68. JAHRGANG 2016WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 31. Juli 2016


Frei und gefangen
Von der CIG-Redaktion
Der Wahnsinn bricht sich Bahn. In Frankreich nehmen die Anschläge kein Ende. Lastwagen sind zur Terrorwaffe geworden. Nahe Würzburg geht ein junger Afghane mit der Axt auf Reisende los. In München versetzt ein Amok laufender Jugendlicher eine ganze Stadt in Angst und Schrecken. In Ansbach zündet ein junger Mann einen Sprengsatz am Eingang eines Musikfestivals. In der Türkei ist der Staatspräsident nach einem fehlgeschlagenen Putschversuch dabei, das Gemeinwesen zu zerlegen und das Land, das gerade noch EU-Kandidat war, in eine Diktatur zu stürzen. Nebenbei: In Syrien herrscht weiter Krieg. Und im Südsudan bekämpfen sich die Truppen des Präsidenten und seines Vizes bis aufs Blut. Tausende sind umgekommen, Millionen auf der Flucht; aber das ist weit weg - ist es das wirklich?

Es ist niemand in Sicht, der diesen Irrsinn stoppen kann. In der Zeit des Kalten Krieges haben zwei Supermächte ihre Machtsphären kontrolliert, heute gibt es keine klaren Ordnungsmächte mehr. Die Vereinten Nationen sind ein zahnloser Tiger. Die USA sind mit Wahlkampf beschäftigt (was dabei herauskommen könnte, macht nicht eben Hoffnung). Russland und China lehren selbst ihre Nachbarn das Fürchten, und die EU - inklusive ihres deutschen Hegemons - spielt weltpolitisch kaum eine Rolle und zerbrexelt sich lieber selbst.

Zugleich vernetzt sich die Welt immer mehr. Sie kommuniziert grenzenlos. Multinationale Konzerne handeln längst als Hypermächte über allen Staaten. In der Wissenschaft arbeiten die besten Köpfe aus aller Welt an gemeinsamen Projekten für die Menschheit. Kulturell gibt es in Kunst, Film, Musik, Theater einen regen Austausch für Völkerverständigung und gegen Provinzialität. Sport verbindet ohnehin, und die Allerbesten der zusammengekauften Sportskanonen spielen in den Top-Clubs öfter miteinander als gegeneinander, wenn sie in ihren Nationalteams antreten.
Nur die politische Klasse scheint der Internatio­nalisierung historisch hinterherzuhinken. Sie unterlässt alles, was den Abstand zu einer lebenswerteren Zukunft verkleinern könnte. Anstatt übergeordnete Projekte anzugehen, schaut sie der Fragmentierung der Staatengemeinschaft wort- und tatenlos zu. Sie fördert sie gar, indem sie durch ihre Passivität dem Vorgestrigen Raum lässt. Ihre Instrumentarien ziehen nicht: Das zähe Geschäft der Diplomatie ist zum bloßen Krisenmanagement verkommen, weil es meist zu spät kommt. Und der Effekt von Wirtschaftssanktionen ist fraglich.

Der Bürger steht zerrissen zwischen widerstrebenden Dynamiken. Eingebunden ins globale Netz: wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell bietet es ihm nie da gewesene Chancen. Zugleich ausgesetzt den Exzessen des Nationalismus und des reli­giö­sen Fundamentalismus.

CIG 31/2016


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