69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017


In Gemeinschaft leben - und sterben
Von Lucia Tentrop
Erfahrungen aus einem Mehr­generationen-Wohnprojekt mit christlicher Orientierung.

Als ich vor mehr als zwanzig Jahren zu einer Freundin in das „Haus Helene Weber“ einzog, ein Wohnprojekt des Katholischen Deutschen Frauenbundes in Berlin, hatte ich noch die normale bundesdeutsche Anspruchshaltung: Das Leben muss so sein, wie ich es haben will - und wenn es nicht so ist, leide ich darunter und mache rasch andere für mein Leiden verantwortlich.

Das „Haus Helene Weber“ wurde für alleinstehende Frauen gegründet, ein Mietshaus zwischen Funkturm und Lietzensee-Park. Darin leben Menschen vieler Kulturen, von der Studentin bis zur Seniorin, in 145 meist einfachen Wohnungen. Das geistig-seelische Zentrum des Hauses ist die Kapelle. Wer sich dieser gemeinschaftsstiftenden Mitte verbunden fühlt, bleibt hier nicht fremd. Er lebt wie in einem Dorf. Aus dem bis zu fünfzig Personen zählenden familiären Kreis, der um den Geist dieser Mitte entstanden ist, kommen auch ehrenamtliche Kräfte, die sich für die Hausgemeinschaft einsetzen. Darüber hinaus gibt es Vorträge, Arbeitsgruppen, Festlichkeiten, Nachbarschaftspflege, Hauskonzerte, Mittagessen, Gemeinschaftsräume sowie einen Kindergarten. Eine Psychologin, die hier wohnt, gründete auf eigene Kosten einen Sozialen Dienst. Ihr Team arbeitet mit einer ambulanten Pflegestation zusammen.

Nach jahrelanger innerlicher Abwehr musste ich mir an diesem Wohnort eingestehen, dass der Tod tatsächlich zum Leben gehört. Als auf meinem Flur meine Nachbarin, die seit fünfzig Jahren hier wohnte, im Sterben lag, raffte ich mich aus Höflichkeit zu einem Krankenbesuch auf. Die selbstverständliche Hingabe, mit der die Journalistin R. neben ihr auf dem Bett saß, ihr zu trinken gab und immer wieder den Mund abwischte, befremdete mich zunächst, ja stieß mich ab. Aber für R. war das normal. Sie hatte im Sterbehaus der Schwestern von Mutter Teresa in Indien gearbeitet.

Nein - so etwas war nicht „mein Ding“. Ich war froh, als ich wieder in meiner Wohnung war. Das Sterben schräg gegenüber wurde mir unheimlich. Und als es dann vorbei war und mir I. im Vorübergehen zurief: „Lucia, warst Du schon bei Frau F.? Sie sieht richtig gut aus!“, da wurde es mir endgültig zu viel. „Muss ich da wirklich hingehen?“, dachte ich. Sie war doch sowieso schon älter als neunzig gewesen. Was hatte ich damit zu tun? Ich fühlte mich genötigt und spürte eine innere Wut.

Dann ging ich doch hin.

Damit begann die Wandlung: Die Wohnung hatte auf einmal etwas Sakrales. Am Bett brannten Kerzen. Der gregorianische Gesang der Mönche aus dem CD-Player erfüllte sanft den leicht abgedunkelten Raum. Der beruhigend schöne Gesang zog mich hinein. Ich setzte mich schweigend auf einen noch freien Stuhl zu der Gruppe von Frauen. Ich war ja nicht allein. Die feierliche und doch gelöste Stimmung tat mir erstaunlicherweise gut. Sie löste auch in mir etwas. Ich konnte es körperlich spüren. Immer weiter kamen und gingen Bekannte meiner geselligen Nachbarin. Hin und wieder wurde über die Tote gesprochen, ganz sachlich. Ich fühlte mich in Gemeinschaft. Mindestens eine Stunde lang saß ich dort und schwieg. Meine Seele hatte sich beruhigt: Angst und Abwehr gegen den Tod hatten sich gewandelt in eine erlösende Ehrfurcht. Die positive Kraft, die in mir frei geworden war, begleitete mich noch wochenlang.

Als einige Jahre später die Nachbarin C. starb, haben wir im engeren Freundeskreis um sie herum gesessen und gesungen. Ihr Bruder hatte die alten Liederbücher der Familie mitgebracht. C. litt an Krebs und lag an Schläuchen, musste aber dank der Pal­lia­tivmedizin keine Schmerzen leiden. Obwohl sie weder essen noch normal trinken konnte, sang sie noch die zweite Stimme zu den Volksliedern aus ihrer Heimat.

Als es drei Jahre später mit der Journalistin R. zu Ende ging, war die Tür zu ihrer Wohnung stets offen. Nicht nur die Ärztin und die Pflegeschwester konnten jederzeit hereinkommen. Auch wir waren erwünscht.

Familiär denken

Wir saßen stets mit einigen Personen an ihrem Bett und beteten immer wieder den Rosenkranz. Als unsere Freundin M. auf der Suche nach einem Geistlichen mitten in der Nacht die Redaktion von R. anrief, antwortete der Fotograf P.: „Wir beten hier alle mit.“ Wir waren eine Gemeinschaft. Das bestätigte dann auch der Krankenhausseelsorger, der gegen zwei Uhr nachts kam und betroffen ausrief: „Das ist ja kaum zu glauben: Wo gibt es denn das noch, dass ein Mensch so selbstverständlich im Kreis seiner Lieben sterben darf?“

Für uns war das ganz natürlich. Wir teilen das Leben miteinander - und dazu gehört eben auch der Tod. Allzu oft „kommt“ er ja nicht ins Haus. Normalerweise wird im „Haus Helene Weber“ gelebt. Man feiert zusammen, geht seinem Beruf und sonstigen Tätigkeiten nach oder igelt sich in seiner Wohnung ein, um das Alleinsein zu genießen. Deshalb hatten wir mit dem Tod unserer Freundin I. überhaupt nicht gerechnet. Sie hatte ein jahrelanges Rückenleiden, war kurz vor Bekanntwerden der Diagnose Krebs noch in Urlaub gefahren. Diese Information des Arztes traf die Hausgemeinschaft dann wie ein unerwarteter Schlag. Als I. nach den Bestrahlungen wieder in ihrer Wohnung war, kam ihre beste Freundin nach Berlin, quartierte sich bei ihr ein, versorgte sie und schlief auch bei ihr. Nachmittags saßen wir einzeln oder zu mehreren an I.s Sterbebett. Wie in einer Familie.

Der Palliativ-Pfleger war ein heiterer Franzose. Ich erschrak etwas: Wie passte das zum Sterben? Aber I. konnte laut mit ihm lachen. Lediglich in den letzten drei Tagen wollte sie mit ihrer Freundin allein sein. Wir gaben hin und wieder ein Blümchen ab und wussten sie gut versorgt. Schließlich haben wir sie beerdigt.

Die Verabschiedung aus dem „Haus Helene Weber“ findet meist offen im Eingangsflur statt. Dann kommen alle Frauen aus ihren Wohnungen zusammen, die die Verstorbene gekannt haben. Der Geistliche segnet in der Regel den Sarg. Wir beten gemeinsam und singen Lieder. Dann folgen wir den Sargträgern nach draußen und winken dem abfahrenden Auto nach. Auch Mieterinnen, die sonst nicht am christlichen Leben teilnehmen, finden das schön.

Mich erinnert das Sterben in unserem Haus an meine Kindheit auf dem Lande. Unser Dorf hatte ebenfalls ein geistig-seelisches Zentrum. Es war für uns selbstverständlich, am Schicksal der anderen teilzunehmen. Das war der Geist unserer Kultur. Wir dachten familiär. Wenn in der Nachbarschaft jemand starb, wurden wir schon als Kinder mitgenommen. Mit vier Jahren hatte ich überhaupt keine Angst, zu einem Toten zu gehen. Der Tod gehörte zum Leben. Als Kind wusste ich das.

Was weiß man heute noch von der gemeinschaftsstiftenden Kraft eines offenen Umgangs mit dem Tod - im Glauben daran, dass er nicht das letzte Wort hat?

CIG 18/2017


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