65. JAHRGANG 2013WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. Juni 2013

Metz, Johann Baptist: Mystik der offenen Augen
Wenn Spiritualität aufbricht.
Hg. von Johann Reikerstorfer
(Verlag Herder, Freiburg 2011, 260 S., 24,95 €).
Der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz hat im vorliegenden Werk eine Sammlung älterer Texte erweitert, aktualisiert und neu zusammengestellt. Anlass seiner Wortmeldung ist einerseits die inzwischen fast schon inflationäre Rede von „Spiritualität", andererseits die kirchliche Reformdebatte. Zwischen beiden Polen bewegen sich Metz' Einsprüche - und sie machen das Buch damit zu einem kurzweiligen, schwungvollen Lektüreerlebnis, wenn auch die Inhalte durch das engagierte Wirken dieses Theologen einer breiteren Öffentlichkeit bereits vielfach präsentiert sind.

Beachtenswert ist jedoch die Art, in der Metz als einer der Väter des Aufbruchskatholizismus mit Vehemenz zu einem „Aufstand der Hoffnung" aufruft. Während Spiritualität heute eher eine Innenschau beschreibt, eine um das eigene Ich kreisende meditative Technik geschlossener Augen, meint die biblische Spiritualität etwas ganz anderes. Sie zielt laut Metz darauf, die Augen gerade nicht zu schließen, sondern sie auf den anderen zu richten. Die Bibel, so die bekannte Formel, lehrt eine „Mystik der offenen Augen", eine „politische Mystik". Gotteserfahrung gibt es nicht am Anderen vorbei. Und dieser Andere ist für Metz stets der leidende Andere. Denn die Geschichte der Menschheit ist in biblischer Lesart keine Siegergeschichte, keine Geschichte des gelingenden Lebens. Sie ist vielmehr Passionsgeschichte.

Aus dieser Perspektive gibt es für Metz nur eine Antwort: das Tun des Gerechten, die Nachfolge. Die Bibel ist eine Art „Schule des Sehens". Sie lehrt, den Blick zu weiten für die am Rand der Gesellschaft, die zu kurz gekommen sind. In mehreren Kapiteln entfaltet Metz diese von ihm so bezeichnete „Antlitzmystik".

Die Kernthemen des Autors finden sich in der neuen Buchveröffentlichung wieder: der Stachel der Theodizee, also der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids, das Plädoyer für die Anerkennung der moralischen Autorität der Leidenden als eine Art „Weltprogramm" des Christentums, die Warnung vor einer Privatisierung der biblischen Botschaft.

Metz bezieht sich immer wieder auf den von ihm grundlegend verfassten Text „Unsere Hoffnung" der Würzburger Synode der westdeutschen Bistümer in den siebziger Jahren. Wenn er in einem abschließenden Kapitel die Frage stellt, ob die Kirche nicht schon einmal weiter war, wenn er eine zunehmende „Sektenmentalität" beklagt, eine kirchliche „Unfähigkeit und Unwilligkeit zu lernen", dann ist es dieses Dokument und sind es die damaligen Debatten, die er als Belege aufführt. Das Konzil lehrte den „aufrechten Gang" des Gläubigen. Denn kirchliche Erneuerung könne „nicht von oben in die Seelen der Gläubigen hineinorganisiert werden".

Das vorgelegte Buch ist zweifellos das Alterswerk eines erfahrungssatten Theologenlebens. Für den mit Metz vertrauten Leser erschließen sich ungewohnte biografische und persönliche Glaubenserfahrungen. Allerdings handelt es sich eben weitgehend um Texte, denen man trotz Überarbeitung ihr Alter anmerkt. Ihnen liegen theologische Kämpfe zugrunde, die nicht mehr den Erfahrungen heutiger kirchlich entwöhnter Generationen entsprechen. Der Stil der oft schier endlos suggestiven, also beeinflussenden Frageketten legt unterschwellig nahe, dass es eine zwischen Autor und Leser stillschweigend bereits vereinbarte gemeinsame Antwort gibt, was vielleicht im Gefolge des Konzils noch funktionierte, nicht mehr jedoch in der Ära des Abbruchs und der religiösen Sprachlosigkeit.

Dennoch: Das Buch bleibt lesenswert. Nicht zögern, aufbrechen! „Eine Kirche, die sich erneuern will, muss wissen, wer sie ist und wohin sie zielt."

Henning Klingen



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