65. JAHRGANG 2013WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 16. Juni 2013


Geist der Unruhe
Zeitgenosse, Theologe, Prophet: Karl Rahner
Von Georg Kügler
Zum hundertsten Geburtstag (am 5.März) und zum zwanzigsten Todestag (am 30.März) des weltberühmten katholischen Theologen und Jesuiten Karl Rahner stellt sich als erstes die Frage, was er - besser: sein Werk - für uns bedeutet, bedeuten kann. Dieses „Für uns" wirft einige Fragen auf; zuerst jene nach Rahners weitergehender geistesgeschichtlicher Wirkung: als Denker, Philosoph, Theologe. Inwieweit hat sein gewaltiges Werk - 4000 Veröffentlichungen! - das geistige Bewußtsein des 20.Jahrhunderts geprägt? Eine Schneise in das allgemeine Denken der Zeit geschlagen, so daß diese Spuren auch in die Zukunft weisen?

Mit dem „Für uns" können wir aber auch uns selbst meinen, die wir jetzt im vierten Jahr des 21.Jahrhunderts diese Zeilen schreiben und lesen. Einige werden Karl Rahner noch persönlich kennen, obwohl er nun schon zwanzig Jahre tot ist: seine Schüler und Freunde und jene vielen Tausende, die ihn bei Katholikentagen, in den Hörsälen der Universitäten oder bei Akademieveranstaltungen gehört, seinen Predigten gelauscht, an von ihm gefeierten Gottesdiensten teilgenommen haben. Es waren Erlebnisse, die unvergessen sind! Aber die Mehrzahl jener, die jetzt diese Zeilen lesen, hat diese Erfahrungen nicht mehr gemacht. Vielleicht haben sie jedoch einen Film mit lebendigen Bildern von Karl Rahner gesehen oder seine rauhe Stimme von einer CD gehört. Und dann gibt es jene jungen Leserinnen und Leser,
die sich auch heute in sein Werk vertiefen, es studieren, „verinnerlichen". Welche Wurzeln wird dies schlagen, welche weitergehenden Folgen werden zu verzeichnen sein? Wird man auch noch des 200. Todestages von Karl Rahner gedenken wie jetzt bei Immanuel Kant? Und wird man von ihm einmal als dem „Kirchenvater des 20.Jahrhunderts" sprechen? Wir möchten das heute schon gern tun!

Viele Veröffentlichungen, die zu den gegenwärtigen Gedenktagen erschienen sind, beschwören die „bleibende Aktualität" von Karl Rahner: theologisch, kirchlich, spirituell-religiös. Sein Schüler Kardinal Karl Lehmann, Bischof von Mainz und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, selber ein Theologe von Rang, sprach von dem „tiefen Geheimnis der Fruchtbarkeit" eines geistig-schöpferischen Menschen nach seinem Tod. Eine Weile mag es oft so aussehen, meint Lehmann, als ob das meiste einer vergangenen Zeit angehöre; aber dann gebe es zuweilen ein plötzliches Neu-Interesse. Ein anderer Schüler wiederum, der Theologieprofessor Herbert Vorgrimler, wies darauf hin, daß viele von Rahners Forderungen nach einer Reform der Kirche bisher kaum ein Echo gefunden haben: „Wenn sich in späteren Jahren Bitterkeit und Resignation in seinen Äußerungen finden, so liegt das daran, daß er zwar ungehindert auf kirchliche Fehler und Irrtümer hinweisen konnte, daß aber seine Appelle zur Besinnung und Erneuerung, gerade auch in ökumenischer Hinsicht, nirgendwo Gehör fanden, so daß er sich zunehmend als ,Hofnarr' vorkam, der folgenlos reden durfte. Positives und Negatives verbinden sich in dem von ihm geprägten Wort: Glaube in winterlicher Zeit."

Das Geheimnis geschichtlichen Wirkens ist schwer zu enträtseln. Der Fromme sagt: Es liegt in Gottes Hand. Und das ist gewiß nicht falsch. Aber die Menschheitsgeschichte ist auch in unsere Hände gegeben. Das 20.Jahrhundert hat in eigenartiger Weise allein im deutschsprachigen Raum eine Fülle von hervorragenden christlichen Theologen hervorgebracht, eine Schar, bei der man an das hundert Jahre früher geprägte Hölderlin-Wort aus der Patmos-Hymne denken möchte: „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch." Wir können hier die Namen all jener vielen „Großen" der Theologie nicht aufzählen, von denen jeder auf seine Weise der Gotteskrise unserer Zeit zu begegnen suchte: Von Karl Barth und Paul Tillich bis zu Dietrich Bonhoeffer und Rudolf Bultmann, von Erich Przywara und Romano Guardini bis zu Hans Urs von Balthasar, Odo
Casel, Josef Andreas Jungmann, Anton Vögtle, Edith Stein - und vielen, vielen anderen natürlich auch in anderen Ländern und Kontinenten. Es ist eine gewittergeladene „Wolke von Zeugen", die in einem religionsgeschichtlichen Umbruch ohnegleichen, der in ein neues Paradigma des Menschheitsbewußtseins hineinführt, wie Hans Küng immer wieder betont, nach neuen Horizonten des christlichen Glaubens Ausschau halten. Sie suchen und suchten alle eine Antwort auf jene Frage, die Rilke in seinem „Brief des jungen Arbeiters" schon im Jahr 1922 stellte: „Wer ist denn dieser Christus, der sich in alles hineinmischt... Was will er von uns? Er will uns helfen, heißt es. Ja, aber er stellt sich eigentümlich ratlos an in unserer Nähe. Seine Verhältnisse waren so weitaus andere. Oder kommt es auf die Umstände nicht an, wenn er hier einträte, bei mir, in meinem Zimmer, oder dort in der Fabrik - wäre sofort alles anders, gut? Würde mein Herz in mir aufschlagen und sozusagen in einer anderen Schicht weitergehen und immer auf ihn zu? Mein Gefühl sagt mir, daß er nicht kommen kann. Daß es keinen Sinn hätte. Unsere Welt ist nicht nur äußerlich eine andere, - sie hat keinen Zugang für ihn."

Um nichts anderes ging es dem Theologen Karl Rahner auf allen Ebenen seines Lebens und Wirkens: In einer Zeit, die scheinbar keinen Zugang mehr zu dem unbegreiflichen Geheimnis hat, das wir Gott nennen, den wir in Jesus Christus und im Heiligen Geist glauben - dieser uralten „transzendentalen" Wirklichkeit neue Erkenntnis- und Überzeugungskraft zu verschaffen. Als „Hörer des Wortes" hat Rahner es zugleich in unnachahmlicher Weise verstanden, die Fülle eines zweitausendjährigen christlichen Nachdenkens über das Geheimnis der Heils- und Unheilsgeschichte in die Moderne einzubinden. Die Tradition wurde in seinem Denken nicht einfach weggewischt, sondern reflexiv durchdrungen, gleichsam in neue Jahrhunderte eingewiesen. Das geschah in den apriorischen - der Erfahrung entzogenen - Grundlagen ebenso wie in einzelnen Bereichen der theologischen Forschung, von der Erbsünde und Gnadenlehre bis zum Lehramt der Kirche und deren konkreten Strukturen. Karl Rahners „Grundkurs", jetzt auch als Paperback zugänglich, umreißt in geradezu genialer Konzentration Zugänge zu jener religiösen Wirklichkeit, wie sie das Christentum verkündet und vor der ein tiefreligiöser Dichter wie Rainer Maria Rilke so hilflos dastand.

Wenige Tage vor seinem Tod, bei einer Feier zum 80. Geburtstag in der Katholischen Akademie des Erzbistums Freiburg, hielt Rahner einen Vortrag, der wie ein Vermächtnis ist: „Erfahrungen eines katholischen Theologen." Er berichtet nicht gleichsam als „Summe" seines Denkens von den Inhalten seines Theologisierens, sondern von der ihnen zugrundeliegenden Haltung. Der erste Punkt geht darauf ein, daß alle theologischen Aussagen letztlich nur analog, uneigentlich zu verstehen sind, den gemeinten Gegenstand nie ganz erfassen, nie eindeutig sind. Rahner spricht von einer „seltsamen und unheimlichen Schwebe zwischen Ja und Nein", die in der kirchlichen Verkündigung zu wenig beachtet werde. „Im praktischen Betrieb der Theologie vergessen wir das immer wieder. Wir reden von Gott, von seiner Existenz, von drei Personen in Gott, von seiner Freiheit, seinem uns verpflichtenden Willen usf.; wir müssen dies selbstverständlich, wir können nicht bloß von Gott schweigen, weil man dies nur kann, wirklich kann, wenn man zuerst geredet hat. Aber bei diesem Reden vergessen wir dann meistens, daß eine solche Zusage immer nur dann einigermaßen legitim von Gott ausgesagt werden kann, wenn wir sie gleichzeitig auch wieder zurücknehmen, die unheimliche Schwebe zwischen Ja und Nein als den wahren und einzigen festen Punkt unseres Erkennens aushalten und so unsere Aussagen immer auch hineinfallen lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes selber..."

Als zweite Grunderfahrung seines Theologenlebens spricht Rahner von der eigentlichen Mitte der christlichen Verkündigung. Das sei gewiß Jesus Christus, aber ein „frommer Jesuanismus" allein sei zu wenig: „Die eigentliche und einzige Mitte des Christentums und seiner Botschaft ist darum für mich die wirkliche Selbstmitteilung Gottes in seiner eigensten Wirklichkeit und Herrlichkeit an die Kreatur, ist das Bekenntnis zu der unwahrscheinlichsten Wahrheit, daß Gott selbst mit seiner unendlichen Wirklichkeit und Herrlichkeit, Heiligkeit, Freiheit und Liebe wirklich ohne Abstrich bei uns selbst in der Kreatürlichkeit unserer Existenz ankommen kann und alles andere, was das Christentum anbietet oder von uns fordert, demgegenüber nur Vorläufigkeit oder sekundäre Konsequenz ist." So komme es bei der Neuevangelisierung unserer Welt nicht zuerst darauf an, die christliche Wirklichkeit als solche, also vor allem inhaltlich zu nennen, „sondern etwas von der Erfahrung zu sagen, die man natürlich sehr subjektiv von dieser Wirklichkeit gemacht hat". Das berühmte Wort Rahners, der Christ der Zukunft werde einer sein, der eine „Erfahrung" in göttlichen Dingen gemacht hat und somit ein „Mystiker" ist, hat hier seine Wurzeln.

In der „dritten Erfahrung" geht Rahner auf sein Leben als Ordensmann, als Jesuit ein, daß in seiner Theologie etwas vom Geist und der Spiritualität seines Ordensvaters Ignatius von Loyola bemerkbar sei. Doch das bedeute nicht, daß er sich einer „engen Schultheologie" verpflichtet fühle, sondern in einen „möglichst breiten Dialog" mit der Vielfalt der modernen Erkenntnisse über Sein und Wesen des Menschen einzutreten versucht habe. Die „vierte Erfahrung" schließlich weitet dies zu einer Forderung aus, um aus der „blassen Abstraktheit und Leere" der theologischen Begriffe hinauszukommen. „Gewiß hat der Theologe letztlich nur eines zu sagen. Aber dieses eine Wort müßte erfüllt sein mit der geheimen Essenz aller Wirklichkeit... Ich sage: die Welt ist von Gott geschaffen. Aber was Welt ist, davon weiß ich fast nichts und darum bleibt auch der Begriff der Schöpfung seltsam leer." - Karl Rahners Denken, sagt man, habe wenig systematische Antworten gegeben, aber in unendlich vielen Bereichen jenes radikale Denken, das wir brauchen, zu neuen Horizonten geöffnet. Dieser von ihm angestoßene Geist der Unruhe ist jenes Vermächtnis, daß die Zukunft mitgestalten wird.

CIGIB 3/2004

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