69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Böhnke, Michael / Schüller, Thomas (Hg.): Gemeindeleitung durch Laien?
Internationale Erfahrungen und Erkenntnisse
(Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2011, 355 S., 24,90 €).
Es lässt sich nicht beschönigen: Der Zustand der Kirche ist beängstigend, wie viele Studien zeigen. Weniger Mitglieder, weniger Taufen, weniger Hochzeiten, weniger Priesterweihen … Die Minus-Liste ließe sich fortsetzen, und „Minus-Wachstum" scheint momentan der weitgehend einzige Wachstumsbereich der Kirche hierzulande zu sein. Die dazugehörige Mängelliste bildet seit den siebziger Jahren das Inventar jeder kirchlichen Diskussion: Zulassung der Frauen zum Weiheamt, Zölibat, wiederverheiratete Geschiedene, Sexualmoral …

Ohne die Notwendigkeit von Reformen leugnen zu wollen: Angesichts der Situation der evangelischen Kirche ist kaum davon auszugehen, dass eine „Lösung" der genannten Punkte den Minustrend stoppen könnte. Es besteht Gesprächs- und Handlungsbedarf, der über die Standard-Kirchendebatte hinausgeht. Wie groß dieser ist, verdeutlicht allein schon die Anzahl der neuen Veröffentlichungen zum Thema Kirche. Deren Blickwinkel ist denn auch weniger das Abschneiden „alter Zöpfe", sondern das Vorstellen von Ideen für eine neue Frisur.

Für eine Woche in die WG

„Wer nicht gut aussieht, muss zum Friseur", sagt Franz Meurer (1). Der „Friseur" ist hier die Kölner Brennpunkt-Gemeinde Höhenberg-Vingst (kurz: „HöVi"). Es sind die Menschen, die sie prägen. In gleichermaßen unterhaltsamen wie beispielhaft en Geschichten erzählen der Pfarrer von „HöVi" und Peter Otten, der Geistliche Leiter des Diözesanverbandes der Katholischen Jungen Gemeinde in Köln, was es heißen könnte, jetzt und hier als Christ zu handeln, und wie dieses Handeln ansteckend wirkt. Etwa: „Gefirmt zu werden, bedeutet in Köln-HöVi zunächst: zusammen wohnen. Fünfzig Jugendliche und Katecheten ziehen für eine Woche in eine WG. Und zwar nicht in den Ferien, um Urlaub zu machen, sondern während einer ganz normalen Alltagswoche." Man wollte eine Firmvorbereitung, die einladend sein soll „für Hauptschüler und Gymnasiasten, für Jungen und Mädchen, für Leseratten und Sportskanonen" und die „Glaubenserfahrung im Alltag ermöglicht". Um dieses Ziel zu erreichen, wohnen die Jugendlichen also eine Woche lang in den Räumen der Gemeinde und müssen gemeinsam ihren Alltag bewältigen. So erfahren sie, was es heißt: „Du bist gemeint, so wie du bist … Du bist kein Niemand. Und das, womit du dich tagtäglich beschäftigst, ist nicht unbedeutend. Fromm gewendet: Gott meint es gut mit dir."

Der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann (2) lässt sich aus den Vereinigten Staaten anregen. Als Mitarbeiter des weltkirchlichen Lernprojekts „CrossingOver" hat er die katholische Kirche der USA immer wieder besucht. Was er dabei entdeckte, hat er in eindrückliche Reportagen gepackt. Ein Beispiel: Rund um Weihnachten 2009 veranstalteten die Bistümer des Mittleren Westens eine aufsehenerregende Werbekampagne „Catholics Come Home" (www.catholicscomehome.org). Im Mittelpunkt standen verschiedene Fernsehwerbespots. Nach außen hin kennzeichnete diese eine hoch professionelle Machart. Inhaltlich ging es um den „Einsatz der Katholiken weltweit für Caritas, Bildung und Kultur, für Familie und Menschenrechtsschutz". Dass sie dabei „nur so strotzen vor Selbstbewusstsein", lässt sie vielleicht „für den deutschen kulturellen Kontext" nur bedingt geeignet erscheinen, in den USA verfehlte die Kampagne indes ihr Ziel nicht. So konnte beispielsweise die Diözese Phoenix 92 000 inaktive Katholiken neu mobilisieren, und es stieg „der Messbesuch im Bistum Sacramento um sagenhaft e 16 Prozent".

Auch ein neuer pastoraler Dienst wurde eingerichtet: der „Service des ersten Eindrucks" (Ministry of First Impression). Mittels eines kostenlosen Coachings der in den Gemeinden dafür meistens verantwortlichen Pfarrsekretärinnen wird dafür Sorge getragen, dass keine unmotivierte Nuschelstimme die Anrufer gleich wieder auflegen lässt. Man soll sich wirklich willkommen fühlen.

Internationale Erfahrungen und Erkenntnisse anderer Art bringt die von Michael Böhnke und Thomas Schüller (3) herausgegebene Dokumentation einer Fachtagung zu pfarrerloser Gemeindeleitung zum Ausdruck. Es geht um Erfahrungen in den USA, Australien, Kongo, Indien, Frankreich und Deutschland mit einer Möglichkeit, die das Kirchenrecht nach Kanon 517 gestattet. Dabei verbleibt die Leitungsvollmacht rechtlich beim Priester, tatsächlich aber üben die durch Taufe und Firmung mündigen und beauftragten Gemeindemitglieder die „Handlungsvollmacht" (Adrian Loretan) aus. Auf dieser Grundlage hatten in Deutschland etwa die Bistümer Limburg und Aachen pfarrerlose Gemeindeleitungsmodelle entwickelt, statt Pfarreien zu Seelsorgeeinheiten zusammenzulegen.

Statt „Herr Pfarrer" die „Equipe"

Im Bistum Poitiers wurde ein anderer Zugang gewählt: Nicht der Mangel an Priestern bildet den Ausgangspunkt, sondern die „Unmöglichkeit, Pfarreien zu errichten beziehungsweise auf dem Papier bestehende Pfarreien als solche anzusehen". Im Mittelpunkt des kirchlichen Handelns steht damit nicht länger der Priester, sondern das Miteinander der Christen vor Ort. „Nicht um dem Herrn Pfarrer zu helfen", bildet sich eine „Equipe", eine örtliche Gemeinschaft von Getauft en und Gefirmten, sondern um miteinander den Glauben zu leben, zu beten, Zeugnis abzulegen und „denen zu dienen, die sie umgeben". Im Dienst dieser Gemeinschaft steht der geweihte Amtsträger. Der Erfolg spricht für sich: Im Bistum Poitiers haben sich in den letzten fünfzehn Jahren mehr als 300 örtliche Gemeinden auf diese Weise gebildet.

Auch die von Claude Ozankom (4) zusammengetragenen Beiträge eines Symposiums der Bonner theologischen Fakultät wollen den Horizont weiten. Und zwar nicht nur geografisch, indem Anstöße aus den Kirchen Brasiliens, Asiens oder Osteuropas vorgestellt werden, sondern auch geschichtlich, kirchenrechtlich und theologisch- systematisch. Zum Beispiel Afrika: 1994 formulierte die dortige Kirche ihr Leitbild von der „Kirche als Familie". Um es umzusetzen, werden kleine christliche Gemeinschaft en gebildet, und man versucht eine dem Denkhorizont Afrikas gemäße Kommunikation.

Demgegenüber bleibt die von Marianne Heimbach-Steims, Gerhard Kruip und Saskia Wendel (5) herausgegebene Nachlese zum Theologenmemorandum vom Februar dieses Jahres auf Deutschland konzentriert. Auch hier findet man nicht nur allzu Bekanntes. Um die vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgenommene Neubestimmung der kirchlichen Communio als gegenseitige Dienstgemeinschaft , die in Taufe und Firmung grundgelegt ist, konkret werden zu lassen, regt die Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel einen freiwilligen Verzicht des Bischofs „auf bestimmte Rechtspositionen" an, im Sinne einer freiwilligen „bischöflichen Selbstbindung" an die Beschlüsse „repräsentativ besetzter Versammlungsformen". Ist es utopisch, sich auszumalen, was passieren würde, sollte sich ein Bischof zu derart synodaler Haltung entschließen?

kafarna:um

Von bereits beschrittenen neuen Wegen berichtet der Band zur City-Pastoral. Der Regens des Hildesheimer Priesterseminars, Christian Hennecke, und der Referent der Missionarischen Dienste der evangelisch- lutherischen Landeskirche Hannover, Philipp Elhaus (6), geben dem Buch einen ökumenischen Bezug durch das Gespräch zwischen anglikanischer, evangelischer und katholischer Kirche.

Die von Christian Schröder vorgestellte Jugendkirche „kafarna:um" in Aachen wiederum ist eine „Hauskirche", „man könnte auch sagen: WG-Kirche", mit „Wohnküche, Arbeitszimmer, Lounge im Keller, einer Hängemattenwiese und dem ‚Heiligtum', dem Gottesdienstraum". Die Idee ist so verblüff end einfach, dass man sich fragt, warum keiner früher darauf gekommen ist.

So unterschiedlich die Bände, ihre Autoren und deren Beiträge auch sind, in vier Punkten kommen sie überein: Alle vollziehen die Wende von einer „priesterzentrierten Seelsorge" oder - von der Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter ausgehenden - „Versorgungspastoral" hin zu einer „gemeindezentrierten" Pastoral, die das Leben vor Ort in den Mittelpunkt rückt; Gemeindemitglieder haben begonnen, ihr Christsein aktiv gemeinsam zu gestalten. Christliche Gemeinschaft en leben davon, dass jeder das Seine einbringt und jeder dem anderen dient mit seinen Gaben. Gemeinden von morgen sind Dienstgemeinschaft en. Der Dienst des geweihten Amtsträgers ist hier ein Dienst neben anderen. Auf diese Weise ist für alle etwas von der Gegenwart Gottes mitten unter uns zu spüren.

Zu den Orten, an denen dies besonders erfahrbar wird, zählt zum einen der Einsatz für die Armen, auf dessen grundlegende Bedeutung das neu herausgegebene Plädoyer für eine „Kirche der Armen" des 1989 in El Salvator ermordeten Befreiungstheologen Ignacio Ellacuria (7) verweist. Dazu gehört zum anderen aber genauso eine einladende Gestaltung der gemeindlichen Räume. Wie überhaupt die Frage nach der Ästhetik sich wie ein roter Faden durch die vorgestellten Bücher zieht. Es ist nicht zuletzt das häufig anzutreffende Geschmacksdefizit, das Kirche nur zu oft im wahrsten Sinn des Wortes „alt" aussehen lässt.

Schließlich wird der missionarische Zug der vorgestellten „Gemeinden für morgen" angeregt. Sie sollen nicht bei sich stehen bleiben, sondern im Teilen ihres Lebens und Glaubens über sich hinausweisen.

Da es schlechter kaum kommen kann, spricht eigentlich nichts dagegen, es einmal mit etwas Neuem zu versuchen. „Wenn nicht jetzt, wann dann? - Wenn nicht hier, wo sonst?"

Matthias Mühl





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