69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017

Von Köln nach Königsberg

CIG-Autor Christian Heidrich auf dem Weg
22.09.2014
Halka
Während sich die polnischen Volleyballer am Sonntagabend dem Finalsieg gegen Brasilien näherten (Respekt und Gratulation!), war mein Platz in der "Opera Nova" in Bydgoszcz. Es gab die polnische Nationaloper schlechthin - und das nicht nur deshalb, weil es auf diesem Feld nicht allzu viel Konkurrenz gibt. Stanislaw Moniuszkos 1858 uraufgeführte "Halka" nimmt das ewiggrüne Motiv der verratenen und verlassenen Heroine auf. Vielleicht ist sie die polnische Tosca - in ihrer Liebe, in ihrer Religiosität, in ihrer unabwendbaren Tragik. Die schönste Arie allerdings, "Szumia jodly na gór szczycie" / "Die Tannen rauschen am Berggipfel", singt der unglücklich Liebende Jontek, der nicht verstehen kann, dass Halka am treulosen Janusz festhält. Eine "sehr traurige, sehr einfache und sehr kurze Geschichte", wie es im Programmheft heißt. Doch wurde mit "Halka" stets mehr verbunden. Sie sollte die Geschichte des Volkes reflektieren, das über Jahrhunderte hinweg auf der politischen Landkarte gar nicht auftauchte, das, wie die Heldin, der Willkür und Gier der Großen geopfert wurde. Dem einfachen Volk blieben Tänze und herzzerreißende Lieder, die Hoffnung auf eine Gerechtigkeit, die nur der Himmel schenken kann. Davon erzählt "Halka", das machte sie in der polnischen Kultur singulär.

Es war eine Vorstellung, die kein Risiko einging, die das Tragische "schön" präsentierte. Das Publikum applaudierte rhythmisch und sichtlich zufrieden.

Am Montagnachmittag war ich dann bei der "Tante" eingeladen (vgl. Eintrag vom 10. September), die in Szwedorowo, südlich der Altstadt wohnt. Das junge Paar, das hier seine Hochzeitsfeier ein wenig nachbessern wollte, war schon wieder in Potsdam, doch Pani Ania wusste von dem Wanderer, der "sogar in Putins Reich" läuft. Ihre Tochter war auch da und erzählte am Kaffeetisch von ihrer psychologischen Ausbildung. Die Psychologen sind gute Zuhörer, sagt sie, doch wenn es um sie selbst geht, werden sie merkwürdig still. Sie lacht. Mit C.G. Jung habe sie sich beschäftigt, und seitdem habe ihre Religiosität einen anderen "rozmach", einen anderen Schwung, eine andere Energie. Die Predigten in polnischen Kirchen seien einfach und gefühlsbetont, doch in einer Stadt könne man sich glücklicherweise sein Plätzchen aussuchen.

Auch in dieser Familie gibt es mehrere Mitglieder, die im Ausland ihr Geld verdienen. Fast schon exotisch der Fall des Neffen, der Pani Ania regelmäßig bunte Karten aus Nevada und Kalifornien schickt. Als Barkeeper habe er angefangen, jetzt sei er Croupier in Reno.

Am Ende wartet ein großes Paket mit Mohn- und Käsekuchen auf mich.

Am Rande:
In der Pause der "Halka", erklärt der Vater, der vor mir an der Kaffeebar steht, seinem Sohn den Unterschied zwischen einem Oper- und einem Kinobesuch. "Hier werden eben keine Riesenbehälter mit Popcorn verkauft, dafür riecht es hier vernünftig. Und große Colabecher gibt es in der Oper auch nicht." Der Sohn, an die zehn Jahre alt, bleibt skeptisch. Es gibt Lektionen, die erst gelernt werden müssen. Gut, dass er einen solchen Vater hat.
Die Nachbarn neben mir, nicht gar zu jugendlich, haben ihre Lektion bereits vergessen. Die Dame kann ihren Blick vom Smartphone kaum abwenden, auch nicht, als die Musik schon einsetzt. Ihr Gatte nickt zwischendurch immer wieder ein. Die Dame ist amüsiert.
Und ich machte mir Sorgen um meine schlichte Kleidung!
Gestern wurde auch in polnischen Kirchen an den "48. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel" erinnert. Nach meinen Erfahrungen müsste es hier ein Tag der Besinnung und Buße sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in Kirchenräumen ein simplifikatorisches, "patriotisches" oder gar antisemitisches Blatt findet, ist nicht gering. Publikationen wie der "Tygodnik Powszechny" haben keine Chance. An dieser Stelle verharrt der Klerus im verstaubten Gestern.


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