69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Das Rad der Geschichte
Warum Reformen häufig scheitern und dennoch notwendig sind
Von Michael Schrom
Gewiss ein wenig zitternd vor Bewegung, aber doch mit demütiger Entschlossenheit sprechen wir vor euch den Namen und den Plan einer doppelten feierlichen Veranstaltung aus: einer Diözesansynode der Stadt Rom und eines Ökumenischen Konzils für die Gesamtkirche."

Als Papst Johannes XXIII. vor fünfzig Jahren, am 25. Januar 1959, in der Basilika St. Paul vor den Mauern mit diesen Worten nach einem Gottesdienst zur Gebetswoche der Einheit der Christen vor den Kardinälen ein allgemeines Konzil ankündigte, hielt sich deren Begeisterung in engen Grenzen. „Menschlich gesehen hätten wir eigentlich erwarten können, dass sie sich um uns gedrängt hätten, um uns ihre Zustimmung und ihre guten Wünsche auszusprechen", monierte der Roncalli-Papst später. Doch selbst sein Vertrauter, Kardinal Giovanni Montini, der spätere Papst Paul VI., merkte zweifelnd in einem Telefongespräch am selben Abend an, dass der Papst offenbar nicht wisse, in welches „Wespennest" er da steche.

Gefahr der Spaltung

Reformen sind immer ein gefährliches Unternehmen. Sie wecken Angst und machen Hoffnung. Sie stoßen Prozesse an, die nicht vorhersehbar sind. Sie geschehen nicht zufällig oder aus einer Laune heraus, sondern sind Reaktionen auf dramatische Umwälzungen. Weil Reformen gleichermaßen Potenzial für Begeisterung wie Widerstand in sich bergen, tragen sie in sich schon den Keim der Gefahr zur Spaltung. Reformen bleiben nicht selten auf halbem Weg stecken. In den Augen ihrer Zeitgenossen gelten sie oft als gescheitert, während spätere Generationen diese im Rückblick ganz anders bewerten. Die Rolle des „Reformers" zu haben, kann ebenso ungemütlich sein, wie in der Position des „Reformierten" die Veränderungen „ausbaden" zu müssen. Dennoch sind Geschichte und Politik genauso wie Religion und Kirche weder denkbar noch lebensfähig ohne Reformen.

Vor kurzem ist zu diesem Themenfeld ein sehr lesenswertes Buch erschienen, verfasst vom Historiker und Politologen Ralph Bollmann, dem Leiter der Innenredaktion der Berliner „Tageszeitung". Unter dem Titel „Reform. Ein deutscher Mythos" (wjs-Verlag, Berlin 2008) beleuchtet er Struktur und Mechanismen von unterschiedlichen historischen Reformprozessen. Das Spektrum reicht von Kirchenreformen im Mittelalter über die Epoche des Josephinismus in Österreich, die Agenda 2010 bis hin zur Rechtschreibreform oder Wellen von „Lebensreformen" im privaten Alltag. Dabei fördert Bollmann in seinem ebenso sachkundig wie flott geschriebenen Buch - durch das Stilmittel gewagter Vergleiche - erstaunliche Gemeinsamkeiten und his­to­ri­sche Parallelen zutage.

Nach Bollmann gibt es eine Zeit zur Reform und eine Zeit der Restauration und Gegenreform. Diese Zeitzyklen sind aber nicht gleich lang. Den Reformern steht nur ein relativ kurzes Zeitfenster von etwa fünf Jahren zur Verfügung, bevor eine allgemeine Reformmüdigkeit einsetzt und es zu einer Konzentration restaurativer Kräfte kommt. Selbst in langen Reformprozessen wie bei den Konzilien von Konstanz oder Basel, die zusammengenommen ein Vierteljahrhundert tagten, drängten sich die eigentlichen Beschlüsse auf vergleichsweise kurze Zeiträume zusammen.

In der vereinfachenden Schwarz-Weiß-Rhetorik entsteht für die Zeitgenossen oft der Eindruck, es gebe nur die Radikal­reform an Haupt und Gliedern oder ihr totales Scheitern. Die Wahrheit liegt oft dazwischen. Selbst ein massives Gegensteuern bedeutet nicht unbedingt die Rücknahme der geistigen Errungenschaften, sondern kann Teil des gesamtgesellschaftlichen Erneuerungsprozesses werden, wie Bollmann am Beispiel von Reformation und Gegenreformation schildert. Auch die katholische Kirche musste erkennen, dass die „Wiedereroberung" von verlorenem Territorium nicht möglich war ohne eine eigene Erneuerung. „Das führte im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert zu den barocken Höhepunkten der Religiosität etwa in Ös­terreich oder Bayern. Sie wären ohne Luthers Reformation so wenig denkbar gewesen wie der heutige Aufschwung des Sozialstaats ohne dessen vorausgegangenen Um- und Abbau."

Ein zu enger Blick oder eine einseitige Verklärung bestimmter Personen übersieht dabei den zutiefst dialektischen Kern von Reformprozessen im steten Fluss der Geschichte. „Im protestantischen Klischee nahm sich die Gegenreformation als ununterbrochene Folge brutaler Unterdrückungsmaßnahmen aus. Jedoch gab es Hexenverfolgungen auch in protestantischen Territorien, und sie blieben weitgehend auf das Herrschaftsgebilde kleiner und mittlerer Größe beschränkt. Eine gut organisierte Verwaltung wie im entschieden gegenreformatorischen Herzogtum Bayern war besser in der Lage, der kollektiven Hexenhysterie breiter Bevölkerungsschichten zu widerstehen. Das einseitig negative Bild der Gegenreformation ist überwiegend das Ergebnis einer protestantischen Propaganda, die ungefähr so differenziert war wie heutzutage Kampagnen gegen rote Socken."

Viele Reformen wirken im Stillen weiter, wenn auch nicht immer in die Richtung, die von ihren Urhebern gewünscht war. Als Gregor VII. im Jahr 1075 im „Dictatus Papae" in 27 präg­nanten Leitsätzen seine Vorstellungen über das Verhältnis von Papst und Kaiser formulierte und damit die Trennung der geistlichen von der politischen Sphäre einleitete, befreite er langfristig auch die Politik aus dem Einfluss der Kirche. Luthers Forderungen zielten nicht auf eine Kirchenspaltung, führten jedoch faktisch dazu. Gerhard Schröder wollte durch seine Agenda 2010 mit Sicherheit nicht zum Geburtshelfer einer bundesweit neuen Linkspartei werden. Und als die Konzilsväter die Erneuerung der Liturgie beschlossen, wollten sie weder neue kirchliche Berufe wie beispielsweise Pastoralreferenten einführen, noch konnten sie voraussehen, dass sich eine Gruppe um Erzbischof Lefebvre abspalten würde.

Es ist müßig zu fragen, welche Reformprozesse erst gar nicht angestoßen worden wären, wenn man die Folgen vorher geahnt hätte. Und dennoch: Am Anfang aller bewusst eingeleiteten gesellschaftlichen, politischen oder kirchlichen Veränderungs­prozesse steht eine - gefühlte oder tat­säch­li­che - Alternativlosigkeit. Erst wenn sich die Diagnose „Reformstau" durchgesetzt hat, besteht überhaupt die Chan­ce, komplexe Systeme zu verändern.

„Wie notwendig die Reform der Kirche ist, weiß alle Welt, weiß der Klerus, weiß das ganze Christenvolk. Der Himmel, die Elemente, das Blut der zugrunde gehenden Seelen, ja selbst die Steine rufen nach einer Reform", erklärte der Prediger Matthias Röder zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Not­wendigkeit eines Konzils. Dieses rhetorische Pathos und der schier unerfüllbare Anspruch sind ebenso typisch wie die anschließende Enttäuschung und das Gefühl, die Reform sei „auf halbem Wege stecken geblieben" oder gar völlig gescheitert. „Die Vorstellung, das Generalkonzil könne auch generalstabsmäßig vom Papst bis herab zu den Laien jedem Stand die ihm nötige Reform verordnen, hatte sich als illusorisch erwiesen", schreibt der Historiker Johannes Helmrath über die Ergebnisse der Reformkonzilien von Konstanz und Basel, an denen - über die Jahre verteilt - 50.000 bis 70.000 Personen teilgenommen hatten, ein selbst für heutige Zeitgenossen unvorstellbar hoher und breiter Beteiligungsprozess.

Anders als geplant

Damit drängt sich die Frage auf: Sollte man angesichts der relativ bescheidenen Ergebnisse im Vergleich zu den hochgesteckten Erwartungen am Anfang nicht von vorne­herein bescheidenere Ziele anstreben? Eine schwierige Abwägung. Wer zu viel fordert, riskiert Revolution und Spaltung. Wer sich zu geringe Ziele steckt, läuft am Ende Gefahr, gar nichts durchzusetzen. Reformer müssen auch visionäre Verdrängungskünstler sein. Vielleicht war auch Papst Johannes XXIII. ein solcher. Auf das Argument, man könne aus organisatorischen Gründen unmöglich schon 1963 ein Konzil einberufen, soll er gesagt haben: Dann machen wir es eben 1962. Bollmann meint: „Vermutlich braucht es den hypertrophen Anspruch nach Art eines Elefanten, um wenigstens die Reform nach Art der Ameisen durchzusetzen."

Warum aber haben viele Menschen plötzlich das Gefühl, dass jahrzehntelang fraglos gültige Ordnungen, Sitten, Gebräuche und Regeln nicht mehr zeitgemäß sind? Haben denn Politiker etwa zu wenige Gesetze und Regelungen geschaffen? Hier wartet das Buch mit einer überraschenden Analyse auf: „Ihren wahren Ursprung hat die Diagnose eines Reformstaus nicht in einem Zuwenig an politischen Reformen, sondern in einem Zuviel an gesellschaftlicher Veränderung." Es kommt zu einer Umkehrung der Beweislast. Man traut den bisherigen Akteuren und Mechanismen nicht mehr zu, die Fragestellungen und Probleme befriedigend zu lösen, die durch neue Kulturkontakte, Wanderungsbewegungen und wirtschaftliche Veränderungen entstanden sind. Die florierende Geldwirtschaft des Mittelalters übte einen ähnlichen Druck aus wie der Fall der Mauer. Bezeichnenderweise sprach vor 1989 niemand in Deutschland von einem Reform­stau, obwohl die Probleme des Sozialstaats damals schon absehbar waren. Auch die Forderungen der ­Reformer des Zweiten Vatikanischen Konzils nach einem Aggiornamento, einer „Verheutigung", entstanden nicht im luftleeren Raum. Dass nach den Katastrophen des ­Ersten und Zweiten Weltkriegs die Monarchien in ganz Europa ­hinweggespült ­wurden, dass Flucht- und Wanderungsbewegungen die Völker religiös durcheinanderwirbelten, dass mit der Uno eine neue globale politische Instanz ge­schaffen wurde, konnte die Kirche nicht ­unberührt lassen. Vor diesem Hintergrund wirkten ihre monarchisch-absolutistische Verfassung, ihre antimo­dernistische Engführung der Theologie und die ausgrenzende Selbstbeschränkung auf ihren kon­­fessionellen Charakter nur noch ana­chronistisch.

Das neue Leitbild des Konzils

Sieht man sich die wichtigsten Reformbeschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils an, erkennt man, dass die Reformer genau an diesen Punkten ansetzten. Nicht mehr die ständisch gegliederte societas perfecta (perfekte Gesellschaft) sollte als kirchliches Leitbild dienen, sondern das „wandernde Volk Gottes auf dem Weg durch die Zeit" (vgl. die Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium", 1964). Das moderne Ideal einer demokratischen Verfassung spiegelt sich in einer stärker kollegial verfassten Hinordnung der Bischöfe auf den Papst ebenso wider wie in einer neuen Wertschätzung der Laien (vgl. das Dekret über das Hirtenamt der Bischöfe in der Kirche „Christus Dominus", 1965). Den weltweiten Wanderungs- und Fluchtbewegungen entsprach eine neue Sicht auf die Christenfamilie (vgl. das Dekret über den Ökumenismus „Unitatis redintegratio", 1964) und eine dialogische Haltung zu den anderen Weltreligionen, insbesondere zum Judentum (vgl. die Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate", 1965). Nach leidenschaftlichen Diskussionen konnten die Reformer sogar durchsetzen, dass sich die Kirche zur Religionsfreiheit und zur unverbrüchlichen Menschenwürde bekannte (vgl. die Erklärung über die reli­giöse Freiheit „Dignitatis humanae", 1965), sicher auch deshalb, weil sie durch die Deklaration der Menschenrechte von 1948 unter Druck geraten war.

Danach ging es dem Konzil nicht anders als anderen Reformbewegungen. Es folgten Rückschläge und Enttäuschungen. Dass so viele Priester in den Folgejahren ihr Amt niederlegten, dass die Zahl der Berufungen und der Gottesdienstteilnehmer nicht stieg, sondern - im Gegenteil - sank, war ein Schock. Der Verlust des Hochaltars und der lateinischen Sprache wurde von manchen als kalter Befehl von oben empfunden und innerlich nicht akzeptiert. Im heutigen Sprachgebrauch würde man von „handwerklichen Mängeln" und von „Akzeptanzproblemen" sprechen. Im kirch­lichen Kontext teilten manche die Einschätzung des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger, wonach das Konzil in den Stru­del der gesellschaftlichen Revolution von 1968 geraten sei. Vereinfacht gesagt: Die „gute" kirchliche Reform sei von der „schlechten" gesellschaftlichen Reform „ge­­schluckt" worden und sei deshalb auf Ab­wege geraten.

Jede Reform ist ein Bruch

Bollmann unterscheidet zwischen rückwärtsgewandten und vorwärtsgewandten Reformen. Typisch für die ersteren ist die Diagnose der moralischen Verfallenheit und Dekadenz. „Dagegen hilft aus Sicht der Reformatoren nur Härte gegen sich und andere. Das liegt bereits in der Grundbedeutung des lateinischen Verbs reformare, wörtlich übersetzt nichts anderes, als aus dem Ruder gelaufene Zustände wieder in Form zu bringen." Der Fluchtpunkt ist die Reinheit, der Kampf gegen die überhandnehmende Verdunkelung. Nur die Besinnung auf die Ursprünge könne die Misere beenden.

Doch dieser Ansatz und das ihm zugrundeliegende Geschichtsbild decken sich nur zum Teil mit dem christlichen Reformbegriff. Bollmann: „Schon in der lateinischen Version des Neuen Testaments erscheint reformatio - die Übersetzung des griechischen metamorphis - als Übergang zu etwas Neuem. Der Apostel Paulus umschreibt in seinem Brief an die Gemeinde im makedonischen Philippi das, was Jesus Christus mit dem nichtigen Menschenleib tun werde, mit dem Verb reformare. Luther übersetzt es mit verklären. Reformare ist also, dem ‚Lexikon der Geschichtlichen Grundbegriffe' zufolge, ‚Ausdruck des eschatologischen Moments der religiösen Vollendung'. Mit dem Verb renovare, erneuern, ist es eng verbunden. Auch wenn das im antiken Christentum noch rein theologisch gedacht ist und nicht auf innerweltliche Veränderungen zielt, so ist doch im christlichen Konzept von Reform schon das neuzeitliche Fortschrittsdenken angelegt, das mit Reformen nicht den Verfall stoppen, sondern immer höhere Entwicklungsstufen erreichen will."

Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die derzeitigen kirchlichen Reformen, die den rückwärtsgewandten Traditionalisten nach Kräften entgegenkommen. Man kann reformieren, um zu verändern, und man kann reformieren, um zu bewahren. Aber in beiden Fällen gilt: Jede Reform ist ein Bruch, eine Gegenreform. Eine bruchlose Veränderung gibt es nicht. Wie die Geschichte ausgehen wird, ist offen. Oder, um es aus gläubiger Perspektive zu formulieren: Der Geist weht, wo er will.



CIG 6/2009

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