69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. Juli 2017

Von Köln nach Königsberg

CIG-Autor Christian Heidrich auf dem Weg
03.10.2014
Seelennahrung
"Wenn du die Marienburg besuchst, musst du unbedingt auch nach Pelplin", hörte ich mehrfach von Freunden, und so setze ich meine kleine Ausflugsreihe fort und komme nach vierzig Minuten Bahnfahrt an. Das Städtchen, gut 8000 Einwohner, liegt auf der linken Weichselseite und wirbt für sich mit dem Slogan "Miasto z Dusza", "Stadt mit Seele". Damit kann nur das kirchengeschichtliche Erbe gemeint sein, denn in anderen Belangen ist Pelplin eher unauffällig. Das ekklesiale Erbe aber ist groß und ein Faszinosum.

Im 13. Jahrhundert trafen hier die Zisterzienser ein und siedelten sich im Tal der Wierzyca (Ferse) an. Bald begannen sie mit dem Bau eines Gotteshauses, das dann wuchtig und imposant ausfiel: 80 Meter Länge, 26 Meter Breite, 26 Meter Höhe des Hauptschiffes. 200 Jahre dauerte letztlich der Bau. Das Sternengewölbe im Südschiff, das Kristallgewölbe im Querhaus zeigen noch einmal den nach oben strebenden Leitvers der Gotik. Seit 1824 war Pelplin Sitz des Kulmer Bischofs, seit 1992 ist das kleine Städtchen mit der großen Domkirche gar das Haupt einer eigenen Diözese.

Als ich am frühen Vormittag das Gotteshaus betrete, ist die Sonne noch nicht angekommen, und die Augen brauchen eine Weile, um die Schönheit der Gewölbe, des Chorgestühles, der Altargemälde zu erfassen. Spät merke ich auch, dass ich nicht, wie zunächst vermutet, der einzige Besucher bin. Vor einem Seitenaltar ist eine alte Dame im Gebet versunken. Still ist es, und ich denke an die Mönche, an die Früchte ihres Glaubens und ihres Fleißes. Als ich am Mittag noch einmal in die Kirche zurückkehre, verzaubert nicht nur die Sonne ihr Inneres, es wird auch eine Schulklasse durch das Gotteshaus und das angrenzende Refektorium geführt. Dass es für die Jugendlichen eher Pflicht denn Vergnügen ist, merke ich auch an mancherlei Mobiltelefonen, die "unauffällig" bedient werden. Nun, die jungen Menschen werden hoffentlich noch die Reichtümer ihrer Seele entdecken.

Wahre Reichtümer gibt es auch einige hundert Meter weiter im Diözesanmuseum, das tatsächlich die Seele erfreut. Groß genug, um hier Stunden zu verbringen, ist es doch maßvoll und erschlägt den Besucher nicht mit seiner Fülle. Wunderbare Skulpturen, aus dem 14. und 15. Jahrhundert zumeist, sind hier zu entdecken. Sie beantworten die Frage nach Gott und Welt aus dem Geist der Evangelien: Christusfiguren, leidend oder auch richtend, trauernde und lächelnde Madonnen, fromme und heitere Jungfrauen, schlafende Jünger, bekannte und unbekannte Heilige.

Erstaunlich das Erbe eines jüdischen Wanderpredigers, eines Heilers, der seit 2000 Jahren ein Zeichen ist für den Glauben an einen menschenzugewandten Gott. Jesus, der Inspirator.

Ein Raum des Museums ist nach Janusz St. Pasierb (1929-1993) benannt, einem Priester, Poeten und Kunstliebhaber, der mit Pelplin eng verbunden war. Einige Stücke seiner Sammlung werden hier gezeigt, mit ihnen auch die Suchbewegungen der Moderne. Ein Bild des polnischen Malers Jacek Malczewski (1854-1929) zeigt nackte Männer in unterschiedlichen Lebensabschnitten, die Maria und ihrem Neugeborenen huldigen. Eine Illustration des Grafikers Jan Lebenstein aus dem Jahr 1974 verweist auf George Orwells furchterregende Diktatur-Parabel "Animal Farm". Bin ich meines Bruders Hüter?

Nahrung für die Seele auch im Verstörenden, denn wir suchen das Zeitlose im Irdischen.

Am Rande:
"Neue Fragen müssen gestellt werden, neue Wege gesucht. Aber Traditionen sind auch gut", sagt mir ein Priester, der in Rom studierte, Deutschland sehr gut kennt und der den Diözesanverlag in Pelplin leitet. Er gibt mir einen Band mit Meditationen des in Polen sehr populären Priesterdichters Jan Twardowski (1915-2006) mit auf den Weg. Dort finde ich den Rat, "im Evangelium herumzuschnüffeln, Kleinigkeiten zu suchen, die so häufig schön und dankbar sind". Seelennahrung.


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