69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Die Traditionalisten und unser Konzil
Von Johannes Röser
Die Wiederaufnahme von vier traditionalistischen Bischöfen der Lefebvre-Bewegung in die Gemeinschaft der Kirche betrifft, wie man an den heftigen Reaktionen sieht, nicht bloß die Katholiken. Ein entsprechendes Dekret der vatikanischen Bischofskongregation, unterzeichnet von Kardinal Giovanni Battista Re, erklärt den Entschluss des Papstes damit, dass er barmherzig auf eine „geistliche Notlage" der betroffenen Personen reagieren wollte. Diese waren 1988 trotz päpstlichen Verbots von dem abtrünnigen Bischof Marcel Lefebvre geweiht worden und hatten sich damit automatisch die Exkommunikation zugezogen. Dabei handelt es sich um Bernard Fellay, den Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius X., Bernard Tissier de Mallerais, Alfonso de Gallareta und Richard Williamson.

Das Dekret sagt wörtlich: „Papst Benedikt XVI. hat - bewegt von väterlichen Empfindungen angesichts der von den Betroffenen bekundeten geistlichen Notlage wegen der erfolgten Exkommunikation und im Vertrauen auf ihre … geäußerte Verpflichtung, keine Mühe zu scheuen, um die Gespräche mit dem Heiligen Stuhl in der noch offenen Frage zu vertiefen und dadurch zu einer vollständigen und befriedigenden Lösung des entstandenen Problems zu gelangen - beschlossen, die kirchenrechtliche Situation der Bischöfe … neu zu bedenken, die durch ihre Bischofsweihe entstanden war." Das Ziel der Rehabilitierung sei, „die gegenseitigen vertrauensvollen Beziehungen" zu stärken und „die Kontakte zwischen der Bruderschaft St. Pius X. und dem Heiligen Stuhl" zu festigen. Man wolle so die Einheit der Universalkirche fördern und das Ärgernis der Spaltung überwinden.

Vorausgegangen waren etliche Gespräche mit den Führern der traditionalistischen Bewegung, die Mitte Dezember in einem Schreiben um die Rücknahme der Exkommunikation gebeten hatten. In diesem heißt es: „Wir haben den Willen und sind fest entschlossen, katholisch zu bleiben und alle unsere Kräfte in den Dienst der Kirche Unseres Herrn Jesus Christus zu stellen, die die römisch-katholische Kirche ist. Wir nehmen ihre Lehren in kindlicher Gesinnung an. Wir glauben fest an den Primat Petri und an seine besondere Stellung. Und darum leiden wir sehr unter der gegenwärtigen Situation."

Einheit ohne das letzte Konzil?

In dem Dekret wird - wie bereits in einem früheren vom Vatikan verfassten, von den Traditionalisten jedoch nicht unterzeichneten Memorandum (vgl. CIG Nr. 28/2008, S. 311) - von den Traditionalistenbischöfen nicht ausdrücklich verlangt, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanum ohne Wenn und Aber anzuerkennen, obwohl gerade die Ablehnung wesentlicher Konsens-Aussagen dieses Ökumenischen Konzils der Grund war, weshalb sich Lefebvre und seine Anhänger von der Universalkirche abgewand hatten. Ist die Anerkennung des Konzils in der Passage über die Lehren der Kirche und den Primat Petri mitgemeint?

Daran kann man erhebliche Zweifel haben, wenn man die weiterhin triumphierenden und gegenüber der Gesamtkirche manchmal geradezu höhnischen Botschaften auf dem Internet-Sprachrohr der ­Lefebvre-Leute „kreuz.net" liest. Dort hieß es unmittelbar nach dem Entscheid des Papstes unter anderem, dass der General­obere der Priesterbruderschaft St. Pius X. in einem Brief an den Vatikan wie an die traditionalistischen Gläubigen schrieb: „Wir sind bereit, mit unserem Blut das Credo niederzuschreiben, den Antimodernisten­eid zu unterzeichnen, … wir akzeptieren und wir machen uns alle Konzilien bis zum Zweiten Vatikanum zu eigen, hinsichtlich dessen wir Vorbehalte zum Ausdruck bringen möchten." Und erst im Oktober schrieb Fellay, zitiert im „Tagesspiegel": Das Zweite Vatikanische Konzil und die „neue Messe" hätten „der Kirche schon so viel Schmerz bereitet, dass wir Nein sagen dürfen. Wir wissen ziemlich klar, wohin wir wollen: Wir wollen dieses Gift nicht trinken". Der deutsche Distriktobere der Bruderschaft, Franz Schmidberger, wiederum erklärte noch im November, dass die neue Messordnung und der von Papst Benedikt XVI. verantwortete Weltkatechismus unseren Glauben „verwässern und verfälschen". Nicht die Traditionalisten seien ungehorsam, „sondern die, die willkürlich die unveränderliche Lehre verändern". Das heißt: Die Frage, wie ernst es die Traditionalisten tatsächlich mit der geforderten Anerkennung aller Lehraussagen meinen, ist völlig berechtigt.

Besondere Empörung ausgelöst hat die Tatsache, dass einer der wieder als Lehrer der Kirche bestätigten Bischöfe, Richard Williamson, neulich erst in einem Interview die Shoa, die Vernichtung der Juden, geleugnet hat, weshalb strafrechtlich gegen ihn ermittelt wird. Nicht nur die Deutschen sind entsetzt, wie es möglich sein kann, dass ein deutscher Papst einen solchen Mann wieder für das bischöfliche Hirtenamt zulässt. Zwar versuchte der Vatikan mit nachträglichen Stellungnahmen, den öffentlich angerichteten gewaltigen Schaden zu begrenzen, doch ist es unverständlich, wie die Diplomatie im Vorfeld derart gewichtiger Entscheidungen so massiv versagen konnte. Denn man wusste schließlich von zahlreichen Äußerungen aus dem Lefebvre-Lager schon früher, welcher latente Antijudaismus und Antisemitismus da mitschwingt. Vor Weihnachten erst hatte Schmidberger einen offenen Brief seiner Gemeinschaft an die deutschen Bischöfe geschrieben, in dem er - in klarem Widerspruch zu Aussagen von Papst Johannes Paul II. - erklärte: Die Juden seien „nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben", sondern sie seien „vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren". Aus der Bischofskonferenz hieß es damals auf eine Anfrage der CIG-Redaktion: Bei den Anhängern Lefebvres handele es sich nicht um eine Bewegung der katholischen Kirche, deshalb sehe man sich nicht zu einer ausdrücklichen Auseinandersetzung damit genötigt. Nur wenige Wochen später hat die Realität die damalige Einschätzung also überholt.

Williamson selber bewertete laut „Radio Vatikan" den jetzigen päpstlichen Gnadenerlass in umgekehrter Perspektive so: Das „Problem der Kirche seit dem Zweiten Vatikanum" sei „eine Trennung der katholischen Autorität von der katholischen Wahrheit" gewesen. Mit dem Dekret habe der Vatikan nun „einen entscheidenden Schritt zurück in Richtung ihrer Wiedervereinigung gemacht". Allerdings brauche es sicher noch Zeit, bis die „Neo-Modernisten in Rom" erkennen, „wie sie den Glauben falsch verstehen".

Gegen Johannes Paul II.?

Der Ansehensverlust des vor vier Jahren in den Medien geradezu euphorisch begrüßten deutschen Papstes erscheint beträchtlich, gerade auch bei eher konservativ eingestellten Gläubigen. Die „Frankfurter Allgemeine" schreibt, es bleibe einstweilen „das Geheimnis des Papstes, warum er den fanatischsten Gegnern des Zweiten Vatikanischen Konzils jetzt so weit entgegengekommen ist, dass er das Beharren seines Vorgängers Johannes Paul II. auf Gehorsam gegenüber dem Lehramt der Kirche und dem Bischof von Rom im Nachhinein der Lächerlichkeit preisgibt." Die „Neue Zürcher Zeitung" sucht Verständnis, kommt jedoch zum Schluss: „Gewiss treibt den Papst die Sorge um die Einheit der Kirche um. Aber dies schließt ein anderes, anders gelagertes Motiv nicht aus. Benedikt hat den Kampf gegen Relativismus und religiöse Indifferenz auf seine Fahnen geschrieben, und da kann ihm Unterstützung von allen Seiten, auch von weit rechts außen, nur lieb sein."

Schärfer urteilt im Blick auf etliche Dokumente, Beschlüsse und Handlungen dieses Pontifikats die „Badische Zeitung": „Wieder einmal hat Benedikt XVI. es geschafft, widersprüchliche Signale in die Welt zu senden … - und damit ein neues Imageproblem heraufbeschworen."

Ein Ruck gegen den Ruck?

Die „Süddeutsche Zeitung" diagnostiziert einen „Sündenfall des Papstes": „Vor genau fünfzig Jahren ging ein Ruck durch die katholische Kirche: Johannes XXIII. kündigte ein Konzil an. Es sollte als Zweites Vatikanisches Konzil Geschichte machen. Papst und Kirche öffneten ihre Tore zur modernen Welt … Nun fährt wieder ein Ruck durch die Kirche, doch es ist ein Ruck zurück. Benedikt XVI. … geht weit auf die Anhänger des verstorbenen Kirchenspalters Marcel Lefebvre zu. Er tut dies, obwohl die Lefebvristen den Geist des Konzils ­verneinen und die Kirchengeschichte um ­hundert Jahre zurückdrehen wollen … Viele Katholiken sehen es als Aufgabe ihrer Kirche, sich mit Andersgläubigen für eine menschenwürdige Welt einzusetzen. Sie wünschen, dass ihr Pontifex Brücken baut, etwa zu den reformierten Kirchen und zum Judentum. Doch hierbei lässt Benedikt oft die Großmut vermissen, mit der er nun Reaktionäre umarmt."

Auf ein besonderes innertheologisches Problem macht der Freiburger Moral­theo­­­loge Eberhard Schockenhoff aufmerksam, dem man gewiss nicht unterstellen kann, progressistische Auffassungen zu vertreten. Er sieht in der Aufhebung des lefebvrianischen Schismas klare Widersprüche, die das Amts- und das Kirchenverständnis betreffen: „Es ist nun möglich, Bischof der katholischen Kirche zu sein, ohne in der vollen Gemeinschaft ihres Glaubens zu stehen." Das betrifft unter anderem zentrale Aussagen zur Offenbarung wie das Kirchenbild, die Lehre vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, die Auffassung vom allgemeinen Heilswillen Gottes sowie die Anerkennung der Religionsfreiheit und sämtlicher Aussagen des letzten Konzils. Unter Papst Johannes Paul II. hätten die Verhandlungen mit den Traditionalisten noch unter dem Grundsatz gestanden, dass eine Wiedereingliederung der exkommunizierten Bischöfe ihre Anerkennung der strittigen Aussagen zwingend voraussetzt. Schockenhoff befürchtet: Wenn der Papst jetzt „durch sein Entgegenkommen den Eindruck erweckt, zentrale Glaubensaus­sagen der Kirche stünden zu seiner strategischen Disposition, schadet das der Glaubwürdigkeit seines Amtes". Der Papst sei dann selber kein verlässlicher Garant des Glaubens mehr, wie ihn das jüngste Konzil verbindlich verkündet habe.

Die Antisemitismusproblematik ausgerechnet bei einem der rehabilitierten Bischöfe hat besondere Empörung ausgelöst, ist aber nur ein Punkt neben einem für die Situation der Kirche noch gravierenderen, gefährlicheren: dass die ohnehin vom anhaltenden massiven Reformstau in Theologie und Glaubensgemeinschaft spirituell schwer Enttäuschten nun erst recht in die innere Emigration abwandern oder geistig-geistlich total auf Abstand gehen, vielleicht sogar die Kirche verlassen, weil sie von ihr religiös keine Gegenwarts- und Zukunftsfähigkeit mehr erwarten. Demgegenüber erscheint es - so bitter das klingen mag - eher peripher, ob das Papsttum ­selber unglaubwürdig wird, wenn es theologische und spirituelle Sonderwelten religiöser Sondergruppen derart aufwertet und die Tra­di­tiona­lis­­ten ohne jedwede Bedingung nachhaltiger Korrektur und Reform im Sinne des letzten Konzils, unseres Konzils, des Konzils des ­ganzen Gottesvolkes, in die Mitte des ­Glaubenslebens zurückholt. Noch so viele nachträgliche Beschwichtigungs- und Erklärungsversuche können nicht wegwischen, dass die jüngste päpstliche Entscheidung für die Traditionalisten innerhalb der katholischen Kirche gewaltige Dis­so­nan­zen ausgelöst hat ­­­- von ihrem Ansehensverlust nach innen wie nach außen hin ganz zu schweigen. Allerdings bietet jeder Konflikt - auch unter Frommen - die Chance zu einer Besinnung auf das Wesentliche und zu einer gewissenhaften Erneuerung in der Treue zur Botschaft Christi, dem Alpha und Omega unseres Lebens, unseres Universums, unserer Geschichte. Christus ist und bleibt nach unserem Glauben das Haupt der Schöpfung und somit gewiss auch das Haupt aller ­säkularen wie sakralen Evolution.


CiG 6/2009

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