65. JAHRGANG 2013WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. Mai 2013

Stollberg, Dietrich: Soll man das glauben?
Vom Sinn der christlichen Religion
(Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2009, 424 S., 19,80 €).
Für Thomas Meurer ist das Konzept der „Religion" oft wenig konkret, ein neblig-wohliges Gebilde aus der Waschküche der Begriffe. Der Autor erörtert seine These, dass der (westliche) Bewohner der globalisierten Welt gern eine „Religion an sich" pflegt, die konkrete, historisch geprägte Gemeinschaft jedoch scheut. „Ich bin sehr religiös, aber ohne jeden Glauben." Dieser Satz des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard pointiert diese Haltung. Meurer wendet sich eindrücklich gegen eine solche „freundliche Übernahme" des Religionsbegriffs, die in der Folge „Religion" zu einem der unzähligen „Übungssysteme" (Sloterdijk) der Menschheit verunstaltet. Er verweist auf das subversive Element der Religion, auf den Anspruch Gottes, der nicht selten allen vordergründigen Sehnsüchten entgegentritt. Er verweist auf das Kernstück jeder Theologie, auf den schweren Gang der Gottesfrage. Das, was Meurer letztlich vorschlägt, ist „konservativ", baut auf Goethes Wort: „Was du ererbt von deinen Vätern (und Müttern!), erwirb es, um es zu besitzen!" Ja, es ist auch die stete Übung, die uns zu religiösen Menschen macht. Doch heißt Religion auch Unterbrechung, Gnade, Offenbarung. Es lohnt sich, mit Meurer darüber nachzudenken.

Wenn Ulrich Lüke von Religion spricht, meint er das konkrete Christentum, das seine Botschaft und sein Geheimnis im Lauf des Kirchenjahres entfaltet. Der Verfasser, ein wichtiger Teilnehmer am Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft, betont das Einladende am christlichen Glauben. Ist aber das Christentum wirklich einladend, sind es die Christen? Den Priester und Professor beschleichen manche Zweifel. Gleichwohl ist er sicher: „Christus ist einladend." Diese Einladung, „das Lebenskonzept Jesu Christi", veranschaulicht Lüke, wenn er die christlichen Feste und geprägten Zeiten in seinem höchst originellen, pointierten „Lüke-Sound" buchstabiert. „Die Fastenzeit ist eine Art Trainingslager der Menschlichkeit", kann es dann heißen, und mit den nur scheinbar abstrakten Begriffen „Authentizität - Solidarität - Spiritualität" empfiehlt uns der Autor diese Zeit, „um uns selbst, den anderen und Gott in den Blick zu bekommen". In seiner Betrachtung des „demonstrativen" Festes Fronleichnam verweist der Autor auf den „Brotgenossen" Christus und bemerkt: „Christen machen Christus nur durch das Brotteilen, nicht durch das Brothorten erkennbar und werden selbst nur am Brotteilen, nicht am Brothorten erkannt." Wer das Kirchenjahr als Prediger oder Lebenskünstler neu erfahren möchte, dem seien Lükes Betrachtungen besonders ans Herz gelegt.

Zwei evangelische Autoren führen den Suchenden und Fragenden auf je eigene Weise an die Kunst des Glaubens heran. Dabei geht Hans-Martin Lübking, Direktor des Pädagogischen Instituts der Evangelischen Kirche von Westfalen, einen im guten Sinne des Wortes klassischen, apologetischen Weg. In acht Kapiteln entfaltet er zentrale Motive des christlichen Glaubens. „Was soll das alles? Auf der Suche nach dem Sinn" ist das erste Kapitel überschrieben, „,Was kommt nach dem Tod?' Von der christlichen Hoffnung" das letzte. Dazwischen finden sich konzentrierte Stichworte („Religionskritik", „Trinität", „Kirche und Staat"), die seriös und anregend informieren. Lübking bietet eine Hoffnungsperspektive: „Nach christlichem Verständnis sind wir Empfänger, nicht Täter von Sinn." Nicht zuletzt für Religionslehrer ist dieses „Kursbuch" empfehlenswert.

Wesentlich von den Einsichten der Psychologie sind die Überlegungen von Dietrich Stollberg gefärbt, der zu den Pionieren der Pastoralpsychologie in Deutschland gehört. Das hat große Vor- und große Nachteile. Seine Gedanken über die Hauptworte des christlichen Glaubens (unter anderem „Der Glaube - Der Zweifel oder ,Glauben Sie das wirklich?' " - „Die Auferstehung der Toten" - „Die Liebe") sind redlich und erfahrungsgesättigt. Das Kapitel „Mein Freund - der Teufel" ist eine höchst originelle Komposition, die auf Zwischentöne und Vorzeichenwechsel mindestens genauso viel Wert legt wie auf das Zentralmotiv, die bewusste Begegnung mit der eigenen „dunklen" Seite. „Wer brav, das heißt angepasst sein und das Böse beziehungsweise den Bösen meiden will, wird hinterrücks von ihm überfallen, ohne es rechtzeitig zu merken." Schwierig wird es freilich, wenn Stollberg das geschichtliche Fundament und die handfesten Inhalte des christlichen Glaubens in den Hintergrund rückt, wenn er sie im „Zweifelsfall" gern und häufig in den Bereich der Psyche verschiebt. Dann lebt Jesus - nur? - „in der Erinnerung der Christenheit weiter", dann wird die katholische Kirche mit ihren dogmatischen und liturgischen Traditionen schon mal gern als „abergläubisch" bezeichnet. Ein gedankenreiches Buch, das mit viel Diskretion, mit Unterscheidungsvermögen also, zu lesen ist.

Christian Heidrich



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