65. JAHRGANG 2013      WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DE          Freiburg, 16. Juni 2013

Rohr, Richard: Pure Präsenz
Sehen lernen wie die Mystiker
(Claudius Verlag, München 2010, 223 S., 14,80 €).
Wo alles unter das Diktat „Entweder - oder" gerät, wird die paradoxe Schönheit des Daseins zerschnitten und das Leben unglücklich, ja gewaltförmig. Wo aber mit dem dritten Auge, also ganzheitlich und kontemplativ, in die Welt geschaut wird, kann das Dunkel jedes gelebten Augenblicks dann Geistesgegenwart werden und sein. Entsprechend schließen die zehn anregenden Praxisanleitungen „Pure Präsenz üben" mit einem originellen Loblied auf das Wörtchen „und" als Schlüssel zum Geheimnis der Versöhnung und Ganzwerdung. „Wenn du präsent sein kannst, wirst du die Reale Präsenz erkennen", also Gottes Gegenwart in allen Dingen finden - so lautet die Botschaft.

Der Franziskaner Richard Rohr schreibt diese Sehschule entschieden als katholischer Christ. Entsprechend sind seine Meditationen durchzogen von Zitaten aus der Bibel und der Glaubensgeschichte. Die Gestalt Jesu ist ebenso stets im Blick wie der Reichtum christlicher Mystik. Katholisch im altkirchlichen Sinne ist Rohrs Perspektive auch darin, dass er ganz selbstverständlich den Reichtum außerchristlicher Spiritualität und Mystik anregend miteinbezieht. Ken Wilber mit seinem nachkirchlichen und überchristlichen integralen Bewusstsein gilt ihm beispielsweise unbekümmert als „unser Thomas von Aquin" heute.

Keine Frage: Das Buch inspiriert in seiner Tiefe und Weite. Befreiend wird es für jene sein, die ihren gelernten Gottesglauben nicht mit dem Alltag dieser Welt zusammenbringen oder den Glauben bisher als etwas nur Fremdes und Äußeres verstehen konnten. Auch die Einladung, schöpferisch in Gegensätzen zu denken und die Widersprüche des Daseins geistlich als fruchtbare Paradoxien zu entdecken, führt ins Zentrum einer herzhaften Alltagsspiritualität. Hier spricht ein begnadeter Seelsorger und geistlicher Lehrer, der die große Gabe hat, im guten Sinne zu vereinfachen und das wirklich Katholische, Allumfassende zu unterstreichen.

Manches bliebe aber genauer zu gewichten: Macht Rohr das christliche „Schon" der Erlösung nicht so stark, dass dabei das ebenfalls christliche „Noch nicht" zu kurz kommt? Wird um des Gemeinsamen im interreligiösen Dialog willen nicht doch das unterscheidend Christliche unterbestimmt - nämlich das österliche Wort vom Kreuz, und zwar geerdet in der Lebenspraxis Jesu? Genau das war seinem Ordensvater Franz von Assisi so wichtig. Rohr hat offenkundig einerseits kirchengeschädigte, noch christlich geprägte Menschen vor Augen, die er aus dem Gefängnis eines moralistischen und doktrinalen Glaubens und Denkens befreien will. Andererseits will er jene zum Kern des Christlichen hinführen, die es nicht mehr kennen. Dazu gibt er viele kostbare Hinweise und originelle Impulse - und das in vitaler, erfahrungssatter, inspirierender Sprache.

Gotthard Fuchs


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