61. JAHRGANG 2009WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 22. November 09


Das Kreuz und die Kirchen
Von Gotthard Fuchs
Gegen die „Pest des Laizismus" wurde 1925 das Fest Christkönig eingeführt - abwehrend gegenüber Zeitgeist und Moderne und nicht zufällig noch in monarchischer, antidemokratischer Bildsprache. Im Bekenntnis zum Priesterkönig gehe es um das Heil der Welt, und auch die „bürgerlichen Angelegenheiten" seien dem Glauben nicht gleichgültig, heißt es in der päpstlichen Gründungsurkunde. Schon wenige Jahre später sollte diese entschiedene Zentrierung auf Gestalt und Geheimnis Jesu Christi ihre Wucht und Wahrheit entfalten.
Nicht der braune Verführer steht im Zentrum der Christenheit, sondern der königliche Bruder aus Nazaret. Nicht „Heil Hitler" heißt der Segensgruß, sondern „Schalom dem Heiland". Nicht das tausendjährige Reich von rassischen Blut- und Bodenmystikern ist die Zukunft, sondern „das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens", wie es im großen Dankgebet des Festes ganz in der Sprache der damaligen Zeit heißt.

Christus ist kein Biedermann

Kraftvoll kam die Kreuzesbotschaft zur Geltung - als Zeichen der Menschenwürde und der Freiheit. Dietrich Bonhoeffer schrieb sein großes Büchlein „Nachfolge" und lebte diese mit seinen Brüdern als die christliche Alternative zum verhängnisvollen Führerkult. Zeitgleich analysierte der Jesuit Alfred Delp die braune Nazi-Mystik - und die Verbürgerlichung des Christentums. „Da schreitet Christus durch die Zeit / in seiner Kirche Pilgerkleid; Gott ­lobend, Halleluja", dichtete 1941 Maria ­Luise Thurmair. Mitten in der Abfassung ihres letzten Werks „Kreuzeswissenschaft" wurde Edith Stein von den Nazis ins Konzentrationslager verschleppt.
65 Jahre ist es her, dass Delp im Nazi-Gefängnis „die Verflüchtigung des ganzen Christus in den Biedermann des guten Beispiels und der frommen Ermahnung" beklagte. Schmerzhaft vermisste er an der weihnachtlichen Krippe auch „die amtliche Kirche": „Die Ämter der Kirche sind innerlich vom Geist geführt und verbürgt. Aber die Amtsstuben! und die verbeamteten Repräsentanten. Und diese unerschütterlich-sicheren Gläubigen! - sie glauben an alles, an jede Zeremonie und jeden Brauch, nur nicht an den lebendigen Gott."
Deutschland ist zum Missionsland geworden. Ich erinnere mich noch gut an den Mainzer Katholikentag 1948 mit dem Delp'schen Motto: Die Christkönigsfahnen wehten im Wind. Das uralte „Christus Sieger, Christus König, Christus Herr in Ewigkeit" ging mir, dem gerade Zehnjährigen, unvergesslich unter die Haut. Der Gekreuzigte ist der Auferstandene. Ein Christus ohne Wunden wäre undenkbar gewesen, ja lächerlich. Aber ein Gekreuzigter ohne österliche Gewissheit hätte kaum Widerstandskraft freigesetzt. Die Botschaft vom Kreuz war reale Erfahrung in der erlittenen Gewalt, in den Leidensgeschichten, im ­Zusammenbruch. Darin wurde die Kraft einer unbesiegbaren Hoffnung spürbar, die schließlich gar Konzentrationslager öffnete und Mauern einstürzen ließ.
Gewiss: Die politisierende und kämpferische Bildsprache des Christkönigsfestes ist heute nur noch schwerlich mitzuvollziehen. Auch die Nähe zur Nazidiktatur mancher Kirchenkreise damals sei selbstkritisch nicht vergessen. Aber im Glutkern der Geschichte steht die Botschaft vom Kreuz, und zwar als Osterbotschaft. Der Christuskönig ist der Erzmärtyrer, und genau das gibt die erlösende Perspektive: Bleibend gezeichnet durch erlittene Gewalt, waidwund eingeschrieben dem eigenen Körper - so ist er die königlich alles bestimmende Hoffnungsgestalt.
Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat kürzlich in Straßburg der Klage einer Italienerin stattgegeben, nachdem sie von italienischen Gerichten zuvor immer wieder abgewiesen worden war. Kruzifixe in den Klassenzimmern beurteilten die europäischen Richter als Verstoß gegen das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder und gegen deren Recht auf Religionsfreiheit. Ein Aufschrei geht seitdem durch die kirchliche Welt (vgl. CIG Nr. 45, S. 510, und Nr. 46, S. 517). Hierzulande erinnert man sich zudem an die Debatte nach dem Verfassungsgerichtsurteil 1995 und an den Disput neulich anlässlich der Verleihung des Hessischen Kulturpreises. Von „aggressivem Säkularismus" ist nun die Rede, von einem „klassischen Fehlurteil", vom Verrat an religiösen und kulturellen Werten. Aber über die „böse, heidnische Welt" zu jammern hilft genauso wenig wie rein juristische Reaktionen oder neue Staat-Kirche-Debatten. Es gelte, „mit allen Kräften die Zeichen unseres Glaubens zu bewahren für die Glaubenden und die Nichtglaubenden", sagte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Ja gewiss, aber warum eigentlich und mit welchen Gründen und - vor allem - in welcher Sprache?
Gewissenserforschung in den eigenen Reihen tut not. Warum gelingt es Christen und Kirchen nicht mehr, der Öffentlichkeit und selbst „den Gebildeten unter den Verächtern" des Christlichen klarzumachen, warum die Botschaft vom Kreuz für das Leben und Überleben aller so wichtig ist? Warum kommen wir aus den überlieferten Sprachspielen nicht heraus? Warum bleiben wir so oft im liturgischen und theologischen Jargon hängen? „Vom Kreuz Christi kommt die Freude in die Welt", heißt es in der Karfreitagsliturgie. Warum wird das so wenig verständlich und erfahrbar? „Wir preisen Deinen Tod ..." Warum soll ausgerechnet die Veröffentlichung eines gewaltsamen Todes erfreulich sein? Wo haben Christen und Kirchen womöglich selbst dazu beigetragen, dass es zu solch eklatanten Missdeutungen und Fehlverständnissen des Kreuzessymbols überhaupt kommen konnte? Wo blieben Christen und Kirchen selbstgenügsam, ohne Kraft zum missionarischen Dialog und zum schöpferischen Streit um die Wirklichkeit? Und immer noch schwingt der Verdacht mit, die Christen seien ins Negative verliebt und hätten nichts anderes im Sinn als Schuld, Sünde und Opfer.

Lebenskraft Ostern

Das Straßburger Urteil auf europäischer Rechtsebene ist in der Tat ein alarmierendes Symptom, zuerst und vor allem für die Sprachnot der Glaubenden. „O Lamm Gottes, unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet, allzeit erfunden geduldig, wie wohl du warest verachtet ..." Wer soll solch ein um 1522 gedichtetes und über Jahrhunderte hin zweifellos hilfreiches Lied heute noch richtig verstehen? Was geschieht in den Köpfen und Herzen derer, die solche Lieder singen? Wie wirkt das auf andere? Der eigentliche Skandal ist die mangelnde Gewissenserforschung und die fehlende Übersetzungskraft trotz zahlreicher Bemühungen in Theologie und Seelsorge. Nur davon zu reden, dass das Kreuz Christi uns Christen wahrhaft ein Segen ist, wie bei jedem Kreuzzeichen betend praktiziert, genügt nicht. Es muss inhaltlich und argumentativ von allen Menschen guten Willens mitvollziehbar sein, warum es den Christen ein so zentrales Symbol ist. Wo aber ist der Hirtenbrief zur Sache, wo ein Text der vielen bischöflichen Kommissionen und Laiengremien, wo eine Stellungnahme der theologischen Fakultäten? Und zwar Texte, die allgemein vermittelbar und lebensweltlich relevant sind.
Natürlich lässt sich das Geheimnis des Glaubens letztlich nur Eingeweihten, also Glaubenden, erschließen. Aber auch das Innerste des Glaubens muss als nicht unvernünftig, als womöglich höchst einleuchtend und attraktiv aufgewiesen werden. Der beliebte Hinweis, dass es sich um ein „Geheimnis" handle, verrät allzu oft nur Denkfaulheit und Sprachnot. Zudem wird dabei auch noch Geheimnis und Rätsel verwechselt. Auch der schnelle Hinweis auf das „Ärgernis" des Kreuzes steht im Verdacht ideologischer Selbstimmunisierung. Ein Paulus jedenfalls, von dem die Redewendung stammt, hatte damals argumentiert und einen Streit um die Wirklichkeit angezettelt (vgl. 1 Kor 1,18-31).
Eines muss klarer „rüberkommen": Es geht christlich nicht um das Kreuz als solches, schon gar nicht als Folterinstrument, sondern um das österliche Wort vom Kreuz, um das Symbol göttlicher Liebe. Nicht zufällig haben selbst die Christen fast sechshundert Jahre gebraucht, bis sie die erste bildliche Darstellung der Kreuzigung Christi wagten. Bis zum Ende des ersten Jahrtausends blieb es immer ein Triumphkreuz, ein Lebensbaum, die Darstellung einer letzthin unendlich erfreulichen „Erfolgsgeschichte". Erst in der Gotik kam jener gefolterte Kruzifixus zur Darstellung, der heute für viele so umstritten und schwer verständlich ist.
Natürlich ist das Kreuz Jesu Ärgernis. Aber das unglaublich Herausfordernde und wirklich Anstößige ist nicht das Kreuz, sondern die Osterbotschaft vom gekreuzigten Auferstandenen. Es ist nicht zu fassen, dass die Lebens-, nein Über-Lebenskraft Gottes sich gerade in solch einem Menschen offenbart und damit gerade den Ärmsten der Armen eine rettende Perspektive eröffnet. Nichts von Leidverklärung, nichts von Fixierung auf einen böse gequälten Menschen, sondern das genaue Gegenteil: Die rettende Treue Gottes ist stärker als selbst die brutalste Gewalttat und die vermeintlich sinnloseste Sterbensdramatik.
Diese Sicht revolutioniert die Verhältnisse, ermöglicht Vergebungsbereitschaft und Widerstandskraft, verpflichtet zu einer Kultur der Feindesliebe und der Gewaltlosigkeit. Das Kreuz allein ist nur fürchterlich, auch das Kreuz Jesu. „Gottes Kraft und Weisheit" ist es, weil in ihm jene unbedingte göttliche Liebe offenbar wird, die bis zum Äußersten geht. Und das hat höchst konkrete Folgen für die persönlichen wie die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Warum?

Die österliche Hoffnung verharmlost also nichts, sie beschönigt auf keinen Fall die Brutalität des faktischen Kreuzesgeschehens und der realen Leidens- und Gewaltgeschichten. Ganz im Gegenteil: Sie bringt das Ausmaß des Elends erst ans Licht und nötigt dazu, sich damit auseinanderzusetzen. Wo denn sonst wird das Geheimnis Gottes derart zentral im Leiden des Menschen angeschaut? Aber nicht das Kreuz erlöst, sondern die Liebe Gottes, die darin bis zum Äußersten geht. „Nichts kann uns trennen von dieser Liebe", jubelt schon Paulus (vgl. Röm 8,31-39). Um es schlicht und geradeheraus zu sagen - mit dem Risiko, theologisch und kirchlich nicht ganz korrekt zu sein: Jesus ist nicht zielstrebig aufs Kreuz zugegangen, dann wäre er ein Masochist und letztlich krank gewesen. Aber offenkundig war seine Gottesleidenschaft, ja die Gegenwart Gottes in ihm so bestimmend, dass er selbst diesen brutalen Tod als Konsequenz seiner Botschaft und seines Auftrags einwilligend in Kauf zu nehmen lernte. Theologisch gesprochen: Dank Ostern sagten die Glaubenden dann zu Recht, er „musste" dies alles leiden. Der lebendige Gott, der mit seinem auserwählten Volk einen neuen und ewigen Bund geschlossen hat, hätte in Jesus, seinem Christus, die Welt und die Menschen auch ohne das Kreuz erlösen können. Aber faktisch ging es nicht anders, weil die Welt jenseits von Eden so ist, wie sie ist.
Das Kreuz Jesu ist die Konsequenz seiner Lebenspraxis und Botschaft. Es offenbart die unfassbare Liebe und Treue dessen, der gelingendes, unendliches Leben für alle will. „Du Feuer und Abgrund der Liebe ... Warum bist Du Deinem Geschöpf so verrückt zugewandt? Weil Du Dich in Dein Geschöpf verliebt hast, fandest Du an ihm Dein Wohlgefallen und Entzücken und bist wie berauscht von der Sorge um sein Heil. Es entflieht Dir, und Du machst Dich auf die Suche nach ihm, es entfernt sich von Dir, und Du fühlst Dich getrieben, ihm nahezukommen. Noch näher konntest Du ihm nicht kommen als in der Gestalt eines Menschen." So betete beispielsweise Katharina von Siena.
Warum ist Gott Mensch geworden? Das war nicht nur im Mittelalter eine wichtige Frage. Aus reiner Liebe zu allen und mit universalem Heilswillen, so lautet eindeutig die Antwort biblischer Botschaft. Aber brauchte es dazu das ganze Ausmaß menschlicher Sünde und Gewalt? Keineswegs, sagten die einen im Gefolge des Franziskanertheologen Duns Scotus. Denn Gottes zuvorkommende Liebe ist Grund genug. Die anderen meinten im Gefolge von Thomas von Aquin und Anselm von Canterbury, das wahre Motiv für Gottes Kommen in die Welt sei das himmelschreiende Unrecht, die strukturelle Gewalt, die Sünde. Faktisch durchgesetzt hat sich die zweite Antwort. Neu zu diskutieren sind aber beide. Diese gewiss spekulative Debatte - die Kirche hat ihre Lösung bewusst offengelassen - kann nämlich helfen, die angemessene Rede vom Kreuz Christi tiefer zu verstehen. Der entscheidende Beweggrund ist demnach allein Gottes unfassbar werbende und rettende Liebe. Die freilich hat angesichts der menschlichen Realität jenseits von Eden sozusagen keine andere Chance, als derart bis zum Äußersten zu gehen, mitten hinein ins Auge des Orkans menschheitlicher Gewalt und Sünde. Denn nichts liegt diesem Gott ferner als (Gegen-)Gewalt! Er hat uns nicht geliebt, weil wir besonders liebenswürdig wären. Nein, dadurch dass er trotz allem definitiv zu jedem Menschen steht, wird dieser erst liebenswürdig. Dieses Mysterium seiner Treue wird im Leben und Sterben Jesu österlich aufgedeckt. So ist er der Erstgeborene unter vielen Brüdern und Schwestern. Unfassbar ist deshalb, dass trotzdem immer noch Vorstellungen von einem grausamen Gott im Umlauf sind, der durch Menschenblut „versöhnt" werden wolle.
Gewiss: Faktisch ist - wie es auch die Bibel selbst hellsichtig an den Anfang stellt - die Geschichte des Menschengeschlechts „mordsmäßig" und gewaltförmig. Die mythische Erzählung von Kain und Abel wird förmlich zur Blaupause alltäglicher Verhältnisse im Großen und Kleinen, in allen Zeiten und Epochen. Wo Menschen sind, ist Rivalität und Konkurrenz. Warum das so ist und ob es je durch guten Willen, durch therapeutisches Wissen und pädagogische Anstrengung prinzipiell anders sein könnte, bleibt offen.
„Gesetzt den Fall, Sie haben noch keinen umgebracht, womit erklären Sie sich das?" Diese Frage von Max Frisch deckt auf, was im Menschen steckt. Strukturelle Gewalt ist überall am Werk. Einigermaßen gebändigt und gestaltet ist sie durch moralische Normen, durch guten Willen, gesellschaftliche Vereinbarungen und politische Regeln. Aber unter der Decke der Zivilisation brodelt die Lava destruktiver Aggression in Gestalt von Angst und Scham, von Neid und schließlich Gewalt. Was im religiösen Sprachspiel Sünde oder gar Ursünde heißt, eröffnet eine höchst realistische Sicht auf die Wirklichkeit, wie sie in uns und zwischen uns Menschen ist.
Der Jude Jesus erscheint in der Geschichte seines Volkes als ein besonderer Zeuge jener universalen Liebe, die - mit Abel als erstem - gerade die Opfer von struktureller Gewalt ins Auge fasst und selbst für die Täter noch zu beten vermag. Jesu Leben und Wirken gerät deshalb, faktisch leider notwendig, in diesen Orkan des Destruktiven. Sehenden Auges geht er hinein, das ist sein unfassbares Geheimnis. In Treue zu seinem Auftrag offenbart er das Geheimnis der göttlichen Feindesliebe. Er hat den Kreuzestod nicht willentlich ­gesucht. Aber schließlich konnte er bewusst und voller Hoffnung einwilligen (vgl. Hebr 5,7ff). In seinem Kreuz wird österlich also beides offenbar: der Abgrund mitmenschlicher Gewalttätigkeit und der Abgrund göttlicher Treue und Feindesliebe. Beides wird im Leben und Sterben Jesu entdeckt und offenbar gemacht. Das ist die frohe Botschaft vom Kreuz: Gewalt­anschauung und damit die Eröffnung eines neuen Lebens mitten im alten und nun veralteten.

Die Welt durchkreuzen

Nicht wegschauen ist also angesagt, sondern genau hinsehen - auf die Opfer und die Täter, in uns selbst und in allem. Diese Realität gilt es, fromm zu betrachten, das ist die christliche Mystik der offenen Augen: „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben" (Joh 19,37). Deshalb veröffentlichen Christen das Zeichen des Kreuzes, auch in Schulen. Nicht um den Blick sadomasochistisch auf Gewalt zu fixieren. Aber eben auch nicht, um sich in der Idylle bürgerlicher Wohl­anständigkeit einzunisten und der Illusion des bloß guten Willens zu erliegen. Im Kreuz Jesu, verstanden als Konsequenz seiner Botschaft und seines Tuns, wird die Welt, wie sie seit Kain und Abel ist, durchkreuzt. Aus-Einander-Setzung wortwörtlich: Wir sehen uns mit unserer eigenen Gewalttätigkeit konfrontiert. Wir sind zu Umkehr und Wandlung eingeladen bis hin zu Compassion (Mitleiden) und Feindesliebe, Vergebung und stellvertretendem Einsatz. Diese christliche Kulturrevolution hat ungeheure Folgen bis heute.
Was von der Widerstandskraft des Osterglaubens in der Nazizeit gesagt wurde, gilt von Anfang an. So gab es im römischen Reich zur Zeit des entstehenden Christentums keinerlei Unrechtsbewusstsein hinsichtlich der Kinderprostitution. Sie gehörte sozusagen alltäglich zum System. Die ersten, die dies infrage stellten, waren die Christen. Auch der Philemonbrief im Neuen Testament zeigt, mit welcher Sprengkraft hier - vom Einzelfall her - eine ganze Sklavenhaltergesellschaft infrage gestellt wird. Die Geschichte der Sozial­arbeit, im Krankenhausbereich und in der Armenfürsorge ist durch das Christentum nachweislich erst in Gang gebracht beziehungsweise radikal verändert worden. Dasselbe gilt, trotz aller Rückschläge, für die Grundhaltung konfliktfähiger Gewaltlosigkeit und offensiver Feindesliebe. Gewiss: Auch das christliche Bekenntnis des Gekreuzigten konnte aggressiv und zerstörerisch missbraucht werden, sprichwörtlich in den Kreuzzügen oder in einer kirchlichen Herrschaftskultur nach dem Motto: „Wer das Kreuz hat, segnet sich zuerst." Da gilt prinzipiell der große Satz des Bernhard von Clairvaux: „Wir selbst sind sein Kreuz."
Führt man sich aber vor Augen, welche Umwertung der Werte durch die christliche Kulturrevolution stattgefunden hat, kann man erahnen, was auf dem Spiel steht. Deshalb ist ein Streit um die Menschlichkeit des Menschen anzuzetteln, ein Streit um die Wirklichkeit im Ganzen: Wofür leben, wofür sterben, wie möglichst gerechte Verhältnisse für alle schaffen? Steht der arme, der stigmatisierte Mitmensch im Mittelpunkt der Antwort wie in der Kreuzesbotschaft? Haben die Opfer eine Chance? Gibt es Gericht und Gerechtigkeit für alle? Das österliche Bekenntnis zum Kreuz Christi ermöglicht und fordert eine klare Option im Denken und vor allem im Tun. Es braucht den Streit um die Deutung und Gestaltung der Wirklichkeit im Ganzen.
Die bildliche Gestaltung des Kreuzes Christi freilich kann sich verändern. Es könnte sein, dass das gotische Paradigma der Kruzifixus-Darstellung an ein epochales Ende gekommen ist. Es könnte sein, dass man sich, wie in der klassischen Moderne der bildenden Kunst etwa bei Ma­levich und Jawlensky, der gegenstandslosen, abstrakten Triumphkreuze des ersten Jahrtausends wieder erinnert. In der Formensprache durchaus flexibel und varia­tions­reich, bleibt die Osterbotschaft vom Gekreuzigten alternativlos wichtig. Es geht um die Offen-barung und Offen-legung der Verhältnisse, wie sie jenseits von Eden sind, im Lichte der göttlichen Gerechtigkeit und Liebe. Es geht um entsprechende Veränderung der Verhältnisse und Verhaltensweisen. Das ist keine bloß kirchliche oder religiöse Angelegenheit, es geht um die Wirklichkeit im Ganzen: Christus König, Christus Sieger gestern, heute und in Ewigkeit. Daran hängt das Heil der Welt, das Gelingen des Lebens.

Gotthard Fuchs, Dr. phil., Priester und Publizist, Wiesbaden.

CIG 47/2009

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