65. JAHRGANG 2013WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 16. Juni 2013

Grossman, David: "Eine Frau flieht vor einer Nachricht"
(Carl Hanser, München 2009, 730 S., 24,90 €).
Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, eine der bedeutendsten literarischen Ehrungen hierzulande, geht in diesem Jahr an den israelischen Schriftsteller David Grossman. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass der 56-Jährige sich seit langem unermüdlich für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Mit dem Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" hat der Autor sein bisher wichtigstes Werk vorgelegt, das auch in Israel ein großes Echo fand. Entschieden ist dieses Werk, das im Israel der letzten Jahre spielt, eine emphatische Absage an den Krieg und an alle bewaffneten Konflikte. Thematisiert wird eine Familiengeschichte im Kontext des Nahostkonflikts. Und das alles in einer lebendigen, oft faszinierenden Sprache, die die Lektüre des umfangreichen Buches keinen Augenblick langweilig macht.

Im Mittelpunkt steht Ora, eine sympathische, lebensfrohe Frau, doch voller Selbstzweifel. Sie hat zwei Söhne von zwei Männern. Als ihr jüngster Sohn Ofer nach seinem dreijährigen Militärdienst gesund nach Hause kommt, ist sie überglücklich. Sie schlägt ihm vor, mit ihr eine Wanderung durch Galiläa zu machen. Seinen Rucksack mit der nötigen Ausrüstung hat sie schon lange gepackt. Aber es kommt nicht zu der geplanten Reise, weil Ofer sich sofort wieder freiwillig als Soldat meldet. Er will nicht hinter seinen gleichaltrigen Kameraden zurückstehen, die ganz selbstverständlich bereit sind, ihr Leben für den jüdischen Staat einzusetzen.

Avram: der Geliebte

Gegen Oras massiven Druck besteht Ofer auf seinem gefährlichen Vorhaben. Die Mutter vermag ihn nicht zurückzuhalten. Sie kann ihm nicht einmal das Versprechen abtrotzen, niemals einen Menschen zu töten. In einem großartigen Dialog stehen sich die besorgte Mutter und ihr unbekümmerter Sohn, der Soldat, gegenüber. Ora setzt sich vehement für jedes Menschenleben ein. Ofer jedoch versteht die Mutter nicht. Darf man sich gegen Selbstmordanschläge, gegen den Terror islamischer Radikaler etwa nicht wehren? Soll man tatenlos in Kauf nehmen, dass Frauen und Kinder getötet werden? So tritt er denn als überzeugter Soldat von neuem seinen Dienst an. Seine Mutter bleibt erschüttert zurück.

Ora befallen böse Ahnungen und panische Ängste. Sie möchte nicht erleben, dass zwei oder drei fremde Soldaten an ihrer Haustür stehen und ihr mit genormten Beileidsfloskeln die Nachricht von Ofers Tod überbringen. Daher verlässt sie ihr Haus in der Hoffnung, so diesem schrecklichen Schicksal entgehen zu können. Einem Kind gleich, verschließt sie die Augen in der Meinung, was sie nicht höre und sehe, könne sie auch nicht treffen. Dabei weiß Ora im Grund, dass sie vor den Realitäten des Lebens nicht fliehen kann. Der Roman beschreibt nun diesen Fluchtversuch und den Kampf mit der Angst, die sie nicht loslässt.

Ora nimmt Kontakt zu Avram auf. Er ist Ofers Vater und hatte sich in den zwanzig Jahren seit dessen Geburt nie um den Sohn gekümmert. Avram hatte Ora in seiner Jugend leidenschaftlich geliebt, ihr feurige Liebesbriefe geschrieben und den Eindruck erweckt, ohne sie nicht leben zu können. Ora jedoch war hin- und hergerissen gewesen zwischen ihm und Ilan, Avrams bestem Freund, den sie schließlich heiratete. In dieser Ehe gebar sie ihren ersten Sohn Adam.

Wanderung und Wandlung

Beide Partner Oras haben Stärken und Schwächen. Ilan ist eher der nüchterne Rationalist, der alles analysieren und klären möchte, der vor allen Irrationalitäten der Welt flieht. Er verlässt Ora bald nach der Geburt Adams, kommt dann aber wieder zurück und lebt mit Ora und ihren beiden Söhnen. Avram wiederum ist der phantasievolle, originelle Mann, der vor Ideen nur so sprudelt, der Frauen begeistert, aber im Grund lebensuntüchtig ist. Trotz Ora sind Ilan und Avram gute Freunde geblieben. Während des Jom-Kippur-Kriegs, als 1973 eine arabische Allianz Israel angreift, werden beide Männer zum Militärdienst eingezogen. In einer der eindrucksvollsten Szenen des Buches gerät Avram nahe am Suezkanal in eine bedrohliche Isolation. Er kann sich nur noch mit dem Funkgerät bemerkbar machen, bittet, man möge ihn aus seiner schlimmen Lage befreien. Doch erhält er keine Antwort. Avram schreit wie ein moderner Ijob seine Todesangst heraus - vergeblich.

Ilan, der das Betteln und Flehen aus nächster Nähe auf seinem Funkgerät hört, kann seinen Freund trotz allen Bemühens nicht erreichen. Schließlich gerät Avram in ägyptische Gefangenschaft. Weil man vermutet, er sei militärischer Geheimnisträger, wird er brutal gefoltert und verletzt. Als er endlich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird, ist er körperlich und psychisch ein gebrochener Mann. Er lebt zwar noch einige Jahre mit einer Freundin zusammen, fasst aber nicht mehr Fuß in der israelischen Gesellschaft. Als Hilfsarbeiter verdient er sich etwas Geld. Doch sein Äußeres und seine Wohnung lässt Avram völlig verkommen. Weil Ora hofft, Avram aus seinen Depressionen herausholen zu können, verführt sie ihn. In dieser Nacht wird Ofer, der zweite Sohn, gezeugt.

Den zerschundenen Avram liebt Ora immer noch, als sie fast fünfzig Jahre alt ist. Ilan, ihr Mann, hatte sie nach zwanzigjähriger Ehe verlassen und war mit ihrem Sohn Adam nach Amerika gegangen. Sie kann nun Avram bewegen, anstelle von Ofer mit ihr auf die Wanderschaft nach Galiläa zu gehen. Ofers gepackter Koffer soll ihm dabei nützlich sein. Auf der Wanderung kommt allmählich alles zur Sprache, was beiden aus je anderer Sicht im Leben wichtig war: Oras Ehe mit Ilan, ihre Liebe zu Avram, die Freude an den zwei Söhnen. Auch ihre Zweifel und Unsicherheiten erzählen sie sich gegenseitig. Während Ora redet und ihr Begleiter zunächst nur zuhört, erleben sie die Schönheit Galiläas, erfreuen sich an der reichen Blumenpracht und dem ständigen Wechsel der Landschaften. Sie mühen sich ab mit dem schwer zu besteigenden Tabor-Gebirge und unwegsamen Pfaden. Sie gehen beschwingt durch die fruchtbaren Ebenen. Die kühlen Nächte verbringen sie in ihren beiden Zelten. Sie begegnen interessanten Wanderern, kommen in arabische und israelische Dörfer und stoßen auf die Gräber gefallener Soldaten. Sie lesen keine Zeitung, hören keine Nachrichten und wollen von niemandem erfahren, was in diesen Tagen passiert, weil Ora fürchtet, irgendeine Meldung könnte Rückschlüsse auf Ofers Schicksal zulassen.

Auf der Wanderung verändert sich Avram zusehends. War er anfangs eher apathisch, so beginnt er langsam, sich für seinen Sohn Ofer zu interessieren. Darauf hatte es Ora angelegt. Sie erzählt ihm ausführlich von Geburt und Kindheit, von Ofers originellen Ideen, von seinen Problemen, von seiner Freundin, die ihn rasch wieder verlassen hat, und von den Berichten aus der Zeit des Militärdienstes. Gelegentlich bauen sich zwischen den beiden Wanderern erotische Spannungen auf, und die alte Leidenschaft füreinander lebt wieder auf. Am Ende des Wegs bleibt zwar Oras Angst. Doch freut sie sich über das neu geweckte Interesse des Vaters am gemeinsamen Sohn. Obwohl man zum Schluss des Buches nicht erfährt, ob Ofer lebt oder tot ist, keimt neue Hoffnung auf, weil Avram ein Verhältnis zum Leben, zum Sinn gefunden hat.

David Grossmans Sohn

Die persönlichen Hoffnungen von David Grossman wurden, während er an dem Roman schrieb, auf bittere Weise auf die Probe gestellt. In einem bewegenden Nachwort berichtet der Schriftsteller, dass sein Sohn Uri von Beginn an die Entwicklung der Hauptpersonen mit großem Interesse verfolgt hat. Manchmal habe dieser ihn gefragt: "Was hast du ihnen diese Woche wieder angetan?" 2006 wurde der Sohn Soldat. Grossman: „Ich hatte das Gefühl - oder genauer gesagt die Hoffnung -, dass das Buch, das ich schreibe, ihn schützen wird." Diese Sehnsucht hat sich nicht erfüllt. Uri wurde in den letzten Stunden des Libanonkriegs von einer Rakete getroffen und getötet. Mit ihm kamen drei andere junge Männer ums Leben.

Als sich David Grossman nach der Trauerzeit wieder an die schriftstellerische Arbeit machte, hatte sich für ihn „der Resonanzraum der Wirklichkeit" verändert. Die letzten Anstrengungen des Romans finden sich in Oras Schrei nach Frieden ergreifend wieder.

Werner Trutwin



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