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Puig i Tàrrech, Armand: Jesus
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Eine Biographie (Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011, 676 S., 39,90 €).
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Die Frage nach dem historischen Jesus, erstmals im 18. Jahrhundert aufgekommen, setzt die Erkenntnis eines Unterschieds zwischen dem Jesus der Geschichte und dem Christus des Glaubens voraus. Die Schilderungen der Evangelien bieten demzufolge keinen unmittelbaren Zugang zum irdischen Wirken Jesu. Sie sind vielmehr aus der Perspektive des Glaubens an den auferweckten und erhöhten Herrn geschrieben und können nur in kritischer Auswertung als Quellen für die Rekonstruktion der Geschichte Jesu herangezogen werden. Gegenüber dieser klassischen Ausrichtung lässt sich als Trend bei den meisten der hier zu besprechenden Neuerscheinungen das Programm erkennen, die Kontinuität zwischen historischem Jesus und geglaubtem Christus zu stärken.
Sehr stark zeigt sich dieses Bemühen bei Armand Puig i Tàrrech (1). Er legt ein äußerst umfangreiches Werk vor, das die Quellen der Rückfrage, den geschichtlichen Kontext, die äußeren Daten des Lebens und Wirkens Jesu sowie dessen Botschaft und die Passion ausführlich darstellt. Er ist sich mit vielen neueren Forschern darin einig, dass sich die Maßstäbe für die Erhebung von authentischem Jesusgut gewandelt hätten: Nicht mehr das, was Jesus von Judentum und Urchristentum unterscheidet, bilde die Grundlage der Rekonstruktion, sondern die historische Plausibilität. Dies scheint Puig so zu verstehen: Die Erzählungen der Evangelien sind grundsätzlich historisch einsichtig, weil sie einerseits Jesus (bei erkennbarem eigenem Profi l) in das Judentum seiner Zeit einordnen, andererseits aber nur als Wirkung von Jesu Auftreten erklärbar sind. Bestimmend ist hier das große Vertrauen in die geschichtliche Zuverlässigkeit der Evangelien. So entsteht eine Art Evangelienharmonie, in der die oft sehr unterschiedlichen Erzählungen zu einem spannungsfreien Einheitsbild verbunden werden. Es ist aber kein Werk, das für die neuere Jesusforschung repräsentativ wäre.
Wie historisch ist „Historisches"?
Karl Jaroš (2) teilt mit Puig die umfassende Anlage und das große Vertrauen in die historische Zuverlässigkeit der Evangelien, beurteilt die Quellenlage aber ganz anders. Zwischen den Evangelien gebe es keinerlei literarische Abhängigkeit. Die altkirchliche Tradition sei mit ihren Verfasser- Zuschreibungen im Recht: Matthäus- und Johannesevangelium gehen demnach auf Augenzeugen zurück, Markus- und Lukasevangelium auf einen Petrus- beziehungsweise Paulusbegleiter. Entstanden seien die Werke zwischen den Jahren 44 (Markus) und spätestens 68 (Johannes). Diese Einschätzungen werden mit einer atemberaubenden Sicherheit vorgetragen und mit einer bisweilen maßlosen Polemik gegen die neutestamentliche Wissenschaft verbunden. Ein überzeugender Gegenentwurf wird aber nicht vorgelegt.
Jaroš unterscheidet zwar zwischen historischen Fakten und Deutungen der Evangelisten, lässt aber eine methodische Grundlegung für diese Differenzierung nicht erkennen. Ein Beispiel: Wenn es Werk des Evangelisten ist, dass in der Geschichte von den Sternkundigen aus dem Osten (Mt 2,1-12) diese als Repräsentanten der gläubig werdenden Heidenwelt erscheinen, Herodes die Schrift gelehrten zusammenrufen lässt und die Geschenke vor alttestamentlichem Hintergrund bestimmt werden, dann ist davon die Substanz der Geschichte betroff en. Warum soll man dann überhaupt noch annehmen, dass der Besuch persischer Sternkundiger in Bethlehem als historisches Faktum hinter der Erzählung anzunehmen ist?
Erklärungsbedürftig bleibt auch die Differenz zwischen der Verkündigung Jesu nach den Synoptikern und dem Johannesevangelium. Wenn man etwa die „Ich-bin"-Worte des Johannesevangeliums auf den historischen Jesus zurückführen will, müsste man doch erklären, warum davon nicht eine Spur bei den Synoptikern erhalten ist, obwohl doch wenigstens eines dieser drei Evangelien Jaroš zufolge ebenfalls von einem Augenzeugen stammen soll. Insgesamt lässt sich festhalten: Die Unterschiede zwischen den Evangelien werden bei dieser historischen Auswertung nicht ernst genug genommen.
Im weiten Horizont
Das umfangreiche Werk von Thomas Söding (3) wählt einen engeren Blickwinkel: die Verkündigung Jesu. Mit dem Begriff der „Erinnerung" greift er eine Kategorie aus der jüngsten Diskussion um den historischen Jesus auf. Gegen die Betonung der Differenz zwischen verkündigendem Jesus und verkündigtem Christus sollen die Evangelien als Erinnerungen so gelesen werden, „dass seine Verkündigung als geschichtliches Ereignis deutlich werden kann". Beleuchtet werden die verschiedenen Facetten der Botschaft Jesu: das Evangelium der Gottesherrschaft und sein Bote, Gleichnisse, Machttaten, Ruf in die Nachfolge, ethische Weisung. Die Darstellung in den einzelnen Kapiteln verbindet häufig den thematischen Überblick mit ausführlichen Einzelauslegungen. Dass in das Buch zahlreiche Vorarbeiten eingeflossen sind, ist ihm noch anzumerken: Manche Aspekte werden in mehreren Kapiteln gestreift . Dies ist allerdings kein Nachteil, denn so können einzelne Abschnitte auch für sich gelesen einen umfassenden Einblick gewähren. Das rhetorisch geschliffene Werk bietet - etwa zu den Gleichnissen und Wundern Jesu - ausführliche forschungs- und geistesgeschichtliche Durchgänge, die einen weiten Horizont aufreißen.
Noch nicht hinreichend geklärt scheint in methodischer Hinsicht der Zugang zum historischen Jesus über die Jesus-Erinnerung der Evangelien zu sein. Söding benennt Maßstäbe der Rückfrage nach Jesus, die sich von den bislang bekannten und angewandten sachlich kaum unterscheiden. Die Anwendung solcher Kriterien setzt die Differenz zwischen historischem Jesus und verkündigtem Christus aber voraus. Oder anders: die Differenz zwischen historischem Jesus und der Jesus-Erinnerung der Evangelien. Die Frage, wie sehr Erinnerung zur historischen Rückfrage taugt, ist noch nicht ausreichend beantwortet.
Dass die Diskussion weitergeht, wird auf seine Weise auch Marius Reiser (4) hoffen. Den Zustand der Jesusforschung sieht er kritisch, weil sie das Anstößige und Unbequeme an Jesus ausblende und der kirchlichen Tradition zuschreibe. Reiser stellt vor allem heute schwer verständliche Aspekte in den Mittelpunkt: Jesus als hoheitlicher Lehrer, der sich mit den zeitgenössischen Gesetzeslehrern nicht vergleichen lässt; als Gerichtsprophet, der vor dem Verfehlen des Reiches Gottes warnt; als Wundertäter, dem nicht allein Heilungen und Exorzismen zuzuschreiben sind, sondern auch Totenerweckungen und Naturwunder. Es werden aber auch das Feindesliebe- Gebot, die Stellung Jesu zu Armut und Reichtum sowie die Passions- und Osterereignisse besprochen - alles in klarer Sprache und Positionierung vorgetragen.
Auch wenn man die Kritik des Autors am „extremen historischen Skeptizismus" heutiger Jesusforschung nicht teilt und deren Methoden und Ergebnisse nicht so negativ beurteilt wie Reiser, liest man das Buch mit Gewinn, nicht zuletzt wegen der Einblicke in religions- und kulturgeschichtliche Zusammenhänge. Die historische Skepsis manchen Wundererzählungen gegenüber ist freilich nicht so unbegründet, wie es bei Reiser erscheint. Wenn man die Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit des Wundertäters Jesus in den Evangelien betont, kann man zwar das Urteil zurückweisen, das Bild Jesu sei einfach nach Vorbildern aus der Umwelt modelliert worden. Dessen Historizität ist damit aber noch nicht erwiesen. Der Osterglaube kann auch zu Motiven der Überbietung führen. Außerdem stellt sich die Überlieferungslage zu Heilungen und Exorzismen etwas anders dar als zu den sogenannten Naturwundern. Dies müsste stärker berücksichtigt werden, als es in dieser anregenden Provokation der Jesusforschung geschieht.
Im Vergleich mit Mohammed
Joachim Gnilkas (5) neues Buch vergleicht Jesus und Mohammed. Zu beiden Figuren werden Positionen der Forschung präsentiert und jüngste Entwicklungen berücksichtigt. Eine Auswertung bündelt jeweils die wichtigsten Themen und Diskussionspunkte. Im Fall der Jesusforschung schließen sich grundsätzliche Überlegungen zur historischen Rückfrage nach Jesus an. Dabei formuliert Gnilka in Auseinandersetzung mit neueren Ansätzen die klassische - und ich meine: nach wie vor gültige - Position der Jesusforschung: „Der historische Jesus muss aus den Evangelien herausgeschält werden." Der zweite Teil des Buches bietet eine konzentrierte Darstellung vom „Leben Jesu und Muhammads im Vergleich".
Deutlich wird, dass die Quellenlage in beiden Fällen sehr unterschiedlich ist: Die Evangelien, wichtigste Grundlage der Rückfrage nach Jesus, lassen als Erzählungen auch den Verkünder auftreten; der Koran enthält kaum biografisch auswertbares Material. Die späteren Traditionen über Mohammed werden in historischer Hinsicht meist skeptisch beurteilt. Das Ziel der Darstellung liegt nicht in einer detaillierten Diskussion strittiger Fragen, sondern in einem Überblick über die Inhalte, die sich zum Leben, Wirken und vor allem zur Botschaft beider Gestalten historisch rekonstruieren lassen. Da Gnilka Extrempositionen meidet, gibt dieser Überblick zuverlässige Orientierung.
Zu zwei Bänden, die Reaktionen auf den zweiten Teil des Jesusbuches des Papstes versammeln, muss ein kurzer Hinweis genügen. Das von Thomas Söding (6) herausgegebene Buch bietet Beiträge von Vertretern biblischer Exegese, systematischer und praktischer Theologie in stärkerer konfessioneller Mischung als das Werk, das Jan-Heiner Tück (7) als Herausgeber verantwortet. In ihm kommen neben Exegeten und systematischen Theologen aber auch ein jüdischer Gelehrter (Jacob Neusner) und (mit Arnold Stadler) ein Schriftsteller zu Wort.
Gerd Häfner
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