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Birnstein, Uwe: Der Humanist
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Was Philipp Melanchthon Europa lehrte (Wichern-Verlag, Berlin 2010, 120 S., 9,95 €)
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Er hat der Reformation in Deutschland ihre Gestalt gegeben. Er verfasste die erste systematische Darstellung der evangelischen Theologie. Schul- und Universitätsgründungen gehen auf ihn zurück oder wurden von ihm beeinflusst. Die berühmtesten Humanisten seiner Zeit wie Erasmus von Rotterdam oder Johannes Reuchlin haben ihn in den höchsten Tönen gelobt, und während Martin Luther sich als Geächteter auf der Wartburg versteckte, beauftragte er ihn nicht nur, in Wittenberg an seine Stelle zu treten, sondern vertraute ihm auch später noch bei den wichtigsten Religionsgesprächen und ließ sich bei seiner Bibelübersetzung von ihm beraten. Und doch steht Philipp Melanchthon nicht nur im Schatten Martin Luthers, sondern gilt - zwar weniger als in vergangenen Jahrhunderten - manchem als kompromisssüchtig, ja als Verräter des wahren evangelischen Glaubens (vgl. CIG Nr. 14, S. 145).
Schwächliche Theologie?
Der nun anlässlich des Gedenkjahres zum 450. Todestag häufig betonten Wertschätzung Melanchthons als „Praeceptor Germaniae" (Lehrer Deutschlands) und als Verfasser der „Confessio Augustana" (Bekenntnis von Augsburg), der wichtigsten Bekenntnisschrift im deutschen Luthertum, steht die stiefmütterliche Behandlung seltsam entgegen. Es sind zwar aktuell drei bedeutendere Biografien erschienen, jedoch stammt die nach wie vor umfassendste aus dem letzten Jubiläumsjahr, dem 500. Geburtstag Melanchthons 1997. Und selbst sie scheint mit heißer Nadel gestrickt worden zu sein. Anders lässt sich nicht erklären, warum trotz des wissenschaftlichen Anspruchs Fuß- oder Endnoten fehlen, so dass nicht immer ganz klar ist, woher die Zitate stammen. Inhaltlich kommt der langjährige Leiter der Melanchthon-Forschungsstelle in Heidelberg, Heinz Scheible, zu dem Urteil, dass Melanchthon im Gegensatz zu Luther nicht zu den „ganz großen Denkern" gehört. Denn „so, wie er geworden ist und gewirkt hat, ist er ohne Luther nicht denkbar".
Der Gießener Kirchengeschichtler Martin Greschat stellt Melanchthon dagegen mit Luther auf eine Stufe und betont das freundschaftliche und von beiden auch geschätzte „Spannungsfeld" zwischen den Theologen, das allzu oft in der Wirkungsgeschichte einseitig aufgelöst wurde. In der Einleitung zitiert er die massive Kritik, ja Verachtung Melanchthons. Entgegen der Lutherdeutung von Ernst Troeltsch, der dessen Theologie im Mittelalter verortete, wurde von Karl Holl und später seinen Schülern die Modernität Luthers hervorgehoben, dagegen Melanchthons Theologie als oberflächlich und schwächlich abgewertet. Der programmatische Schwerpunkt der Biografie von Greschat ist eine Aufwertung Melanchthons gerade auch gegen seine Kritiker zu Lebzeiten, die nach Luthers Tod meinten, dessen wahre Lehre gegen Melanchthon verteidigen zu müssen. „Kaum bezweifeln lässt sich wohl, dass eine Dominanz der radikal gesinnten reformatorischen Theologen … die Entwicklung zur Sekte befördert hätte", ist sich Greschat sicher. Melanchthon, der keinen Zweifel daran ließ, dass die Missstände in der Kirche abgestellt, Verfälschungen korrigiert und die Lehre verbessert werden mussten, sei trotz aller Kritik am römischen Katholizismus immer der Überzeugung gewesen, „dass es um die Erneuerung, die Reformation der einen Kirche Jesu Christi ging".
Da der Gießener Kirchengeschichtler chronologisch vorgeht, schlussfolgert er im Abschnitt „Streit über das Abendmahl", Melanchthon habe dabei keine Rolle gespielt, was für die Jahre 1524 bis 1526 stimmt. Dass Melanchthons Lehre einer realen Gegenwart Christi „mit dem Brot" und nicht wie bei Luther „im Brot" sich später, aber noch zu Luthers Lebzeiten, für eine gewisse Phase trotzdem durchsetzen konnte, dass es nach dessen Tod aber zu einem erbitterten, jahrhundertelangen innerprotestantischen Streit kam, der erst 1973 in der Leuenberger Konkordie zugunsten Melanchthons gelöst wurde, findet sich erst in anderen Kapiteln.
Thematisch hat der Osnabrücker Kirchengeschichtler Martin H. Jung sein Buch gegliedert. Ob persönliche Ereignisse wie „Heirat wider Willen", theologische Themen wie „Kindertaufe - pro und contra" oder politische Ereignisse wie „Reichstag und Bekenntnis von Augsburg" - in den Kapiteln werden einzelne Themen umfassend beleuchtet. Jung vermittelt nicht nur die (kirchen-)politische, theologische und wissenschaftliche Bedeutung, sondern stellt auch den Menschen vor. Das ist möglich, weil uns heute nicht nur fast alle Schrift en Melanchthons, sondern auch viele hundert private Briefe vorliegen, was seine Bedeutung eindrücklich dokumentiert, denn ansonsten wären sie niemals so sicher verwahrt worden. Dass damit „auch sein Seelenleben teilweise offenliegt", nutzt Jung. Er schildert, wie Melanchthon persönlich an der unglücklichen Ehe seiner ältesten Tochter litt, wie ihn Schuldgefühle plagten, weil er die heimliche Doppelehe Philipps von Hessen aus politischem Kalkül genehmigt hatte, und wie er daraufhin 1540 todkrank nicht mehr aß und trank und nur durch Luthers Bemühen und Beten wieder neuen Lebensmut fasste.
Der modernste Reformator
Eine ebenso kurze wie einfach lesbare Einführung in Leben und Werk stammt von Uwe Birnstein. In zehn Lektionen führt der Theologe und Publizist den Leser in die spannenden von Kriegen, Krisen und Umbrüchen geprägte Zeit zwischen Mittelalter und früher Neuzeit. Der im Titel angedeutete Europa-Bezug wird kaum hergestellt. In dieses in der Forschung mehr und mehr aufkommende Thema der Bedeutung Melanchthons für Europa bietet die Wanderausstellung „Melanchthon: Grenzen überwinden" der „Europäischen Melanchthon-Akademie" umfassendere Ein blicke. Zu sehen ist sie unter anderem beim Ökumenischen Kirchentag in München im Foyer der Alten Kongresshalle.
Melanchthon war „die größte ökumenische Gestalt der Reformationszeit", zitieren die Herausgeber des Sammelbandes „Ökumene heute", der Direktor der „Europäischen Melanchthon-Akademie" in Bretten, Günter Frank, und der Leiter des Karlsruher „Roncalli-Forums", Albert Käuflein, den schwedischen Reformationsgeschichtler Jørgen Larsen. Die Besinnung auf Melanchthon und seine Theologie könnte dem ökumenischen Prozess wertvolle Impulse geben, der nach rasanten Fortschritten bis zur in Augsburg 1999 unterschriebenen „Gemeinsamen Erklärung zwischen der Katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund über die Rechtfertigungslehre" ins Stocken geriet. Denn Melanchthon ist „nicht nur der ‚modernste' der Reformatoren; er bleibt wohl auch … gegenüber den Überlegungen der katholischen Seite der offenere Gesprächspartner", merkt die katholische Theologin Johanna Rahner an. Seine Unterscheidung zwischen Grundüberzeugungen und Äußerlichkeiten, in denen große Vielfalt und Unterschiede durchaus zulässig sind, sowie seine humanistische Bildung führten dazu, „dass er auch differente Sprach- und Denkformen als je angemessene Ausdrucksformen einer Wahrheit anzuerkennen bereit ist". Außerdem habe sich Melanchthon in seinen späteren Schrift en immer mehr an Nicht- Glaubende gewandt, was seine Theologie weiter öffnete. Ein gerade heute wichtiger Perspektivwechsel.
Die badischen Bischöfe - Ulrich Fischer auf evangelischer und Robert Zollitsch auf katholischer Seite - sowie der ehemalige Landesbischof Klaus Engelhardt sehen die derzeitigen Schwierigkeiten im ökumenischen Prozess, bekennen sich aber zu ihm. Der Vortragsband bietet einen guten Überblick über den Stand der Ökumene, ohne dabei alte und auch neue Probleme zu verschweigen. So weist der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff darauf hin, dass die lange Zeit bestehende Einigkeit in grundlegenden moralischen Fragen um der stärkeren Abgrenzung willen in den Bereichen der Forschung an Embryonen und der Frage der Sterbebegleitung von manchen aufgekündigt wurde. Und der evangelische Kirchengeschichtler Volker Leppin beklagt, dass nicht nur die katholische Seite die „Gemeinsame Erklärung" belastet hat mit dem Jubiläums-Ablass zum Jahr 2000 und der mehrfachen Betonung, die reformatorischen Kirchen seien nicht Kirchen im eigentlichen Sinn. Gerade auch der „heftige Protest deutscher evangelischer Theologen … zählt zu den problematischsten Erscheinungen des modernen protestantischen Antiökumenismus". Auch bei der Frage, wie es weitergehen kann, gibt es unterschiedliche Ansätze. Während die Mehrheit die Suche nach Gemeinsamkeiten in den strittigen Punkten befürwortet, will der evangelische Theologe Eilert Herms mit seinem seit 2001 laufenden Forschungsprojekt, bei dem katholische Theologen die evangelische Position und evangelische die katholische darstellen, konfessionsübergreifend rein wissenschaftlich nach „der einen Wurzel der vielen Glaubensüberzeugungen" fragen.
Melanchthon musste erleben, wie die Streitigkeiten zwischen Protestanten und Katholiken, aber auch in der eigenen Konfession immer erbitterter wurden. Das hat ihn nicht davon abgehalten, sich unermüdlich um Ausgleich zu bemühen. Diese Haltung, das Einende zu betonen und in Grundfragen hart miteinander zu ringen, während abweichende Äußerlichkeiten durchaus toleriert werden, könnte als Gegenkonzept zur derzeitigen Profilierung den Wunsch nach christlicher Einheit neu beleben.
Stephan U. Neumann
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