69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Ein neues Konzil
Von CIG-Redaktion
Der Streit um die Traditionalisten hat ein Positives bewirkt: Das Zweite Vatikanum rückt ins Gedächtnis. Pure Rückerinnerung an das „Welt­ereignis“ damals reicht jedoch nicht. Die Welt hat sich weiter gedreht, rasanter als früher, als es genügte, alle gut hundert Jahre ein Konzil zu veranstalten. Allein schon den sensationellen Fortschritt der ­Human- und Naturwissenschaften konnte man seinerzeit nicht ahnen. Gesellschaften, Kulturen und Privatleben haben einen radikalen Transformationsprozess erlebt - von der Emanzipation der Frau über die neue Gestaltung der Beziehungen, der Sexualität bis zum Zusammenbruch mythologisch-magischer Sichtweisen, was die Welt-, Gottes- und Glaubensbilder sowie die sakramentalen Verstehenshorizonte tief getroffen hat. Zudem ist für die Überlebensfähigkeit der Kirche und ihr geistliches Leitungsamt das allgemeine demokratische Bewusstsein von höchster Bedeutung.

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute zeigen sich in neuen Dimen­sio­nen. Wenn nicht jetzt in der aktuellen religiösen Krise riesigen Ausmaßes, mit erschreckender Distanz der großen Mehrheit selbst der Getauften zum Geheimnis des Glaubens - wann dann bräuchten wir ein Konzil? Sicher: Es benötigt einen längeren Vorlauf als einst, gründlichere Vorbereitung und einen längeren Prozess der Durchführung in ökumenischer, weltumspannender wie geistesumfassender Weite. Ein künftiges Konzil ist auf intellektuelle Schärfe und geistige Substanz aus unterschiedlichen Disziplinen angewiesen, so wie Christen überall präsent sind als „Laien“ - das aber heißt: als Fachleute, deren Kompetenz in vielen Sachverhalten der ihrer Kleriker überlegen ist. Deshalb sind an einem Konzil, das kirchliche Trägheit und religiöse bleierne Lähmung überwinden und eine Aufbruchs­atmosphäre anregen soll, unter anderem Wissenschaftler, Künstler, Kulturschaffende zu beteiligen, nicht bloß beratend, sondern entscheidungsfindend, Eheleute, Singles, Alleinerziehende - LehrerInnen der „Welt“. Die „Konzilsväter“ werden ebenso Konzilsmütter sein. Ist das nur ein naiver Traum?

Der Christ der Zukunft ist als Christ in der Gegenwart längst dort angekommen, wo die Kirche oftmals noch weit hinterherhinkt. Etliche Fragen von gestern sind nicht mehr die Fragen von heute. Aber eine große alte Frage stellt sich immer bedrängter und bedrängender neu: wie wir an Gott, an das Mysterium Jesu Christi glauben können angesichts der erregenden Mysterien von Sein und Zeit, Materie und Geist, Werden und Vergehen. Heute werden die Weichen gestellt dafür, ob wir Kinder der Aufklärung auf der Suche nach einer modernen christlichen Mystik mit unseren Kindern und Kindeskindern morgen noch Kirche sein werden in einer unvor­stellbar dynamisierten globalen Welt.

CIG 13/2009

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