69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 17. September 2017


Ein Petrus als Paulus
Von Alexander Schwabe
Tradition gegen Reform: Der Richtungskampf im Vatikan - mit offenem Visier und harten Bandagen geführt - hinterlässt tiefe Narben. Wie lange noch kann Papst Franziskus Kurs halten?

Die beruhigende Nachricht nach der Sommerpause: Franziskus I. ist noch im Amt! Und die katholische Kirche noch nicht untergegangen! Weder hat der Papst die Kirche zugrunde gerichtet, wie seine innerkirchlichen Gegner - muss man sagen: Feinde? - prophezeien, noch hat die Kurie gegen ihn geputscht, wie sie es heraufbeschwören. Doch die Krise hält an: Kardinäle wittern Häresie und reden offen über die Gefahr eines Schismas.

Es klingt dramatisch - ist es auch. Der Papst zielt auf Einbindung und synodalen Konsens. Doch zugleich scheidet er die Geister in Rom und in kirchlichen Zirkeln außerhalb der Ewigen Stadt in einem Maße, dass klar ist: Nicht nur der Erfolg seines Pontifikats steht auf der Kippe, auch die zukünftige Gestalt der Kirche auf dem Spiel. Sein Kurs ist umstritten, die Stimmung gereizt. Die Fronten verlaufen naturgemäß zwischen Traditionalisten und Reformern. Die Polarisierung hat eine Dynamik angenommen, dass Mahner panisch schreien: „Der Vatikan brennt.“

Im Zentrum des Brandes steht der Papst. Von den einen als Brandstifter gesehen, der die Lunte an die Lehre legt. Von den anderen als einer, der versucht, die Kirche wie in einem Purgatorium von Altlasten und morsch gewordenen Denkgebäuden zu reinigen und mit frischem Wind die Glut des Heiligen Geistes anzufachen.

Apokalyptischer Endkampf

Dass Kardinäle den Papst öffentlich kritisieren und ihn bloßstellen, indem sie ihm theologische Schwächen oder eine Abwendung vom heiligen Glaubensschatz des Lehramtes vorwerfen, war unter seinen Vorgängern nicht vorstellbar. Erst war es der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der durchblicken ließ, der Papst sei theologisch nicht sattelfest. In einem Interview mit der französischen Zeitung „La Croix“ hatte Müller gesagt, seine Aufgabe als Leiter der Glaubensbehörde sei es, „das Pontifikat Papst Franziskus’ theologisch zu ordnen“. Was so aufgefasst wurde, als ob der Papst Nachhilfe brauche.

Dann, Anfang August, war es Kardinal Raymond Leo Burke, der den Papst wegen seiner Ehepolitik schwer attackierte. Es sei jetzt „notwendig, einfach klarzustellen, was die Kirche lehrt“. Ein Affront. Es wäre so, als wenn der Assistenztrainer der Fußballnationalmannschaft meinte, Joachim Löw öffentlich erklären zu müssen, wie er die Mannschaft aufzustellen hat.

Der Amerikaner Burke versteht sich eigenen Angaben zufolge als ein apokalyptischer Kämpfer in jener „entscheidenden Schlacht“, die von einer der Seherinnen von Fatima vor genau hundert Jahren prophezeit worden ist und die zwischen dem Königreich Christi und dem des Satans angeblich tobt. Geführt wird der Kampf vordergründig um das rechte Verständnis von Ehe und Familie, um die Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten. Im Hintergrund geht es um mehr: um den Kurs der katholischen Kirche. In einem Interview mit der amerikanischen Wochenzeitung „The Wanderer“ sagte Burke, die „allgegenwärtige Gender-Theorie und die sogenannte gleichgeschlechtliche Ehe“ seien „ein Zeichen“, dass sich die Gesellschaft in einer „wahrhaft apokalyptischen Situation“ befinde. Er werde alles Erdenkliche tun, um die Wahrheit über die Ehe und Familie zu verteidigen.

Das päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“, in dem der Papst die Ergebnisse zweier Synoden zusammengefasst hat, stehe dieser Wahrheit entgegen. Burke sieht das heilige Sakrament der Ehe aufgeweicht. Wiederverheiratete geschiedene Katholiken dürften auf keinen Fall die Kommunion empfangen, auch nicht in seelsorgerlich begründeten Ausnahmefällen, wie es der Papst offenkundig nach Prüfung erlauben will.

Schon im September 2016 setzten Burke, der deutsche Kurienkardinal und Kirchenhistoriker Walter Brandmüller, der vor kurzem gestorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner und der soeben gestorbene Kardinal Carlo Caffarra, ehemals Erzbischof von Bologna, ihre Unterschrift unter einen Katalog von fünf kritischen Fragen („Dubia“) zum päpstlichen Schreiben. Der Papst aber strafte die zweifelnden Kardinäle mit Nichtbeachtung. Indirekt gab er allerdings deutlich zu erkennen, was er von deren Vorgehen hält. In seiner Weihnachtsrede vor der Kurie im Dezember 2016 sprach er von „böswilligen Formen des Widerstands“, der sich unter dem Deckmäntelchen des Kampfes für Tradition und Formalität gegen ihn erhebe.

Skurrile Situation

Doch die Kardinäle ließen nicht locker. Burke - als einziger der vier noch aktiv im Amt - hat sich zum Anführer der Unzufriedenen gemacht, einer Gruppe, die anscheinend deutlich größer ist als die vier, die sich vorwagten. Mit dem Instrument der „formalen Korrektur“, das er eigentlich schon nach dem Fest der Heiligen Drei Könige Anfang Januar für geboten hielt und nun zum zweiten Mal - sechzehn Monate nach der Veröffentlichung des Familienschreibens - androht, will er den Papst auf seine Linie bringen. Schließlich habe der entschieden, auf die fünf kritischen Nachfragen nicht zu antworten. Ein solches Vorgehen hat es über Jahrhunderte nicht gegeben, und es ist kirchenrechtlich nicht geregelt. Klar ist: Es würde „die kirchliche Lehre“ gegen die Position des amtierenden Papstes in Anschlag bringen - mit dem Ziel, dass der Papst seine eigene Lehre „im Gehorsam gegen Christus“ dem Lehramt der Kirche angleicht.

Haben die Papstkritiker recht? Stehen nur sie im wahren Glauben? Oder sind sie dogmatisch verengt und bereit, alles zu riskieren? Die öffentliche Zurechtweisung des Papstes hat Kardinal Gerhard Ludwig Müller nach Auffassung vieler Journalisten und Theologieprofessoren mit dem Verlust seines Amtes bezahlt. Burke selbst hatte bereits eine Degradierung erfahren: Franziskus enthob den Kardinal, der als Erzbischof von St. Louis einst dazu aufgerufen hatte, dem damaligen Präsidentschaftsbewerber, dem Katholiken John Kerry, den Kommunionempfang zu verweigern, weil dieser sich für ein freizügigeres Abtreibungsgesetz eingesetzt hatte, 2014 seines Amtes als Präsident des Obersten Gerichtshofes der Apostolischen Signatur und schob ihn auf den einflusslosen Posten des Kardinalpatrons der Malteserritter ab.

„Dubia“-Mitunterzeichner Brandmüller beruft sich auf das Konzil von Trient. Das habe im 16. Jahrhundert die Wiederheirat und die Kommunion für Wiederverheiratete klar verboten. Wer in zweiter Ehe verheirateten Katholiken die Kommunion erlaube, sei „ein Häretiker und treibt das Schisma voran“. Der Papst also ein Spalter? Burke, Brandmüller und andere berufen sich ausgerechnet auf den Völker-Apostel Paulus, weil der bereits in den Anfängen des jungen Christentums den Apostelfürsten und „Begründer“ des Papsttums Petrus „brüderlich zurechtweisen“ musste. Die in ihrer Eigenwahrnehmung Treuesten aller Rom-Treuen stellen sich mit Paulus, der die Freiheit durch Christus verkündete, gegen Petrus, den „Stellvertreter Christi“ auf Erden. Eine wahrlich skurrile Konstellation.

Doch auch der Papst hat seine entschiedenen Befürworter. Der argentinische Erzbischof Víctor Manuel Fernández schrieb laut der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift „Medellin“: Es gehe darum, eine „neue Logik abseits von starren Schemata“ zu akzeptieren. Die vom Papst in Erwägung gezogene Einzelfallentscheidung, die dem Gewissen der Person Rechnung trägt, könne zwar praktische Konsequenzen für den Umgang mit den Sakramenten haben. Dies stelle jedoch keinen „Bruch, sondern eine harmonische Entwicklung und eine kreative Kontinuität gemäß der Lehre vorhergehender Päpste“ dar.

Fundamentalismus reinster Form

Auch im Volk Gottes „unten“ findet der Kurs des vatikanischen Franziskus positive Resonanz, wie ein Facebook-Eintrag zeigt: „Eine ganze Enzyklika lang erklärt der Papst, dass es zwischen Menschen nicht nur Schwarz oder Weiß gibt. Dann kommen vier alte Männer und verlangen vom Papst, dass er klarstellt, ob das Leben denn nun weiß oder schwarz ist. Ganz einfach haben sie es ihm gemacht, sagen sie, er muss nur ankreuzen. Da er das nicht tut, machen sie ihre rhetorischen Fragen, die tatsächlich Statements gegen den Papst sind, öffentlich. Dass Brandmüller nun auch noch ein Glaubensbekenntnis des Papstes nahelegt, lässt nur den Schluss zu, dass er am Glauben von Franziskus zweifelt. Ein Unterschied zwischen Franziskus und Brandmüller ist offenbar, dass man für den Papst auch dann katholisch ist, wenn man nicht der überkommenen - de facto ohnehin immer imaginären - Ideallinie folgen kann. Für Brandmüller kann man offenbar nur auf eine einzige Weise katholisch sein, seine, und wer nicht auf seine Weise katholisch ist, ist nicht anders katholisch, sondern überhaupt nicht katholisch, ja vielleicht nicht einmal gläubig. Das ist Fundamentalismus in reinster Form.“

Der honduranische Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, Koordinator des Kardinalrates, macht „Seilschaften von Rechts-Katholiken“ aus, „Leute, die Macht suchen und nicht die Wahrheit“. Ohne Burke beim Namen zu nennen, schreibt Maradiaga in einem Interviewbuch, der Kardinal, der den lehramtlichen Charakter von „Amoris laetitia“ anzweifele, sei ein über seinen Machtverlust „enttäuschter Mann“, der sich für die „höchste Autorität der USA“ gehalten habe. Und auf Brandmüller gemünzt: Wer behaupte, „in Anführungsstrichen ‚ketzerische‘ Aussagen“ in den Worten von Papst Franziskus zu finden, liege völlig falsch. „Solche Leute denken nur als Menschen und nicht so, wie der Herr es wünscht.“

Wie aber wünscht es der Herr? Wenn es darum geht, die Schrift richtig zu verstehen oder auf rechte Weise zu glauben, lohnt es immer beim Spalter - und/oder Reformer - Martin Luther nachzuschlagen. Der ehemalige Augustinermönch unterschied zwischen Gesetz und Evangelium. Gesetz schränkt den Menschen ein, es hindert ihn an einer lebensdienlichen Entfaltung. Evangelium befreit ihn zu einem intakten, erfüllten Leben. Gegen festgezurrte Positionen steht das Prozesshafte, gegen das Klammern an Traditionen der Reformwille, gegen das Durchsetzen abstrakter Lehren stehen die existenzielle Erfahrung und das Eingehen auf die konkrete Wirklichkeit, gegen das tote Altbekannte stehen die Überraschungen des Heiligen Geistes. Warum hört man, wenn man die Traditionalisten heute hört, so viel Gesetz und so wenig Evangelium? Warum so viel Buchstabe und so wenig Geist? Franziskus I. weist auf einen entscheidenden Punkt hin, wenn er warnt: „Wenn die Kirche sich selbst verkündet und nicht Jesus, verliert sie ihren Kompass.“

Der Jesuit Hans Waldenfels hat jüngst ein lesenswertes Buch veröffentlicht: „Wann, wenn nicht jetzt? - Papst Franziskus’ Weckrufe an die Kirche“. Darin weist der Theologe und Religionswissenschaftler auf die Verschiebungen des Kirchenverständnisses hin. Traditionalisten müssen sie wie Gift erscheinen. Franziskus I. wolle eine erneuerte Kirche. Er verleihe dem Bild vom wandernden Volk Gottes in der Wüste, wie es in „Lumen Gentium“, der dogmatischen Konstitution des Zweiten Vatikanums über die Kirche, vorgestellt wird, ein neues Gewicht, indem er „das ganze Volk, alle Getauften, zum Subjekt der Evangelisierung macht“ - anstatt es als „Objekt pastoraler Betreuung“ zu betrachten.

Der Umkehrung im Verständnis der Gläubigen vom Objekt zum Subjekt der Kirche entspricht in Waldenfels’ Franziskus-Interpretation eine Veränderung im Umgang mit ihnen. Nicht mehr dogmatische Pedanterie und Belehrung sind demnach gefragt, sondern Situationsethik. Auf die komplexe Situation des modernen Menschen sei differenziert einzugehen - im Sinne der ignatianischen Unterscheidung der Geister. Franziskus wolle der Krise der Kirche nicht durch ein Weiter-so begegnen. Er verstehe unter Kirche nicht Amtskirche, „sondern immer die Kirche in der Vollzahl ihrer Mitglieder, gleichsam ‚von unten‘, vom Volk her“. In Einklang damit steht, dass der Papst die Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise, die in ihren Gebieten auftauchen, nicht mehr ersetze: „Hier ist Dezentralisierung angesagt“, schreibt Waldenfels.

Die Bischöfe sind am Zug

„Dezentralisierung“ - ein weiteres Reizwort im Kulturkampf innerhalb des Vatikan. Auch das Verhältnis der römischen Kurie zu den nationalen Bischofskonferenzen, zwischen Zentrum und Peripherie, steht zur Disposition. Soll der Zentralismus aufgebrochen oder zementiert werden? Schwächt eine Stärkung der Ortskirchen den Vatikan? Ist die römische Kurie das „Fundament der Kirche“ oder ist es der Glaube, der in Wanne-Eickel so stark sein kann wie in Rom? Franziskus’ Vorstellung einer Kirche von unten steht konträr zu einer Kurie, die gewohnheitsmäßig von oben herab instruiert. Hinzu kommt eine Machtverschiebung: Der Einfluss der lateinamerikanischen Kirche in der Kurie wächst im Vergleich zu dem der europäischen und nordamerikanischen.

Auf die Anfragen der vier Kardinäle hat Franziskus nicht geantwortet. Für ihn ist klar: Er hat schon gesprochen. Er hat versucht, die Frage der Zulassung Wiederverheirateter zur Kommunion von der dogmatischen auf die pastorale Ebene zu verlegen, ohne am Glaubensfundament zu rütteln. Und hat die Verantwortung dafür den nationalen Bischofskonferenzen übertragen. Er muss damit leben, dass Reformverweigerer immer mit der Tradition gegen jede Veränderung argumentieren können, solange im System angelegt ist, dass der päpstliche Kurs stets im Einklang mit den Vorgängern und allem bisher Beschlossenen zu sein hat. Eine Energiewende, wie sie Merkel nach Fukushima hingelegt hat: im Vatikan undenkbar. Paradigmenwechsel, welche die Zeiten so mit sich bringen: in der katholischen Amtskirche nicht vorgesehen. Vergessen offenbar, dass Tradition eigentlich nicht Starrheit bedeutet, sondern Weitergabe, Überlieferung zum Neuen. Die fast ängstlich beschworene „Hermeneutik der Kontinuität“ verhindert, dass ein Papst und die Theologie wirklich neue Akzente setzen können in neuen Zeiten und Kontexten.

Von der SPD heißt es, die Zentrale, das Willy-Brandt-Haus, habe noch jeden Spitzenkandidaten für das Bundeskanzleramt kleingekriegt: Steinmeier, Steinbrück, nun Schulz. Der Vatikan könnte bald im selben Ruf stehen: Die Kurie habe noch jeden Papst, der sich vorwagte, kleingekriegt. So einst Paul VI.; Benedikt XVI. gab entkräftet auf. Und Franziskus I.? Der hauseigene Apparat des Papstes, so analysiert sogar das Hausblatt „L’Osservatore Romano“, sei ihm gegenüber „verschlossen bis feindselig“ eingestellt.

Verbale Entgleisungen

Der Umgangston unter hochrangigen Geistlichen innerhalb und außerhalb der Mauern der Vatikanstadt ist inzwischen so rau, man könnte meinen, man orientiere sich an der Konversationskultur des neuen amerikanischen Präsidenten. Da nennt George Weigel, Vordenker der konservativen Katholiken in den USA, einen Artikel der Papstvertrauten Antonio Spadaro und Marcelo Figueroa einen „intellektuellen Abfallcontainer“. Die beiden sind nicht irgendwelche Autoren - Spadaro ist Chefredakteur der angesehenen Jesuitenzeitschrift „Civiltá Cattolica“, Figueroa argentinischer Presbyterianer-Pastor und Herausgeber der Landesedition des „L’Osservatore“.

In „Civiltá Cattolica“ hatten sie scharf formuliert, „katholische Integralisten“ - also Agitatoren, die gegen Wissenschaft und Philosophie zu Felde ziehen - und evangelische Fundamentalisten teilten denselben „politischen Manichäismus“, der die Welt in Schwarz und Weiß aufteilt. Sie seien in ihrer Weltsicht „nicht sehr viel anders“ als Dschihadisten. Dem inzwischen gefeuerten Chefstrategen Donald Trumps und Freund Kardinal Burkes, Stephen Bannon, warfen Spadaro und Figueroa eine „apokalyptische Geopolitik“ vor, deren Kennzeichen Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und die Blockade von Maßnahmen gegen den Klimawandel sei. Als Reaktion darauf nannte Charles Chaput, Erzbischof von Philadelphia, die beiden Franziskus-Vertrauten „nützliche Idioten“.

Die Häufung verbaler Entgleisungen ist ein Indiz dafür, dass der Unmut wächst und der Respekt vor der Autorität des Papstes sinkt. Zumal dieser selbst die bisherige Kultur der Strenge, des Zentralismus, der Disziplinierung infrage stellt. Für Franziskus heißt die entscheidende Aufgabe, Anstöße für eine Erneuerung der Kirche zu geben. Und just am Anstößigen, am Skandalon, dem urchristlichen Prinzip, stoßen sich die Traditionalisten.

Viele sagen, die Weihnachtsansprache 2014 sei der Zeitpunkt gewesen, als die Stimmung kippte. Franziskus hatte den Zustand der Kurie diagnostiziert und ihr fünfzehn Krankheiten attestiert. Das dürfte nicht gerade motivierend gewirkt haben. Welcher Kardinal lässt sich schon „geistlichen Alzheimer“ und Materialismus vorwerfen?

Ängste und Abwehrreflexe

Seither ist ein Bruch zwischen dem „Chef“ und manchen Mitarbeitern zu beobachten. Aussagen, wie sie von Franziskus aus kleinem Kreis überliefert sind, tragen wohl zusätzlich dazu bei, Ängste zu schüren und Abwehrreflexe auszulösen. „Nicht ausgeschlossen, dass ich als derjenige in die Geschichte eingehen werde, der die katholische Kirche gespalten hat“, zitierte der „Spiegel“ ungenannte Quellen. Bei solchen Sätzen müssen die Wächter der reinen Lehre natürlich hellhörig werden. Der Papst höchstselbst als neuer Luther, fünfhundert Jahre nach dessen Thesenanschlag?

Ungeschickt, da irritierend, sind zudem Äußerungen, er selbst rechne mit einem kurzen Pontifikat von nur vier bis fünf Jahren. Viereinhalb Jahre sind nun vorbei. Die Ankündigung des eigenen Endes kann Gegner ermutigen, sich in Stellung zu bringen. Wie sehr Franziskus der Wind ins Gesicht bläst, hatte Marco Politi in seinem Buch „Franziskus unter Wölfen - Der Papst und seine Feinde“ bereits ein Jahr nach dem Beginn des Pontifikats gezeigt. „Franziskus’ Tendenz, das Zeremoniell zu vereinfachen, beunruhigt die eifrigen Hüter des Protokolls, die eine ‚Herabsetzung … der Symbolik der heiligen Riten, Bräuche, Gegenstände und Gebäude‘ beklagen“, zitiert er Sandro Magister, einen weiteren Vatikankenner.

Aber das „gewagte Experiment“, wie es der streng traditionell-katholische Schriftsteller und Franziskus-Kritiker Martin Mosebach missbilligend nennt, geht weiter. Vielleicht sollte Papst Franziskus in manchen seiner hingestreuten Bemerkungen vorsichtiger sein. Vielleicht könnte er auch seinen Kritikern das Wasser abgraben, wenn er deutlich antworten würde, dass ein Paradigmenwechsel stattfindet und - wie es Hans Küng kirchengeschichtlich aufgezeigt hat - auch immer wieder stattgefunden hat. Der eigentliche Paulus ist der aktuelle Petrus in Rom. Nicht nur zum Heil der Kirche, sondern vor allem zum Heil der Seelen - exakt wie es das kanonische Recht verlangt: „Salus animarum suprema lex“, das Heil der Seelen ist immer „das oberste Gesetz“.

CIG 38/2017


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