69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017

Küng, Hans: Ist die Kirche noch zu retten?
(Piper Verlag, München 2011, 264 S., 18,95 €).
Ist es ein Buch der Resignation - oder neuer Hoffnung? Hans Küngs aus der immer bedrängenderen Not des Reformstaus geborene Band „Ist die Kirche noch zu retten?" lässt sich trotz scharfer Töne Richtung Rom und Bischöfe auch als Gewissenserforschung lesen: Wie man es als engagierter Katholik selber mit und in seiner Glaubensgemeinschaft hält, die immer wieder hin- und hergerissen ist zwischen der Sehnsucht nach dem Unendlichen und der Versuchung, das Zeitliche - und dazu gehört die religiöse Machtausübung - in ein Sicherheitskorsett, ja in ein monarchistisches System teilweise ängstlicher Abschottungen zu zwängen. Küng spricht vom „römischen System".


Der Verfasser beschreibt Reibepunkte und abgewürgte Reformversuche in Gegenwart und Vergangenheit, wobei er viele seiner bekannten, oft thematisierten, doch weiterhin aktuellen Anfragen nochmals wiederholt. In einem raschen Durchgang durch die Kirchengeschichte, genauer durch die Papstgeschichte, sucht er beispielhaft Stationen auf, in denen der Autoritäts- und Souveränitätsanspruch, der Unfehlbarkeitsgedanke des Bischofs von Rom Nahrung fand und Auftrieb erhielt - bis zu den neueren restaurativen Tendenzen.

Die gewählte Perspektive legt es nahe, dass die Freiheitsgeschichte, die großartige Geistes- und Kulturgeschichte eines rettenden und befreienden Christentums weniger zum Zuge kommt. Allerdings deutet Küng an, was durchaus möglich wäre und möglich war, angefangen bei Paulus: „Der steht in Rom ganz im Schatten des anderen Hauptapostels, des Petrus. Aber von der persönlichen Kirchenleitung des Petrus ist uns im Neuen Testament kaum Historisches überliefert, von der des Paulus wissen wir aus dessen Briefen bestens Bescheid. Paulus verfügte über eine erstaunliche Autorität: Er sieht sehr wohl, dass seine Gemeinden in vielen Dingen unreif sind und Fehler machen. Und trotzdem benimmt er sich ihnen gegenüber nie so, als ob er sie als vorsichtiger Pädagoge erst zur Freiheit zu erziehen hätte. Er setzt diese Freiheit vielmehr als gegeben voraus, respektiert sie, ringt um sie, damit seine Gemeinden ihm nicht gezwungen, sondern in Freiheit folgen … So stellt sich Paulus seinen Gemeinden nie als Herr, auch nicht als Priester gegenüber. Nicht der Apostel ist der Herr. Jesus ist der Herr, und dieser Herr setzt die Norm für seine Kirchen und für ihn selbst." Die apostolische Vollmacht gebrauche Paulus nicht zum Zerstören, sondern zum Aufbauen.

Eine Kirche ohne Autorität will auch Küng nicht. Aber er verlangt eine innere, geistige, argumentativ und biblisch begründete Autorität. Auch wenn dieses Buch eher als Gelegenheitsschrift gedacht ist und wenig neue Gesichtspunkte enthält, verleiht es doch dem massiv gesteigerten Unmut, der sich zunehmend inzwischen in der Mitte des Gottesvolkes, gerade unter eher „konservativ" orientierten Gläubigen ausbreitet, eine publizistische Stimme.

Viele der katholisch gewünschten Reformen hat die evangelische Kirche vollzogen, dennoch steckt sie in einer noch viel tieferen Krise. Die evangelische „Kirchendämmerung" analysiert der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Der Band, der Aufsätze und Zeitungsartikel zusammenstellt, weshalb es manche Überschneidungen gibt, rechnet aus einer betont liberalen Tradition teilweise bissig, manchmal auch in liberalistischem Dünkel mit Fehlentwicklungen ab: mit Verkündigungstendenzen der Über-Moralisierung, mit zu viel Kirchenorganisation und zu wenig Glauben, mit Psycho- und Gefühlsjargon sowie spirituellem Wellnessgetue, mit fehlender Intellektualität und mangelnder theologischer Durchdringungskraft , mit einem katholisierenden Symbolprotestantismus, der das Wort vernachlässigt, mit Infantilisierung der Glaubenswelten, auch mit einer Feminisierung des Christlichen, selbst beim Pfarrerberuf, mit mancher Pfarrer-Larmoyanz. Graf verlangt eine entschiedene Rückbesinnung auf die Vernunft , das Aufklärerische. Er fordert, in den ökumenischen Debatten die faktisch fortbestehenden Differenzen wieder genauer wahrzunehmen und die lehramtlichen Realitäten, die Gegensätze nicht zu verschleiern. Obwohl Graf gegen katholisches Naturrechtsdenken entschieden das Recht auf Individualismus, Freiheit, Selbstbestimmung ein fordert, hält er daran fest, dass die Glaubensgemeinschaft eine volkskirchliche Ausrichtung bewahren muss, damit sie nicht zur Sekte, zu einem elitären, autoritären, selbstherrlichen Selbsterhaltungsbetrieb verfällt. Der Autor sucht die bewusste Provokation, überzeichnend, nicht selten recht selbstverliebt. Ein starker Hauch neokonfessionalistischer Kontroverstheologie ist zu spüren.

Was wirklich die Kirche aus ihrer Dämmerung - der realen Glaubensnot - retten könnte, die Gottesfrage, neu durchbuchstabiert im Horizont heutiger Welt- und Wissenschaftserfahrung, bleibt in beiden Büchern leider allenfalls angedeutet. Trotzdem sind die kritischen Bilanzen nicht unwichtig: mehr Paulus, weniger Petrus.

Johannes Röser



Wir freuen uns, wenn Sie CHRIST IN DER GEGENWART näher kennen lernen wollen. Die nächsten vier Ausgaben können Sie gleich hier kostenlos anfordern oder bei:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de

Impressum