69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Lefebvre-Bischöfe, Protest und Suche nach Vertrauen
Von Johannes Röser
Außergewöhnlich viele Protestschreiben gingen an Bischöfe, Pfarrer - und an die Medien. Viele fürchten, dass die Reformanstöße des Zweiten Vatikanischen Konzils definitiv zurückgenommen werden sollen. Nicht wenige sehen ihre Sorgen durch längere restaurative Tendenzen bestätigt. Auch unsere Redaktion hat eine Flut von Briefen mit erschütternden Stellungnahmen erreicht. So viel Post zu einem Thema und derart einmütig - das hatten wir noch nie erlebt. Viele bewegende Rückmeldungen kamen von Priestern, die große Not verspüren und die sich bedanken, dass wenigstens CHRIST IN DER GEGENWART ihnen aus der Seele spreche, sie tröste. Nur sehr wenige Briefe verteidigen die vatikanische Maßnahme.

Was geschieht mit dem Konzil? Das bedrängt die meisten. Der Direktor der Katholischen Akademie in Freiburg, Thomas Herkert, drückte es bei einer Veranstaltung so aus: Die Menschen wollen wissen, wohin der Kurs führt, ob jenes Konzil „für unsere Kirche verbindlich bleibt oder ob es aufgeweicht wird". Der Freiburger Erzbischof und Bischofskonferenz-Vorsitzende Robert Zollitsch, der im März zum Papst reisen wird, bestätigte die große Erregung im Kirchenvolk. Er versuchte zu beruhigen und zu ermutigen: „Ich habe als Theologe das Zweite Vatikanische Konzil miterlebt. Für mich war es … ein großartiger Aufbruch, der uns Wichtiges brachte … Ich setze mich dafür ein, dass dieser Weg weitergeht … Ein Zurück hinter das, was uns geschenkt wurde, gibt es nicht. Darauf sollten wir hinarbeiten und nach vorn blicken." Zollitsch bestätigte, dass die Bischofskonferenzen vor dem Entschluss des Papstes nicht gefragt und nicht vorab informiert worden seien. Er warb aber um Verständnis für den Willen des Papstes, eine Kirchenspaltung zu verhindern.

Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet wies darauf hin, dass wir momentan einen „Streit auch um die Interpretation des Konzils" erleben. Die Texte seien nicht so eindeutig. Allerdings habe das letzte Konzil bei allem Bezug zur Tradition doch „deutliche Neuakzentuierungen" vorgenommen.

Aus kirchenrechtlicher Sicht wies der Freiburger Professor Georg Bier darauf hin, dass man sehr wohl von einer Anerkennung der Bischöfe der Lefebvre-Gruppierung sprechen könne. Zwar werde behauptet, dass sie weiter suspendiert seien. Wer die relevanten Texte jedoch zur Kenntnis nimmt, müsse erkennen: „Eine allgemeine Suspension besteht aus kirchenrechtlicher Sicht weiterhin nicht. … In puncto Exkommunikation sind die Bischöfe weitgehend rehabilitiert." Der ZDF-Journalist Jürgen Erbacher bestätigte: „Ja, die Entscheidung hat einen großen Schaden angerichtet." Die Aufgabe der Bischöfe bestehe nun darin, Vertrauen zurückzugewinnen.

Unterdessen hat Papst Benedikt XVI. bei einem Treffen mit Vertretern jüdischer Organisationen der USA die Vergebungsbitte wiederholt, die Johannes Paul II. im Jahr 2000 an der Jerusalemer Klagemauer als Gebet formuliert hatte: „Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen: Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Kinder leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes." Die Shoah sei „ein Verbrechen gegen Gott und gegen die Menschheit". Damit hat der Papst nach den heftigen Irritationen deutlich Stellung bezogen gegen den Lefebvre-Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson. Führende Repräsentanten des Judentums haben die klare Äußerung des Papstes begrüßt. Der Präsident des internationalen jüdischen Komitees für den interreligiösen Dialog, Rabbiner David Rosen, sagte: „Kein fairer jüdischer Beobachter kann vom Papst mehr verlangen als das, was er gesagt hat."


CIG 9/2009

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