69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Kommentar: Nach Lefebvre
Von CIG-Redaktion
Die traditionalistische Bewegung ist wieder Teil der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Das hat Papst Benedikt XVI. klargemacht, indem er die 1988 von Lefebvre verbotenerweise geweihten und daraufhin exkommunizierten vier Bischöfe rehabilitierte. Die Reaktionen schwanken in Klerus, Kirchenvolk wie Volk zwischen Verständnis, Gleichgültigkeit, Achselzucken, Kopfschütteln und Entsetzen. Die meisten Gläubigen sind sprachlos, ja fassungslos, während ihre vom Vatikan überrumpelten Bischöfe sie zu beruhigen versuchen. Einerseits ist man ja froh, wenn Spaltungen überwunden werden. Andererseits bleiben Zweifel, warum man einer kämpferisch antimodernistisch, antiökumenisch und teilweise sogar antijudaistisch auftretenden Minderheit, die jegliche liturgische wie religiöse Reform strikt ablehnt, so weit entgegenkommen muss. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Johannes XXIII. vor fünfzig Jahren gedacht wird.

Benedikt XVI. hatte schon als Präfekt der Glaubenskongregation zu erkennen gegeben, dass er jenes einst als historischen Aufbruch und Umbruch bewertete Weltereignis Konzil nicht als Bruch sehen will, sondern als Kontinuität. Nach dem Zweiten Vatikanum ist für ihn in diesem Sinne vor dem Zweiten Vatikanum. Getreu seiner platonischen Grundorientierung kann es nach Christus nichts substanziell Neues, Anderes im Glau­ben geben. Eine wahre Evolution des Christseins ähnlich dem, was wir seit Darwin als Evolution des Lebens kennen, ist für Benedikt XVI. undenkbar. Er ist skeptisch gegenüber dem, was als, wie Hans Küng es nennt, Paradigmenwechsel aufscheint. Dass es im Gottes- wie im Christusverständnis und damit im Kirchen-, Sakramenten-, Amtsverständnis Änderungen der Vorstel­lungs­modelle gemäß unserer Welterfahrung geben könnte - „Mutationen" -, widerspricht Benedikts Auffassung. Wo andere Brüche feststellen und wünschen, sucht und verlangt er widerspruchsfreie Überlieferung, ein „Sowohl-als-auch" in diesen Grenzen, die gewiss auch seine theologischen, spirituellen, liturgischen Vorlieben spiegeln. Eine Schlagseite zugunsten restaurativer Auslegungstendenzen des letzten Konzils ist wohl nicht zu leugnen. Wo bleibt die päpstliche Integration und Rehabilitierung der gemaßregelten progressiven Theologie, des Modernismus, der Kritik des Neo-Antimodernismus?

Der Preis für die erhoffte Eingliederung der Lefebvre-Anhänger ist hoch - zu hoch? Das wird erst die Geschichte zeigen. Jetzt aber schon sehen wir in der Geisteshaltung Lefebvres und ihrer Liebhaber keine Zukunft für den christlichen Glauben wie für unsere katholische Kirche. Nach dem Konzil ist eben niemals „nach Lefebvre".

CIG 6/2009

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