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Die Tür zum christlichen Zen
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Von Johannes Kopp |
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Am 7.Juli 1990 starb der Jesuitenpater Hugo-Makibi
Enomiya-Lassalle 92jährig in Münster. 1971 war ich ihm zum erstenmal in
einem Sesshin, einer mehrtägigen Übung in Zen-Kontemplation, begegnet.
Diese Erfahrung hat wie keine andere mein Leben geformt und mich
motiviert, mit allen mir gegebenen Möglichkeiten selbst den Zen-Weg zu
gehen. 1974 brachte Pater Lassalle mich in Japan zu seinem Meister
Yamada-Roshi, der mir nach einer Schülerschaft von elf Jahren die
Zen-Lehrerlaubnis erteilte. Roshi Yamada sagte einmal: „Wenngleich Pater
Lassalle mein Schüler im Zen ist, kann ich aus der Tiefe meines Herzens
sagen, daß er für mich der Meister im Leben ist. Seine tiefe Demut, seine
Großmut und seine Menschlichkeit sind Eigenschaften, die ich zutiefst
bewundere und schätze."
In diesem Wort finde ich auch mich selbst, denn ich kann meinen eigenen
Weg so beschreiben: „Yamada-Roshi ist mein Lehrer auf dem Zen-Weg. Pater
Lassalle ist mein Lehrer im Leben." Was beide in ihrer irdischen Existenz
für mich waren, sind sie nach ihrem Tod noch mehr. Von ihnen empfing ich
die Motivation, in der ich meine Identität finde im Zen wie in meinem
Christsein und Christwerden. Die Tür zum Zen als Integration beider Wege
wurde mir durch diese beiden großen geistlichen Lehrer geöffnet.
In der Diskussion, die seit Jahren über den Zen-Weg für Christen im Gang
ist, höre ich Pater Lassalle in seiner Weise: leise und mit einem
Schweigen, in dem er machtvoll spricht mit dem Zeugnis seines Lebens.
Verstehen und Be-herzigen
Noch nie gab es so tief begründete Argumente, einen Gott der Schöpfung und
der Offenbarung abzulehnen wie heute in unserer naturwissenschaftlichen
Welt. Nicht selten wird erklärt, die moderne Wissenschaft habe Gott
entthront. Gestützt von den gleichen Argumenten der Wissenschaft sehen
andere das Gottesbild jedoch größer, mit Erkenntnissen, die ins Unendliche
weisen. Wer in unserer Zeit eine Position bezieht, aus der heraus er
meint, einen Schöpfer- und Offenbarungsgott ablehnen zu müssen, findet
sozusagen eine Fülle von Argumenten. Wer jedoch in seinem Glauben und noch mehr in seiner Glaubenserfahrung sich zu einem sich verunendlichenden
Gottesbild inspirieren läßt, findet für den Gott der Schöpfung und
Offenbarung ebenfalls eine Fülle von Gründen. Die Dinge liegen vor. Wie
einer sie nimmt, entscheidet letztlich das Herz. Verstehen - mit dem
Verstand - ist eines, Be-herzigen ein anderes. Glauben oder Unglauben
bildet sich aus beidem. Auch der Unglaube beruht nicht auf Wissen, sondern
muß sich als Deutung bescheiden.
Welche Fakten und Wahrscheinlichkeiten auch immer die Wissenschaft
ermittelt, es bleibt und vergrößert sich der Freiheitsraum der Deutung und
der Verantwortung als eine Frage des Herzens. Die Freiheit bezieht sich
nach dem jetzigen Stand der Naturwissenschaft nicht nur auf die Deutung
eines objektiven Sachverhalts, auf den der Forscher seine Aufmerksamkeit
zur immer genaueren Beschreibung richtet. Der Forscher sieht sich selbst
im Sachverhalt und ist als Subjekt zu ihm nicht in Distanz und nicht
getrennt. Er beeinflußt und bestimmt mit der Weise und Methode seiner
Frage das Ergebnis. Damit ist eine Grenze gefallen, die unverrückbar
schien: Grenzschwund zwischen Subjekt und Objekt. Das ist die Situation,
in welcher der Wissenschaftler mit dem Mystiker ins Gespräch kommen kann.
Aber auch im Bereich der Mystik ist die Frage nach Gott, dem Schöpfer und
Erlöser nicht beantwortet. Sie bleibt offen wie in den Ergebnissen der
Wissenschaft und beläßt und fordert den Menschen in seiner Freiheit.
Die Fragen, die sich auf dem Zen-Weg für Christen ergeben, haben große
Ähnlichkeit mit den Fragen der wissenschaftlichen Forschung. Die
Ergebnisse bleiben offen für die zu verantwortende Deutung in Freiheit.
Ein Mensch, der konsequent den Zen-Weg geht, kommt zu einer Erfahrung und
wird genötigt, diese zu deuten. Er bringt sie zur Sprache nach einem
Muster, das er selbst nicht mehr hinterfragen kann.
Die Erfahrung des Menschen darf nicht überbewertet werden. Sie ist nur die
eine Hälfte, die andere ist die der Deutung und Verwirklichung. Die
Autorität der Erfahrung ist nicht gleichzeitig schon Autorität der
Deutung. Die Deutung kann freilich auch das Ergebnis einer unbewußten
Vorprägung sein und somit ein sublimer und um so gefährlicherer
Machtmißbrauch, je weniger die Vorprägung bewußt wird und je mehr sie
allgemeine Gültigkeit beansprucht, Teilwahrheiten überbewertet und größere
Werte verkennt. Die Geschichte des Christentums bietet dafür traurige
Beispiele. Es kann uns allerdings kein Trost sein, daß auch andere
Religionen die Last solcher böser Geschichte tragen. Aber es stellt eine
Aufforderung dar, alle Menschen auf ihren Wegen in menschlichen
Begrenzungen zu sehen.
Seitdem ich den Zen-Weg gehe, wird meine Dankbarkeit für die buddhistische
Zen-Tradition immer größer. Sie wird nicht dadurch gemindert, daß Japans
Zen-Tradition zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg ihre spirituelle Kraft in
Nationalismus und Antisemitismus mit katastrophalen Konsequenzen
umzusetzen versuchte. Das 1999 in deutscher Sprache erschienene Buch „Zen, Nationalismus und Krieg, eine unheimliche Allianz" von Brian Victoria
macht es unmöglich zu übersehen, daß auch erleuchtete Meister in
Extremsituationen Versuchungen erliegen und ihren blinden Fleck nicht
aufzuhellen vermögen!
Einweisung für Christen zu leibhaftigem Glauben
Was mir in dreißig Jahren meines Zen-Weges in den Blick gekommen ist, läßt
mich immer intensiver an Pater Hugo-Makibi Enomiya-Lassalle als Lehrer für
Christen auf dem Zen-Weg denken. Zum Beispiel entstand das Programm „Leben aus der Mitte - Zen-Kontemplation in der Diözese Essen" aus dem Motiv, das von Pater Lassalle inspiriert war - und mehr und mehr eine Hilfe zur
Unterscheidung der Geister wurde. Ein Satz über Lassalle (in der
Zeitschrift „Christ in der Gegenwart") hat mich wie ein Blitz getroffen:
„Er meditierte unter dem Kreuz und mit der ,torlosen Schranke', lebte das,
was die buddhistischen Lehrer ,Realisation' nennen. Die religiöse Mitte
dieses Mannes, der eben kein ,Zen-Guru' war, sondern den dritten Grad der
Demut erfuhr, ereignete sich in der Eucharistie, so daß er täglich den
,Tod und die Auferstehung' des Herrn feierte, eine Liturgie, deren
Ausstrahlung - Realisation - jeder, der daran teilnahm, sozusagen
körperlich erfuhr. Dieser Weg von einem begrifflichen zu einem
leibhaftigen Glauben ist eine Botschaft, die jeden Christen trifft, ob er
nun Zen übt oder nicht" (CiG Nr.43/2000, S.348).
Christlicher Koan: Das ist mein Leib
„Dritter Grad der Demut" und „Eucharistie" sind in meiner Sicht und in
meiner leider immer noch viel zu geringen Erfahrung der entscheidende
„Klick" der Integration des Zen-Weges ins christliche Leben. Ich habe
Pater Lassalle kennengelernt in Identität mit der Eucharistie, wie sie mir
kein anderer Mensch in solcher Selbstverständlichkeit vorgelebt hat.
Kürzlich las ich in unserer Hauskapelle, in der Pater Lassalle oft mit mir
die Eucharistie feierte, die Gebetsmeinung des Heiligen Vaters für Juni
2001: „Daß wir in der Eucharistie die Orientierung erhalten, wonach alle
unsere Handlungen Beginn und Erfüllung in Christus finden." Mir kam die
Frage: „Hugo, hast Du das geschrieben?"
Wer Pater Lassalle kennenlernte, kann von ihm sagen, daß er in der
Eucharistie die Orientierung erhielt, wonach er in all seinen Handlungen
Beginn und Erfüllung in Christus fand. Wer bei der Eucharistie, die ich
vier Tage vor seinem Tod in seinem Sterbezimmer mit ihm feiern durfte,
dabei war, wird nicht vergessen, mit welcher Innigkeit er zu Beginn des
Evangeliums mit letzter Kraft das Kreuzzeichen machte - ganz langsam - auf
Stirn und Mund und Brust, als hätte er damit sein ganzes Leben mit seinem
Geheimnis besiegelt.
Sein friedvoll strahlendes Gesicht bestätigte die Worte, die er im Januar
1963 von einem Meister des Shabda-Yoga, Dr. Vinod in Poona, hörte. „Ich
sei", so notierte Lassalle in seinem Tagebuch, „mit Christus eins
geworden, und Christus müsse in mir nun universalisiert werden" (Ursula
Baatz, „Hugo M.Enomiya-Lassalle", S.300). „In dieser neuen Offenheit
vertiefte sich seine Beziehung zu Jesus: eine intime Beziehung, die Hugo
Lassalles Leben trug. Sogar mit sich selbst, in seinem Tagebuch, sprach er
nur sehr vorsichtig darüber. Das blieb so bis zu seinem Ende, ein
unaussprechlich kostbares Geheimnis."
„Was ihn trotz Ablehnung und Widerspruch trug, war ein Gefühl tiefer
Verbundenheit mit Jesus, im Sinne, daß er der einzige Freund ist, der mich
nie verlassen wird auf dem einsamen Weg, den ich gehe." War Pater Lassalle
die Eucharistie schon zu seiner Lebensform geworden, bevor er zum Zen kam,
so wurde ihm der Zen-Weg zu einer neuen und letzten Herausforderung. „Denn
die Koans seien nicht Buddhismus, hatte Yamada-Roshi gesagt, aber wie sie
ins Christliche einzubauen seien, das müßten die Christen selbst finden.
Einmal hatte der Roshi erwähnt, ,dies ist mein Leib' - die Worte, die
Jesus beim letzten Abendmahl sagte, als er das Brot brach und mit seinen
Jüngern teilte - könne man als Koan sehen. Der Roshi hatte gemeint: Das
ist mein Leib, das könne man nicht verstehen, solange man denkt, man könne
es nur glauben. Aber man müsse es verstehen, und das könne man, wenn man denke: Das ,Dies' ist die essential nature (wesentliche Natur). Dann könne man wirklich sagen: es sei Christus." Solche Worte waren eine
Initialzündung, die ihm die Eucharistie in einer intimen Christusbeziehung
auf dem Zen-Weg zur Lebensform und auch zu einer Form der Zärtlichkeit
werden ließen.
Überwindung der Dualität
Wie herausfordernd mußte die japanische Zen-Kultur, besonders die im
16.Jahrhundert sich entfaltende Teezeremonie unter dem bedeutendsten
Meister der Teekunst Sen no Rikyo (1521-1591) auf Pater Lassalle gewirkt
haben. „Die sogenannten ,Sieben Weisen des Rikyo', Teeschüler aus seinem
engsten Freundeskreis, stammten aus Adelsgeschlechtern, fünf von ihnen
waren Christen, eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Tatsache"
(Heinrich Dumoulin). In der Teeveranstaltung ist „keine Sakralität, wohl
aber in der radikalen Profanität eine Spiritualität wahrnehmbar". In der
einen Wirklichkeit des Leibes Christi die gesamte Wirklichkeit zu erkennen
und zu verwirklichen, das war für Pater Lassalle die Überwindung der
Dualität, seine tiefste Sehnsucht, die „Perle", die er leidenschaftlich zu
erlangen suchte.
Wenn „Eucharistie" und „dritter Grad der Demut" in einem Satz genannt
werden, dann ist für Pater Lassalle das jeweils eine die Erklärung und
Voraussetzung des anderen. Das zweite darf hier nicht als ein
Spezialausdruck ignatianischer Spiritualität verstanden werden, sondern
als nichts anderes als gelebte Eucharistie: „Mit Christus bin ich
gekreuzigt, nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir."
Lebenslänglich versuchte Pater Lassalle, dieses Pauluswort zur
Selbstaussage werden zu lassen und Antwort zu geben auf die Forderung von
Yamada-Roshi, die Christen selbst müßten herausfinden, was für sie die
Erfahrung auf dem Zen-Weg, das gelebte Sartori, bedeutet. Die Vision eines
„neuen Bewußtseins" taucht auf im Wort- und Wirkfeld dieses
Paulus-Zitates, wo nach Pierre Teilhard de Chardin der kosmische,
universelle und mystische Christus erscheint.
Nichts - Alles - Unendlich
Das ist auch Pater Lassalles Beitrag zur „Neuinterpretation des
Christentums". Wer ist das interpretierende Subjekt, und wer oder was ist
das interpretierte Objekt? Für ihn ist in dieser Frage die Dualität
überwunden. Das Subjekt, das zuständig und autorisiert ist, diese Gottes-
und Menschheitsfrage zu beantworten, kann niemand sein als Christus
selbst. Und das Objekt, auf das diese Frage gerichtet ist, kann niemand
anders sein als Christus selbst. Würde eine Neuinterpretation geschehen in
einer Trennung von Subjekt und Objekt, dann würde das interpretierende
Subjekt nur sich selbst interpretieren.
„Das biblische Verständnis von Schöpfung und Erlösung und Vollendung ist
grundlegend dual, aber nicht dualistisch." Diese Klärung von Gotthard
Fuchs (CiG Nr.30/2000, S.245) entspricht der Zen-Erfahrung. Die
Wesensnatur, das absolute Nichts, verschlingt nicht die phänomenale Welt,
sondern bedarf eines jeden Dinges, eines jeden Atoms, um sich „in der
Fülle des Nichts" auszudrücken. Und das ist noch zu wenig gesagt. Die
Wesensnatur und die Welt der Erscheinung ist eine einzige Wirklichkeit,
nicht dualistisch getrennt, sondern differenziert in Einheit, „in
dynamischer Identität" (Alfons Weiser). Eine Wesensbeziehung ist dual, in
der sich immer tiefer - wie in einer Liebesbeziehung - die Einheit
verwirklicht. Einheit in Unterschiedenheit ist das
Wirklichkeitsverständnis der Trinität und damit der Wirklichkeit
schlechthin.
Wenn wir in unseren Zen-Übungen den Tag beginnen und beschließen mit
unserem „Grundgebet", finden sich Körper und Geist immer mehr im Einen,
das der Gründer meiner Ordensgemeinschaft, der heilige Vinzenz Pallotti
(1795-1850), so ausdrückte: „Nichts - Alles - Unendlich". Es wird von den
Erfahrenen in Ost und West bezeugt in Liebe und Erbarmen. Und so beginnen
und beenden wir: „… und schließen alle Menschen ein: Im Namen des Vaters,
der uns in unendlicher Liebe erschaffen hat, und des Sohnes, der uns in
unendlicher Liebe erlöst hat, und des Heiligen Geistes, der uns in
unendlicher Liebe heiligen und verherrlichen will in Ewigkeit."
CIG 29/2001
Eine Gratisausgabe der Wochenzeitschrift "CHRIST IN DER GEGENWART" schickt Ihnen gern zu:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de, www.christ-in-der-gegenwart.de
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