69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017


Nicht-Solidarität
Editorial
Der Terror des Radikal-Islam gibt keine Ruhe und erfasst immer größere Weltgegenden. Am schlimmsten trifft es momentan die im Orient beheimateten Christen. Eine Herausforderung auch an den Westen.

Seit Monaten werden Christen in islamischen Weltzonen verschärft von Muslim-Radikalen verfolgt, vertrieben, ermordet oder zum Glaubenswechsel gezwungen. Seit Jahren schon sind Christen aus dem Nahen und Mittleren Osten wegen unendlicher muslimischer Schikanen, Übergriffe, Erpressung und Unterdrückung sowie wegen der auch von westlichen Militär-Interventionen mitverursachten staatlichen Instabilität auf der Flucht Richtung „Westen“, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wir haben es - abgesehen vom Stalinismus - mit der historisch schlimmsten Christendiskriminierung, ja Christenverfolgung seit der Antike zu tun - überregional.

Das alles spielt sich in den islamischen Kerngebieten ab, inzwischen auch dort, wo ein extremistisch aufgeheizter Islam auf Eroberungsfeldzug ist - in einem weiten Gürtel vom westlichen über das mittlere und östliche Afrika bis in den asiatischen Fernen Osten. Vor diesen weltpolitischen Fakten die Augen zu verschließen und zu meinen, mit Appeasement erledige sich dieses global beunruhigende Phänomen von selbst, ist naiv. Genauso naiv ist die Einschätzung, bei dem in Wirklichkeit zutiefst religiösen Antrieb der islamischen Extremisten und der Massen ihrer Sympathisanten handele es sich eigentlich „nur“ um politische Fragen. Das habe mit Religion oder religiösen Konflikten wenig bis fast gar nichts zu tun. Religion werde da bloß äußerlich aufgesetzt, für ganz andere Zwecke vereinnahmt, missbraucht. Das ist ein schwerer Irrtum! Denn der von westlichen Medien für die muslimischen Fanatiker erfundene künstliche Begriff „Islamismus“, der unterstellt, die Radikalen hätten mit dem „wahren“ Islam eigentlich gar nichts zu tun, verkennt die Tatsachen, den authentischen, muslimisch-archaischen Antrieb der Akteure. Für sie ist der Dschihad sehr wohl eine intensivst religiöse Angelegenheit, eine Gottesangelegenheit. Sie handeln in ihrer Sicht im Namen Allahs und nicht im Namen irgendeiner politisch-weltlichen Ideologie. Der säkularisierte, schon weit dem angestammten Christentum entfremdete Westen täuscht sich, wenn er meint, den Konflikten unter Absehung der Religion mehr oder weniger durch säkulares polittechnisches Management ohne eigene religiöse Vertiefung beikommen zu können. Jene entschiedenen Muslime verachten die westlichen Gesellschaften ja gerade dafür, dass sie ihr Christsein vernachlässigt und schließlich preisgegeben haben.

Isis - genauso wie Mohammed

Der irakisch-deutsche Schriftsteller Sherko Fatah hat in der „Zeit“ noch auf einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Gesichtspunkt aufmerksam gemacht: Die Brutalität der Extremisten, etwa der Isis-Kämpfer, sei sehr wohl unmittelbar in der Brutalität der Kriegsführung und der Anweisungen Mohammeds begründet, stimme völlig mit diesen überein, sei also geradezu ur­islamisch und keineswegs unislamisch, mit der Anfangszeit des Islam verbunden. Die heutigen Dschihadisten, die zum Beispiel Enthauptungen westlicher Personen als „Propagandamittel“ zur Angsteinflößung einsetzen, fühlten sich legitimiert aus der Geschichte des Islam, „aus Mohammeds imperialer Phase“. Die Kriegsführung dieses sogenannten Propheten war ebenfalls durch „Abscheulichkeiten“ gekennzeichnet. „Er hat zum Beispiel erstmalig die Dattelpalmen gefällt, um die Leute auszuhungern. Das war nicht üblich bis dahin, das war eine besondere Perfidie gegen die Zivilbevölkerung. Er hat das in Kauf genommen. Das wissen die IS-Leute natürlich. Das ist Teil ihrer Mythologie, und sie können die Grausamkeiten bis zu einem gewissen Grad als Kriegshandlungen rechtfertigen“, so Fatah.

Besonders erschütternd am westlichen Verhalten angesichts der muslimischen Brutalität gegen die östlichen Christen-Gemeinschaften ist die völlige Lethargie. Die Kirchengemeinden, ja sogar viele Kirchenführer der freien Welt wirken kaum innerlich erregt, fast - so hat man den Eindruck - teilnahmslos, wie gelähmt, unberührt weiter geschäftig. Kirchenbusiness as usual, jetzt im Gucken auf die Kirchensteuer aus Kapitalerträgen. Die nur noch nominellen Christen wiederum sowie die säkulare Öffentlichkeit, die sonst eine hehre humanistische Wertekultur behaupten, wirken existenziell unangefochten, scheinen dem Schicksal der verfolgten Nicht-Glaubensgenossen eher desinteressiert, wenn nicht sogar gelangweilt, zuzuschauen, allenfalls mit der Schulter zu zucken. Während es bei weitaus weniger bedeutsamen gesellschaftlichen Anlässen und bei deutlich geringfügigeren politischen Missständen zu Protesten und Großdemonstrationen kommt, herrscht angesichts der radikal-islamischen Verbrechen wider die Menschlichkeit Schweigen auf den Straßen. Keinerlei Regung! Selbst in den Sonntagsgottesdiensten so gut wie kein Wort, keine aufrüttelnde Predigt, da und dort allenfalls eine sachte Fürbitte für die Bedrängten. Und sofort immer die Beteuerung, dass man sich mit den allenfalls sanften kritischen Bemerkungen auf keinen Fall gegen die vielen friedliebenden Muslime richte. Das war’s. Die ansonsten durch allerlei Banalitäten gefühlsmäßig in Wallung zu versetzende Gesellschaft scheint in den wirklich wichtigen Dingen abgedriftet, eine Auszeit zu nehmen. Wir amüsieren uns zu Tode im Big-Brother-Unterhaltungshaus mit Firlefanz-Eiskübel-Sensationsbetrieb. Wer aber sind unsere wahren Brüder und Schwestern?

Hurra, wir kapitulieren?

Bezeichnenderweise wuchs die mediale Wahrnehmung der Gräueltaten durch die Kampftruppe „Islamischer Staat im Irak und in Groß-Syrien“ erst dann, als sich die Gewalt gegen die Stämme der Jesiden richtete. Doch schon lange vorher waren Christen im Irak massakriert worden und voller Verzweiflung aufgrund der westlichen Passivität und Ignoranz sogar ihrer Glaubensgeschwister. „Hurra, wir kapitulieren!“, schrieb einst der stets querdenkerisch ungemütliche Henryk M. Broder im Blick auf das westliche apathische Verhalten gegenüber dem Radikal-Islam. Erneut zeigt sich das hohe Maß an Distanz und Selbstverleugnung der einstmals christlich-humanistisch inspirierten Kultur, womöglich sogar Hass und Selbsthass, wenn es um die ureigene christliche Sache, um das Existenzrecht der Christen geht.

Gewiss: Niederrangige Politiker werden mit Appellen immer wieder vorgeschickt, um da und dort für die bedrängten ostkirchlichen Minderheiten zu sprechen und zu werben. Jetzt aber ist es an der Zeit zu einem klaren öffentlichen Macht-Wort der höchsten politischen Macht. Wie lange wollen Bundespräsident und Bundeskanzlerin noch zuwarten? Wo gibt es die Großkundgebung „Steh auf!“ am Brandenburger Tor gegen Gewalt gegen Christen mit Angela Merkel als Hauptrednerin, Joachim Gauck als Ehrengast und vielen weiteren Unterstützern - vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Deutschen Fußball-Bund, Deutschen Olympischen Sportbund bis zu Wirtschaftsunternehmen und allen demokratischen Parteien?

Kanzlerin: Das große Schweigen

Als Benedikt XVI. die abtrünnigen, traditionalistischen Lefebvre-Bischöfe kirchenrechtlich rehabilitierte, darunter - anscheinend ahnungslos - einen Holocaust-Leugner, stellte Angela Merkel den Papst zur Rede, noch dazu in Anwesenheit eines üblen Autokraten, des muslimischen Multimilliardärs, einstigen Sowjetfunktionärs und auf Quasi-Lebensamtszeit selbstherrlich regierenden kasachischen Staatspräsidenten Nursultan Ä. Nasarbajew. Wo bleibt jetzt die energische direkte, mit konkreter Namensnennung gewichtete und öffentlich durch die Medien transportierte Aufforderung der Bundeskanzlerin an die vielleicht hundert bedeutendsten religiösen (!) Führer der islamischen Welt, Farbe zu bekennen? An ihnen liegt es, ohne Wenn und Aber Gewaltfreiheit einzufordern und den Radikal-Islam mit seinen zahlreichen geistlichen Protagonisten sowie Inspiratoren und Aufhetzpredigern auf vielen Imam-Ebenen mit höchster Lehrautorität - durch hochrangige Fatwas, Rechtsgutachten - „unfehlbar“ zu verurteilen.

Denn die wichtigsten religiösen Islam-Führer hüllen sich seit langem in Schweigen. Sie ducken sich weg, äußern sich allenfalls halbherzig und verklausuliert. Faktisch rechtfertigen sie die Gewalt durch sophistische Hintertürchen, indem sie - wenn überhaupt - Terrorismus einerseits allgemein zwar zurückweisen, anderseits aber stets gleichzeitig das Recht des Islam auf Verteidigung vor fremden Mächten bestätigen, notfalls mit kriegerischen Mitteln. Die Muslim-Heerscharen der Dschihadisten verschiedenster Tradition und Prägung, die sich inzwischen in großer Zahl bereits in den westlichen Nationen eingenistet haben, sehen sich faktisch durch den „Verteidigungsfall“ bestätigt. Denn für sie sind alle Nicht-Muslime Ungläubige, Aggressoren und Invasoren, die man abwehren muss.

Doch nicht nur von der Bundeskanzlerin, auch von Bundespräsident Joachim Gauck erwartet man eine staatsmännische kritische Äußerung und Aufforderung direkt an die islamischen Religionsgelehrten, sich deutlich für die bedrängten und verfolgten Christen in den betreffenden muslimischen Gesellschaften einzusetzen. Und dies nicht deshalb, weil Gauck früher einmal evangelischer Pfarrer war, sondern weil er als Oberhaupt der Bundesrepublik Deutschland die Pflicht hat, auch im Namen der christlichen Bürger im Geist des Grundgesetzes für die Freiheitsrechte aller Christen einzutreten, besonders jener, die in anderen Weltgegenden keine Fürsprecher und keine politischen Verbündeten haben.

Zumindest deutete Joachim Gauck in seiner Danziger Rede anlässlich des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren im Hinblick auf die radikal-islamische Kalifatsbewegung an: „Fanatisierte und brutalisierte Männer und Frauen aus unterschiedlichen Ländern missbrauchen die Religion und die Moral, um alle zu verfolgen und unter Umständen zu ermorden, die sich ihnen widersetzen - Muslime ebenso wie Andersgläubige…“ Irritierenderweise nannte Gauck die Muslime - im Sinne einer beschwichtigenden Ergebenheitsbekundung (?) - an erster Stelle, wo doch meistens die Christen mit zu den Hauptopfern gehören. Gauck vermied es sogar, diese überhaupt konkret beim Namen zu nennen. Er subsumierte sie als offenbar bloß „Mitgemeinte“ unter die „Andersgläubigen“, was in den Ohren der radikalen Muslime schon beträchtlich nahe an die „Ungläubigen“ heranrückt.

Es gibt im Notfall nicht nur eine militärische Schutzverantwortung der internationalen Staatengemeinschaft gegen Völkermord, sondern auch eine geistige. Der Kulturmord, die geistige wie physische Auslöschung christlicher Kultur im Nahen und Mittleren Osten, darf die Bundesrepublik Deutschland nicht kaltlassen. Ihr höchster Repräsentant aber ist der Bundespräsident, der die Drangsal der Christen unter muslimischen Dschihadisten und vielen weiteren fanatischen Muslimen klar beim Namen nennen sollte.

Warum diese politische Verzagtheit, warum diese Hülle der Verschleierung, des faktischen Nichtssagens? Aus Angst, die islamische Gemeinschaft - Umma - hier und anderswo zu provozieren? Aus politischer Korrektheit gegenüber den säkularistischen Multikulturalisten, die dank islamischer Präsenz das Christentum - einst Leitkultur - gesellschaftlich minimiert, nivelliert sehen möchten? Aus diplomatischer Rücksichtnahme auf „Verbündete“ in arabischen, islamischen Staaten? Oder aus Furcht, Islamfeindlichkeit zu nähren und damit Unruhe in die Gesellschaft zu bringen? Doch die Unruhe ist längst da, und sie steigert sich beharrlich - dies umso mehr, je mehr wir über die verdeckte Präsenz dschihadistischer Aktivisten und Sympathisanten in diesem Staatswesen erfahren. Es reicht nicht, nur noch beschwichtigend auf die Kraft der Sicherheitsbehörden zu verweisen und im Gegenzug appellierend zu gutnachbarschaftlichem Dialog und besserer Inte­gration aufzurufen. Wenn ein früherer Bundespräsident deklarierte „Der Islam gehört zu Deutschland“ und dafür soeben einen evangelischen Toleranzpreis erhielt, dürfte und könnte ein nachfolgender Bundespräsident durchaus gleichgewichtig erklären: Das Christentum gehört zum Orient, und wir erwarten von allen dort politisch wie religiös für den Islam Verantwortlichen, dass sie ein klares, in der eigenen Bevölkerung wahrnehmbares öffentliches Bekenntnis für die christliche Präsenz in ihren Hoheits- und Herrschaftsbereichen ablegen.

Da die Christen momentan zu den am stärksten Verfolgten in vielen islamisch dominierten oder zu entsprechender Vorherrschaft drängenden Nationen gehören und da sie im Gegensatz zu muslimischen Opfern keinerlei Beistand von islamischen Staaten erwarten können, ist es die Aufgabe und Pflicht der westlichen Nationen, darunter insbesondere der Bundesrepublik Deutschland, eine entsprechende politische wie humanitäre Weltverantwortung für Erste Hilfe zu übernehmen und eine vorrangige Option für die Armen in Gestalt der christlichen Flüchtlinge zu ergreifen. Das heißt eindeutig: Die von muslimischen Terrorbanden verfolgten Christen sollen und müssen angesichts der beschränkten Aufnahmekapazitäten bevorzugt bei uns aufgenommen und beheimatet werden. Das ist nicht nur ein Akt christlicher, sondern staatsbürgerlicher, humanistischer Solidarität gegenüber den am meisten Leidenden.

Vorrang für geflüchtete Christen

Zwar bitten die ostkirchlichen Patriarchen und Bischöfe die westlichen Staaten, die Türen nicht zu sehr zu öffnen, um nicht noch mehr orientalische Christen anzulocken und so die Abwanderung zu verschärfen. Gleichzeitig werden die Glaubenden beschworen, ihre angestammten Regionen nicht zu verlassen. Doch können kirchliche Oberhirten, die günstigere Möglichkeiten als andere haben, sich in Sicherheit zu bringen, leicht reden. Sie sind zudem zum Zölibat verpflichtet, während dies für den niederen Klerus der mit Rom verbundenen - katholischen - Ostkirchen im Allgemeinen nicht gilt. Daher müssen sie sich auch nicht um die Zukunft und die Sicherheit eigener Kinder und Enkelkinder, einer eigenen leiblichen Familie, sorgen. Von daher laufen jene Appelle ins Leere.

Es ist völlig verständlich und berechtigt, dass christliche Familien des Orients unter der Drangsal des islamisch motivierten Terrors keine Alternative sehen, als sich dem Weg in die freie Welt anzuvertrauen - selbst wenn dies nur mittels erpresserischer Fluchthelfer möglich ist. Insofern sollte die Bundesrepublik Deutschland ein klares Ja sagen: Als ein immer noch christliches Land öffnen wir aus Solidarität weit unsere Tore für die verfolgten Christen aus aller Welt, in Abstimmung und Lastenausgleich mit allen anderen westlichen christlichen Staaten. Und wir nehmen dafür spürbar zusätzliche Kosten in Kauf. Aber wir prüfen ebenso verschärft und restriktiv jene islamische Zuwanderung, unter die sich zusehends muslimische „Gotteskrieger“ mischen, um eine entsprechende Radikalisierung im Westen vorzubereiten.

Diese Gefahr ist gegeben. Und auch dazu erwartet man von oberster politischer Stelle ein deutliches Wort. Die Abwehr des auch hierzulande immer bedrohlicheren Radikal-Islam muss Chefsache sein. Nur wer der ganzen Wahrheit ins Auge sieht und diese als Staatsdiener auch redlich ausspricht, stiftet Vertrauen, fördert den Frieden, den kulturellen Dialog, die Freundschaft mit den vielen muslimischen Nachbarn und deren Inkulturation in eine freie, offene und hoffentlich auch weiterhin religionsfreundliche, ja religionsfördernde Gesellschaft und Nation, in der weder Muslime noch Christen noch Nicht-Glaubende „Schutzbefohlene“ sind, sondern freie Bürger und nichts als Bürger.

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