65. JAHRGANG 2013WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. Mai 2013

Nüssel, Friedrich / Sattler, Dorothea: Einführung in die ökumenische Theologie
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, 162 S., 14,90 €)
Damit ihr Hoffnung habt" heißt das Leitwort des Ökumenischen Kirchentags in München. Doch im Hinblick auf die Einheit der Kirche schwand in den letzten Jahren die Hoffnung auf einen baldigen Durchbruch. Erwartungen weckte zunächst die vom Lutherischen Weltbund und vom Vatikan 1999 feierlich unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre". Diese gab dem ökumenischen Bemühen eine Art Fundament und beseitigte den zentralen Anlass der einstigen Spaltung zwischen der katholischen und der lutherischen Kirche. Hernach stellten sich jedoch Irritationen auf beiden Seiten ein: Jubiläumsablass des Papstes zum Heiligen Jahr 2000, Ausstieg der evangelischen Kirche aus dem Projekt der biblischen Einheitsübersetzung, Betonung einer „Ökumene der Profi le" und anderes. Zudem wurde deutlich, dass ein ähnlicher ökumenischer Meilenstein etwa in der Kirchen-, Amts- oder Papstfrage, obgleich theologische Vorarbeiten geleistet wurden, noch lange nicht in Sicht ist.

Basiswissen

Eigenartigerweise hat sich die ökumenische Problematik auf einen Bereich verlagert, der einst keineswegs im Zentrum reformatorischen Interesses stand: das Wesen und die Sendung der Kirche einschließlich ihrer geistlichen Ämter. Vor diesem Hintergrund sah sich die Leitungsebene des Kirchentags genötigt, ein gemeinsames Abendmahl abzulehnen. Ermahnende Worte seitens der Kirchenleitungen schienen umso mehr nötig, je weniger an der kirchlichen Basis verstanden und hingenommen wird, dass weiterhin die Trennung gelebt werden soll, während man sich doch im Glaubensbekenntnis zur einen Kirche bekennt. Konnte in der Ökumene nicht schon vieles bewegt werden? Was sind die noch offenen theologischen Fragen? Rechtfertigen sie noch immer eine Kirchentrennung, oder wäre eine Eucharistiegemeinschaft theologisch nicht schon angezeigt?

Christen fallen Antworten mitunter schwer. Hilfreich kann für sie das Sachbuch von Bernd Jochen Hilberath sein, das „die ökumenisch engagierten Christinnen und Christen in den Ortskirchen und Basisgruppierungen mit theologischen Ergebnissen vertraut machen, sie in ihrem Einsatz bestärken und ermutigen (möchte), ihren ökumenischen Weg konsequent weiterzugehen". Hier findet der Leser in einer gut zugänglichen Sprache nicht nur Grundlegendes zu den Streitfragen, sondern ebenso wegweisende Anregungen zur eigenen ökumenischen Orientierung.

Einen komprimierten Überblick über den Gang der Ökumene, Ergebnisse und Herausforderungen samt einer kleinen Konfessionskunde bietet Johannes Oeldemann, Direktor am Paderborner Johann- Adam-Möhler-Institut. Seine Ausführungen werden von der Frage geleitet, „wie die in der Heiligen Schrift als eine Wirklichkeit bezeugte Einheit der Christen und der spürbare Wunsch der Gläubigen nach einer erfahrbaren Einheit aller Christen in Einklang gebracht werden können".

Als erzählerische Einführung in die gelebte Ökumene versteht sich das von Tilmann Kleinjung und Wolfgang Küpper herausgegebene Büchlein, in dem evangelische und katholische Theologen der Redaktion „Religion und Kirche" des Bayerischen Rundfunks berichten, wie sie die Vielfalt erleben und die Unterschiede zu überwinden suchen. Geht Matthias Morgenstern der Frage nach, was einen Katholiken und was einen Protestanten in Bayern ausmacht und wie die Bilder der Vergangenheit die ökumenische Begegnung heute beeinflussen, zeichnet Kleinjung die Entwicklung der ökumenischen Bewegung seit der ersten Weltmissionskonferenz (Edinburgh 1910) nach. Karin Wendlinger gibt Einblicke in den ökumenischen Alltag zweier konfessionsverschiedener Familien und in das Ökumenezentrum in München-Riem. Clemens Finzer begibt sich auf reformatorische und gegenreformatorische Spurensuche in der bayerischen Geschichte. Wolfgang Küppers kommt auf theologische Streitpunkte zu sprechen, während Georg Magirius nach einer ökumenischen Vision Ausschau hält, die „die Herzen derjenigen berühren (kann), die einfach, kindlich und leidenschaftlich fragen".

Ost-West
Im Land der Reformation richtet sich der ökumenische Blick nicht selten zuerst auf das Verhältnis von Protestantismus und Katholizismus. Seit jeher spielen jedoch innerhalb der ökumenischen Bewegung die orthodoxen Kirchen eine gewichtige Rolle. Grundlegende Kenntnisse über die orthodoxe Theologie und Kirche und ihr ökumenisches Engagement weltweit, vor allem aber innerhalb Deutschlands, vermittelt die Handreichung des orthodoxen Theologen Athanasios Basdekis, welche mittlerweile in der siebten Auflage erschienen ist. In ihr kommen unter anderem der Glaube und die Kirchenstruktur der Orthodoxie zur Sprache, das angestrebte panorthodoxe Konzil, Wissenswertes über das gottesdienstliche und sakramentale Leben der orthodoxen Kirche sowie ihr ökumenisches Engagement und Verhältnis zu den anderen christlichen Kirchen in Deutschland.

Neben der Orthodoxie dürfen die altorientalischen Kirchen nicht vergessen werden, zumal sie heute in muslimischen Ländern einer teils sehr schwierigen Situation ausgesetzt sind. Ihre historische Entwicklung, ihr Glaube und ihre Theologie, ihre Spiritualität und Liturgie, aber ebenso ihre besondere ökumenische Rolle behandelt das von Christian Lange und Karl Pinggéra herausgegebene Buch. In ihm stellt Dietmar W. Winkler chronologisch die ökumenischen Beziehungen der vorchalkedonischen beziehungsweise vorephesinischen Kirchen dar, ausgehend von den Unionsbemühungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Erwähnung finden die Orthodoxie und orientalisch-orthodoxe Kirchen auch in der Konfessionskunde von Jörg Ernesti, die außerdem Grundlagen zur katholischen Kirche, zu den Kirchen der Reformation (Lutheraner, reformierte Kirchen, Anglikanismus, Freikirchen) sowie christlichen Sekten (Mormonen, Zeugen Jehovas, Adventisten) vermittelt. Die Auseinandersetzung mit den anderen Konfessionen erfolgt nicht wie bei früheren konfessionskundlichen Darstellungen in kontroverstheologischer, sondern in ökumenischer Absicht. „Konfessionskundliches Wissen dient heute nicht der Abgrenzung und Profilbildung, sondern der Verständigung."

Streitthemen


Überwiegend themenorientiert ist die von Friedrich Nüssel und Dorothea Sattler verfasste Einführung in die Ökumene. Neben allgemeinen Anmerkungen zum ökumenischen Prozess werden die wichtigsten ökumenischen Brennpunkte behandelt, wie etwa das Verhältnis von Schrift und Tradition, Gnaden- und Rechtfertigungslehre oder Individual- und Sozialethik, Sakramententheologie, Ämterlehre sowie unterschiedliche Kirchenverständnisse und ökumenische Zielvorstellungen.

Die unterschiedlichen Kirchen- und Amtsverständnisse werden auch von Helmut Fischer thematisiert. „Der Text beschreibt nicht nur den ‚Ist-Zustand' der konfessionellen Kirchenverständnisse, sondern zeigt, wie und weshalb das Gewordene so geworden ist, wie es gegenwärtig ist, und wo die entscheidenden Weichen dafür gestellt wurden", so dass sich „die Leser/ innen … ein eigenes Urteil über die Möglichkeiten und Chancen einer kirchlichen Einheit … bilden und am Gespräch über die Einheit der Kirche produktiv teilnehmen … können". Gerafft kommen die Kirchen- und Amtslehre des Katholizismus, Protestantismus und der Orthodoxie zur Sprache.

Des derzeit dringlichen Themas „Kirche" nehmen sich auch die beiden Theologen Johannes Brosseder und Joachim Track an. Nach einer gründlichen Erarbeitung der Frage, was die Kirche zur Kirche macht, kommen sie zu dem Ergebnis, dass „von der Sache her Kirchengemeinschaft schon jetzt … möglich" ist. „Wir wissen aber auch, dass selbst in dem günstigsten Fall, dass unsere Überlegungen zu überzeugen vermögen, es noch Zeit in Anspruch nehmen wird, bis es zu einer offiziellen Erklärung von Kirchengemeinschaft kommt."

Darüber hinaus erschienen in den letzten Jahren zu einzelnen ökumenischen Kontroversthemen verschiedene Dokumente ökumenischer Arbeitskreise und Kommissionen, so etwa das lutherisch-katholische Studiendokument „Die Apostolizität der Kirche". Der theologisch kenntnisreiche Leser erfährt hier aus exegetischer und systematischer Sicht Gemeinsames und bislang noch Unterscheidendes zur Apostolizität der Kirche, das heißt zu ihrer Treue gegenüber dem Zeugnis der Apostel als ihrem Ursprung. Gemeinsam - wenn auch zum Teil mit Differenzierungen - wird bekannt, dass die Rückbindung an die Apostel ein wesentliches Merkmal der Kirche, des ordinationsgebundenen Amtes sowie der kirchlichen Lehre beziehungsweise eines kirchlichen Lehramts ist. Als ein besonderes Problem erweist sich in den ökumenischen Dialogen oft die Ausdifferenzierung des kirchlichen Amtes in ein lokales und überlokales Amt, verbunden mit der Frage nach einer apostolischen Nachfolge. Diese wird vom Studiendokument in den größeren Zusammenhang von Tradition und Communio (Gemeinschaft ) eingeordnet. Diese Einordnung ist ebenso notwendig wie ökumenisch wegweisend.

Mit der Frage nach dem kirchlichen Amt in apostolischer Nachfolge - Sukzession - befasste sich auch über mehrere Jahre hinweg der „Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen". Die jüngste Publikation enthält wissenschaftliche Beiträge, die erzielte Übereinkunft wie auch fortbestehende Differenzen markieren, außerdem einen abschließenden Bericht. Interessant sind die ähnlichen Ergebnisse beider Studiendokumente, die als wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer „Gemeinsamen Erklärung zur Lehre vom kirchlichen Amt in apostolischer Sukzession" verstanden werden können.

Verstehen lernen
Erschwert wird die gegenwärtige ökumenische Situation vor allem durch verstehenswissenschaftliche Fragen, die den Nerv der bisherigen Konsens- und Konvergenz-Ökumene treffen, also einer Ökumene, die nach Übereinstimmung beziehungsweise Annäherung durch Textarbeit und Interpretation sucht. Das Streben nach Kircheneinheit erscheint immer komplexer. Die kontrovers geführte Diskussion um eine ökumenische Hermeneutik (Verstehenslehre) wird von Wolfgang Thönissen, dem leitenden Direktor des Paderborner Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumene, aufgegriffen. „Ökumenischer Hermeneutik geht es in erster Linie darum, die Geschichte der gegenseitigen Abgrenzungen aufzudecken, die Ursachen, Gründe und Folgen der gegenseitigen Verurteilungen und Verdammungen zu erkennen, damit Mittel und Wege vorgeschlagen werden können, um der Einheit der Christenheit und schließlich der Einheit der Kirche immer mehr Ausdruck zu verleihen." Sie möchte „zum Verstehen der ökumenischen Bewegung und ihrer Motive, Einsichten, Kenntnisse und Ergebnisse beitragen".

Diesem Anliegen ist auch die von Johannes Brosseder und Markus Wriedt herausgegebene Festschrift für den großen Ökumeniker Otto Hermann Pesch verpflichtet, in der sich zwanzig interdisziplinäre Beiträge finden. Sie machen deutlich, dass eine ökumenische Verstehensweise, die allein darauf setzt, den anderen in seinem Anderssein zur Kenntnis zu nehmen, dem Wesen der Kirche nicht gerecht wird.

Einen grundlegenden Beitrag zur ökumenischen Verständigung stellt auch die Besinnung auf die Identität christlicher Kirchen dar, wie dies in dem vom Wiener Theologen Ulrich H. J. Körtner herausgegebenen Sammelband im Hinblick auf die reformatorischen Kirchen, die evangelischen Freikirchen und die katholische Kirche geschieht. „Das Begründungsverhältnis von Kirche und Glaube, Kirche und christlicher Verkündigung gehört nach wie vor zu den strittigen Fragen im ökumenischen Gespräch."

Glaubensverständnis


Nachdem zuletzt Edmund Schlink 1983 eine Gesamtdogmatik in ökumenischer Perspektive verfasst hatte, legte jüngst Otto Hermann Pesch eine umfangreiche „Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung" vor, in der er die Ergebnisse seiner lebenslangen Forschungen bündelt. Das mehrbändige, weit über 2000 Seiten starke Werk versteht sich als Glaubens-, Lehr- und Fachbuch und richtet sich an theologisch Interessierte, Studierende und Lehrende. Insofern als es sich hier nicht um die Darstellung einzelner ökumenischer Fragestellungen, sondern um eine umfassende systematische Theologie handelt, die sich durchgängig dem ökumenischen Anliegen verpflichtet weiß, ist bei der Lektüre eine gewisse theologische Hartnäckigkeit nötig, die allerdings reich belohnt wird.

In den letzten Jahren ist die ökumenische Euphorie einer gewissen Ernüchterung, teils sogar einem Desinteresse gewichen. Vielleicht aber kann der jetzige Kirchentag dazu beitragen, die Ökumene nicht nur als eine schwierige Aufgabe, sondern auch als eine wertvolle Chance zu erfahren. Ökumene versteht sich nicht als Einbahnstraße der Belehrung, sondern als gegenseitige Stärkung im Glauben. Dazu bedarf es freilich immer auch der Bereitschaft , sich kritisch anfragen zu lassen. Eine Herausforderung, der sich nur stellen kann, wer seinen Glauben immer wieder neu rational zu verantworten sucht, die theologische Arbeit und Lektüre nicht scheut und so zu einem reflektierten Glaubensbewusstsein findet. Die ökumenischen Bemühungen in der Kirchen- und Amtsfrage sollten bald zu einem ähnlich differenzierten Konsens wie 1999 in der Rechtfertigungslehre führen. Eucharistiegemeinschaft wäre dann nicht nur möglich, sondern das Gebot der Stunde, zumal in der theologischen Eucharistielehre schon längst keine kirchentrennenden Differenzen mehr bestehen.


Christoph Böttigheimer



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