69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Wenn Volk und Lehramt aus Fehlern lernen
Von Stephan U. Neumann
Es war ein ungewöhnlicher Schritt: Weil die Ernennung von Gerhard Wagner zum Weihbischof des Bistums Linz auf heftigen Widerstand bei Priestern, Bischöfen und Gläubigen gestoßen war, kamen die österreichischen Bischöfe zu einer Sondersitzung zusammen. Einen Tag zuvor hatte Wagner seinen Verzicht erklärt. Nahezu alle Dechanten des Bistums Linz hatten schriftlich erklärt, sie könnten „aus Sorge um die Glaubwürdigkeit der Kirche und der Einheit unserer Diözese die Zustimmung zur Weihe von Dr. Gerhard Wagner nicht geben". Bischof Ludwig Schwarz stellte sich nicht hinter den theologisch wie spirituell und kirchenpolitisch sehr traditionell orientierten Pfarrer von Windischgarsten, sondern bezeichnete die Stellungnahme der Dechanten als „Ausdruck einer ernsten Sorge um den gemeinsamen Weg als Kirche", die in der Diözese besprochen werden müsste.
In ihrem Hirtenschreiben bedauerten die Bischöfe nach ihrem Sondertreffen die Auswirkungen der jüngsten „Krise" auf die Gläubigen in ganz Österreich. Diese hätten „manche Kritik, auch Spott und Ablehnung erfahren müssen, die zum Teil durch Fehler in der Kirche verursacht waren". Neben den „unzureichenden Kommunikationsabläufen" um die „Aufhebung der Exkommunikation" der vier Lefebvre-Bischöfe komme dem Thema der Bischofsernennungen besondere Bedeutung zu. „Zu zahlreich waren die Kontroversen um Bischofsernennungen, zu schmerzlich die Konflikte und die Risse in der Kirche, die sie ausgelöst haben", erinnerten die Bischöfe an die umstrittenen Ernennungen „seit Mitte der achtziger Jahre". Gegen den Willen weiter Teile des österreichischen Klerus und Kirchenvolks hatte der Papst Hans Hermann Groër 1986 zum Erzbischof von Wien und Kurt Krenn 1987 zu dessen Weihbischof ernannt.

Um „die Krise der letzten Wochen" zu überwinden, wünschen sich die Bischöfe, „aus den Ereignissen zu lernen" und „aus den Fehlern die richtigen Konsequenzen zu ziehen". Der Papst sei gewiss frei bei der Ernennung der Bischöfe. Und das ist auch gut, um nicht in einseitige Abhängigkeiten zu geraten. Aber „die Gläubigen erwarten mit Recht, dass das Verfahren der Kandidatensuche, die Prüfung der Vorschläge und die letzte Entscheidung sorgfältig und mit pastoralem Gespür vorgenommen werden. Dadurch kann sichergestellt werden, dass Bischöfe nicht ‚gegen' sondern ‚für' eine Ortskirche ernannt werden."

Im Verhältnis zwischen Vatikan und den einzelnen Ortskirchen muss sich manches ändern, dialogischer werden. Die Gläubigen in der Diözese Linz hätten es zum Beispiel als „Ohrfeige für die lokale Kirche" empfunden, wie es der ehemalige Vorsitzende der Österreichischen Volkspartei Erhard Busek formulierte, dass kein Kandidat aus der Dreierliste zum künftigen Weihbischof ernannt wurde.

Die Christen der Diözese Linz haben durch ihr couragiertes Auftreten eine Polarisierung oder gar Spaltung ihrer Ortskirche verhindert. Möglich war das, weil es in der Kirche von Oberösterreich „viel Erfreuliches", ein dichtes Netz aktiver Pfarrgemeinden und ein „ausgeprägtes Gespür für die soziale Dimension des Christseins" gibt, wie Kardinal Schönborn sagte. Spannungen und anstehende Fragen müssten nun im ehrlichen Gespräch auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils miteinander gelöst werden - und das wohl nicht nur in Oberösterreich.

CIG 9/2009

Wir freuen uns, wenn Sie CHRIST IN DER GEGENWART näher kennen lernen wollen. Die nächsten vier Ausgaben können Sie gleich hier kostenlos anfordern oder bei:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de

Impressum