69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. Juli 2017


Kommentar: Sancta Ecclesia
Von der CIG-Redaktion
Bei den Regensburger Domspatzen, das zeigt der Abschlussbericht über den Missbrauchsskandal, herrschte jahrzehntelang ein System der Angst und Gewalt. Das Ungeheuerliche, das ans Licht gekommen ist, trifft die Kirche ins Mark.

Sie wurden geschlagen. Sie wurden sexuell missbraucht. Sie wurden gedemütigt, vor Alternativen gestellt, die beide verboten waren: Gingen sie nach der Nachtruhe aufs Klo oder machten sie ins Bett - in beiden Fällen war Strafe sicher. Erbrochenes musste wiedergegessen werden. Bei den Regensburger Domspatzen, das zeigt der Abschlussbericht über den Missbrauchsskandal, ging es jahrzehntelang darum, in einem „System der Angst“, mit den Methoden allerschwärzester Pädagogik, den Willen von Kindern und Jugendlichen zu brechen, um der Disziplin, der Höchstleistung, der höheren Ehre Gottes willen - und um der Befriedigung sadistischer und sexueller Neigungen des „Vertrauens“-Personals willen.

Es ist schlimm und nicht wiedergutzumachen, dass viele der 500 Misshandelten und der 67 sexuell Missbrauchten sagen, sie seien der Kindheit beraubt worden. Bis heute leiden sie unter psychischen Folgeschäden. Institutionell aber beschwört der Vorgang die dunkelsten Seiten kirchlichen Handelns in der Geschichte herauf: Ein „System Kirche“ arbeitet mit dem „System Angst“, wie es über Jahrhunderte Gläubige in Angst und Schrecken versetzte, um sie ihrer Mündigkeit zu berauben, womit zugleich ihre von Gott verliehene Würde verletzt wurde.

Der Fall Regensburg ist nicht nur als Imageschaden zu bewerten. Ein paar Kratzer, die das Ansehen ein wenig ramponieren, was sich aber übertünchen ließe, worauf einige Vertreter der Institution schon wieder hinarbeiten durch Relativierung, Distanzierung und Verleugnung. Es sind auch nicht „nur“ die moralischen Verfehlungen Einzelner, die irgendwann vergeben sind und mit der Kirche an sich nichts zu tun haben, nach dem alten Motto: Die Kirche sündigt nie - es sind nur ihre Mitglieder. Was für ein Kirchenbild! Besteht denn der Leib Christi nicht konstitutiv aus seinen Gliedern? Könnte er sich die Hand abhacken, das Auge ausstechen, sobald sich eines der Glieder schuldig macht, und immer noch ganzer Leib sein? Nein, das Ungeheuerliche, das ans Licht gekommen ist, trifft die Kirche ins Mark. Ihre Selbstüberhöhung als etwas Hehres, Ideales, Sakrosanktes ist die eigentliche Ursache für den systematischen Missbrauch von Macht von seinen Anfängen bis zu seiner Aufklärung. Ein System, das sich absolut setzt, hat keine Kontrollmechanismen, seine Lenker sind früher oder später überfordert.

Leider verhalten sich die Bischöfe in ihrer Gesamtheit angesichts dieser Verbrechen in der Öffentlichkeit auffällig ruhig, verlieren sich lieber in Fragen der Wiederverheiratung Geschiedener und deren Zulassung zur Eucharistie anstatt für alle vernehmbar das nahezu unermessliche Unrecht zu benennen. Ihre Aufgabe wäre es, endlich damit anzufangen, das theologische Verständnis der „sancta ecclesia“ von einer klerikalistischen Ideologie zu befreien.

CIG 31/2017


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