Seite der Skala gibt es die niedrigste Zustimmung dazu, dass alles so bleiben möge, wie es ist (3 Prozent), beziehungsweise dass man zu früheren Vorstellungen zurückkehren solle (knapp 5 Prozent). Eine große Mehrheit will geöffnete Zugangswege zum geistlichen Beruf. Ebenfalls verlangt über die Hälfte einen grundlegenden Wandel im Amtsverständnis. Einen weltkirchlichen Disput über die Zukunft des Priestertums mit Hilfe eines ökumenischen Konzils fordert knapp die Hälfte der Befragten.
Das alles sind - quantitativ gesehen - nur Stichproben, aber als solche handelt es sich um ernste Zeichen der Zeit. Die große Mehrheit der kirchlich engagierten Gläubigen aus der Mitte des Gottesvolks wie jener Getauften, die inzwischen der Kirche fernstehen, fragt sich, wann endlich die Kirchenführung lokal, regional wie weltweit die Problemlage angeht, nicht abwiegelnd oder im verschwiegenen Kämmerlein unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern offen, energisch, entschieden. Es ist dem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Bischöfe wie ihrer ureigenen apostolischen, keineswegs vom Papst, sondern von Christus her verliehenen Dienstautorität abträglich, wenn sie vorsichtige Vorstöße und Reformbemerkungen etwa gegenüber der Presse wagen, dann aber - oft nach Kritik von konservativen Kollegen - gleich wieder einen Rückzieher machen und alles dementieren, statt festzustehen und zu sagen: „Das ist die Wahrheit, ich kann nicht anders!"
So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Das wissen eigentlich alle. Es braucht nun vor allem bischöflich-kollegiale Führungsstärke, einen offensiven Dialog innerhalb der einzelnen wie zwischen verschiedenen Bischofskonferenzen auf europäischer wie interkontinentaler Ebene. Die Bischöfe dürfen sich nicht länger dem eigenen theologischen Anspruch und der apostolischen Vollmacht entziehen, auf den Sinn der Glaubenden (sensus fidelium) zu hören, die Zeichen der Zeit zu achten und Mut zur Reform zu finden. Nicht erst morgen - jetzt.
Ein neues Priestertum - Daten der CIG-Umfrage
CIG 28/2010
Eine Gratisausgabe der Wochenzeitschrift "CHRIST IN DER GEGENWART" schickt Ihnen gern zu:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de, www.christ-in-der-gegenwart.de |
|
 |
|
 |