69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Wie nachgiebig ist der Papst noch gegenüber den Traditionalisten?
Von Johannes Röser
Vom Vatikan wurde erneut - erfolglos - versucht, die abtrünnige traditionalistische Bewegung, die einst von Marcel Lefebvre ausging, an die kirchliche Einheit zurückzubinden. Die gescheiterte Initiative, Verständigung zu erzielen, wirft ein eigenes Licht auf weiterreichende sehr grundsätzliche Glaubens- und Kirchenfragen, die viele Christen - nicht nur Katholiken - berühren und erregen.

„Radio Vatikan" berichtet, dass die vom exkommunizierten Schweizer Bischof Bernhard Fellay geführte traditionalistische Priesterbruderschaft Pius X. definitiv nicht auf die Bitte und den Vorschlag von Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos eingehen wollte, eine auf Französisch verfasste Erklärung zu unterzeichnen, die eine fünffache Verpflichtung enthält.

Diese lautet: erstens eine Antwort zu geben, „die der Großzügigkeit des Papstes angemessen ist"; zweitens „jede öffentliche Stellungnahme zu vermeiden, die die Person des Heiligen Vaters nicht respektiert und sich auf die kirchliche Liebe negativ auswirken könnte"; drittens „auf keinem Lehramt zu bestehen, das dem des Heiligen Vaters übergeordnet wäre, und die Bruderschaft nicht der Kirche gegenüberzustellen"; viertens „den guten Willen zu beweisen, ehrlich und in aller kirchlichen Liebe und im Respekt für die Autorität des Stellvertreters Christi zu handeln"; fünftens „das Datum - das auf Ende Juni festgelegt ist - zu respektieren, um eine positive Antwort zu geben". Das alles sei „eine geforderte und notwendige Bedingung als unmittelbare Vorbereitung auf den Beitritt, um die volle Gemeinschaft zustandezubringen".

In einer Presserklärung gab die Pius-Priesterbruderschaft bekannt, einen Brief an Papst Benedikt XVI. geschrieben zu haben, in dem begründet wird, warum man eine Unterzeichnung jenes Memorandums ablehne, das von den Traditionalisten selber als „Ultimatum" bezeichnet wird. In einer sehr gewundenen Formulierung heißt es: „Man wird bemerken, dass der sehr allgemeine - um nicht zu sagen vage - Charakter dieser Formulierungen (gemeint sind die fünf Punkte, d. Red.) sich in sonderbarer Weise von der Form eines Ultimatums abhebt. Diese Bedingungen scheinen eher darauf abzuzielen, ein günstiges Klima für einen weitergehenden Dialog als Übereinkunft in den entscheidenden Punkten zu schaffen. Die Bruderschaft St. Pius X. wünscht, dass sich dieser Dialog auf Ebene der theologischen Lehre abspielt und allen Fragen Rechnung trägt, die, wenn man ihnen auswiche, eine übereilt getroffene kirchenrechtliche Klärung wieder hinfällig zu machen drohten." Zudem wird vom Vatikan verlangt, vor Beginn eines Dialogs die Exkommunikation von 1988 aufzuheben. Im Klartext heißt das: Die Traditionalisten drehen den Spieß um und stellen ihrerseits Bedingungen an den Vatikan. Sie verlangen, in allen Einzelheiten über alle umstrittenen Punkte in Kirchenverständnis, Liturgie und Theologie mit dem Vatikan zu verhandeln.

Man ist gespannt, und es war bei Redaktionsschluss ungewiss, wie verständnisvoll und nachsichtig Benedikt XVI. weiterhin mit den Lefebvre-Anhängern umgehen wird, trotz deren erneuter Weigerung. Bereits die allgemeine Wiederzulassung der tridentinischen Liturgie und die umstrittene Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für die Juden in jenem Ritus sowie die wiederholte Kennzeichnung der evangelischen Kirchen nur als kirchliche Gemeinschaften waren als Entgegenkommen beurteilt worden. Wiederholt verwendete Benedikt XVI. zuletzt auch den Hirtenstab von Pius IX., der als Papst des Antiliberalismus, des Antimodernismus, des Unfehlbarkeitsdogmas und des Jurisdiktionsprimats in die Geschichte einging. Zudem wurden weitere kleinere Verständigungssignale in Richtung traditioneller liturgischer Vorlieben ausgesendet, etwa die jüngste Ankündigung des päpstlichen Zeremoniars Guido Marini, dass nach seiner Einschätzung bei Papstmessen in Zukunft die im Knien empfangene Mundkommunion wieder der Normalfall werden würde. Wie Marini in einem Interview mit der ­Vatikanzeitung „L'Osservatore Romano" erläuterte, bringe der kniende Kommunionempfang die Gegenwart Christi im Altarsakrament besser zum Ausdruck, fördere die Frömmigkeit und den Sinn für das Mysterium. Diese Aspekte seien heute ­„dringend zu betonen und wiederzuent­decken". Generell gehe es Papst Benedikt XVI. darum, die Kontinuität der heutigen liturgischen Feier mit jener zu unterstreichen, „die in der Vergangenheit das Leben der Kirche geprägt hat". Das Prinzip der Kontinuität sei das entscheidende Kriterium, um den Weg der Kirche durch die Zeit zu ver­stehen.

Auffällig ist außerdem, dass der Papst von den Lefebvre-Leuten in dem vorgelegten Text nicht mehr ausdrücklich eine Anerkennung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils und seiner Reformen verlangt hat. Dass diese Forderung in dem Erklärungs-Katalog fallen gelassen wurde, vermelden die einschlägigen traditionalistisch orientierten Medien bereits als Sieg ihrer Sache. Aus Sicht des Vatikan scheint zwar die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Punkt der Anerkennung der päpstlichen Vollmacht mitgemeint zu sein, doch wundern sich viele Gläubige, warum Benedikt XVI. als eigentliche Autorität hinter der Vorlage des Kurienkardinals in einem derart zentralen Punkt wie der Bejahung des großen lehramtlich-kollegialen Konsenses beim Zweiten Vatikanischen Konzil nicht in aller Deutlichkeit kompromisslos auf dem universalkirchlichen Standpunkt beharrt. Gibt der Papst den Blockierern der traditionalistischen Minderheit nach? Oder spricht er ein deutliches Wort zu Gunsten jener riesigen Mehrheit von Katholiken, die zumindest atmosphärisch ein Willens-Signal zur Auflösung des immensen Reformstaus in Kirche und Theologie erwarten?




CIG 28/2008

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