69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017

Goetze, Andreas: Religion fällt nicht vom Himmel
Die ersten Jahrhunderte des Islams
(Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, 491 S., 59,90 €)
Durch die Forschungslandschaft der Islamwissenschaften läuft ein tiefer Graben. Die Mehrheit der Gelehrten folgt der traditionellen islamischen Geschichtsschreibung, die auch die öffentliche Wahrnehmung des Islams geprägt hat. Deren schriftliche Quellen, von gläubigen Muslimen verfasst, sprudeln erst mit dem Kalifat des Geschlechts der Abbasiden in Bagdad seit Mitte des 8. Jahrhunderts. Demnach wurde die heute zweitgrößte Weltreligion von Mohammed gegründet, der zwischen 570 und 632 in Mekka und Medina wirkte.

Ein anderes Bild der islamischen Frühgeschichte entwirft die kleine Forschergruppe der sogenannten Saarbrücker Schule. Diese vermutet, dass „Mohammed“ keine historische Gestalt war, sondern dass sich hinter diesem Namen vielfältigste Kräfte verbergen, die zur Entstehung der dritten monotheistischen Religion im großsyrischen Raum führten. In dieser Sichtweise wird aus dem ersten Jahr islamischer Geschichtsschreibung, der „Hidschra“, ein Sieg von Byzanz über das Perserreich Grundlage arabischer Freiheit.

Mehr Licht in das Dunkel der Forschung bringt der evangelische Pfarrer Andreas Goetze mit seiner Doktorarbeit, die bereits in zweiter Auflage vorliegt; eine dritte wird vorbereitet. Zu Recht. Denn das Werk ist ausgestattet wie ein Handbuch und bietet einen trefflichen Überblick über den Stand der Forschung. Bereits der Titel verrät, dass Goetze, der nahosterfahren ist und in der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgschlesische Oberlausitz zum Landespfarrer für den interreligiösen Dialog berufen wurde, eine historisch-kritische Perspektive einnimmt.

Der Autor schreibt flüssig und klar strukturiert und behandelt die wechselseitigen Einflüsse der religiösen Strömungen im syrischen Großraum behutsam. Er legt Arbeitshypothesen dar, die derzeit die größte Plausibilität besitzen. Die vielen, teilweise gegensätzlichen Forschungsansätze bedeuten ihm, dass in Bezug auf die Anfänge des Islams die Wissenschaft selbst noch „ganz am Anfang steht und viele Fragen noch offen sind“.

Die vergessene Kirche des Ostens

Im islamischen Kulturkreis gilt das Arabische als „heilige Sprache“ des Korans. Mohammed hat seine Offenbarungen in „klassischem Arabisch“ empfangen. Eine kritische Sichtung der zugrunde liegenden Handschriften gibt es aber bisher nicht. Andreas Goetze stellt zudem fest: Nichtmuslimische Quellen „aus dem 7. Jahrhundert berichten über das Leben Mohammeds und seiner Bewegung, die aus der arabischen Halbinsel in den Großraum Syrien eingedrungen sein soll, nichts“. Im Grenzraum von byzantinischem und persisch- sassanidischem Reich begegneten sich viele religiös-kulturelle Vorstellungen: die römisch-griechische Götterwelt, der Zoroastrismus, Judentum und Christentum in allen Formen der Gnosis, Eschatologie und Apokalyptik. Der Autor will zu einer Zeitreise einladen, wie aus verschiedenen religiösen Ursprüngen „eine eigenständige arabische Religion erwächst“: der Islam. Deren politisches und kulturelles Kraftzentrum war zunächst al-Hira am unteren Euphrat. Laut Goetze gründeten die Umayyaden-Kalifen Mu’awiya I. (603-680) und ’Abd al-Malik (646-705) eine - wenn auch höchst instabile - arabisch-christliche Herrschaft mit der Johannes-Basilika in Damaskus als Kultzentrum.

An diese vergessene „Kirche des Ostens“ erinnert Andreas Goetze und verwahrt sich gegen eine Tradition der byzantinischen Reichskirche, die das ostsyrische Christentum als Spielart der arianischen Irrlehre verketzerte. Die unterschiedlichen christologischen Akzente des hellenistischen und aramäischen Christentums sind für Goetzes Unterscheidung wesentlich.

Die ostsyrische Kirche suchte auch lehramtlich Distanz zum Westen, als das Christentum im römischen Reich, dem Todfeind der persischen Sassaniden, zur Staatskirche geworden war. Die Kirche des Ostens bekannte Jesus als „Knecht Gottes“, arabisch ’abd Allah, der kraft Gottes Geist zum „Sohn Gottes“ in trinitarischer Einheit verschmilzt. Die ostsyrischen Kirchenväter vermieden philosophisch-theologische Spekulationen zur Dreifaltigkeit/ Dreieinigkeit Gottes, betonten stattdessen die menschliche Natur des „Sohnes Marias“. Die Furcht vor einer „Beigesellung“ des Gottessohns neben Gottvater ist ein Merkmal der Kirche des Ostens, eine Kritik, die im Koran fortentwickelt wurde. Aus dieser Sichtweise ist der Felsendom in Jerusalem „ein ‚architektonischer Protest‘ der unter den Umayyaden geeinten arabischen Christen“ gegen die hellenisierte Reichskirche.

Neue arabische Religion

Zuletzt skizziert der Verfasser den Weg, wie die politisch-religiöse Bewegung der Umayyaden zerbricht und die ostiranischen Abbasiden sich des Kalifats bemächtigen. Um arabische Legitimation bemüht, entsteht seit dem Machtwechsel Mitte des 8. Jahrhunderts eine „neue arabische Religion“, deren Ursprung die abbasidische Geschichtsschreibung nach Moses Vorbild auf einen Religionsstifter Mohammed als Identifikationsfigur zurückführt. Christliche Ehrentitel wie „’abd Allah“, „Knecht Gottes“ oder „muhammad“ für „auserwählt/ gepriesen“ werden zu Eigennamen für Mohammeds Vater und den Religionsgründer selbst. Diese aktuelle Interpretation der islamischen Frühzeit klingt abenteuerlich, stützt sich aber auf einsichtige sprachhistorische, archäologische und vor allem Münz-Zeugnisse.

Andreas Goetze erhellt dankenswerterweise die vertrackten Wege der Forschung zur Frühgeschichte des Islams. Historiker dürfen sich nicht damit abfinden, dass die islamischen Quellen erst so spät fließen und die außerislamischen Zeugnisse die neue Religion kaum wahrnehmen. Die höchst spärlichen Dokumente über den „Glauben der Ismaeliten“ - zum Beispiel durch den Kirchenlehrer und Umayyaden- Vertrauten Johannes von Damaskus, der sie als 101. christliche Häresie bezeichnete - hätten im vorliegenden Buch vielleicht etwas breiter diskutiert werden können. Auch dass al-Hira, dem „Zentrum der Kirche des Ostens“, bereits im 7. Jahrhundert in der benachbarten Gründung Kufa eine ruinöse Konkurrenz erwuchs, hätte mehr Beachtung verdient gehabt. Doch der Autor betont auch, dass die historisch- kritische Wissenschaft hier noch in den Kinderschuhen steckt. Es geht um einen Entstehungsprozess, eine religiöse, politische Ordnung im Werden. Andreas Goetze sieht in der Entdeckung der gemeinsamen Wurzeln der drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam eine Chance für den interreligiösen Dialog.

Anselm Verbeek

CIG 31/2013



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