69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Was ist ein katholischer Fundamentalist?
Von Michael N. Ebertz
"Wenn aber Gott selber auf die Erde niedergestiegen, seinen Weinberg heimgesucht, an einem Kreuz für uns gestorben ist, kann es dann noch andere Heilswege geben außer Ihm? Kann es dann noch einen anderen wahren Propheten geben, der in diese Welt kommen soll (vgl. Joh 6,15), etwa Mohammed? Kann uns dann die Weisheitslehre Buddhas mit der ewigen, ungeschaffenen Weisheit versöhnen? Werden wir dann bei den Millionen Göttern der Hindus Gnade und ­Leben finden? Kann dann das heutige talmudische Judentum außerhalb Demjenigen, den seine Vorfahren gekreuzigt haben, das Heil finden?" So fragte im Dezember 2007 Franz Schmidberger, der Distrikt­obere der traditionalistischen Pius-Bruderschaft in Deutschland, rhetorisch. Hier zeigt sich, dass ein wichtiger Führer der Lefebvre-Bewegung anderen Religionen beziehungsweise deren Anhängern einen prinzipiell minderwertigen Status zuschreibt. Die Abwertung jeder „Fremdreligion" gehört zum „Glaubensbekenntnis" dieser Geisteswelt, womit jedem Mitglied der „Eigenreligion" ein Überlegenheitsgefühl verschafft wird. Eine solche in der Gegenwartsgesellschaft zum Ausdruck gebrachte Haltung nenne ich im Kern fundamentalistisch.

Dabei gilt die Kritik des katholischen Fundamentalisten nicht nur dem Protestantismus sowie der Expansion des Buddhismus und des Islam nach Europa, sondern auch dem Judentum - dies wiederum im Rückgriff auf einen „guten, katholischen, gerechten Antisemitismus", wie der Trierer Historiker Olaf Blaschke diese heute überholte traditionell-kirchliche Sichtweise kennzeichnet. Der Altphilologe Heinz-Lothar Barth schrieb in einem Mitteilungsblatt der Pius-Bruderschaft im März 2003: Wenn diese nichtchristlichen Religionen auch Teilwahrheiten enthalten mögen, seien diese „aber in ein insgesamt irriges System eingebunden. In ihm haben sich nämlich an vielen Stellen falsche menschliche Erfindungen breitgemacht, wo die göttliche Offenbarung stehen müsste. Ja alle nichtchristlichen Religionen sind mehr oder weniger stark mit Elementen des Bösen durchsetzt, stehen also letztlich, wie es noch das Zweite Vatikanum in ‚Ad gentes divinitus' (Nr. 9 und 14) vorsichtig andeutet, unter der Herrschaft der Finsternis (vgl. Apg 26,18)".

Einheit von Politik und Religion

Ein weiteres Grundmerkmal des Fundamentalismus ist, den fremden Religionen die rechtliche Anerkennung im Staat zu verweigern und damit auf eine Gesellschaftsordnung zu zielen, welche den religiösen Pluralismus ablehnt. Schmidberger: „Da es nur eine wahre, von Gott gestiftete Religion gibt, verbietet sie falsche Religionen und Kultur oder duldet diese allenfalls nach den Grundsätzen der Klugheit, ohne ihnen jemals ein Naturrecht auf Existenz zuzugestehen." Damit verwirft er substanziell die vom Zweiten Vatikanischen Konzil entgegen früherer Tradition anerkannte strukturelle Religionsfreiheit und lehnt die Trennung von Religion und Politik ab. ­Gefordert wird ein grundsätzlich universalistischer Deutungsanspruch der eigenen Religion über alle auch weltlichen Daseinsbereiche. Der Philosoph Andreas Dorschel hat das als „Supercode" bezeichnet. Selbst das geringfügigste profane Ereignis ist aus der eigenen religiösen Überzeugung heraus zu deuten. Anders als etwa der Politiker, der sich „auf einen relativ kleinen Teilbereich der existierenden Sachverhalte" beschränkt, fühlt sich ein religiös fundamentalistisch denkender Mensch „nirgends unzuständig". Allerdings ist nicht jeder, der einen solchen der Religion eigenen „Supercode über allen profanen Codes" - darunter Moral, Wirtschaft, Politik, Recht, Er­ziehung, Wissenschaft, Massenmedien, Straßenverkehr - behauptet, automatisch ein Fundamentalist. Dazu wird jemand erst dann, wenn er versucht, seinem religiösen Supercode auch gesellschaftlich rücksichtslos Recht zu verschaffen.

Die Gesellschaftsordnung, die sich Fundamentalisten wünschen, kennt keine „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten", wie sie die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Gaudium et spes" anerkennt. Vielmehr sollen alle gesellschaftlichen Teilsysteme von der Religion, ihren Texten, ihrer Tradition, ihren Institutionen her direkt bestimmt werden. Der katholische Fundamentalist kämpft somit für einen katholisch-„christlichen Staat", der nach Kräften das Wirken seiner Kirche fördert, schützt und verteidigt, da, wie Schmidberger es sieht, „das Verfolgen des zeitlichen Gemeinguts ohne den göttlichen Glauben und die Gnade praktisch unmöglich ist".

Strafe als Rache

Religion gehört nach diesem Verständnis auch nicht, wie es in liberalen modernen Staatsgesellschaften üblich ist, in den Bereich privater Entscheidung. Der Fundamentalist will, dass auch das Schul- und Erziehungswesen der Kontrolle der Religion unterliegt, die ihrerseits auch die Familien kontrolliert. Nicht zuletzt sollen dann sogar das Rechtssystem und die Politik des Strafens der Religion als Quelle aller Ordnung unterworfen sein. Normverletzungen erzeugten eine Unordnung, die in erster Linie durch Sühne und Rache wieder in Balance gebracht werden müsse, wobei die „Todesstrafe für Schwerverbrecher" den „rächenden Charakter" der Sanktion deutlich zum Ausdruck bringe. Schmidberger: „Das Gute ist gut, das Böse böse zu nennen; die Tugend zu loben und zu belohnen, die Sünde und das Laster zu bestrafen. Die Strafe hat zunächst einen vindikativen (rächenden) Charakter, um die zerstörte Ordnung wiederherzustellen. Sie birgt sodann in sich einen medizinischen Gesichtspunkt: Sie will den Verbrecher bessern, bekehren."

Gottesstaat

Politisch kann sich der Fundamentalist nicht als Demokrat, sondern nur als Theokrat begreifen, geht doch gemäß des deutschen Oberen der Lefebvre-Leute „die Gewalt in Staat und Gesellschaft … nicht vom Volk, von der Basis aus, sondern von Gott; ‚non est enim potestas nisi a Deo - es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott käme' (Röm 13,1). Folglich bezeichnet das Volk in Wahlen allein diejenigen, die es regieren sollen, verleiht ihnen aber nicht die Autorität; ebenso wenig kann es Regierungen beliebig absetzen. Darüber hinaus gibt es legitime Regierungen, die nicht aus Wahlen hervorgegangen sind, zum Beispiel eine Erbmonarchie."

Entsprechend dieser antiliberalen Haltung, die sich für einen Gottesstaat ausspricht, wird auch der institutionalisierte Konflikt aus Regierung und Opposition sowie der Wettstreit der Parteien abgelehnt. So fragt der Pius-Bruder, „ob die Parteien wirklich zum Wohl eines Volkes seien oder nicht vielmehr zu dessen Spaltung beitragen? Könnten nicht an ihre Stelle jene christlichen Männer treten, die sich durch sittliche Reife und Lebenserfahrung, durch Gerechtigkeitssinn und Sorge um das Gemeinwohl auszeichneten?"

Gotteswirtschaft

Auch das Wirtschaftssystem soll auf integralistische Weise unter religiöse Vorzeichen gestellt werden, seien doch „die Unternehmer … allemal Väter ihrer Arbeiter. Sie haben diesen nicht nur den gerechten Lohn zu bezahlen, sondern sind auch geistig, ja sogar geistlich mitverantwortlich für diese. Sie haben also mit Sorge zu tragen für deren Familien und ihnen bezüglich Messbesuch und Sakramentenempfang das gute Beispiel zu geben". Schmidberger regt an: „Wäre es darüber hinaus nicht sinnvoll, wenn ein christlicher Unternehmer sich am Morgen zu Arbeitsbeginn mit seinen Angestellten vor dem Bildnis des gekreuzigten Herrn oder des heiligsten Herzens Jesu versammelte, um Arbeit und Mühe des Tages Gott aufzuopfern und seinen Segen auf das Werk herbeizurufen?"

Gotteskörper

Der Fundamentalist steht für eine totale Religion, für eine Gesellschaft als totale ­religiöse Institution. Er ist damit nicht ­einfach ein Konservativer, sondern ein erklärter Gegner der Moderne. Der Fundamentalist beansprucht nicht nur die Deutungshoheit über die Kommunität, Kultur und den Kosmos. Er will diese auch über den Körper zurückgewinnen und ihn in seinem Sinne disziplinieren. Die da gewünschte Gottesgesellschaft sagt „dem Konkubinat wie auch den vorehelichen und außerehelichen Beziehungen den Kampf an" und „unterbindet den Vertrieb von empfängnisverhütenden Mitteln".

Tatsächlich versuchten die christlichen Kirchen nach der Entmachtung ihres Alleindeutungsanspruchs von Kosmos, Gesellschaft und Kultur „etwa über ihre Moralverkündigung noch Einfluss auf den Körper zu nehmen, auf seine Praktiken und Techniken", wie der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher bemerkt. Diese Versuche liefen im 20. Jahrhundert allerdings ins Leere. Das belegt die Lebenspraxis der Gläubigen selber, die sich weigern, der in der Enzyklika „Humanae vitae" unterbreiteten Lehre, dass sogenannte künstliche Empfängnisverhütung untersagt sei, zu folgen. Noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatte die katholische Kirche hierzulande das Baden reglementieren wollen, ohne Erfolg. Ähnliches gilt für bestimmte Vorstellungen von einer sittlichen Kleiderordnung, vor allem bei Frauen. Auch wollte man den Gläubigen vorschreiben, welche Kinofilme sie sich nicht ansehen sollten. Aber die „katholischen Männervereine", denen der deutsche Episkopat in einem Hirtenschreiben vom 1. November 1920 „vor allem die Aufgabe zufallen" ließ, „als zuverlässige und ehrenamtliche Sittenpolizei einzuschreiten gegen die schlimmsten Auswüchse der öffentlichen Unsittlichkeit", lassen sich heute zu einer Kontrolle des Umgangs mit dem Körper ebenso wenig mehr einspannen wie als Hüter einer patriarchalischen Geschlechterordnung. Doch genau diesem Anliegen fühlt sich ein katholischer Fundamentalist ver­pflichtet, ebenso einer altersbestimmten Über- und Unterordnung zwischen den Gene­rationen. Denn diese gehe aus der ­Naturordnung beziehungsweise dem darin eingelagerten göttlichen Schöpfungswillen hervor. So fragt Schmidberger: Entspricht etwa „der heutige Grundsatz ‚jeder Wahlberechtigte hat ein und dieselbe Stimme' (one man one vote) wirklich der Naturordnung?" Seine Antwort: „Ein Familienvater hat mehr Verantwortung und normalerweise auch eine tiefere Einsicht in das Wohl der Gesellschaft als sein eben volljährig gewordener Sohn; ein Unternehmer mit tausend Angestellten trägt mehr Verantwortung als sein jüngster Lehrling. Würde nicht ein wesentlich auf die Familienoberhäupter abgestütztes Wahlrecht der Familie als Zelle der Gesellschaft eine ganz andere Stellung verleihen?"

Gottesheld und Gottesopfer

Die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens wird in fundamentalistischen Sprachbildern vor allem militaristisch verteidigt. Da fallen Wörter wie Kampf, Schlacht, Streit, Waffen, Opfer, Sieg. Der Fundamentalist stilisiert sich selber gern zum „Helden" oder „Märtyrer", ohne deshalb freilich selber gewalttätig werden zu müssen. Zumeist hat er nur „Schaum vor dem Mund", wie Fulbert Steffensky beobachtet. Aber nicht unbedingt an prominenten Leistungen, glänzenden Taten und ruhmvollen Siegen haftet die Ehre des Fundamentalisten, sondern an der Treue zur einzigen, allumfassenden Wahrheit, die ihm auch die Opferrolle bieten kann.

Gottesreiniger

Typisch für den Fundamentalisten ist deshalb auch eine hohe Empfindlichkeit, wenn seine religiöse Überlieferung von einem außerreligiösen Standpunkt aus betrachtet und damit relativiert wird. Damit wird für ihn das Religiöse wie in einem Spiegelkabinett verzerrt. Was auf der Kirmes lustig sein mag und zum Lachen anregt, verbindet der Fundamentalist bereits mit Gotteslästerung. Der Vorwurf der Blasphemie kommt ihm rasch über die Lippen.

Weil das Religiöse das Weltliche beherrschen soll und nicht umgekehrt, neigt der Fundamentalist zum Protest gegen die Befunde einer historisch-kritischen Interpretation heiliger Texte, etwa der Bibel oder historisch gewachsener religiöser Institutionen. Der Kirchenrechtler Georg May etwa betont: Eine bestimmte „Spielart der progressistischen Exegese" stelle den päpstlichen Primat, also die universale rechtliche Vorrangstellung des Bischofs von Rom, als „geschichtlich gewordene Erscheinung ohne göttliche Herkunft und Verbindlichkeit" dar und hebe „mit ihren sogenannten Ergebnissen die gesamte Verfassung der Kirche aus den Angeln", womit „die Fundamente der katholischen Kirche untergraben" würden und es „mit unserer Kirche am Ende" sei. Man weigert sich, das als heilig, also als unantastbar und unverletzlich geltende Glaubenswissen der Deutung der Profanwissenschaften zu unterwerfen. Denn die Wissenschaft ist ein weltlich Ding, und alles, was weltlich ist, wird unter einem negativen Vorzeichen betrachtet und der Herrschaft des Satans und der Sünde zugeordnet. Franz Schmidberger zufolge ist „die Welt unter die Herrschaft Satans geraten". Die Erbsünde brachte „eine Verblendung der menschlichen Vernunft, eine Verkehrung des menschlichen Willens und eine Entfesselung der menschlichen Leidenschaften".

Anderen Religionen gegenüber muss Distanz geübt werden, um die Reinheit, Absolutheit und Überlegenheit der eigenen Religion zu behaupten. So haben katholische Fundamentalisten an den von Papst Johannes Paul II. bejahten interreligiösen Gebetstreffen von Assisi 1986 und 2002 heftige Kritik geübt. Zu einer entsprechenden regionalen interreligiösen Begegnung in Bayern 2008 war auf der Internetseite der Pius-Bruderschaft Folgendes zu lesen: „Zu einem ‚Gebet' für München aus Anlass der 850-Jahr-Feier der Landeshauptstadt lädt die Erzdiözese für den 26. Oktober auf den Marienplatz ein. Auf den ersten Blick: So weit, so gut. Doch schon der zweite Blick zeigt, dass es nicht etwa darum geht, im Schatten der Mariensäule der Patrona Bavariae zu huldigen und die Gottesmutter um den besonderen Schutz der urkatholisch geprägten Stadt an der Isar zu bitten, sondern um etwas ganz anderes: Die Veranstaltung soll zu einem Treffen von Vertretern der großen Weltreligionen werden, die gemeinsam ‚für Dialog, Integration und Frieden in der Stadt' beten wollen. Teilnehmer sind, neben den Protestanten und den Griechisch-Orthodoxen, Muslime, Juden, Buddhisten und Hindus - eine Lokalausgabe der von glaubenstreuen Katholiken heftig kritisierten multireligiösen Treffen 1986 und 2002 in Assisi also." Das werde, so heißt es weiter, „die Verfechter der ‚Eine Welt - eine Religion'-Ideologie sicher freuen, kann doch bei vielen Gläubigen durch diese Veranstaltung der falsche Eindruck entstehen, dass alle Religionen ja gleich seien und dass die dümmliche Behauptung stimmt: ‚Wir beten alle zum gleichen Gott und kommen eh in den Himmel, ganz egal, ob wir in der katholischen Kirche, im Tempel, in der Synagoge oder in der Moschee zu Hause sind.' Dass Christus den Jüngern den Auftrag gab: ‚Gehet hin und lehret alle Völker!' (Matthäus 28,19), also die Angehörigen der anderen Religionen zu bekehren und nicht die Gegensätze zu verwischen, und dass Papst Benedikt XVI. mehrmals von der Notwendigkeit einer Neuevangelisierung sprach - davon wird auf dem Marienplatz wohl nicht die Rede sein".

Gottesretter

Der katholische Fundamentalist geht aber auch gegenüber Vertretern der „nachkonziliaren" Kirche auf Distanz, um sich reinzuhalten: „Wenn wir uns von diesen Leuten entfernen, so genau wie von den Personen, die Aids haben. Man hat keine Lust, es sich zu holen,… das geistige Aids, eine ansteckende Krankheit." Das sagte der exkommunizierte Gründer der Pius-Bruderschaft und Bischof Marcel Lefebvre drei Jahre vor seinem Tod 1991. Inzwischen vergleicht sich dieses - in einer Eigenaussage sogenannte - „Werk von Erzbischof Lefebvre" in den Worten seines früheren deutschen Distriktoberen Niklaus Pfluger mit einem Rettungsboot, „das noch viele Rettungsringe hat, während im Hintergrund die Titanic versinkt: Wir werfen diese Rettungsringe denjenigen zu, die sie wollen".

Der katholisch-fundamentalistische Pro­test kann im Extrem die Inhaber des päpstlichen Lehramts der letzten Jahrzehnte seit Johannes XXIII. allesamt unter Häresieverdacht stellen und ihnen den Gehorsam aufkündigen. Behauptet wird dann, das Papstamt sei verwaist. Die päpstliche Kathedra und die kurialen Stellen in Rom seien von Antichristen besetzt, während man selbst den heiligen Rest der apokalyptischen Endzeit bilde, der das Katholische rein bewahrt hat. So heißt es im Katechismus des „Oratoriums von der Göttlichen Wahrheit" (Nr. 731), einer weiteren fundamentalistischen Gruppierung, die sich selbst als „Sammlung glaubenstreuer Katholiken" versteht: „Die Kirche in der Endzeit ist klein; sie ist ohne staatlichen Schutz; sie ist - wenigstens zeitweise - ohne Führungshierarchie, Christus steht ihr in besonderer Weise nahe; sie kämpft gegen die römische Hure." Nicht wenige Fundamentalisten sind auch Apokalyptiker und saugen aus den Krisen der Moderne den Honig ihrer Endzeitdeutungen.

Wahrheitsinstanz

Schaut man genauer hin, zeigt sich, dass es dem Fundamentalisten im Kern darum geht, ein Monopol zurückzugewinnen, um darüber allein zu bestimmen, was Wahrheit sei. Hier findet sich unter den entsprechenden Meinungsführern und Anhängern auch ein relativ hoher Anteil des katholischen Adels und von Konvertiten, die vor dem letzten Konzil zur katholischen Kirche übergetreten sind. Viele von ihnen befürchten, durch „protestantisierende" Elemente im Katholizismus überfremdet zu werden, was auch den katholischen Wahrheitsanspruch gefährde.

Opposition gegen die Moderne

Die Einigkeit in der Opposition gegen die Moderne schafft allerdings in den verschiedenen katholisch-fundamentalistischen Grup­pen noch kein Einverständnis darüber, wie denn eine Alternative auszusehen hätte. Der Fundamentalismus im Christentum insgesamt ist hochgradig zersplittert und somit selbst dem Gesetz der Pluralisierung ausgeliefert, gegen das er als Erscheinung der Moderne zu Felde zieht. Aber was ist die Moderne? Klar ist: Sie steht - nicht nur bei Fundamentalisten - für Unklarheit, Uneindeutigkeit, wenn nicht Orientierungslosigkeit. „Moderne" steht für das Vorrecht fortgesetzten Wandels, für das Lob des permanent Neuen. Gerade für „Religion", die eben prinzipiell auch „rückwärtsgewandt" ist, steht damit nicht wenig auf dem Spiel. Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass sich der Protest gegen die Moderne aus religiösen Quellen speist. „Moderne" steht für uns Katholiken der Moderne freilich auch positiv für Erneuerung der Überlieferung durch Reform, für Treue zum Evangelium durch zukunftsweisende Inkulturation, durch ein Aggiornamento. „Aggiornamento" heißt im Italienischen schlicht „Fortbildung". Auch diese ist für den Christen, der an den Mensch gewordenen Gott der Geschichte glaubt, fundamental - jedoch alles andere als fundamentalistisch.


Michael N. Ebertz Dr. rer. soc., Dr. theol., Privatdozent für Soziologie an der Universität Konstanz und Professor an der Katholischen Fachhochschule Freiburg, Leiter des „Zentrums für kirchliche Sozialforschung".




CIG 13/2009

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