69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Kirchen-Kulturkampf der Traditionalisten
Von Johannes Röser
Nach den Angriffen von Bischof Bernard Fellay, dem Anführer der Lefebvre-Bewegung, gegen die deutsche Bischofskonferenz (vgl. CIG Nr. 14, S. 158) hat auch der deutsche Distriktobere der traditionalistischen Priesterbruderschaft, Franz Schmidberger, versucht, einen Keil zwischen das bischöfliche Lehramt in der Nachfolge der Apostel und den Papst zu treiben. Schmidberger wirft dem Bischofskonferenz-Vorsitzenden Robert Zollitsch vor, „bewusst oder unbewusst falsches Zeugnis“ abzulegen. Der Grund ist, dass Zollitsch in einem Vortrag vor dem „Kardinal-Höffner-Kreis“ der christlichen Unions-Bundestagsfraktion die Pius-Bruderschaft kritisiert hatte, „unser Verständnis von Demokratie anzugreifen und he­rab­zusetzen“.

Schmidberger meint, das sei ein falscher Verdacht, eine Lüge, und er erklärte nun: „Die Priesterbruderschaft St. Pius X. anerkennt selbstverständlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland... Mit ganzem Herzen verwirft die Priesterbruderschaft St. Pius X. die monströse Idee einer ‚Staatskirche', denn die katholische Kirche ist eine ‚vollkommene Gesellschaft' und muss immer frei sein für ihren göttlichen Auftrag. Was es bedeuten kann, wenn die Kirche vom Staat instrumentalisiert wird, sehen wir an dem furchtbaren Versagen der deutschen Bischöfe im Abtreibungsschein-Skandal beziehungsweise in der ‚Donum-vitae'-Debatte... Wir erwarten von den deutschen Bischöfen ein klares Bekenntnis zum sozialen Königtum unseres Herrn Jesus Christus...“

Hetze gegen Bischöfe, Theologen

Vor allem auf der Homepage „kreuz.net“, die das Gedankengut der Lefebvre-Leute und die Botschaften ihrer Anführer verbreitet, wird Tag für Tag neu gegen die deutschen Bischöfe gehetzt, werden sie verleumdet. Ganz besonders wird der Vorsitzende der Bischofskonferenz verunglimpft. Dort heißt es unter anderem: „Scharfmacher Zollitsch schlägt wieder zu“, „Er arbeitet für den Feind“, „Zollitsch ist nach wie vor auf dem Kriegspfad“, „Er lebt in einer ökumenischen Nebelwelt“. Oder: „Durch die in Deutschland immer noch mit Hilfe des Staates eingetriebene Kirchensteuer erhält die von Erzbischof Zollitsch angeführte dekadente deutsche Amtskirche jährlich etwa vier Milliarden Euro pro Jahr.“

Zum 25. Todestag eines der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, lautet die Überschrift: „Der - zum Glück - vergessene Jahrestag“. Im Text heißt es: „Heute vor 25 Jahren starb ein berühmter deutscher Theologe, der vor und nach dem Pastoralkonzil viel Unheil angerichtet hat. In seinen Schriften unterwarf er die katholische Theologie des zwanzigsten Jahrhunderts unkritisch den großen, kirchenfremden philosophischen Ideologien, die vor allem im 19. Jahrhundert aktuell waren. Seine Bezugsperson war insbesondere der Königsberger Philosoph Immanuel Kant.“ Auch im Nationalsozialismus habe der „zeitgeistige Denker“ Rahner „die Zeichen der Zeit nicht wirklich“ erkannt. Begründet wird das mit manchem Bezug seiner Philosophie und Theologie auf Martin Heidegger. „Pater Rahner war Schüler des abgefallenen Katholiken und dem Nationalsozialismus verfallenen deutschen Philosophen Martin Heidegger.“ Zusammen mit Rahner soll gleich auch Küng lächerlich gemacht werden. Dazu heißt es: „Der kirchenfeindliche Theologe Hochwürden Hans Küng bezeichnete Pater Karl Rahner pubertär als ‚Protagonist der Freiheit in der Theologie'. Der denkerische Ansatz von Pater Rahner steht für eine ‚anthropologische Wende' in der katholischen Theologie, die nach den im Subjekt vorausgesetzten Bedingungen der Möglichkeit des Verstehens der christlichen Offenbarung fragt. Diese Denkrichtung zog eine fatale Verweltlichung, Gottferne und Politisierung der theologischen Theologie nach sich. Diese hat sich heute völlig an den kirchlichen und gesellschaftlichen Rand manövriert und vegetiert als bedeutungsloses After-Phänomen zeitgenössischer Strömungen weiter.“

Papst Benedikt XVI. hat in seinem Brief an die Bischöfe die Aufhebung der Exkommunikation für die von Lefebvre geweihten Bischöfe mit seinem Versöhnungswillen erklärt. Er wolle mit seinem Gnadenerweis eine endgültige Kirchenspaltung verhindern. In dem persönlich berührenden Schreiben weist der Papst freimütig auf die Pannen im Vatikan hin. Unter anderem heißt es da: „Ich höre, dass aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem (gemeint ist die Holocaust-Leugnung des Bischofs Williamson, d. Red.) Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, dass wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen. Betrübt hat mich, dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten.“

Beim Blick ins Internet, etwa auf die dort veröffentlichten Meldungen, Berichte und Kommentare, kann sich jeder Christ und Katholik selber informieren, mit was für einer Vorstellungswelt man es bei der Lefebvre-Gruppierung, den Piusbrüdern und ihren traditionalistischen Sympathisanten zu tun hat. Hier, in den Beiträgen der Verantwortlichen „von oben“ wie der Anhänger „von unten“, offenbart sich das wahre Gesicht jener fortdauernd sektiererisch, kirchenspalterisch wirkenden Bewegung, die mit der Versöhnungsgeste des Papstes vor dem völligen Abfall bewahrt werden soll, die sich jetzt jedoch mit dem - wie sie es sieht - Rückhalt durch den Papst besonders anerkannt und stark fühlt. Die Traditionalisten meinen sogar, die Universalkirche müsse sich zu ihren Ansichten bekehren.

Klare Worte von Robert Zollitsch

Es wäre an der Zeit, dass der Vatikan gegenüber den Lefebvre-Leuten eine klare Grenze markiert dahingehend, dass nicht akzeptabel ist, wie sie Papst Benedikt XVI. weiterhin ihre Bedingungen diktieren wollen und wie sie selber „mit sprungbereiter Feindseligkeit“ nun erst recht auf die katholischen Bischöfe einschlagen zu müssen glauben, die sich in apostolischer Treue entschieden zum Zweiten Vatikanischen Konzil bekennen und die sich um das Seelenheil der Gläubigen, um die Zukunftsfähigkeit des christlichen Glaubens sowie um die Lebendigkeit einer immer zu reformierenden Kirche mühen.

Wie in der derzeitigen Situation die vom Papst gewünschte substantielle Versöhnung bei derart gravierend unterschiedlichen Verständnisweisen von Theologie, Kirche, Gesellschaft und Kultur zustande kommen soll, wird von Tag zu Tag fraglicher. Der Bischofskonferenz-Vorsitzende Robert Zollitsch verlangt im Namen der deutschen Bischöfe völlig zu Recht, dass hier recht bald eine Klärung eintreten muss: „Ich wünsche mir, dass das noch dieses Jahr geschieht.“ Es ist schlichtweg nicht hinnehmbar, durch weitere großzügige Gesten gegenüber den Piusbrüdern das klare Zeugnis der Kirche für die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestoßenen Erneuerungen zu verdunkeln. Die Härte der Sprache der Piusbrüder - so Zollitsch - zeigt „auch etwas von der inneren Haltung“.

Zollitsch sagt es deutlich: Die Traditionalisten haben sich aus der wahren katholischen Tradition hinausbegeben und die Einheit mit dem Papst aufgekündigt. Sie befinden sich weiterhin in einem Schisma zur katholischen Kirche. Sie selber müssen umkehren, sich bekehren und die Aussagen des letzten Konzils ohne Vorbehalte anerkennen, um sich in die Kirche einzugliedern. Tatsächlich handelt es sich bei den fortgesetzten Attacken, Aktionen und Verhaltensweisen der Traditionalisten um einen Kirchen-Kulturkampf größten Ausmaßes, der nicht nur einige mehr oder minder harmlose Äußerlichkeiten betrifft, sondern ins Innere des Gottes-, Glaubens- und Kirchenverständnisses der Christenheit zielt.

Daher ist im Blick auf die angekündigten Gespräche mit den Führern der Lefebvre-Bewegung entschieden das zu vertreten, was Robert Zollitsch in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ (30.3.) erläutert: „Für uns ist klar: Wir leben aus der Tradition. Und in dieser Linie sehen wir auch die verschiedenen Konzilien. Aber jedes Konzil hat etwas Neues gebracht. Das will etwa die Pius-Bruderschaft nicht einsehen. Man kann nicht beim Ersten Vatikanischen Konzil stehenbleiben und sagen: Damit ist alles festgelegt. Mir wurde von den Anhängern Bischof Lefebvres vorgeworfen, ich würde das Zweite Vatikanische Konzil zum ‚Superkonzil' hochstilisieren. Aber es ist nun einmal das neueste. Es ist das Konzil, das uns Antworten auf die Fragen unserer heutigen Zeit gibt. Tradition heißt nicht, die Asche weiterzutragen, sondern die Flamme lebendig zu halten.“

CIG 15/2009

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