69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


In Sachen Lefebvre: Ein Brief des Papstes
Von Johannes Röser
Ausführlich erläutert Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben an den Weltepiskopat, das er in einem persönlichen Tonfall sehr berührend verfasst hat, seine Motive für die Versöhnungsgeste gegenüber den Lefebvre-Bischöfen. Mit vorsichtiger Selbstkritik räumt er Pannen in der Kurie ein. Ohne eigens auf Kritik einzugehen, dass die Bischöfe beziehungsweise Bischofskonferenzen im Vorfeld nicht befragt und nicht informiert worden waren, bestätigt der Papst, dass sich viele Bischöfe ratlos fühlten „vor einem Ereignis, das unerwartet gekommen und kaum positiv in die Fragen und Aufgaben der Kirche von heute einzuordnen war". Obwohl viele Gläubige seinen Versöhnungswillen grundsätzlich positiv bewertet hätten, sei doch dagegen die Frage gestanden, ob eine solche Gebärde „angesichts der wirklichen Dringlichkeiten gläubigen Lebens in unserer Zeit" angemessen gewesen sei. Er wolle mit seinem Wort nun zum Frieden in der Kirche beitragen.

„Ich lerne daraus"

Eine erste Panne sei gewesen, dass die Aufhebung der Exkommunikation durch den Fall Williamson überlagert wurde. Benedikt XVI. bedauert, dass man da nicht achtsam gewesen sei und entsprechende Hinweise im Internet nicht wahrgenommen habe. „Ich lerne daraus, dass wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen." Der Papst dankt insbesondere den jüdischen Freunden, die geholfen haben, die Missverständnisse aus der Welt zu schaffen und eine „Atmosphäre der Freundschaft und des Vertrauens wiederherzustellen".

Eine weitere Panne sei gewesen, dass man die Grenze und Reichweite der Aufhebung der Exkommunikation nicht klar genug dargestellt habe. Der Papst unterscheidet zwischen einer disziplinären und einer doktrinellen Ebene. Auf der disziplinären Ebene habe man mit der Versöhnungsgeste erreichen wollen, dass jene Bischöfe Reue zeigen, umkehren und sich wieder gegenüber der Kirche gehorsam verhalten. Eigentlich sei das auch das Ziel der einstigen Exkommunikation gewesen, was nur leider zwanzig Jahre nach den unerlaubten Bischofsweihen durch Lefebvre immer noch nicht erreicht wurde.

Im doktrinellen Bereich sieht der Papst dagegen die Probleme noch nicht geklärt. Dabei geht es vor allem darum, dass die kirchenrechtlich nach wie vor nicht anerkannte Pius-Bruderschaft das Zweite Vatikanische Konzil und das nachkonziliare Lehramt der Päpste annehmen muss. Um da voranzukommen, sollen die verschiedenen Kurienbehörden unter Einbeziehung des weltweiten Episkopats nun kollegial besser zusammenarbeiten. Benedikt XVI. lässt keinen Zweifel daran, dass er die Verbindlichkeit des letzten Konzils einfordert: „Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren - das muss der Bruderschaft ganz klar sein." Entsprechend weist der Brief darauf hin, dass die Amtsträger der Bruderschaft „keine rechtmäßigen Ämter in der Kirche" ausüben, solange die doktrinellen Fragen nicht geklärt sind, auch wenn die Bischöfe von der Kirchenstrafe der Exkommunikation frei sind. Allerdings sagt der Papst nicht ausdrücklich, dass diese Amtsträger weiter „suspendiert" seien, also der Eucharistie nicht vorstehen und auch keine sonstigen Sakramente spenden dürfen. Dass die Bischöfe und Geistlichen der Lefebvre-Bewegung das faktisch täglich tun und dass der Papst dies aktuell duldet, ja dulden muss, um nicht neue Strafen auszusprechen - auf dieses Problem und diesen inneren Widerspruch geht der Brief nicht ein. Der Papst möchte offenbar nicht mit neuen Sanktionen seine Versöhnungsgeste konterkarieren. So ist also der Status jener Bischöfe momentan kirchenrechtlich in einer gewissen „Grauzone".

Petrusdienst in der Gotteskrise

Benedikt XVI. wiederholt die Fragen vieler, ob sein Schritt notwendig gewesen sei, ob es nicht Wichtigeres gebe. Seine Antwort: Die erste Priorität müsse für den Petrusdienst sein, die Menschen zu Gott zu führen. Die eigentliche große Krise sei, „dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet", mit entsprechender Orientierungslosigkeit der Menschheit. Aber in diesem Zusammenhang sei es sinnvoll und notwendig, auch kleine Schritte der Versöhnung zu gehen, so wie eine Gesellschaft versuchen müsse, radikale Außenseiter-Gruppen einzubinden. Im Blick auf die Priester der traditionalistischen Bewegung fragt er besorgt: „Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten? Was wird dann werden?"

Gegen Ende des Schreibens verweist Benedikt XVI. auf Paulus, der im Galaterbrief von Streit in der Gemeinde spricht, von einem Einander-Beißen und Zerreißen (Gal 5,13-17). Das überträgt er auf die aktuelle Situation. Er beklagt sich, dass er dafür, dass er auf die Traditionalisten zugegangen sei, selbst keine Toleranz erfahren habe und dass er „ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Hass bedacht" worden sei. Wir seien wohl auch nicht besser als die Galater. Wir seien von der gleichen Versuchung bedroht und müssten den rechten Gebrauch der Freiheit immer neu lernen. Dem stellt Benedikt XVI. die Mahnung und Bitte an die Seite, als oberste Priorität die Liebe zu lernen. Zum Schluss dankt er „all den vielen Bischöfen von Herzen…, die mir in dieser Zeit bewegende Zeichen des Vertrauens und der Zuneigung, vor allem aber ihr Gebet geschenkt haben". Die Fastenzeit, so sein Wunsch, möge „der inneren Läuterung besonders förderlich" sein.


CIG 12/2009

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