62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 7. Februar 2010


Symphonie des Einen und Ganzen
Zur Diskussion: Erlösungstheologie - Evolutionstheologie
Von Willigis Jäger

Die westliche Philosophie und Theologie schlägt sich von Anbeginn ihrer Welterklärung mit einem dualistischen Ansatz herum. Sie geht aus von Gott-Mensch, Leib-Seele, Jenseits-Diesseits, Subjekt-Objekt, Bewußtsein-Intellekt... Dieser Dualismus, der von René Descartes (1596-1650) noch einmal neu in unser Denken gepflanzt wurde, stößt mit den Erkenntnissen der modernen Physik und Astrophysik zusammen. Letztere liefern uns ein Weltbild ins Haus, das diesem Dualismus widerspricht. Mittelalterliche Glaubenswahrheiten, die uns wie Schulweisheiten nahegebracht wurden, kollidieren mit diesem neuen Weltbild. Die Interpretation von Wirklichkeit, wie sie aus den Arbeiten der Physiker der Kopenhagener Schule hervorgegangen ist, beseitigt jeden grundlegenden Unterschied zwischen Materie und Bewußtsein. Es bleibt lediglich eine geheimnisvolle Wechselwirkung, eingebettet in das Eine. Physikalische Einheiten, die in Raum und Zeit getrennt und verschieden voneinander erscheinen, sind in Wirklichkeit auf implizite und grundlegende Weise miteinander verbunden oder vereinigt.

Über die Schatten der Physik hinaus

Die zeitgenössische Physik scheint am Rand der materiellen Welt angekommen zu sein. Sie stieß auf seltsame Seinsweisen, denen sie den Namen Quarks gegeben hat. Es ist das letzte Etwas, das noch Ähnlichkeit hat mit einem Teilchen. Diese folgen noch einer Ordnung, aber diese Ordnung ist rational schon nicht mehr ganz begreifbar. Wir müssen den Glauben, daß die Welt aus etwas Festem besteht, aufgeben. Am Ende steht nicht einmal Energie, sondern etwas Nicht-Materielles, das die Physik mit „Feld" bezeichnet. Die Quantentheorie hebt den Unterschied zwischen Feld und Teilchen auf, zwischen Materie und ihrem „Jenseits". Allen Dingen und Geschehnissen liegt nach Bohm ein Bereich ungeteilter Ganzheit zugrunde. Physiker wie Heisenberg, Schrödinger und Bohr sind der Ansicht, daß Physik sich mit Schatten beschäftigt. Über die Schatten hinauszugehen und ins Licht zu steigen, bedeutet, sich der Metaphysik zuzuwenden und der Mystik.

Das andere Weltbild und die Rede von Gott

Wir können im Jahr 2000 mit einem ganz anderen Weltbild unmöglich so von Gott reden, wie das bis ins 19.Jahrhundert noch geschah. Der ganze Mittelmeer-Kulturraum folgte einem Dualismus, der von Aristoteles und seiner Lehre gefördert wurde. Theologie und Philosophie und darüber hinaus unsere Kultur und Weltsicht sind von Aristoteles und der Neuscholastik maßgeblich geprägt. Aristoteles ist der Schöpfer der Logik und Analyse: Begriff, Urteil, Schluß, Definition, Kausalität und Finalität sind die Instrumente der Ratio, die bei ihm vorherrschen. In seinem Werk „Organon" spielen Substanz, Beziehung, Raum, Zeit und Qualität die entscheidende Rolle. Diese Dualismen können vom Intellekt nicht zur Einheit geführt werden, und das ist die Tragik. Der Intellekt, diese wunderbare Gabe der Evolution, ist gleichzeitig ein Hindernis. Er muß aufteilen, zerlegen, zerkleinern, um Wirklichkeit zu erfassen. Diese Aufsplitterung ist auch in die Theologie eingegangen. Aristoteles kennt fast ausschließlich den Gott, der über allem thront, zu dem man aufsteigen muß. Er ist der Gipfel der Schöpfung, aber er ist nicht in der Schöpfung. Er ist das Ziel, zu dem alles hinstrebt. Aber er fließt nicht in die Schöpfung. Die Dinge kommen nicht von Gott, sie fließen zu ihm. Sein Gott ist nicht die überfließende Fülle, die sich als Schöpfung offenbart.

Albert der Große (1193-1280) und vor allem Thomas von Aquin (1225-1294) und die ganze Neuscholastik sind von dieser aristotelischen Philosophie stark beeinflußt und prägten die christliche Religion maßgeblich. Das gilt für alle Schattierungen und Konfessionen der theistischen Religionen.

Der Dualismus der Bibel

Der duale Ansatz findet sich auch im Ersten Testament. Er ging auch von da ins Christentum ein. JHWH, der Gott Israels, hat die Welt aus dem Nichts geschaffen, er dirigierte die Welt von außen. Er griff ein, wenn die Menschen versagten. Die Welt, wie sie ist, wird verschuldet durch die Sünde des Menschen, zum Jammertal, zum Tal der Tränen, aus dem es zu entfliehen gilt. Es kam dadurch notgedrungen zu einer Verachtung der Erde, des Körpers, der Natur, der Frau, der Sexualität und der Sinne. Religion pocht auf moralisches Verhalten. Erst im Jenseits kommt der große Ausgleich.

Diese dualistische Weltsicht ging auch in die Deutung dessen ein, was die Theologie Ursünde nennt. Sie wurde als Abfall und Beleidigung Gottes gebrandmarkt. Das erzeugte ein anthropomorphes, menschlich gedachtes Gottesbild mit Gott als Richter und Kontroll-Instanz und machte einen göttlichen Erlöser und Versöhner erforderlich. Das Auftauchen des personalen Bewußtseins aus einem archaischen Vor-Bewußtsein wurde in der Erlösungstheologie als Abfall von Gott dargestellt. Die Folgen gehen auf alle Nachkommen über. Die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins aus einem archaischen Vor-Bewußtsein, die sich im Rahmen der Evolution vollzog, wird zur folgenschweren Sünde (als ob man einem Kind sein Erwachsenwerden zum Vorwurf machen könnte...).

Wenn Thomas Plato besser gekannt hätte ...

Für dieses „schreckliche" Vergehen des Abfalls von Gott kam nur eine unermeßliche Wiedergutmachung in Frage, nämlich der Tod des „Gottessohnes Jesus". Jesus hatte demnach eine Strafe zu erdulden, die eigentlich die Menschen treffen sollte. Die alttestamentliche Opfertheologie wurde ins Christentum übernommen. Der Tod Jesu wird als Lösegeld für den Freikauf des Menschen aus den Händen Satans betrachtet oder zur Wiederherstellung der Ehre Gottes (vergleiche dazu den Exsultet-Lobpreis der Osternacht). Das setzt ein archaisches Gottesverständnis voraus. Gott wird so zum Herrscher, Richter und Strafvollzieher für schlechtes Verhalten und zu einem grotesken Wesen, das mit unserer Weltsicht nicht mehr übereinstimmt.

Ich kann mir auch einen ganz anderen Ansatz für eine christliche Theologie vorstellen. Es gibt ihn sogar. Es ist eine Tragik, daß Thomas von Aquin nur einige unbedeutende Schriften von Plato kannte. Er hätte auf den Lehren Platos eine andere Theologie entworfen. So aber war Thomas Aristoteles lediglich über die Philosophie des islamischen Gelehrten Avicenna, die in Spanien aufgenommen wurde, bekannt.

Platos Philosophie ist kaum in das Abendland eingegangen. Indessen folgten alle großen Mystiker Plato: Proklus, Plotinus, Evagrius, Dionysius, aber auch Bonaventura, Meister Eckhart, Nikolaus von Kues und auch Philosophen wie Spinoza und Schelling. Der Gott Platos und der Gott der Neuplatoniker ist in dieser Weltsicht und jenseits der Welt. Die Materie allein existiert nicht, zur Wirklichkeit wird sie erst durch die ewigen Ideen, die in der Materie verkörpert sind.

Diese Theologie geht vom Einen aus. Das Eine ist wie ein Fächer, der sich entfaltet. Alle Formen sind nur Facetten des Einen. Das führt zu einer kosmischen Religiosität, zur Evolutionstheologie. Sie deutet keinen Bruch in die Entwicklung des Kosmos und der Spezies Mensch hinein, sondern erkennt darin ein kontinuierliches Erwachen des göttlichen Bewußtseins im Menschen. Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Er ist die Symphonie, die erklingt. Der Komponist steht nicht außerhalb und dirigiert. Er erklingt als diese Symphonie. Er ist ihre Musik, und alle Formen sind nur Noten. Was wir Gott nennen, erschafft sich Augenblick für Augenblick neu. Erlösung bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung zu. Sie ist die Erkenntnis, daß alles Eins ist. Erlösung ist gleich Erwachen zu unserem wahren Wesen, zu unserer wahren Identität. Es ist ein Prozeß der Enthüllung und Befreiung. Was wir wirklich sind, beginnt nicht mit der Geburt und endet nicht mit dem Tod. Die vorpersonale Wirklichkeit entfaltet sich auf einem zeitlosen Hintergrund. Das Personale und Individuelle entsteht, wenn diese erste Wirklichkeit heraustritt und sich in die unzähligen Formen ergießt.

Ewige Weisheit

Die Ratio, die Vernunft, tut sich schwer mit einer solchen Weltsicht. Es ist das Welt- und Gottesverständnis der Sophia perennis, der ewigen Weisheit, wie sie in allen Religionen anzutreffen ist. Sie kommt aus der Erfahrung der Wirklichkeit, nicht aus dem Nachdenken. Diese Weltsicht erfordert Mut zur Metaphysik. Mystik ist transmental, transhistorisch. Eine transhistorische Erfahrung des Universums erwartet auch keine Erfüllung am Ende der Zeiten, sondern eine Erfüllung im Hier und Jetzt. Der Sinn des Lebens liegt nicht in dem, was vor uns liegt, und auch nicht in dem, was hinter uns liegt. Er liegt im zeitlosen Augenblick. Hier und jetzt ist alles eine Epiphanie, eine Erscheinung des göttlichen Urprinzips. Das Eine und Unteilbare ist das einzig Wirkliche. Alles Personale ist nur eine Ausdrucksform des Einen. Was wir Gott nennen, offenbart sich als Kommen und Gehen, als Geborenwerden und Sterben.

Was ich mit dem Einen und dem Vielen meine, möchte ich an einem Beispiel klar machen. Arthur Koestler spricht vom „Holon". Ein Holon ist auf der einen Seite ein Ganzes und auf der anderen Seite ein Teil von etwas anderem. Zum Beispiel ist ein Atom ein Teil von einem Ganzen, einem Molekül. Ein Molekül ist ein Teil einer ganzen Zelle, und die Zelle ist ein Teil eines ganzen Organismus. Nichts ist ausschließlich ein Teil oder ausschließlich ein Ganzes. Es gibt nichts, was „entweder oder" wäre. Wir haben es immer mit einem Holon zu tun. Ein Holon ist wie die Masche eines Netzes. Eine Masche ist eine Einheit, aber sie kann allein nicht existieren. Sie kann nur mit anderen zusammen existieren.

Jedes Holon ist Teil und ist ein Ganzes. Es hat daher zwei Tendenzen: Es muß sowohl für seine Ganzheit wie auch für sein Teilsein einstehen. Aber seine wirkliche Existenz liegt im Einen und Ganzen. Der Einzelne strebt zur Selbsttranszendenz. Diese Selbstüberschreitung tendiert zu immer umfassenderen Organismen, zur Einheit und zum Ganzen. In den Teilen, in den vielen personalen Strukturen, liegt eine starke Sehnsucht nach der Einheit. Diese Sehnsucht ist der „Trick Gottes", den Menschen wieder zurückzuholen in diese Einheit.

Gewissen scheint mir nichts anderes zu sein als der Trieb zur Selbsttranszendenz, der die Verbundenheit mit dem Ganzen schafft und aufrechterhält und sich so gegen jede Egozentrik wendet. Was wir Sünde nennen, ist Verweigerung der Selbsttranszendenz, das heißt, die Verweigerung, das Ego zu überschreiten und sich in Liebe zum Ganzen hin zu öffnen. Wenn wir in die Evolution hineinschauen, dann bedeutet Mangel an Selbsttranszendenz - sei sie verschuldet oder unverschuldet - die Ursache für den Untergang, etwa bei einer Krebszelle oder auch Inzucht. Nur in der Überwindung des Dualen und im Erleben der Einheit werden wir die Entfremdung übersteigen, die uns so plagt und die zu den unzähligen Kriegen und Untaten des Menschen geführt hat.

Sehnsucht nach Selbstüberschreitung

Die Sehnsucht nach Selbstüberschreitung nannten die Religionen seit alters „Liebe". Wer ihr nicht folgt, verfehlt sich gegen das Ganze und scheidet aus der Evolution letztlich aus. Geschlossene Felder gehen jämmerlich in sich zugrunde, sagt die Physik. Charon, ein französischer Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger, nennt diesen „Trieb" nach Selbsttranszendenz „Finalität des Atoms". Es ist eine Zielgerichtetheit, die ständig zum Größeren hindrängt, aber keine Finalität, die Ende und Abschluß bedeutet. Der Forscher scheut sich nicht, diese Finalität Liebe zu nennen. Selbst ein Atom hat bereits eine Tendenz, sich zum Molekül hin zu öffnen. Jedes Holon hat eine Tendenz zum größeren Holon. Die Evolution drängt zur Selbsttranszendenz. Liebe ist die Grundhaltung des Universums, nicht Liebe als Gebot, sondern Liebe als Einheitserfahrung. Wer sich nicht öffnen kann zum anderen hin, bleibt verkrüppelt und kann nicht wachsen. Wer sich der Selbsttranszendenz verschließt, geht unter.

Liebe, die aus der Erfahrung der Einheit kommt

Liebe ist die bewegende Kraft des Universums, sie ist das Weltbaugesetz. Das Strukturgesetz des Universums heißt Liebe. Aber es ist keine Liebe, die aus dem Gebot kommt, sondern aus der Erfahrung der Einheit. Diese Liebe allein wird die Menschen retten. Das mystische Bewußtsein verweist auf Einheit. Wer sich eins mit dem anderen erfährt, kommt zu einer ganz neuen Verhaltensweise. Von dieser Einheit geht eine Evolutionstheologie aus, und dahin führt sie auch zurück. Sie wirft keine Gräben auf zwischen vorpersonal und personal, zwischen Gott und Welt. Was wir Gott nennen, ist ein gewaltiges Spiel, das seine Spielregeln jeden Augenblick neu kreiert.

Warum in der Theologie nicht einen zusätzlichen Ansatz versuchen: Evolutionstheologie, die vom Einen ausgeht. Allerdings bedarf es dann auch einer neuen Interpretation zentraler Begriffe wie Schöpfung, Ursünde, Erlösung und Auferstehung, was mir dringend notwendig erscheint, weil viele Menschen die alte Interpretation nicht mehr nachvollziehen können. Dieser andere Ansatz jedoch würde dem Menschen unserer Tage und seinem Weltverständnis das Christentum wieder näher bringen.

Literatur: H.Dürr (Hrsg.), „Gott, der Mensch und die Wissenschaft", Augsburg 1997; „Physik und Transzendenz", Bern 1986; A.Ganoczy, „Chaos-Zufall-Schöpfungsglaube", Mainz 1995; „Suche nach Gott auf den Wegen der Natur", Düsseldorf 1992; W.Hollenweger, „Geist und Materie", München 1988; J.Quitton und G.Bogdanov, „Gott und die Wissenschaft", Artemis & Winkler 1991.

CIG 19/2000

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