62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 5. September 2010


Der Heilige
Von Johannes Röser
Die katholische Kirchenführung hüllt sich in Schweigen, vielleicht weil es ihr - wie die „Frankfurter Allgemeine" vermutet - „die Sprache verschlagen hat" angesichts der jüngst bekanntgewordenen verheerenden Abbrüche im religiösen Leben hierzulande? Der Vergleich mit 1990, dem Hoffnungsjahr nach der Wende, offenbart die ganze Dramatik im Hinblick auf nachfolgende Generationen. Noch nie seit Aufzeichnungsbeginn wurden so wenige Kinder getauft wie 2009, 180 000 gegenüber 300 000 noch vor zwanzig Jahren. Das hängt mit den stark sinkenden Geburtenraten zusammen, aber auch damit, dass sich immer weniger junge Katholikinnen und Katholiken zur Ehe entschließen. Nur 49 000 Paare geben sich das Ja-Wort fürs Leben, gegenüber 120 000 seinerzeit. Das heilige Sakrament, das im menschlichen Bund den Bund Gottes mit den Menschen spiegelt, interessiert die jungen Leute immer weniger. Die Teilnahme an der sonntäglichen Feier der Eucharistie hat sich seit 1990 auf dreizehn Prozent nochmals fast halbiert. In größeren Stadtteil-Pfarrgemeinden ist man nach dem Einzug der schöngeredeten Seelsorgeeinheiten oftmals schon froh, mit böhmischen oder evangelischen Verhältnissen von unter fünf Prozent noch „konkurrieren" zu können.

Aufbruch im Umbruch, Aktivierung des Gemeindelebens, die Entwicklung besonderer Schwerpunktfähigkeiten im Netz der Nachbarschaften sieht anders aus. Das Schönreden der Verhältnisse wirkt angesichts des realen Abbruchs wie blanker Hohn. Der Tag des Herrn am Tisch des Herrn ist der großen Mehrheit der einst Getauften bedeutungslos geworden. Nur zur Festtagsfolklore rührender Familienritual-Geselligkeit kommen mehr Leute. Das Allerheiligste - die göttliche Christuspräsenz - rührt die allermeisten nominellen Christen längst nicht mehr. Die betrüblichen Fakten sind aber keineswegs - wie immer wieder fälschlich behauptet - ein deutscher Sonderfall. Auf weitergehende Säkularisierungsphänomene stößt man im ehemals katholischen São Paulo ebenso wie im neuheidnischen Rom, der Diözese des Papstes, wo die internationalen Scharen der Feiertags- und Alltagstouristen den Schwund der ihm unmittelbar anvertrauten eigenen Herde optisch jedoch noch ganz gut ausgleichen können.

Jenseits religiöser Institution

Offenbar stecken wir in einer viel tieferen Krise des Gottesglaubens, als wir wahrhaben wollen, in einer Gottvergessenheit, die sich mit einem Wandel dessen verbindet, was die Menschen für ihr Leben als erhaben, wahr und heilig oder eben nicht mehr heilig betrachten. Dazu kommt die Entmythologisierung der Glaubenswelten im Zuge der neuzeitlichen Aufklärungs- und Wissenschaftsgeschichte, worauf die Kirche theologisch wie spirituell bisher nicht angemessen mit einer notwendigen Weiterentwicklung ihrer religiösen Verstehensmodelle reagiert hat. Man verharrt vielfach in Ratlosigkeit, unfruchtbarer Wiederholung und starrer Apologetik. Der Koblenzer Soziologe Winfried Gebhardt meint allerdings, dass das Heilige nicht einfachhin aus der modernen Kultur verschwinde, wohl aber verändere es sich. Es diffundiere, verliere an Kontur, Eindeutigkeit, Prägnanz. In einem Vortrag der Katholischen Akademie in Bayern, der in der Zeitschrift „Zur Debatte" (4/2010) dokumentiert ist, erläutert der Soziologe den Transformationsprozess so: „Das Heilige verschwimmt, tritt in neuen, oftmals überraschenden, bunten und nicht selten widersprüchlichen Formen auf und wechselt oft das Gewand."

Tendenzen der Entgrenzung des traditionell Heiligen sind nicht nur im christlichen Kulturkreis zu beobachten, sondern auch in den sich modernisierenden Gesellschaften des südostasiatischen Raums, Arabiens und Chinas. Das geht einher mit einer „Selbstermächtigung des religiösen Subjekts". Das bedeutet: Der Einzelne klinkt sich aus überkommenen spirituellen Ordnungen aus, er löst sich von der bisherigen Institutionalisierung des Religiösen ab. Solche Prozesse können im Einzelfall sogar einmal dem Christentum - wenn auch in sehr bescheidenem Ausmaß - zugutekommen. So hat die Chinesische Akademie für Sozialwissenschaften neulich bestätigt, dass im Wandlungsprozess Chinas der Anteil der Intellektuellen und jungen Leute unter den neuen Christusgläubigen wächst. 73 Prozent der chinesischen Christen, deren Gesamtzahl im Verhältnis zur Milliarden-Bevölkerung allerdings ausgesprochen gering ist, seien erst nach 1993 einer Kirche beigetreten.

Wellnessagentur Kirche

Winfried Gebhardt stellt hinsichtlich der Globalisierung geistiger Ideen wie der europäischen Situation fest, dass die Angebote an „Heiligem" wachsen - und dass sich die Menschen nach eigenem Gutdünken dessen bedienen. Religiös Heiliges kann dabei sehr weltlich nutzbar gemacht und eingebettet werden, während man umgekehrt manches Weltliche zu Heiligem verklärt. „Die für jede Religion konstitutive Trennung von ‚heilig' und ‚profan' gerät unter Druck. Das Sakrale wird profanisiert und das Profane sakralisiert." An manchen Verweltlichungstendenzen ist die Kirche selbst beteiligt. Sie hat sich zum Teil zu einem sozialpsychologischen Dienstleister gemacht und machen lassen, wird jedenfalls von der Öffentlichkeit nicht selten als solcher wahrgenommen, als eine Trost-, Wellness- und Lebensberatungsagentur für ein glückliches Diesseits unter vielen anderen. Manchmal treten kirchliche Organisationen wie eine Art außerparlamentarische Opposition auf, die bei etlichen politischen und gesellschaftlichen Themen den Eindruck erweckt, es besser zu wissen als das demokratisch gewählte Parlament und eine durch Mehrheiten legitimierte Regierungskoalition. Als Lobby unter vielen Lobbys beteiligt sich die Kirche unter Berufung darauf, Anwalt Benachteiligter zu sein, selber als Akteur inmitten der Lobbykratie. Das erklärt manche hohe Wertschätzung, welche die Kirche als Verteidigerin sozialer Belange auch in einer entchristlichten Gesellschaft weiterhin genießt, kann sich allerdings auch ambivalent auswirken. Denn andere Bürger wittern in zu viel gesellschaftlicher Einmischung einen Neo-Inte­gralismus, eine Wiederkehr der Bevormundung wie beim einstigen politischen Prälatentum, das weltliche Dinge religiös ordnen wollte. Die Versuchung ist wohl auch heute da, von der Biomedizin bis zur Integrationspolitik.

Gebhardt denkt allerdings mehr an die Verweltlichung des Heiligen durch Anpassung der Kirche an die Ästhetik der heute üblichen trivialen Event-Unterhaltungskultur - von Jugendfestivals über gewisse Kirchentagsspektakel wie „Feuergottesdienst" oder „erotischen Gottesdienst" bis hin zu geistlichen Massen-Erweckungsperformances. Ob jede weltliche Präsentation von Heiligem dem Heiligen selbst dient, ist zumindest fraglich. Der Soziologe will das gutgemeinte spirituelle Bemühen, Anleihen bei der weltlichen Medieninszenierung zu machen, nicht schlechtreden. Aber auch da gibt es Gewinne nicht ohne Verluste.

Heilige Paris Hilton?

Besonders stark ausgeprägt ist momentan der Körperkult, der auch das Religiöse erfasst hat, „exemplarisch festzumachen an Pietà-Tattoos, Jesus-Brandings, knappen T-Shirts mit dem Papstporträt oder coolen Sprüchen, die Sakralisierung der Sexualität und das Verlangen danach, das ‚Göttliche' nicht nur intellektuell zu begreifen, sondern ganzheitlich zu spüren, exemplarisch festzumachen an der Hochkonjunktur von Kerzen-, Duft- und Salbungsgottesdiensten, an liturgischen oder meditativen Tänzen und Liedchoreografien zu Sacropop-Klängen - sie alle stehen für die für unsere Zeit wohl typische Suche nach dem ‚entgrenzten Heiligen', das den Alltag erfüllt. Sie alle sind Zeichen für die Sehnsucht nach dem totalen religiösen Erlebnis, das einfach nur ‚schön' ist, das ‚wohltut' und einen ‚eins sein lässt mit dem Universum'. Gesucht wird die stete Wiederverzauberung der Welt durch primär technische Mittel, die vor der kalten Rationalität der Moderne schützt, von dieser aber - ganz im Sinne der Dialektik der Aufklärung - aufgegriffen und über die Mechanismen der Kulturindustrie ökonomisch und spirituell ausgebeutet wird."

Der Gegentrend zur Verweltlichung des Heiligen ist die Heiligsprechung des Weltlichen, die verzückte Verehrung der Stars und Sternchen, im Pop- ebenso wie im Klassik-Unterhaltungsbetrieb oder auf dem Boulevard des Politikgeschäfts. „Promis" sind dabei alles, mal Amüsierfiguren, mal Ersatzeltern, mal Vorbilder und manchmal noch mehr: Quasi-Heilige. Neulich erst ließ der „Spiegel" zwei Umfragen machen: wer ein Deutschland verkörpere, wie man es sich wünsche - und wer eine moralische Instanz für Deutschland sei. Im Ranking der „Aushängeschilder" für die Bundesrepublik kam Günther Jauch auf den ersten Platz, gefolgt von Helmut Schmidt und Joachim Löw. Zwischen Margot Käßmann und Benedikt XVI. rangierten Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab. Bei den moralischen Instanzen schlug der Papst - wenn auch nur knapp - die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche. Das zeigt auch: Zwischen dem Papalismus der Katholiken und dem neuen Mamalismus der Protestanten sind die Unterschiede allenfalls gering. Alles in allem: Ob Sportler, Bundestrainer, Rapper, Comedian, Partygirl oder Banker, von Bastian Schweinsteiger über Anna Netrebko, Angelina Jolie, Boris Becker bis zu Paris Hilton gibt es kaum jemanden, der nicht irgendwann einmal im „Heiligenkalender" der Medienmassenunterhaltung auftauchen könnte. Jeden Tag ist - zum Beispiel in der „Bild" - ein neues oder altes Gesicht zu besichtigen, nicht selten das einer gefallenen „Heiligen" von gestern, und sogar Huren und Pornoqueens dürfen in vielen privaten Kanälen auf die Topliste der Massenverehrung klettern. Bei den medial beliebten Pseudoheiligen, den „Heiligen der Welt", gibt es fast nichts, was es nicht gibt.

„Kultig"

Der Soziologe deutet es so: „Die Sakralisierung des Profanen" werde „vorangetrieben von einer weitgehend globalisierten Medien- und Kulturindustrie". Das finde Akzeptanz „vor allem unter jenen, die sich dem klassischen Heiligen weitgehend entfremdet haben, sich also als dezidiert ‚konfessionslos' betrachten oder schlichtweg ‚religiös unmusikalisch'". Personen und Gegenstände der Verehrung werden dann quasi-mystisch aufgeladen. „Das Prädikat des Heiligen wird heute in inflationärer Weise fast allem und jedem zugesprochen." Diese „Heiligung", ja „Vergöttlichung" - oder genauer gesagt: Vergötzung - von Objekten und Personen nimmt nicht selten pseudoliturgische Züge an. Etwas wird „kultig", „Kult". Das - so Gebhardt - „erlaubt auch dem ‚ungläubigen' Menschen, sich auf etwas zu berufen, das größer und bedeutender ist als er selbst. Es erlaubt ihm, sich innerhalb eines außeralltäglichen Kosmos zu verorten, an einer - wenn auch konstruierten - Aura zu partizipieren und damit seinem Leben einen ‚Sinn' zu verleihen." Früher nannte man so etwas Religionsersatz.

Wohin soll ich mich wenden?

Gott sei Dank wissen die meisten Menschen dann, wenn es ernst wird, allerdings doch noch, die Geister zu unterscheiden, das Spielerische, Neckische, Übertriebene vom Echten zu unterscheiden. Daher möchte der Soziologe nicht einfachhin abschätzig über die Inflation des „Heiligen" heute urteilen. Denn nicht immer muss dessen Entgrenzung auch seine Entwertung bedeuten. Gebhardt schlägt vor: „Man sollte jene Verhaltensformen und Verhaltensmuster, die beschriebenen Prozesse der Profanisierung des Sakralen und der Sakralisierung des Profanen - trotz aller berechtigten Kritik - nicht voreilig nur als markt- und hierarchiegesteuerte, dekadente, spaßzentrierte oder hedonistische Kunstformen des Heiligen abtun. Denn obwohl sie zweifellos von einer der Gewinnmaximierung verpflichteten Kultur- und Erlebnisindustrie gesteuert und verbreitet werden, reagieren sie doch auch auf die Bedürfnisse heutiger Menschen nach Sicherheit und Orientierung, geben, wenigstens partiell, Antworten auf die existenziellen Sinnfragen wie ‚Wohin soll ich mich wenden?' und ‚Wer bin ich eigentlich?' … Man sollte aber auch davon absehen, sich von kirchlicher Seite den hybriden populärkulturellen Erlebniswelten einfach anzubiedern, um bei ihren Anhängern besser anzukommen. Menschen haben auch heute noch ein Gespür für das ‚Echte' und ‚Authentische'. Es kann nur darum gehen, das ‚Echte' und ‚Authentische' des katholischen Glaubens zu bewahren, es vielleicht in seinen Präsentationsformen zu modernisieren - und darauf zu vertrauen, dass es als attraktives Angebot in der Flut des Heiligen wahrgenommen wird."

Doch geht es im Kern des Christlichen nicht nur um eine etwas verbesserte Kommunikationsstrategie, um eine modernisierte Vermittlung. Die Glaubenssubstanz selbst ist in den Zusammenhängen revolutionär gewandelter Welterkenntnis neu zu suchen, in aller Anstößigkeit, Fremdheit, aber auch die Grundfesten unserer Existenz erschütternden Mächtigkeit. Die Autorität dessen, was uns heilig ist, hängt an dem einen Heiligen: Gott selbst, Gott allein. In christlicher Perspektive heißt das: „Was wir noch unbestimmt als Heiliges wahrnehmen, ist im Endeffekt der Heilige, ist eine Person oder eine personale Wirklichkeit", so der Erfurter Theologe Josef Freitag (ebenfalls in „Zur Debatte"). „Der christliche Glaube erfährt Gott konkret in einer Person, nämlich in Jesus Christus, und letztlich nicht anders oder ohne ihn."

Das ist die christliche Unterscheidung im Vielerlei des Heiligen und Pseudoheiligen. Trotz aller Inkulturationsversuche bleibt sie weiterhin sperrig, nur im Sprung der Glaubensahnung erreichbar. Der Heilige ist der Nahe und Ferne, der Vertraute und Fremde, das Wort und das Schweigen zugleich. Echt heilig und nicht zum Schein heilig ist nur Er. Ihn sollen und wollen wir in allen Dingen finden - als Gott. Das ist die große Perspektive, die am Ende auch uns als sündige Menschen heilig macht. Tröstlich dabei ist auch in christlich schwierigen Zeiten: Der Hauch des Heiligen, das Gottesgerücht, verschwindet nicht so einfach aus der Welt, selbst wenn es sich noch so profan aus dem Ewigen ins Zeitliche zu verflüchtigen scheint. Die klammheimliche Sehnsucht nach wahrer Heiligkeit lässt den armen, endlichen Menschen nicht ganz im Stich. Das Diesseitige verschlingt das Jenseitige nicht völlig. Am Ende aller irdischen (Selbst-)Heiligsprechungen holt uns eine Erkenntnis doch stets ein - so der Soziologe Gebhardt: „An die Heiligkeit Gottes reichen auch die Heiligsten aller menschlichen Heiligen nicht heran."

CIG 36/2010

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